Beiträge zur Diplomatik 3. : Die Mundbriefe, Immunitäten und Privilegien der ersten Karolinger bis zum Jahre 840

Teljes szövegt

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BEITRÄGE ZUR DIPLONIATIK

III . DIE MUNDBRIEFE, IMMUNITÄTEN UND PRIVILEGIEN

ERSTEN KAROLINGER

b i s z u m j a h r e 8 4 0

Dr. TH. SICKEL

COllltKSP. MITGI.ll'.DE [Hill KAIS. AKADEMIE IIKIt WISSENSCHAKTEN

sa tili, . ^ A U S DHU K. K . H O F - UND STAATSDHUCKIClilil : . < % > , \ \

IN COMM ISSION BEI KAItl. GEROLD'S SOHN, BUCHHÄNDDEKADKR KAlSEItl.. AKADEMIE ' l-fci ¡ - — I DER WISSENSCHAFTEN - ' • r ,

1864 A „ / . : j

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Die Abhandlung, die ich hiermit der kais. Akademie vorlege, ist eine durch eine grössere Arbeit veranlasste Vorarbeit, und ich muss einige Worte über jene vorausschicken, um die Aufgabe, die ich mir f ü r diese gestellt habe, zu bezeichnen.

Ich bin mit Herausgabe von Regesten der Urkunden der Karo- linger, zunächst für die Periode bis 8 4 0 , beschäftigt. Es ist hier nicht der Ort ausführlich darzulegen, inwiefern Röhmer's seiner Zeit mit Recht Epoche machendes W e r k gleichen Inhalts den Anforderun- gen der heutigen Wissenschaft nicht mehr entspricht, und es ist hier nicht der Ort alle die Puñete aufzuzählen, in denen sich mein Rege- stenwerk von jenem vor dreissig Jahren erschienenen unterscheiden soll: nur was gelegentlich der grösseren Arbeit mich veranlasst hat, die folgenden Untersuchungen anzustellen und zu veröffentlichen, habe ich hier zu erwähnen. Ich finde, dass die Auszüge aus den Karolingerurkunden bei Röhmer in den meisten Fällen nicht erschöpfend g e n u g , in manchen Fällen geradezu unrichtig sind; ich findé f e r n e r , dass Röhmer verhältnissmässig wenig für kritische Sichtung der betreffenden Urkunden gethan hat. Sich von diesen Mängeln zu ü b e r z e u g e n , braucht man nur die Karolingerregesten Röhmer's mit seinen späteren, in jeder Hinsicht einen grossen F o r t - schritt bekundenden Regestenbänden zu vergleichen, und um diesen

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Mängeln abzuhelfen, genüg» es nach dem Muster der späteren W e r k e Böhmer's auch die Karolingerregesten umzuarbeiten. Das ist eine der Aufgaben, welche ich mir für jene grössere Arbeit gestellt habe»

und einen Beitrag zu ihrer Lösung soll diese Abhandlung bilden.

Ein gutes Regest zu machen ist nicht so leicht und ist beson- ders schwer bei den älteren Urkunden, bei denen in der Regel nicht der historische, sondern der Rechtsinhalt das W i c h t i g e r e ist und auch im Urkundenauszuge seinen entsprechenden Ausdruck finden

muss. Den Rechtsinhalt festzustellen ist aber eben so gut die Auf- gabe des Rechtshistorikers als des Diplomatikers, denn das Ver- ständniss der Diplome setzt genaue Kenntniss der in ihnen berührten Rechtsverhältnisse, Institute, Gewohnheiten und ihrer steten Entwicke-

lung voraus. Es ist, wenn man an diese Aufgabe g e h t und überhaupt wenn man sich in der Hermeneutik der Urkunden versucht, ganz gleichgiltig wie die am Anfang dieses Jahrhunderts so oft e r ö r t e r t e

und doch nicht zum Austrag gekommene F r a g e über den Umfang der Diplomatik als Wissenschaft und über ihr Verhältniss zu anderen Wissenschaften entschieden w i r d ; in der Praxis stellt sich eben heraus, dass der Diplomatiker um Urkunden zu verstehen und sie auch ihrem Inhalte nach zu beurtheilen, die verschiedensten Dis-

ciplinen, am häufigsten aber die Rechtsgeschichte zu Rathe ziehen muss. Ich komme darauf zurück, nachdem ich dargelegt haben werde, welchen nicht ganz neuen W e g ich eingeschlagen habe, um f ü r die Regesten den Rechtsinhalt der mich beschäftigenden U r k u n - den festzustellen.

Schon der erste Herausgeber älterer Formeln Bignon hat auf das Verhältniss zwischen Formeln und Urkunden hingewiesen und gezeigt, wie sie sich gegenseitig erläutern und ergänzen. Zahlreiche Arbeiten (unter diesen ist mir nur die so seltene von Seidensticker unbekannt geblieben) haben seitdem das Verhältniss näher dargelegt.

Indem man nun mit Recht den Formeln als Zeugnissen allgemeiner Giftigkeit den Vorzug g e g e b e n , hat man sich auch mit Vorliebe der Erklärung derselben, eventuell mit Zuhilfenahme von Urkunden, z u - gewandt. Seltener und stets nur in Bezug auf einzelne Stücke ist es g e s c h e h e n , dass man umgekehrt für die Auslegung und B e u r - theilung der Urkunden die Formeln herbeigezogen hat, und wenn auch einzelne Diplomatiker, wie in England Madox, bei uns S c h ö n e - mann eine derartige Methode empfohlen haben, so ist sie doch noch

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[ 1 7 7 ] B e i t r ä g e z u r Diplornatik.

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nie in grösserem Massstabe, noch nie in einer die Urkundenwissen- schaft wahrhaft fördernden Weise in Anwendung gebracht worden.

Allerdings war auch in den meisten Fällen die erste Vorbedingung ' für solche Bearbeitung des urkundlichen Materials noch nicht g e g e -

ben. Soll nämlich die Vergleichung der Urkunden mit den Formeln zu einigermassen sicherem Ergebnisse f ü h r e n , so muss sie sich bis auf die einzelnen W o r t e , ja für Zeiten, in denen die allgemeine Urkundensprache des Mittelalters durch Barbarismen und Solöcismen zu einer eigenthümlichen gestempelt wird, bis auf die W o r t f o r m e n erstrecken. Dazu gehört aber, dass der Urkundenvorrath in mög- lichstgetreuen, so weit Originale erhalten sind, in ihnen entsprechen- den, sonst doch wenigstens in die j e älteste Überlieferung wieder- gebenden Texten vorliege. Unsere Drucke von Karolingerdiplomen genügen dafür im Allgemeinen noch nicht. Und nur nachdem mir es gelungen war, mir für die grosse Mehrzahl der Diplome dieser Zeit correcte Texte zu verschaffen, habe ich es unternehmen können, j e n e vergleichende Bearbeitung sämmtlicher Königsurkunden von 7 5 1 — 8 4 0 in Angriff zu nehmen.

Zunächst fand sich nun dabei, dass sich von den einst in. der Kanz- lei gebrauchten Formeln nur der kleinere Theil bis auf unsere Zeit erhalten h a t ; insoweit also die Formeln in unseren Sammlungen fehlen, galt es wenigstens annähernd aus den mehr oder minder übereinstimmenden Urkunden die ihnen zu Grunde liegenden, von den Notaren benützten Schemata festzustellen, um sie dann eben so wie die Marculf'schen oder die von Carpentier veröffentlichten F o r - meln für die Interpretation und Kritik der betreffenden Urkunden zu verwerthen. Zugleich musste auch constatirt werden, bis zu welchem Grade einerseits bei den einzelnen Urkundenarten, andererseits in den verschiedenen Zeitabschnitten der gewählten Periode die Über- einstimmung zwischen den Kanzleiformeln und den nach ihnen geschriebenen Ausfertigungen gegangen ist. Was s i c h , b e i diesem Vorgange zunächst e r g a b , ist Folgendes. Stellte sich z. B. heraus, dass eine Urkunde ihrem ganzen Wortlaute nach einer zu derselben Zeit nachweisbaren Formel über dasselbe Rechtsverhältniss und eben so den gleichzeitigen und gleichartigen Diplomen gleich abge- fasst ist, so konnte sofort, was ihnen im Inhalt und Ausdruck gemein- sam ist, als damalige Norm für das betreffende Verhältniss betrachtet werden ; fand sieh dagegen bei sonstiger Gleichheit in einem der

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Diplome noch ein Z u s a t z , so musste dieser offenbar auf R e c h n u n g des speciellen Falles gesetzt werden. Oder hielt ich die zu b e s t i m m - ter Zeit neben einander in Gebrauch gewesenen Formeln wesentlich gleichen Inhalts , aber differirender Fassung und eben so auch die ihnen entsprechenden Urkunden zusammen, so Hess sich mit S i c h e r - heit e r k e n n e n , welches etwa sachliche, welches den Inhalt nicht berührende, sondern nur stylistische Unterschiede waren. Verglich ich endlich mit einander denselben Gegenstand behandelnde F o r - meln und Diplome aus verschiedenen Zeiten, so Hessen sich mit Leichtigkeit die Phasen unterscheiden, welche in steter Fortbildung begriffen das Rechtsleben und die Rechtssprache durchlaufen haben.

Jedenfalls war das der sicherste W e g sowohl den den allge- meinen Verhältnissen entsprechenden, als den dem speciellen Falle ungehörigen Rechtsinh'alt der einzelnen Urkunden festzustellen:

jener Hess sich dann auch im Regest unter eine allgemeine Formel oder, insofern auch noch die Fassung Berücksichtigung verdiente, unter gleichartige Formeln b r i n g e n , dieser Hess sich besonders bezeichnen. Und damit war zugleich ein sicherer Massstab zur Beurtheilüng derjenigen Urkunden gewonnen, über deren Echtheit in Folge der schlechten Überlieferung nur auf Grund des Inhalts entschieden werden kann. Derartiger Urkunden gibt es namentlich aus der älteren Zeit sehr viele. Wollte man diese, weil sie den von der Wissenschaft erkannten Regeln über die formellen, von d e r D i p l o - matik allerdings stets in erster Linie in Betracht zu ziehenden Merk- malen nicht entsprechen, wollte man sie blos ihrer Form wegen als verdächtig, als nicht brauchbare Zeugnisse verwerfen, so würde man wahrlich aller historischen Wissenschaft einen schlechten Dienst erweisen. Es gilt vielmehr auch in solchen Fällen noch einen Massstab, mit dem sich der materielle Inhalt dei· Urkunden messen lässt, festzustellen und zu constatiren, was zu einer gegebenen Zeit,

unter den obwaltenden Umständen u. s. w. Rechtens war, also auch in einem speciellen Falle, trotz der formellen Mangelhaftigkeit des

Zeugnisses als möglich angenommen werden kann.

