Die Civilisation und der wirtschaftliche fortschritt : einleitung zu dem offiziellen austellungs-Berichte : I. : einleitung zum Bericht über die Welt-Ausstellung vom Jahre 1867

Teljes szövegt

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DIE

O I Y I L I S A T I O N

\ l N D D E H

WIRTSCHAFTLICHE FORTSCHRITT.

EINLEITUNG

Z U D E M

OFFICIELLEN AUSSTELLÜNGS-BEBICHTE

H E R A U S G E G E B E N

K. K. OSTERREICHISCHE CENTRAL-COMITE.

W I E N , 1869.

W I L H E L M B B A Ü M Ü L L E S

' K . K . H U K - UNI) U N l V E H S I T A T ä . B U C H H Ä N n i . K R .

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J A T E Egyetemi Könyvtár

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I .

DIE CIYILI8ATI0N

• U N D D E R

WIRTSCHAFTLICHE FORTSCHRITT.

EINIAEITTJN &

Z U M

BERICHT ÜBER DIE WELT-AUSSTELLUNG VOM JAHRE 1867

V O N

Dr. F. X. NEUMANN.

E i n l e i t u n g . 1

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ERSTER ABSCHNITT.

DIE AUSSTELLUNG ALS CÜLTURBILD.

A L L G E M E I N E S .

Vorlängst sind die Thore des grossen Tempels geschlossen, welchen die Menschheit für ihre Werke errichtet hatte; der gigantische Bau am Mars- i'elde hat aufgehört zu bestehen ; die letzten Hammerschläge zerlegen die eisernen Sparren der Decke, unter welcher G e i s t u n d A r b e i t ihre Triumphe feierten; der Spaten macht dem Erdboden gleich, was noch vor wenigen Monaten ein ebenso anziehendes als belehrendes Bild geboten hatte ;

die idealen Chalets und die schwerfälligen Maschinen-Annexe, die Nach- ahmung des modernen chinesischen Theegartens und des vorhistorischen Tempels von Xochicalco, die Zelte der Irkutsk-Nomaden und die Paläste der Spanier und Portugiesen, die Katakomben Rom's und die Moschee von Brussa, alle diese und die hundert anderen Zierden des Parkes sind nicht mehr. E i n e s aber wird bleiben und nimmer verschwinden: das Resultat der grossen E r f a h r u n g e n über den Stand der Kunst, über die Entwick- lung der Gewerbe, über den Fortschritt der Industrie und, theilweise wenig- stens, über die sociale Lage der Menschen.

In der That befand sich auf der Pariser Weltausstellung ein Cultur- Gemälde vor unseren Augen, wie man es nie vorher zu sehen bekam und schwerlich wieder sehen wird. Was der Genius durch Künstlerhand belebt

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was erfindungsreicher Fleiss durch Wissen und Capital hervorgebracht, was er den Bergen aus ihren verborgensten Klüften und Tiefen entrissen, was er dem Boden abgerungen, was er den Gewässern entnommen — von Allem war Etwas, von Vielem das Schönste und Beste vor den Blicken des Beobachters ausgebreitet.

Von einem Extreme zu dem anderen fanden sich die buntesten und mannigfachsten Uebergangsstufen, wie sie ja das Leben selbst charakterisiren : in e i n e m Saale die von GUJI.LAUME in Marmor gehauchten Lebeiisstadien Napoleon's, und in dem a n d e r e n der rohe Granitblock, das Eisenerz und der Steinkohlenklotz ; — h i e r die j gleichsam durch Feenhände geschaffenen Spitzen Belgiens, dünn und zart wie Spinnengewebe, und d o r t die Anker- ketten aus dem englischen Marine-Arsenale, deren Eine zwanzig Centner wiegt,· — in jenèm S c h r a n k e die prachtvollen, man könnte sagen in die Luft selbst applicirten Stickereien und die Stoffe Indiens, und in einem A n n e x e die Panzerplatten des „Hercules" im Gewichte von 67 Centnern auf den Quadratmeter; — e i n e r s e i t s unter den Schätzen der Physik das Körnchen Glas, das kaum halb so viel Umfang hat als ein Stecknadelkopf, aber im Mikroskope eine nahezu fünftausendfache Vergrösserung bewirkt, und a n d e r e r s e i t s unter den metallurgischen Producten der Tausend- pfiinder, welcher auf Millionen Splitter verkleinert, was er trifft; — d a der Pavillon Impérial, im raffinirtesten Geschmacke und Luxus ausgestattet, und d o r t das Kirgisen-Zelt aus Birkenrinde; — in j e n e m winzigen Flacon das duftende Oel der orientalischen Rosen, deren 130.000 nur eine Unze des herrlichen Parfums geben, und in d i e s e r Flasche das Petroleum, von welchem im letzten Jahre in Nordamerika allein täglich weit über 400.ÖOO Gallonen gewonnèn wurden.