Es ist den Regesten, die ich veröffentlichen will, vorbehalten, die Summe der Ergebnisse dieser Arbeit darzustellen. Aber wenn es auch überflüssig ist, die derartige Vergleichung und Beurtheilung von mehr als tausend Urkunden in voller Ausführlichkeit darzulegen, . so scheint es mir doch nothwehdig an einzelnen Beispielen das von

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[179] B e i t r ü g e z u r Dipl uinatlk.

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mir eingeschlagene Verfahren zu zeigen. Und dazu empfahl sich solche Kategorien von Urkunden der Karolingerzeit auszuwählen, welche ihrem Inhalte nach die wichtigsten sind; ich habe also aiis dem gesaminten Urkundenvorrath die herausgegriffen, welche von Mundium, Immunität und Klosterprivilegien, d. h. von Verhältnissen handeln, welche einen wesentlichen Tlieil der damaligen Verfassung ausmachen.

So sollen diese und sich unmittelbar anschliessende weitere Beiträge zur Diplomatik von den Mundbriefen, Immunitäten und Privilegien dér Karolinger vorzüglich bis 8 4 0 handeln. Es sollen hier weniger die Merkmale formeller Art dieser Urkunden in Betracht gezogen w e r d e n , als der materielle Inhalt derselben und dessen stilistische Fassung. In erster Linie soll das durch Vergleichung der sämmtlichen Urkunden desselben Inhaltes unter einander und mit den aiif uns gekommenen Formeln geschehen, um so festzustellen, was in diesen Diplomen von sachlicher und was nur von stilistischer Bedeutung ist, ferner was in der einen und andern Hinsicht das Allgemeine und das Besondere ist. Das zu unterscheiden genügte doch aber eine blosse Vergleichung des Wortlautes nicht; mit ihr Hand in Hand musste eine sachliche E r - klärung der Worte und Begriffe gehen , Erörterungen über die in den Urkunden berührten und von ihnen bezeugten Verhältnisse, also Erörtérungen nicht mehr diplomatischer, sondern rechts-

historischer Art. Natürlich habe ich dafür vor Allem die betreffenden rechtsgeschiehtlichenArbeiten zuRathe gezogen. Aberauch die besten derselben haben mich vielfach in Stich gelassen: hier und da bei den wichtigsten in den Diplomen berührten Fragen, häufiger noch bei unter- geordneten. Nicht die Rechtshistoriker trifft der Vorwurf dass dem so ist, sondern vielmehr dieDiplomatiker, welche jenen noch viel vorzu-

arbeiten haben, um sie in den Stand zu setzen, mit grösserer Sicher- heit die echten von den unechten Zeugnissen zu unterscheiden, und das gut verbürgte urkundliche Material erschöpfend zu verwerthen.

Insoweit ich nun über einzelne Puñete meinen Zwecken entspre- chende Aufschlüsse nicht fand, habe ich mich selbst auf Untersu- chungen über dieselben einlassen müssen. Oft konnte ich. dabei nicht mehr thun als die F r a g e n zu formuliren, und was noch der Erklä- rung harrt, zu bezeichnen. Über andere Puñete dagegen glaube ich zu gewissem Abschlüsse gekommen zu sein. Jedenfalls beruhen diese

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meine in das Gebiet der Rechtsgeschichte hinüberreichenden E r ö r - terungen auf einer, ich darf es sagen, umfassenden Kenntniss und eingehenden Prüfung des gesummten Urkundenvorratlies von den ältesten Zeiten bis zum Ausgang des IX. J a h r h u n d e r t s , und das wird ihnen selbst dann W e r t h verleihen, wenn sich nicht alle von mir gezogenen Folgerungen bewähren sollten. Denn dessen.bin ich mir wohl bewusst, dass es eine einseitige Retrachtung ist, wenn man an gewissen Urkundenarten, wie sie den Aiisgangspunct und eigentlichen Gegenstand dieser Untersuchungen bilden, festhaltend, nur einzelne eben in ihnen b e r ü h r t e Verhältnisse erörtert, und dass sie einer Ergänzung und Rerichtigung durch Arbeiten b e d a r f , welche diese Verhältnisse auf Grund aller Arten von Zeugnissen und im Zusam- menhange mit der gesammten Verfassung in Retracht ziehen.

Die erste Abhandlung nun beschäftigt sich vorzüglich mit den.

Schutzbriefen und dem Mundiüm, ferner mit den Immunitäten im Allgemeinen und mit der Verbindung von Mundium und Immunität.

Die folgende wird dann handeln von den Privilegien und deren Zu- sammenhang mit den beiden anderen Urkundenarten, weiter von

den Vorbedingungen und den Einzelbestimmungen der Immunität;

nachdem so der Rechtsinhalt und die Fassung der betreffenden Kategorien festgestellt i s t , - w e r d e ich zum Sehluss von den· ihrem

Inhalte nach unechten Diplomen handeln.

Für die Formeln bediene ich mich der neuesten Ausgabe von Rozière: Recueil général des formules, 2 vol. Paris 1 8 5 9 , und citire nach deren Nummern. Leider ist die Einleitung zu diesem W e r k e noch nicht erschienen, welche schon benutzen zu können, nach dem was mir der Verfasser von derselben mitgetheilt h a t , für mich sehr wichtig gewesen wäre. Da aber Rozière's Buch wohl nicht sehr ver- breitet ist, gebe ich bei allen von mir ausführlich besprochenen F o r -

meln auch das Citat nach den älteren Ausgaben an.

Die Merovingerurkunden führe ich durchgängig nach Pardessus Diplomata ad res Gallo-Francicas spectantia, 2 vol. Paris 1 8 4 3 an, obwohl ich vielfach correcterer Drucke oder Abschriften mich bedient habe. Sowohl bei diesen als den Urkunden dèr Karolinger füge ich, sobald ich sie in dieser oder der folgenden Abhandlung eingehender b e s p r e c h e , die für diese Arbeit oft wichtige Angabe hinzu, ob das betreffende Stück in Original erhalten ist oder in Copien, und in letzterem Falle, welcher Art die Copien sind; in den meisten Fällen

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[181] B e itr ä g e z u r Diplornatik.

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beruht diese Angabe auf eigener Prüfung der auf uns gekommenen Schriftstücke.

W a s endlieh die Karolingerdiplome, welche den Hauptgegen- stand dieser Untersuchungen bilden, anbetrifft, so habe ich fast sämmtliche noch erhaltene Originale selbst abgeschrieben oder mir zuverlässige Abschriften von ihnen verschafft, eben so eine grosse Anzahl von Copien; ich verfüge daher über.ein Material, wie es so vollständig und so correct in den Ausgaben noch nicht vorliegt.

Dass ich nicht auch die in Pertz'Händen befindlichen und noch etwas reichhaltigeren Abschriften habe benützen können, bedaure ich. Die Karolingerurkunden, wenn ich auf ein Stück nur im Allgemeinen hinweisen will, bezeichne ich nach den ihnen, in Böhmer's Regesten gegebenen Nummern; wird aber eine derselben näher e r ö r t e r t , so führe ich an der betreifenden Stelle denjenigen Druck derselben an, den ich f ü r den besten halte; bei wiederholter Anführung dagegen citire ich auch diese Stücke der Kürze wegen nach Böhmer's Num- mern. Im Übrigen habe ich dem L e s e r das Nachschlagen der Ur- kunden dadurch nach Kräften zu ersparen gesucht, dass. ich die in Betracht kommenden Stellen, so weit es nöthig war, wörtlich a n g e -

führt habe. Ich selbst habe zu oft die Erfahrung gemacht, dass sich einUrtheil über derartige Untersuchungen ohne Einblick in die Beleg- stellen g a r nicht bilden lässt und dass es f ü r den, der nicht alle Urkundensammlungen zu eigener Verfügung h a t , sehr, schwer und oft geradezu unmöglich ist, alle die Belege nachzusehen. Durch die.

häufigen wörtlichen Anführungen hoffe ich also jeden Leser in den Stand zu setzen, meinen Erörterungen Schritt für Schritt nachzu- gehen und sie der strengen Prüfung zu unterziehen, welche mir selbst um der Sache willen erwünscht ist.

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Die Formeln für die Dnndbriefe im VIII. Jahrhundert.

W e r nur einigermassen mit der Eutwickelung der Urkunden- sprache im VII., VIII., IX. Jahrhundert vertraut ist, wird auf den ersten Blick unter den zwölf auf Mundium bezüglichen Formeln die uns bekannt sind, einige als der Zeit vor 8 0 0 angehörig unterschei- den, nämlich Roz. 9, 10, 11. Halten wir zunächst an diesem durch die Sprache gegebenen Merkmale fest, um die Mundiumsformeln bis zum Ausgang des VHI. Jahrhunderts näher zu betrachten. '

In Roziere 9 der Sammlung Marculfs ( 1 , 2 4 ) entnommen, b e g e g - net uns eine bis in's VII. Jahrhundert zurückreichende F o r m e l : auf diese Zeit weisen mehrere in ihr enthaltene Bestimmungen hin. E s ist besonders zu betonen, dass die Zusicherung des Mundiums durch

den König erfolgt: sub serirtonem tuicionis1) nostrae visi fuimus recepisse — ut süb nostro sermone quietus resedeat, die Ausübung aber dem Hausmaier überlassen w i r d : sub mundeburde vel defen- sione inlustris viro illo maioris domus nostri — inlustris vir ille causas ipsius in palacio nostro sequere deberet. Auch die Ü b e r - schrift: carta de mundeburde regis et principis passt am füglichsten für die Zeit, in der der König noch der Repräsentant des König- thums war, die ausübende Macht aber bereits in den Händen des als princeps bezeichneten Maiordomus lag.

Dem würde allerdings Rozidre 10 = Lindenbrog 3 8 nicht entsprechen, falls diese Formel, welche zwar dieselbe Überschrift trägt, aber nur vom König und mit keinem W o r t e von dem Haus- maier spricht, in der uns vorliegenden Fassung, wie von vielen und so auch von dem neuesten Herausgeber angenommen wird, in die Zeit vor Pippin gesetzt werden, müsste. Als Grund dafür führt Roziere an, dass es im Eingang nur heisst: ille rex vir inluster, wäh- rend seit Pippin die Worte dei gratia in den Titel aufgenommen seien. Dem entgegen haben andere wie Roth (Beneficialwesen 1 6 3 n. 2 2 6 und Feudalität 2 6 7 ) um der Schlussformel willen: manu propria suhter firmavimus et de anulo nostro sigilavimus die Formel

· ) Ich c i t i r e n i c h t i m m e r d e n v o n R o z i e r e nach der iiitesten U b e r l i e f e r u n g a u f g e - s t e l l t e n T e x t , s o n d e r n s e t z e h i e r , w o es sich u m das k l a r e V e r s l i i n d n i s s d e s W o r t - Inules h a n d e l t , e v e n t u e l l aucli von dem H e r a u s g e b e r n u r in den A n m e r k u n g e n m i t g e - UieiUe L e s a r t e n in die Citate ein.

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[183]. B e i t r ä g e z u r D.iploroatik.

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als karolingisch bezeichnet. Ich stimme der letzteren Ansicht bei, glaube aber dass sie noch bestimmter formulirt werden kann und besser begründet werden muss. Zunächst ist Roziere durch eine bis heute auch unter den Diplomatikern gang und gäbe und doch unhaltbare Behauptung irre geführt w o r d e n ; es ist nämlich unrichr tig, dass schon Pippin den Titel dei gratia rex angenommen habe.

In der neueren Zeit hat man wohl schon zugegeben, dass sich dafür nur zwei entscheidende Belege beibringen lassen. Um so mehr hätte man sich gegenüber der beträchtlichen Zahl von U r k u n - , den, welche diesen Titel nicht enthalten, vor Deutungen hüten müssen, w i e : „diese Formel entspricht der religiösen W e i h e die das neue Regentenhaus zu seiner Kräftigung benöthigte und in der engeren Verbindung mit der Kirche erhielt und bekundete."

• W i e steht es nun mit den zwei Belegen? Man citirt erstens die Eneyclica in Pertz L L . 1, 32. Sie ist aber nur in Abschriften auf uns gekommen, und so wenig man sich gegenüber dem Zeugniss von den Originalurkunden B. 7. 11. 14. 15. 22. 2 7 mit dem Titel P. rex Francorum vir inluster auf gratia dei z. B. in der Copie B. 2 4

berufen mag, so wenig sollte man die Abschrift jenes Rundschrei- bens anfuhren. Zweitens begegnet jene Formel in Pippin's Schen- kung an S. Denis vom Sept. 7 6 8 in Bouquet 5, 707, Nr. 16 ( F a c - simile in Nouveau traite pl. 9 2 ) nach einem Schriftstück im Pariser Archiv, dessen Originalität bis heutigen Tages allerdings von allen, auch noch von Tardif (Monuments historiques Nr. 6 2 ) angenommen worden ist. Muss es nicht aber, namentlich denen die schon Pippin eine Tendenz beilegen wollen, als deren Ausdruck die betreffenden W o r t e allerdings zu betrachten sind, auffallen, dass diese W o r t e in den drei von Pippin am T a g e vor seinem Tode ertheiiten Diplomen B. 2 5 , 2 6 , 2 7 nicht vorkommen?

Und wollte man auch, wie in der That vorgeschlagen ist, die obige nur nach dem Monate datirte Schenkung als den letzten Act des Königs am 23. oder 24. Sept. ausgestellt betrachten, so würde noch immer das vereinzelte Vorkommen dieses Titels um so mehr Bedenken erregen müssen, als die oben genannten drei Urkunden mit anderem Titel auch vom 23. Sept., also jener gleichzeitig sind.

Alle auf dies Diplom gestützten Behauptungen fallen aber damit,, dass dasselbe zwar seinem Inhalte nach unbedenklich ist, aber nur als eine um 8 0 0 angefertigte, die Form der Authentica nachahmen-,

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de Copie auf uns gekommen ist. Man lese nur mit der nöthigen Aufmerksamkeit den Text bei Bouquet, d e r i b i s auf drei F e h l e r in den Namen Sprache und Schreibweise des Apographum getreu wiedergibt, um sich zu überzeugen, dass die grammaticalischen und orthographischen Formen weit correcter sind,als in allenaus der Kanz- lei Pippin's hervorgegangenen Diplomen und etwa auf die Zeit um 8 0 0 hinweisen. Dazu kommt dass, was ich an diesem Orte allerdings nicht ausführen kann, die äusseren Merkmale des Schriftstückes ebenfalls denen der Pippin'schen Originalausfertigungen nicht entsprechen. D i e Formel gratia dei rex läs'st sich also durch kein einziges Autographum belegen und ist überhaupt dem Protokoll des Königs Pippin fremd.

Damit fällt auch die Begründung von Roziere's Behauptung, dass Roziere 10 in dieser Gestalt vor Pippin entstanden sein müsse. Doch mag hier gleich, was auch f ü r andere Formeln in Betracht kommt, bemerkt werden, dass die Formeln eigentlich die Eingangs- und Schlussformeln der Diplome g a r nicht zu b e r ü c k - sichtigen haben, denn sie sollen die Fassung der Urkunden zunächst ohne das unter den verschiedenen Fürsten sich modificirende Protokoll darstellen, und so sind denn auch die meisten Formeln, z. B. Roziere 16, 20 ü. a. aus Marculf, Roziere 17, 18, 19 u. a.

aus der Zeit Ludwig des Frommen ohne Protokoll auf uns gekommen.

W e n n einzelne Formelsammler davon abweichen, so behandeln doch auch sie die Theile des Protokolls in der Regel als N e b e n s a c h e , so dass man sich auf den Wortlaut, in dem sie diese f ü r die F o r m e l - überlieferung unwesentlichen Theile w i e d e r g e b e n , nicht u n b e - dingt verlassen darf. Als Beweis dafür kann Roziere 10. selbst gelten. Der hier gebrauchte Titel ist in jedem Falle incorrect, wir mögen die Formel für merovingisch oder für karolingisch halten.

Denn vermissen wir in Vergleich mit den Diplomen der Söhne Pippin's, welche zuerst dei gratia anwenden, diese W o r t e , so vermissen wir ebenso in Vergleich mit den Urkunden derMerovinger undPippin's den durch sämmtliche Originale bezeugten Zusatz Francorum.

Betrachten wir nach diesem Vorbehalte die übrigen hier noch erhaltenen Theile des Protokolls, so müssen wir mit Roth a n e r - kennen, dass die ganzen Schlussformeln karolingisch. sind und annähernd so unter P i p p i n , Carlomann und Karl vor 8 0 0 v o r - kommen. Aber wir können noch über das Resultat, dass demnach die uns vorliegende Aufzeichnung von Roz. 10 erst unter dem

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[185]' B e i t r a g e z u r D i p i o m a t i k .

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neuen Königsgesehlechte stattgefunden haben kann, hinausgehen und die F r a g e aufwerfen, wann die eigentliche Formel zuerst entstanden sein mag. Unter die letzten Merovinger können wir sie, da der Hausmaier nicht gedacht w i r d , nicht füglich setzen. Gegen die Entstehung unter den neuen Königen sprechen aber auch einige A u s d r ü c k e , die wir gleich näher in Betracht ziehen werden, und

dann vor Allem die Thatsache, dass die wesentlich gleiche Fassung uns schon in dem Schutzbriefe des Hausmaier's Pippin für Hönau a.

7 4 8 Pard. Nr. 5 9 9 begegnet. Wir können also diese Formel bis in die Kanzlei der noch nicht königlichen Arnulfiger zurück verfolgen:

dort entstanden ist sie dann auch nach der Erhebung dieses Geschlechtes beibehalten worden. Dazu bedurfte es nur der die eigentliche Formel nicht berührenden Änderung des Protokolls; und indem wir nun die gleiche Formel mit königlichem Protokoll schon 7 5 2 im Schutzbrief für Änisola B. I angewandt finden, ist zugleich die Eutstehungszeit der in Roz. 10 vorliegenden speciellen Gestalt nachgewiesen.

Es lassen sich noch einzelne Ausdrücke zur Bestätigung dieser Ansicht anführen. Über pares et amicos nostros in Roz. 10 und 11 ist schon oft gehandelt, so dass ich nicht noch einmal alle für die Bedeutung dieser W o r t e zeugenden Stellen anzuführen b r a u - che Man ist darüber einig, dass par die volle Gleichstellung oder doch dieselbe in Bezug auf das eben in Betracht kommende Verhältniss bedeutet. So wird es auch in königlichen Urkunden gebraucht, wie Pard. Nr. 4 9 6 a. 7 1 6 : quomodo misse ipsius baselice . . cum paris suos ad vos v i n e r i n t / w i e im Diplom Ludwig d. F. in Bouquet 5, 4 8 6 a. 8 1 6 von Spaniern, q u i . . se aut comitibus aut vassis nostris aut paribus suis se commendaverunt; aber der König nennt nie seine Untergebenen so und pares regis können nur andere Könige sein,

·) W a i t z , V e r f . G e s c h i c h t e 2, 2 2 1 ; 3 , 4 4 8 ; 4, 1 9 8 . — Roth Benef. 162. — E i n e , so w e i t ich mich e r i n n e r e , .noch n i c h t b e r ü c k s i c h t i g t e Stelle findet sich in R o z . 4 3 : „ m i h i d e c r e v i t voluntas ut me i n v e s t r u m m u n d o b u r d u m . . . c o m m e n d a r e . , . d e b e r e m . , . et . . . ingenuili o r d i n e tibi s e r v i c i u m . . . i n p e n d e r e debeain . . . unde c o n v e n i t ut si unus ex nobis de has c o n v e n e n t i i s se e m u t a r e v o l u e r i t , solidos t a n t o s p a r i suo c o n p o n a t . E s w i r d also qui s e in a l t e r i u s p o t e s t a t e c o m m e n d a t , w i e e s ' i n d e r Ü b e r s c h r i f t d e r F o r m e l l a u t e t , n o c h p a r s e i n e s M u n d h e r r n g e n a n n t . Es g e s c h i e h t d a s a b e r n u r i n s o f e r n , als b e i d e in W i r k l i c h k e i t n o c h g l e i c h g e s t e l l t s i n d , nämlich . 'als c o n v e n i e n t e s , die g l e i c h l a u t e n d e U r k u n d e n ü b e r das zwischen ihnen b e g r ü n d e t e Verhältniss austauschen u n d sich zu g l e i c h e r Busszalilung v e r p f l i c h t e n . P a r p a r i s u o ' c o m p o n a t heisst es s e h r o f t in j e d e r A r t von V e r t r ä g e n , indem d a m i t n u r d a s g l e i c h e R e c h t d e r P a c i s c e n t e n , n i c h t das s o n s t i g e V e r h ä l t n i s s d e r B e t r e f f e n -

den zu einander b e z e i c h n e t w i r d . •

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wie im conventus apud Marsnam in LL. 1, 4 0 8 : ut nemo suo pari regnum . . discupiat. J a , auch in keiner Urkunde der Hausmaier lässt sich nachweisen, dass sie ihre Untergebenen mit pares angeredet.

Etwas anders steht es mit amici. Die von W a i t z angeführten Stellen der Scriptores und zwei vereinzelte aus Privaturkunden ( d a r u n - ter das schlecht überlieferte testamentum Heddonis) sind für den Sprachgebrauch in königlichen Diplomen nicht massgebend. Aber wenn das Wort sich auch in diesen nicht nachweisen lässt, so findet es sich allerdings ausser in den genannten Formeln und in den ihnen

nachgebildeten Pard. Nr. 5 3 2 und 599 noch in Roz. 31 (App. ad Marc. 4 5 ) , während pares nur in Roz. 1 0 , 11 und nicht in den Nachbildungen vorkommt. Der Wortlaut des indiculum regalebei Roz.

31 macht aber auch den Eindruck, dass es,obgleich j e t z t mit einem den J a h r e n 7 6 8 — 7 7 4 entsprechenden Titel versehen, einer früheren Zeit,etwa der der Arnulfinger seine Entstehung zu verdanken habe.

Für alle drei Formeln glaube ich daher dasselbe Verhältniss anneh- men zu können. Die ursprünglichen Redacteure derselben und eben so die späteren Abschreiber mögen es mit Ausdrücken wie pares, amici minder genau genommen h a b e n , als die eigentlichen Notare; schon die Notare der Arnulfinger, als sie nach den betreffenden Formeln Pard. Nr. 5 3 2 und 5 9 9 zu schreiben hatten, Hessen das derStellung ihres Fürsten nicht entsprechende pares fort und Chrodingus, als e r d e n Schutzbrief des Königs für Anisola auszustellen h a t t e , a u c h das W o r t amici.

Noch eine Bemerkung zu Roz. 10, 11, welche auch die gleich- mässige Entstehung dieser Formeln und die Umbildung ihres Proto- kolls betrifft. Die E r h e b u n g Pippin's zum König begründet natürlich einen wesentlichen Unterschied zwischen den Urkunden des Haus- maiers- und des Königsgeschlechtes. Jene haben in der Anlage, den

Formeln und äusseren Formen noch vieles gemein mit den Urkunden anderer Grossen, der Ethiconen im Elsass u. a.; diese schliessen sich den Merovingerdiplomen an. Aber erstens führt die königliche Kanz- lei Pippin's doch auch einige Neuerungen in die Königsurkunden ein, darunter solche die den f ü r dieHausmaierurkunden aufgestellten Nor- men entsprechen; zweitens begegnen in den ersten Diplomen nach 7 5 1 noch hier und da Reminiscenzen und Ausdrücke aus den früheren Stü- cken, welche gegen die für königliche Acte geltenden Regeln Ver- stössen. Als Beispiel für j e n e s führe ich die Art an, wie die zur

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Bekräftigung dienende Unterschrift nebst Siegel angekündigt wird.

In allen unverderbten Merovingerdiplomen heisst es ungefähr wie in dem jüngsten Originale derselben Pard. Nr. 5 0 4 , a. 7 1 7 : manus nö- strisubscripcionebus subter eam decrivemus roborare, was vereinzelt wohl auch noch in Diplomen Pippin's wie B. 12 für Nantua, Carlo- mann's wie B. 3 2 für Argenteuil, Karl's wie B. 4 0 für Corbie, B. 4 2 für Sithiu u. s. w. vorkommt, namentlich in solchen Fällen, in denen wie zumeist nachweisbar, ältere Merovingerurkundep wörtlich abge- schrieben sind. Die eigentliche Karolingerformel dagegen lautet etwa:

manu nostra subter eam decrevimus affirmare et de anulo nostro sigil- l a r e , und sie begegnet schon früher dreimal, nämlich Pard. Nr.

5 3 2 , 598, 5 9 9 in solchen Schriftstücken der Hausmaier, in denen sie gleich den Königen urkunden und in denen überhaupt solche Ankün- digung gebräuchlich ist, was bei anderen Acten, wie bei placita nicht der Fall ist. Diese Neuerung ist also arnulfingisch und wird aus Hausmaierurkunden in die Karolingerdiplome hinüber genommen. So blieben diese W o r t e in den unter den Arnulfingern aufgesetzten Formeln Roz. 10, 11, 31 auch noch, als diese mit königlichem P r o - tokoll versehen wurden, stehen. Der zweiten Art ist der Gebrauch oder Nichtgebrauch des pluralis maiestatis in Arnulfinger-, dann in Karolingerurkunden. Da die älteren von jenen nur in Copien über- liefert sind und gerade hier Abschreiber die kleine Veränderung vor- zunehmen leicht veranlasst sein konnten, wird man nie sicher das erste Vorkommen des Plurals feststellen können. Es genüge also zu b e m e r k e n , dass die eben genannten Schriftstücke Pard. Nr. 5 3 2 , 5 9 8 nur die Mehrzahl, Nr. 5 9 9 abwechselnd Plural und Singular g e - brauchen und dass in den ersten Originalen des Maiordomus Pippin Pard. Nr. 6 0 4 , 6 0 8 nur der Plural vorkommt. Der Singular verstösst nun offenbar gegen die für Königsurkunden geltenden Regeln, begegnet aber doch noch einige Male in Originalen, wie in den gleichlauten- den von Carlomann (in Bibl. de l'Ecol IV, 2, 3 4 8 ) und Karl B. 68, 94, in Urkunde Karl's in Wirt. Urkb. Nr. 2 3 und sogar, wo es aller- dings als Versehen, nicht als Beminiscenz zu betrachten i s t , in Ludwig d. F. B. 4 3 51) ·

Dahin gehört ein zweites. Diplome beginnen, ausser dass eine damals monogrammatische Invocation vorgesetzt wird, mit Namen und

1) Von a b s c h r i f t l i c h ü b e r l i e f e r t e n D i p l o m e n mit S i n g u l a r n e b e n P l u r a l f ü h r e Ich

b e i s p i e l w e i s e B. G5 a n . . - ,

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Titel des Ausstellers. Der Eingang der meisten Hausmaierurkunden entspricht dagegen dem der Privaturkunden: bald geht ein Prolog voran, oder die ersten W o r t e lauten : egö in dei nomine etc., oder wo es sich um dem Inhalte nach den königlichen gleichkommende Acte handelt, geht die Anrede dem Namen voran. Letzteres ist der Fall in P. N1·. 5 3 2 , 598, 599, in denen der erste Satz dann mit bene cupiens vester, wie auch in Nr. 5 9 8 zu lesen ist, schliesst. Diese Anordnung behalten nun auch Roz. .11 und der genau nachgebildete Schutzbrief B. 1 b e i ; Roz. 10 und 3 1 aber ändern sie bei der Einführung des könig- lichen Protokolls. Ganz gleich verhält es sich mit bene cupiens vester, W o r t e , die ganz dem durch amicus bezeichneten Verhältnisse ent- sprechen (s. Roz. 427. 4 2 8 ) . In Roz. 10 sind sie stehen geblieben,

in Roz. 11 mögen sie ursprünglich auch gestanden haben, da sie sich in B. 1 noch finden; in späteren Diplomen begegnen sie nie mehr.

Das alles bestätigt die obige Ansicht, dass diese Formeln zuerst unter den Arnulfingern aufgesetzt, dann nach 7 5 1 um königlichen Diplomen zu entsprechen, mehr oder minder v e r ä n d e r t sind.

Nachdem in alledem auch schon R o z i e r e 11 ( L i n d e n b r o g Nr.

1 7 7 ) berücksichtigt ist, habe ich nur noch z u ' b e m e r k e n , dass diese Formel für Schutzbriefe an einzelne dienen soll, während Roz. 10 die Formel für Schutzbriefe der Klöster ist.

Rundbriefe vor 800.

Voii Merovingerfürsten liegen uns nur folgende Schutzbriefe für A n i s o l a v o r : Childebert I. Pard. Nr. 1 4 4 a. 5 4 6 , Chilperich I.

P. Nr. 1 6 8 a. 5 6 2 , Theoderich III. P. Nr. 3 7 2 a. 6 7 4 . Der ersten U r - kunde dürfen wir nicht recht trauen i), denn sie ist entschieden stark überarbeitet und z w a r , wie die Fassung des Datums und die W o r t e de sigillo n o s t r o s u b t e r sigillare verrathen, erst gegen Ausgang des IX. Jahrhunderts. Der Überarbeiter kann also auch ihm nicht bedeutsame Stellen ausgelassen, ihm wichtig oder richtig ersehei- nende Zusätze gemacht h a b e n ; darum kann das so überlieferte Stück nicht als Norm für Schutzbriefe des VI. J a h r h u n d e r t s betrachtet werden. Entschieden besser stellt es mit Pard. Nr. 168. Nur in zwei Puncten weicht diese Urkunde von dem Schema a b , wie wir es durch die weitere Vergleichung kennen lernen werden, in der E r w ä h -

N o c h w e n i g e r P a r d . N r . I I I a. 5 2 8 , die n u r v o n d e s U r k u n d e n w e s e n s g a n z U n k u n - d i g e n n o c h a n g e f ü h r t w e r d e n k a n n . .

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[189] B e i t r ä g e zur Diplornatik.

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nung der inferendae und der emunitas. In letzterer Hinsicht sei gleich hier b e m e r k t , wie es mit der eventuellen Vereinigung von emunitas und defensio später, d. h. unter Pippin und seinen Söhnen steht. Selbst wenn ein Kloster beide Vergünstigungen erhält, wird nie in dem eigentlichen Schutzbrief der Ertheilung der Immunität g e d a c h t , während in den Immunitätsurkunden häufig, aber auch nicht immer angeführt w i r d , dass das betreffende Stift zugleich in Königsschutz steht. Falls wir diesen Usus auch schon für die voraus- gehende Zeit annehmen dürfen, fällt emunitas in P. Nr. 144 und 1 6 8 auf und muss um so mehr Bedenken erregen, da wir ausPard. Nr. 4 2 8 e r s e h e n , dass zuerst König Guntram am Ausgang des VI. J a h r h u n - derts Anisola Immunität ertheilte. Entweder beruht also dieses W o r t in den zwei ersten vor Guntram ausgestellten Schutzbriefen auf Interpolation oder aber es hat noch nicht die Bedeutung der spätem Immunität, es ist vielleicht nur auf den Erlass der besonderen dort landesüblichen Abgabe der inferendae zu beziehen. Aus dem Schutzbriefe von 674, in welchem, nachdem dem Kloster eine ganze Reihe von Immunitätsdiplomen gegeben w a r , das W o r t emunitas sich auf diese beziehen kann, hebe ich hervor, dass hier zum ersten Male, also um dieselbe Zeit, in der Marculf seine Formel gleichen Inhalts geschrieben haben m a g , die Ausübung des Schutzes dem Maiordomus übertragen wird. — Die Schutzbriefe der Arnulfinger sind, so weit es hier nöthig ist, schon oben besprochen worden.

Ehe ich nun zu den Mundbriefen der karolingischen Könige . übergehe, muss ich eine allgemeine Bemerkung vorausschicken. Die Kanzlei hat nämlich vielfach in eine Urkunde Bestimmungen ver- einigt, welche in anderen Fällen in mehreren getrennten Urkunden erlassen werden. Am häufigsten, finden wir so Immunitätsertheilung und Verfügung über W a h l der Äbte oder andere Privilegienbestim- . mungen zusammengefasst. Fälle anderer Vereinigung, die unter Ludwig d. F. besonders häufig werden, sind: Immunität und Zoll- befreiung, wie für T r i e r a. 7 7 2 bei Beyer oder B. 288, Immunität und Apennis B. 2 2 4 , Immunität Schenkung und Wahl B. 477, Immunität und Tauschlicenz B. 364, Immunität und Restitution B. 417, Tausch- licenz, Schenkung und Wahl B. 363, Schutzertheilung und -Wahl

i ) W a i t z V. G. 2, 8 0 3 . — I n f e r e n d a e l a s s e n sich a b e r a u c h in d e r G e g e n d von Ans- bach n a c h w e i s e n . ' ,

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im Cod. Lauresh. 1, Nr. 4, Schutzertheilung und-Schenknng B. 1 5 1 u. s. w. Nur in gewissen Fällen werden nun die einzelnen Ver- fügungen stilistisch auseinander gehalten, so dass man innerhalb derselben Urkunde das sonstige Schema für die eine und das für die andere Verfügung unterscheiden kann. Die Regel ist vielmehr die verschiedenen Bestimmungen auch in der Fassung zu vereinigen:

entweder gibt es für diese Urkunden mehrfachen Inhalts wieder bestimmte Formeln oder aber der jeweilige Schreiber versucht die stilistische Zusammenfassung, in welchem Falle die traditionelle Redaction des einen oder andern Theils zumeist wesentlich verändert und besonders verkürzt erscheint. Indem ich nun hier von dem Inhalt und der Fassung derSchutzbriefe, Immunitäten undPrivilegien allein handeln will, nehme ich im Allgemeinen keine Notiz von dem etwaigen wei- teren Inhalte der Diplome, sondern nur in den Fällen, dass entweder

der uns beschäftigende Inhalt durch die anderweitigen Bestimmungen erläutert werden k a n n , oder dass die Zusätze die traditionelle Fassung des flaupttheils wesentlich alterirt haben.

Solche Vereinigung finden wir gleich in dem ältesten Mundbrief des K. Pippin B. 1, Bouquet 5. 7 9 8 : von dem Abt von A n i s o l a wird Schutz und auch das Wahlrecht erbeten. Recht bezeichnend für die Unbeholfenheit des Schreibers ist nun, dass er wohl diese zweite Bitte in sein Elaborat aufnimmt, dass er aber, indem er die Urkunde als Schutzertheilung, die den Hauptgegenstand bildet, nach einer F o r - mel aufsetzt, amSchlusse mit keinem W o r t e sagt, dass auch das W a h l - recht bewilligt wurde. Hier also musste, weil es sich noch um ein zweites handelte, die Formel für Mundbriefe etwas verändert w e r - den; sehen wir aber davon ab, so haben wir, wie schon gesagt, in B. 1 eine Nachbildung, von Roz. 10. Indem das Stück ferner für dasselbe Anisola ausgestellt ist, dessen drei merovingische Schutzbriefe wir zuvor kennen lernten, indem diese nach gleichem Schema a b g e -

fasst sind, jenes aber nach einem andern, so können wir gleich hier constatiren, dass die Kanzlei des K. Pippin sich auch n e u e r , d. h. in der Kanzlei der Vorgänger noch nicht nachweisbarer Formeln bedient.

Daneben blieben jedoch die alten in Gebrauch oder ihnen ent- sprechende ältere Urkunden wurden bei weiteren Bestätigungen als Vorlagen benutzt. Das zeigtgleich die nächste Urkunde für A n i s o l a B. 17 Bouquet 5 . 7 0 4 als Schutzbrief betrachtet, da von der Immu- nitätin derselben erst später zu handeln. Für diesen Theil sind w i e -

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[ 1 9 1 ] B e i t r ä g e z u r Diplornatik.

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der die allen Mundbriefe des Klosters benutzt, vielleicht weil es sich um eine analoge Bestimmung handelte, denn wie in Pard. Nr. 3 7 2 die Ausübung des Mundburds dem Hausmaier, so wird sie hier dem königlichen Prinzen Karl übertragen. Dem entspricht die fast voll-' ständige stilistische Übereinstimmung beider Stücke. Allerdings beginnt die Arenga von B. 1 7 mit besonderen W o r t e n ; iuvante do- mino qui nos in solio regni instituit. Derartige Hinweise auf die spe- ciellen Verhältnisse des urkundenden Fürsten begegnen auch schon in Merovingerdiplomen , wie Chlothar III. P . N r . 3 4 3 a. 6 6 2 : dum et nobis dominus in solio parentum nostrorum fecit sedere—Theoderich III. P . N r . 4 1 0 a. 6 9 0 : dum et nobis divina pietas ad Iegitema etate fecit pervenire et in solium parentum nostrorum succidire u. a. Fälle. Unter K. Pippin werden wir bei den Immunitäten noch einen analogen, dann auch unter den Nachfolgern wiederkehrenden Prolog kennen lernen.

Auch die Anfangsworte iuvante etc. treffen wir unter Karl noch an in B. 65, 98, 126, d . h . i n zwei auf älteren Vorlagen und speciell Pippi- nischen Urkunden beruhenden Diplomen, aber auch in einer Bestäti- gung für Benevent, wo solche Vorlage nicht denkbar ist. Solche Worte nun sind, weil eben nur auf die Person bezüglich, ganz v e r - schiedenen sonst überlieferten Ärengen vorgesetzt, und so folgt nun auf sie auch in B. 17 der Prolog der älteren Schutzbriefe für Ani- sola. Denen ist endlieh ausser anderen Sätzen auch noch die alte An-

kündigungsforrael wörtlich entnommen.

Eine freiere Bearbeitung liegt in dem nächsten Schutzbriefe Karl d. G. für den Presbyter A m o l d (Original; in Wartmann Urkun- denbuch der Abtei S. Gallen Nr. 6 5 ) von 7 7 2 vor; nur die Arenga

ist Roz. 9, der letzte T h e i l : et si aliquas causas etc. Roz. 10 ent- lehnt. Und eine ganz selbstständige Stilisirung bietet die Urkunde für L o r s c h (Cod. Laur. Nr. 4 . ) dar, in welcher Mundium ertheilt wird und mehrfache Bestimmungen aus Privilegien enthalten sind;

eben so der Mundbrief des Bischofs C o n s t a n t i u s von Chur und des rhätischen Volkes (Original; Mohr cod^ dipl. 1 Nr. 1 0 ) , der auch dem Inhalte nach wesentlich abweicht, indem darin auch dem Volke wie bisher nach eigenen» Recht und eigener Gewohnheit leben zu dürfen zugesichert wird, indem ferner der Bischof oder eigent- lich der rector Raetiarum und die Nachfolger nur für ihre Pers o- neh, nicht wie es sonst heisst, mit allem Hab und Gut in b e s o n d e - ren Schutz aufgenommen w e r d e n ; dem entspricht, dass als einer

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der späteren Bischöfe Victor II. bei Kaiser Ludwig Abhilfe suchte wider die Beraubung seiner Kirche durch den Grafen R o d e r i c h , e r sich nicht auf diesen Schutzbrief, sondern auf die allgemeine, allen Kirchen zustehende defensio (Mohr Nr. 1 5 ) beruft. — Aber die alten Formeln sind noch nicht ausser Gebrauch g e k o m m e n : als com- ponirt ans Sätzen von Roz. 9 und 10 ergibt sich wieder der Mund-

brief für den Abt A n i a n u s und dessen Klöster B. 1 5 1 , Bouquet 5, 7 5 5 von 7 9 4 »).

Das ist die kurze Reihe echter und unzweifelhafter Urkunden über Schutzverleihung von der Merovingerzeit an bis auf Karl. Ob noch einige andere Stücke hieher bezogen werden dürfen und wess- halb einige als unecht zurückzuweisen sind, das wird sich leichter feststellen lassen, wenn wir auch den Inhalt der unzweifelhaften Diplome näher i n s Auge gefasst haben werden. .

Für den besonderen Schutz der in diesen Briefen ertheilt wird, ist am häufigsten das W o r t mundeburdium gebraucht (nur in .Roz. 11 fehlt es), aber ganz gleichbedeutend sind defensio, tuitio, sermo, sermo tuitionis und das nur in Roz. 11 vorkommende

commendatio2). Der Schutz bezweckt, dass die Betheiligten mit all' ihrem Zubehör an Personen und Sachen unter dem mundeburdium quieti (quieto ordine, absque inquietudine) vivere et residere (esse, consistere) sollen; der abweichende Wortlaut in dem verdächtigen Pard. Nr. 1 4 4 : liceat ipso et sucessores eius . . omnes r e s . . sub omne emunitate vel tuitionis nostre sermone valeant tenere atque possidere, ist besonders anstössig. Zur Erreichung des Zweckes

Betreffs d e s P r o t o k o l l s all d i e s e r S c l i u t z b r i e f e rauss ich e i n e f r ü h e r e A n g a b e in B e i t r ä g e n z u r Dipl. I ( W . S i t z u n g s b e r i c h t e XXXVI) p. 3 5 8 b e r i c h t i g e n . Die k ö n i g - liche· U n t e r s c h r i f t ist in ihnen d o c h R e g e l . D a f ü r s p r i c h t u . a. das O r i g i n a l f ü r C h u r d a s , w e n n a u c h im u n t e r n Theii fast z e r s t ö r t , d o c h n o c h S p u r e n d e r U n t e r -

s c h r i f t t r ä g t , a u c h die L o r s c h e r U r k u n d e in der, w a s ich f r ü h e r ü b e r s e h e n h a t t e , das M o n o g r a m m a n g e k ü n d i g t ist. Die k ö n i g l i c h e S i g n a t u r f e h l t n u r in dem O r i - g i n a l d i p l o m f ü r A r n o l d u n d in dem S c h u t z b r i e f für A n i a n u s .

2) Ü b e r Cominendation s; S., 9 7 . — In e i n e r U r k u n d e v o n 8 6 6 in F o p p e n s 1 , 6 4 9 h e i s s t e s : s u b t u i t i o n e « t q u e quem t r i t o s e r m o n e m u n d e b u r d o v o c a n t . V e r e i n z e l t finden sich auch n o c h als g l e i c h b e d e u t e n d p r o t e c t i o , w i e in Roz. 4 1 9 u n d in Diplom L. d . F . bei G r a n d i d i e r 2 , 2 0 8 ; auxilium in D r o n k e N r . 1 5 7 ; t u t e l a in u n g e d r u c k t e r U r k u n d e L . ' d . F . von 8 2 6 f ü r Sens o d e r in Karl d. K. b e i B o u q u e t 8 , 5 5 2 ; g e g e n E n d e d e s J a h r h u n d e r t s b e g e g n e t auch p a t r o c i n i u m in U r k . L. III b e i - L a c o m b l e t 1, 3 2 , Z w e n t e b o l d ' s in S c h a t e n 1, 235 u. s. w . Auch m u n h u r i r e w i r d . s t a t t d e f e n s a r e g e h r a u c h t in R o z . 4 1 9 und d r i n g t s e l b s t in die in P r i v a t u r k u n d e n

ü b l i c h e n F o r m e l n ein, w i e in W a r t m a n n N r . 2 4 8 v o n 8 2 0 ; e t si eum m u n d i a r e u o n p o t e n t , f u n d a t in d u b l u m .

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[193] B e i t r ä g e z u r Diplornatik.

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wird ausser dem Schutz im Allgemeinen noch das specielle Vor- recht ertheilt, dass, wenn in Rechtsstreitigkeiten der Schützlinge ihnen ungünstige Ur'theile gefällt werden, deren Vollziehung sus- pendirt bleiben soll und die Sachen selbst noch einmal in dem Königsgericht verhandelt und da zu definitivem Austrag gebracht werden sollen. Diese letztere Bestimmung bedarf noch am meisten der Aufklärung. Ich habe in der Masse von Urkunden bis in das IX. Jahrhundert hinein, die ich durchforscht habe, sehr wenige Notizen g e f u n d e n , welche hier allenfalls beigezogen werden kön- nen, und da diese meist der Zeit Ludwig d. F . angehören, werde ich sie erst bei Besprechung seiner Mundbriefe zusammenstellen.

Neue Immunitätsverleihungen bis 814.

Indem wir in erster Linie die Fassung der Urkunden in Betracht ziehen wollen, haben wir hier zunächst zwischen neuen Immunitäts- verleihungen und Bestätigungen zu unterscheiden, indem es für j e d e dieser Arten besondere Formeln gibt. Unter neuen Immunitäts- verleihungen haben wir aber nicht allein die Diplome zu verstehen,

in denen thatsächlich zum ersten Male Immunität ertheilt wird, son- dern auch die, denen schon früher Immunitäten vorausgegangen sind, welche aber entweder der älteren Verleihung nicht g e d e n - ken oder doch nicht als Bestätigungen derselben stilisirt sind. Es.

kommt nämlich vor, dass über ein schon durch frühere Diplome geregeltes Verhältnis» geurkundet wird, ohne die betreffende ältere Urkunde zu erwähnen oder ohne die Erneuerung i) ausdrücklich als solche zu bezeichnen und demgemäss zu redigiren, ja es kommt dies in der W e i s e vor, dass das Diplom des Nachfolgers dem gar nicht erwähnten des Vorgängers mehr oder minder wörtlich nach- geschrieben w i r d Z i e m l i c h selten ist dies· Verhältniss bei Diplomen Karl d. G., insofern sie Verfügungen seines Vaters erneuern, begegnet aber gerade bei den Immunitäten zweimal: B. 4 7 für das alte Michaelskloster an der Masoupe beruft sich allerdings auf die

A) E r n e u e r u n g g e k r a u c h e i c h , weil auch in d e r U r k u n d e n s p r a c h e d e s IX. J a h r h u n d e r t s z u w e i l e n z w i s c h e n c o n f i r m a t i o und r e n o v a t i o u n t e r s c h i e d e n w i r d : K a r . C. B.

1 7 2 6 e r n e u e r t , da die f r ü h e r e n D i p l o m e v e r b r a n n t sind und d e s s h a l b n i c h t v o r - g e l e g t w e r d e n k ö n n e n , d e n C a n o n i k e r n von S . Bavo die G ü t e r t h e i l u n g zu ihren

G u n s t e n : u t a u t e m h a e c n o s t r a e r e n o v a t i o n i s et c o n O r m a t i o n i s a u c t o r i f a s e t c .

2) S o L u d . II. ß . 6 5 0 w ö r t l i c h e N a c h b i l d u n g d e s n i c h t g e n a n n t e n D i p l o m s Karl d. G r . B. 118. ·

( S i c k e l . ) 3

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Thatsache einer schon von Pippin ertheilten Bewilligung, ist aber doch ganz als neue Verleihung stilisirt, und unter den Urkunden für Prüm ist B. 8 0 offenbare Nachbildung des uns erhaltenen, aber in der Urkunde Karl's gar nicht erwähnten Diploms Pippin's B. 2 0 . Dagegen ist dieses Jgnoriren früherer Beurkundung Regel und war vielleicht geradezu absichtlich, so oft Karl d. G. in die L a g e kommt,

von seinem älteren Bruder Carlomann getroffene Verfügungen zu erneuern. Unter dreizehn mir bekannten Diplomen des letzteren sind acht ihrem Inhalte nach von Karl d. G. confirmirt, aber in keiner dieser Bestätigungen wird auch nur der Name Carlomann's genannt. Es handelt sich freilich um lauter solche F ä l l e , in denen Urkunden Pippin's und seiner beiden Söhne noch vorliegen oder doch

nachweisbar sind,und da gedenktKarl d.G., einen Fall ausgenommen, stets des Diplomes seines Vaters, nimmt aber in keinem Falle Notiz von der dazwischen liegenden Urkunde seines B r u d e r s : vergleiche B. 7, 2 8 und Tardif Monuments historiquesNo. 7 7 für S. Denis; B. 2 6 , 9 4 und Bibl. de l'Ecol. serie 4, 2, 3 4 8 für dasselbe; B. 13, 33, 91 für Hönau; ungedruckte Immunitäten Pippin's und seiner zwei Söhne für Epternach; und (hier sind die betreffenden Pippin'schen Stücke nicht erhalten) B. 30, 67, dann B . 3 7 , 6 2 für, S· Denis; B . 3 4 , 1 9 0 für Ebersheim; B . 3 6 , 92. für Novalese1). Da kann man doch kaum anneh- men, dass wirklich immer nur die Diplome Pippin's und nicht auch die des älteren Bruders der Kanzlei zur Bestätigung vorgelegt seien.

Indem ich nun die der Fassung nach neuen Immunitätsverlei- hungen besprechen will, schliesse ich auch hier bei der P r ü f u n g der einzelnen Stücke vor der Hand Alles aus, was ohne mit der Immuni- tät in innerem Zusammenhange zu stehen, durch zufällige Vereini- gung verschiedenartiger Bestimmungen in die eine oder andere dieser Urkunden eingefügt ist, wie Verfügungen über die W a h l der Bischöfe und Abte u. dgl. Auch über das Mass der in den Immu- nitäten enthaltenen Einzelbestimmungen werde ich erst im weiteren Verlaufe handeln können; hier soll zunächst der Gesammtbegriff der Immunität in den Diplomen mit besonderer Rücksicht auf die F a s -

sung, in der sie verliehen wird, in's Auge gefasst werden.

i ) Ü b e r h a u p t finde ich C a r l o m a n n n u r in e i n e r Ürkunde s e i n e s B r u d e r s g e n a n n t , in B e y e r m i t t e l r h e i n . U r k u n d e n b u c h N r . 3 6 : Carlomann h a t t e eine S c h e n k u n g a n E p t e r n a c h g e m a c h t , d a r ü b e r a b e r k e i n e C a r t u l a c o n c e s s i o n i s a u s g e s t e l l t , d e s s -

halb e r n e u e r t K a r l die S c h e n k u n g , u n d g i b t ü r k u n d e d a r ü b e r .

(23)

[195] Beitrüge z u r Diplomutik.

21

Gerade bei dieser F r a g e fällt es schwer in's Gewicht, dass uns aus der Merovingerzeit eine nur ganz kleine Anzahl von Urkunden so überliefert ist, dass wir sie als frei von Verdacht wesentlicher Überarbeitung oder Interpolation als Normen gelten lassen und ihren Wortlaut als zuverlässigen Ausgangspunct für diplomatische Unter- suchungen annehmen können. Nicht als wenn ich alle anderen Mero- vingerdiplome in der Weise verwerfen zu müssen glaubte, dass ich dem Historiker, Rechtshistoriker oder Diplomatiker die Berechtigung absprechen würde sie ihrem theilweisen Inhalte -nach noch zu be-, nutzen. Aber wenn äussere oder innere Merkmale gegründeten Ver- dacht gegen die uns jetzt vorliegende Gestalt von Urkunden hervor- rufen und bisher die Regeln noch nicht genügend festgestellt sind, nach denen wir aus den einzelnen Stücken die Zuthat späterer Zeiten auszuscheiden vermögen von dem was als ursprünglicherlnhalt und als ursprüngliche Fassung gelten kann, so ist zunächst strengste Sichtung geboten. Ich beschränke mich daher in erster Linie auf die Benützung folgender neuen Immunitätsverleihuugen aus der Merovingerzeit:

1. Diploma Chlotharii I pro monasterio R e o m a e n s i a. 539. — P a r d . N r . 136, von Perard angeblich ex archetypo veröffentlicht, von Henschen und Papebroch ohne stichhaltigen Grund angegriffen, nach In- halt und Formular unverdächtig, aber sprachlich von dem Schreiber des vermeintlichen Originals oder von dem ersten Herausgeber emendirt.

2. Diploma Childeriei II pro ecelesia S p i r e n s i c. a. 665. — Pard. addit. Nr. 4 aus dem 1 2 8 1 geschriebenen Cod. minor im Karlsruher Archiv; schliesst sich auch in der Sprache noch ziemlich genau den Originalen der Zeit an; Schluss fehlt.

3. Diploma Childericill. pro mon. D e r v e n s i a . 673. — Pard.

Nr. 3 6 7 ex chartulario Dervensi, nach Inhalt und Formular, so weit es erhalten ist, unverdächtig und nur sprachlich überarbeitet »).

Ich g e b e h i e r ü b e r a l l die. Ü b e r l i e f e r u n g a n , w e l l s i e bei den F r a g e n , die i c h b e h a n d e l n w i l l , vielfach in B e t r a c h t k o m m t . Das g i l t g l e i c h v o n d i e s e r U r k u n d e . Das C a r l u l a i r e de M o n t i e r e n d e r im A r c h i v de la H a u t e - M a r n e h a t B r e ' q u i g n y , w i e e i n d e r H a n d s c h r i f t j e t z t b e i g e b u n d e n e r Brief d e s s e l b e n l e h r t , s e l b s t in Händen, g e h a b t und c o l l a t i o n i r t . . E s w i r d d a d u r c h w a h r s c h e i n l i c h , d a s s d a s Copialbueh w i r k l i c h in d e r A r e n g a die v o n ß r e q u i g n y v e r z e i c h n e t e L e s a r t e n t h ä l t : o p e m s u a e d e f e n s i o n i s i m p e n d a t . D e n n o c h halle, ich d e v o t i o n i s hei den a l t e r n H e r a u s g e b e r n f ü r das r i c h t i g e W o r t , das auch d e m s o n s t iu diesem Z u s a m m e n - h a n g e häufigen d e v o l a m e n t e e n t s p r i c h t . Ü b r i g e n s w ü r d e auch das a n d e r e W o r t in d e r r h e t o r i s c h e u A r e n g a k e i n e s w e g s auf e i n e S c h u t z v e r l e i h u n g , von d e r d e r T e x t d e r U r k u n d e nicht r e d e t , zu s c h l i e s s e n e r l a u b e n .

. 3 '

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4. DiplomaChildeberti III. pro mon. F o s s a t e n s i c. a. 7 0 0 . — Bordier in Bibl. de l'Ecol. 3e série, 1, 5 9 ex autographo mulilo (Archives de l' E m p i r e L. 4 8 3 , No. 1 ; conf. B o r d i e r i e s archives de la France 1 9 8 ) 9 .

5. Charta Pippini pro ecclesia S. V i n c e n t i i Matisconensis a.

743. — Pard. N0. 5 6 8 ex apographo in collectione Boheriana,

sprachlich emendirt 2). .

Knüpfen wir sofort an die letzte der genannten Urkunden an, welche zugleich die erste Immunitätsverleihung eines Arnulfingers ist. Für das Stück als Immunität ist, was im Eingang von der V e r n i c h - tung eines früheren Diploms gleichen Inhalts erzählt w i r d , zufällige Zuthat, und nur insofern hat diese Notiz für uns W e r t h , als sie die Unmöglichkeit die ältere Urkunde vorzulegen und somit auch die

*) Das ä l t e s t e ' O r i g i n a l n e u e r I m m u n i t ä t s v e r l e i h u n g . Da sich d a s D a t u m n u r a n n ä - h e r n d b e s t i m m e n lässt, ist m ö g l i c h e r W e i s e die in d e m s e l b e n A r c h i v b e f i n d l i c h e K. 3 , N r . 10 s i g n i r t e l m m u n i t ä t s b e s l ä t i g u n g vom J a h r e 0 0 6 als O r i g i n a l von auf I m m u -

n i t ä t b e z ü g l i c h e n D i p l o m e n iilier. — S t a t t d e r von B o r d i e r v e r s u c h t e n E m e n d a t i o n d e r S t e l l e : tibi e t ubi insigna d e o p r o p i c i o n o s t r a e t c . s c h l a g e ich v o r u n d g l a u b e dass so im O r i g i n a l s t e h t : ubi et ubi i n r i g n a ( r e g n a ) deo p r o p i c i o n o s t r a q u o q u o t e m p o r e ex i n u n e r e [ r e g u m seu p r o e o l l a t a j populi e t c . , w o f ü r sieh u. a. die in d e r F a s s u n g vielfach v e r w a n d t e n Diplome Karl d. Gr. fiir V i e u x - Ä l o u t i e r B o u q u e t 5, 7 2 2 ) u n d f ü r L o r s c h ( C o d . Lauresh. 1, 1 3 ) a n f ü h r e n lassen. N a c h -

t r ä g l i c h b e m e r k e i c h , d a s s a u c h T a r d i f N r . 4 1 d i e v o n m i r v o r g e s c h l a g e n e L e s u n g h a t . — N o c h will ich g l e i c h h i e r h i n z u f ü g e n , dass i n s o f e r n ich in d e r F o l g e Stellen aus n o c h im Original v o r h a n d e n e n M e r o v i n g e r u r k u n d e n a n f ü h r e , m e i n e Citate vielleicht hie u n d da v o n den P a r d e s s u s ' s e h e n T e x t e n in K l e i n i g - k e i t e n a b w e i c h e n , in dem ich mich f r ü h e r f ü r diese S t ü c k e d e s c o r r e c t e r e n A b - d r u c k e s von T e u l e t dipl. et cliartae M e r o v i n g i c a e a e t a t i s in a r c h . F r a n c i a e c o u - s e r v a t a , P a r i s 1S48 b e d i e n t h a b e , ' u n d indem mir j e t z t d e r e b e n f a l l s b e s s e r e A b d r u c k von T a r d i f v o r l i e g t . Da a b e r j e n e Ausgabe in D e u t s c h l a n d s e h r s e l t e n , diese w o h l n o c h n i c h t v e r b r e i t e t ist, b e z e i c h n e ich d i e U r k u n d e n n i c h t n a c h d i e s e n E d i t i o n e n , s o n d e r n d u r c h g ä n g i g n a c h P a r d e s s u s . ' -

2) Die U r k u n d e fand sich e i n g e t r a g e n im L i b e r i n c a t e n a t u s s . V i n c e n t i i , d e r 1 5 6 7 v e r - b r a n n t ist. Aus ihm s t a m m e n die ä l t e s t e n D r u c k e u n d a u c h die B o u h i e f ' s c h e Copie auf d e r P a r i s e r B i b l i o t h e k ; sie alle b e g i n n e n : P i p p i n u s m n i o r d o m u s inaximus r e g n i nostri e t c . L e C o i n t e z u e r s t s t r i c h , um zu v e r b e s s e r n , inaxiinus w e g , und

ihm f o l g t e P a r d e s s u s , o h n e n u r die alte L e s a r t zu e r w ä h n e n . B o r d i e r nun (du recueil d e s c l i a r t e s M e r o v i n g i e u u e s , P a r i s 1 8 5 0 ) , d e r m i t R e c h t s o l c h e V e r - b e s s e r u n g s w u l h g e i s s e l t , s t e l l t dies W o r t w i e d e r h e r , z i e h t es zu P i p p i n u s u n d l e g t diesem P r ä d i c a t g r o s s e B e d e u t u n g z u . So h a t es w o h l auch d e r S c h r e i b e r d e s Lib. i n c a t . v e r s t a n d e n . Da man nun seine Ü b e r l i e f e r u n g als die ä l t e s t e zu G r u n d e l e g e n m u s s , muss auch d i e s e s W o r t w i e d e r a u f g e n o m m e n w e r d e n , a b e r so : P i p p i n u s m a i o r d o m u s . .Maximus r . n . a u g e r e c r e d i m u s i p o n i m e n t u m ; s t a t t inaximum in R o z . 16, dem die U r k u n d e n a c h g e s c h r i e b e n ist.

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[197] B e i t r ä g e z u r Diplornatik.

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Stilisirung als neue Verleihung erklärt. Und dafür nun, f ü r : et tale insuper bis zum Schluss wird einfach, bis auf, wie wir später sehen werden, ganz unwesentliche Wortveränderungen, die Marculfinische Formel Roz. 1 6 angewandt. Ihrem Hauptinhalte sind wir wohl schon in älteren Urkunden begegnet, wie ja auch Marculf in dieser Hinsicht nichts Neues schaffen konnte, noch wollte. Aber, seine specielle Fassung des Rechtsinhaltes sehen wir zuerst von den Schreibern des Hausmaiers wiederholt, von dem sie sofort in den Gebrauch der

neuen königlichen Kanzlei übergeht. . Denn gleich die Urkunde für H ö n a u B. 13 (Grandidier 2, 8 8

ex chartul. s, XVI), welche die Reihe der neuen Immunitätsverleihun- gen durch den König Pippin und durch seine Nachfolger eröffnet, so wie deren Erneuerungen durch Carlomann B. 3 3 und Karl B. 91 (Grand. 2, 101. 1 2 9 ) ; ferner die Urkunden Karl's f ü r N o v a l e s e B. 5 3 (ex orig. in Mon. hist. patriae. 1, 2 1 ) und für F u l d B. 60 (Dronke cod. No. 4 6 ex cod. Eberhardi) schliessen sich in ihrem ganzen Wortlaute möglichst getreu an Roz. 16 an. Sachen w i r , zu- nächst noch von allen Einzelbestimmungen absehend, festzustellen, was als charakteristisch all diesen Urkunden gemein ist, so sind die Worte hervorzuheben: hoc ipsi . . . sub integrae emunitatis nomine valeant dominare, ferner dass das W o r t defensio oder irgend ein gleichbedeutendes .Wort in all diesen Diplomen nicht vorkommt.

Beides haben sie gemein mit den zuvor als 3 , 4 , 5 aufgeführten, auch mit vielen anderen schlecht überlieferten, aber doch in diesem Puñete intact gebliebenen Immunitäten der Merovingerzeit. Das veranlasst mich in erster Linie diejenigen vor 8 1 4 verliehenen neuen Immunitäten zusammenzustellen, welche einerseits nichts von defen- sio enthalten, andererseits den obigen Satz oder wenigstens analoge Sätze aufweisen.

Die jüngste mit Roz. 16 übereinstimmende Urkunde aus dieser Gruppe ist B. 91 für Hönau von 7 7 8 ; indem sie aber wohl eher den älteren Immunitäten für dasselbe Kloster nachgeschrieben ist, als.

der Marculfinischen Formel, erscheint B. 60 für Fuld von 7 7 4 als das letzte Beispiel einer direct aus dieser Formel abgeleiteten Fassung. Nun treffen wir . aber schon zwei Jahre früher andere Redäc- tionen an in B. 4 4 für S. E t i c n n e d ' Angers (Bouquet 5, 7 1 9 ex apogr.), B. 46 für L o r s c h (Cod. dipl. Laur. 1 , 1 3 ex chartul.), B. 47 (Bonquet 5, 7 2 2 ex chronico) für S. M i h i e l d e M a s r o u p e

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oder Vieüxmoutier. Dass wir es dabei noch mit demselben Rechts- inhalte zu thun haben wie in Roz. 16, wird sich am schlagendsten ergeben, wenn wir später auf die Einzelbestimmnngen der Immunität eingehen, hiermag eszunächst wieder genügen festzustellen, dassder zuvor als charakteristisch bezeichnete Satz auch in B. 4 6 , 4 7 wieder- kehrt und dass, wenn B. 4 4 statt dessen den König sagen l ä s s t : sub emunitatis nomine concedere debemus, dies sachlich keinen U n t e r - schied begründet. W i r haben also nur die Verschiedenheit der Fassung, oder da darin die drei Urkunden auch unter sich differiren, der Fassungen in Betracht zu ziehen.

Zuvörderst ist zu e r w ä h n e n , dass es nicht möglich ist, diese abweichenden Stilisirungen auf bestimmte Personen als Redacteure zurückzuführen. Da die Diplome nicht in Original erhalten, lassen sich die Schreiber nicht feststellen". Dann während wir wohl in der späteren Zeit Ludwig d. F. bei einzelnen Diplomen in der Lage sind, mit Bestimmtheit zwischen Dictanten und Schreibern zu unterscheiden, fehlen uns alle Anhaltspuncte dafür aus dieser Zeit. In Bezug auf -die mit Abfassung und Ausfertigung der Urkunden betrauten Personen

können wir uns somitnur an die in' den Subscriptionen genannten P e r - sonen halten. Da zeigt sieh dann aber, dass die Verschiedenheit der Fassungen nichts mit der Verschiedenheit der recognoscirenden Kanzleibeamten zu thun hat. Denn die Unterschrift des Hitherius findet sich eben so in dem ganz nach Marculf stilisirten ß . 5 3 für Novalese, als in dem zwei Jahr zuvor ausgefertigten und nach anderem Schema geschriebenen B. 4 4 für S.Etienne d'Angers. Und eben so recognoscii t Rado advicem Hitherii die verschieden lautenden B. 4 6 für Lorsch und B. 60 für Fuld. Das beweist am schlagendsten, dass, so selavisch man sich einerseits an Muster wie Roz. 16 hielt, doch andererseits zu derselben Zeit und unter denselben Kanzleibeamten auch mehr oder minder abweichende Fassungen bei gleichem Inhalt in Anwendung kamen.

Es fragt sich des weiteren: sind dies ganz neue Redaetionen oder Umarbeitungen oder einfach Copien anderer nur in unseren Sammlungen nicht erhaltener F o r m e l n ? Gehen wir von B . 4 4 und 4 7 aus, so finden wir die Arengen derselben fast übereinstimmend und erinnern uns dieselben Eingangsworte auch schon in den Merovin- gerdiplomen Pard. Nr. 4 8 7 und 5 2 2 gelesen zu haben. Freilich kann eingewendet werden, diese Urkunden Dagobert's III. und T h e o d e -

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[199] B e i t r ä g e z u r Diplornatik.

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rieh's IV stammen aus den Acta episc. Cenomannensium, e r r e g e n mehrfache Bedenken und sind vielleicht was die Arenga betrifft, nach Diplomen aus den ersten Jahren Karl d. G. geschmiedet. Aber auch derEingang der oben angeführten Immunität Childebert'sIII. für S. Maur des Fosses, so weit er noch aus dem verstümmelten Original entziffert werden konnte, enthält dieselben W o r t e , beweist also e r s t e n s , dass den Le Mans'schen Fälschungen so gut wie für das Protokoll, so auch für diesen rhetorischen Theil gute Muster zu Grunde lägen, zweitens dass auch die Arengen von B. 4 4 und 4 7 auf Überlieferung beruhen. Und nun begegnen in B. 4 6 und 4 7 auch noch im Context ganze Sätze, die sich schon in der Immunität für S.

Maur des Fosses finden. Von ganz neuer Redaction kann also damals nicht die Rede sein, sondern wir erkennen hier Formeln, welche die karolingische Kanzleinebender Marculf's aus der Vorzeit über- kommen hat. Dass diese Formeln aber nicht mehr wörtlich copirt, sondern mehr oder minder umgearbeitet wurden, dafür zeugen schon die Differenzen zwischen den drei uns vorliegenden Urkunden. Diese Stücke machen den Eindruck, dass die Schreiber dieser Periode schon Anstoss nehmen a n d e r allerbarbarischsten Latinitätdes VII. Jahrhun- derts, bis zu dem wir diese Formeln zurückverfolgen können, dass sie desshalb sie stilistisch umzumodeln und zu verbessern suchen, aber noch nicht gebildet und der lateinischen Sprache nicht mächtig genug sind, um neue Fassungen aus einem Guss, um Formeln die sich allgemeiner Anerkennung erfreuen könnten, z u s t a n d e zu bringen Besonders verrathen sich solches Streben und Unvermögen in B. 47 in der Wiederholung derselben S a c h e , für die der Schreiber den deutlichen Ausdruck finden möchte und doch mit dem ersten Male .nicht gefunden zu haben glaubt. Das sind stilistische Kennzeichen,

welche oft in den Diplomen aus den ersten Decennien Karl d. G., namentlich in denen, in welchen sich die Verfasser minder genau an die überlieferten Formeln halten wollen, wiederkehren und mit denen, so weit wir das an den wenigen Originalurkunden verfolgen können, auch grammaticalische Merkmale Hand in Hand gehen. .

Eine jedenfalls in der Fassung wesentlich andere Gruppe von Immunitätsverleihungen ohne defensio beginnt 7 8 1 mit B. 106

1) G a n z u n g e s c h i c k t ist d i e F a s s u n g d e r S p e i e r e r U r k u n d e in R e m l i n g I. 4 , die w i r - p a t e r n ä h e r zu b e s p r e c h e n h a b e n , a u s g e f a l l e n .

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(Ughelli It.sacra 2, 2 4 4 ex authentico) für R e g g i o «). In den Aren- gen' schliessen sich allerdings auch diese Diplome an frühere an.

So beginnt B. 1 2 6 (Ughelli 8 , 3 7 ex auth.) für B e n e v e n t mit:

domino iuvante qui nos in solium regni nostri instituit, si petitio- nibus s a c e r d o t u m . . , ganz gleich der Urkunde Píppin's B. 1 7 für Anisola oder mit einer Arenga, deren ursprünglichen Wortlaut wir selbst in die Merovingerzeit zurück verfolgen können. Und alle anderen Stucke dieser Gruppe heben wie Roz. 1 6 an mit: maximum regni nostri augere credimus munimentum, nur erscheint diese

Arenga in den weiteren W o r t e n modernisirt und in verschiedener W e i s e gemodelt. Es ist überhaupt diese Arenga zwar nicht, wie wir schon s a h e n , in allen Immunitäten angewandt, aber nur den Urkunden dieses Inhalts vorbehalten. In fränkischen Diplomen ande- ren Inhalts begegnet sie nie, und wenn sie in zwei bei Böhmer ver- zeichneten Urkunden für Italien vorkommt, die wie sie uns vorlie- gen, nicht von Immunität handeln, so ist dies ein Verdachtsgrund mehr gegen diese auch sonst anstössigen Stücke. Sie findet sich nämlich in der Schenkung für Monte Casino B. 128, die offen- bar auf Grund der Immunität für dasselbe Kloster B. 1 2 9 g e - schmiedet ist, wie denn auch andere dort entstandene Fälschungen, welche Tosti l , 93, 95," 9 8 abdruckt, die Arenga und manches andere B. 1 2 9 entlehnen. Des weiteren begegnen wir ihr in einer Besitzbestätigung für Ceneda B. 149, die schon dadurch verdäch- tigt wird, dass die zwei von ihr vorliegenden Abschriften gleichen Text und gleiches Datum enthalten und doch auf zwei verschiedene Namen lauten: die eine bei Ughelli 5, 173 auf den Bischof Valen- tinus, die andere bei Verci 1, 1 auf dessen Vorgänger Dulcissimus.

Ein grosser Theil dieses Diploms von : nos qui dignam eius petitio- nem considerantes, bis: impressione sigilli nostri insigniri iussi- mus , einschliesslich also auch der in Diplomen Karl des Grossen anstössigen Strafandrohung, scheint mir aus der Urkunde Otto's III.

- von 9 9 7 für Ceneda abgeschrieben zu sein. Die erste Hälfte dagegen kann sehr wohl einer echten Urkunde Karl's entnom- men s e i n , die der Arenga nach von Immunität, von der in der jetzigen Fassung nicht die Rede ist, gehandelt zu haben seheint.

Also weder B. 1 2 8 noch B. 149 stossen den Satz um, dass die

' ) ß . 10» und 1 0 7 f ü r R e g g i o sind u n e c h t .

Ábra

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