Man konnte im Ausstellungs-Palaste in kürzester Zeit gleichsam eine Reise um die Welt ausführen und ebenso gewissermassen von der Gegen- wart bis in die lernste Vergangenheit zurücksehen. Denn, hier lagen die üppigen Producte der Aequatorialzone und der Tropen: die gewaltigen Hölzer, die reichen Früchte, die herrlichen Droguen, die werthvollen Ge- würze, die Palmen mit ihren zahlreichen Nutzanwendungen, die Producte der bunten Thierwelt, die kostbaren Steine und edlen Metalle und alle ande- ren Schätze der verschwenderischen Natur. Dort stand der Rennthier- schlitten ' der Polarwelt und um ihn reihten sich alle charakteristischen Typen der kalten Zone: das Pelzwerk, die Häute und Felle, die Fische und eine Anzahl von Producten, denen die klimatische Ruhe und die Farblosigkeit des arktischen Lebens aufgeprägt sind. Dazwischen aber lagen jene Schätze des gemässigten Erdstriches, welche der Fleiss des

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I Die Ausstellung als Culturbild. 5

Menschen zwar im Schweisse des Angesichtes geschaffen, auf welche er aber ^ stolz sein kann: die höchsten Errungenschaften des Geistes!

Und ebenso wie uns ein kurzer Rundgang von den Republiken Siid- amerika's nach Grönland, von Neu Seeland nach Sibirien, von Canada nach Java führte, so brachte uns ein anderer Weg aus der modernen W i r t - schaft in jene ersten Anfänge der „Geschichte der Arbeit^., wo der Mensch nur seine eigenen Muskeln und ein Paar kümmerliche Werkzeuge kannte, um sich zu schaffen, was er zur Fristung des Daseins bedurfte. .

Freilich schien wegen dieser Extreme Manchem die Ausstellung ein blosser Humbug, und es erhoben sich Stimmen, welche sie für ein „Chaos und Labyrinth der seltsamsten Bauten und Buden erklärten, deren Zweck und Zusammenhang man nicht begreift;" — die sich darüber entsetzten, dass der Besucher „aus einer mohamedanischen Prachtschau in eine christliche Modell- kirchc gelockt wird, wo Heilige in Wachs uild Märtyrer mit naturgetreu nach- gebildeten Wunden uns zu mittelalterlich mönchischer Entsagung aller irdi-

schen Herrlichkeit und zur Selbstgeisselung unseres Fleisches mahnen, -während vor der Kirche dickgeschminkte Frauenzimmer Sirenen- und doch

ekelhafte Couplets singen" *).

Sind das aber nicht die Gegensätze, welche das Leben selbst täglich bietet?

Es heisst unbedacht und ohne tieferes Verständniss Uber diese Erschei- nungen aburtheilen, wenn man der Ausstellung allein solche Vorwürfe macht; nicht bloss dort, sondern auf dem ganzen grossen Schauplatze, auf welchem die Menschheit ihre Geschichte abspielt, werden „die heiligsten und die i heillosesten Dinge" durch einander geworfen und um ein Stück dieser Ge- schichte wahrheitsgetreu vor unsere Augen zu führen, durfte und konnte es ja gar nicht anders sein, als dass „die strengste Rechtgläubigkeit und die

• gottloseste Ketzerei, der augenverdrehende Pietismus und die niedrigste Genusssucht sich gegenseitig quetschen und drängen," — es mussten, wie im Leben „das Schrecklichste und das Zarteste, Priesterinnen der gemeinen

Strassen-Venus und Geistliche der allein seligmachenden Kirche" sich hier begegnen, und das Bild wäre unvollständig oder idealisirt gewesen, wenn wir nicht, wie auf dem Marsfelde, mit jedem Schritte aus dem Gebiete des Erha- benen in das Bereich des Lächerlichen, aus heiteren Hallen der Kunst und Schönheit in die grobbemalten Tempel marktschreierischer Unsittlichkeit und Hässliclikeit getreten wären.

*) Mag-a/du f ü r die L i t e r a t u r des Auslandes.

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6 Einleitung. j

Gerade diese Contraste, die sich hier versöhnend die Hand gereicht haben, zeigten uns, wie es beabsichtigt war, den Mikrokosmus des wechsel- vollen Daseins, und der Verkehr der Menschen thut im Grossen und Ganzen, was die Ausstellung versinnliclite: e r v e r b i n d e t d i e P o l e .

Gehen wir daher immerhin ruhig hinweg über den äusseren Tand.

Fassen wir den Kern, das Wesen der Sache, den Gesammteindruck des gigantischen Culturgemäldes auf. Was konnte da näher liegen als das Streben, dieses lehrreiche Bild festzuhalten, die Erfahrungen zu sammeln und nutzbar zu machen?

Bei der unendlichen Vielseitigkeit von Kräften, die zur Ausführung eines solchen Beginnens nothwendig ist, konnte nur eine grosse Tlieilung der geistigen Arbeit einige Hoffnung auf richtiges Verständniss und auf das Gelingen der Aufgabe gewähren. Es hiesse jedoch den Zweck eines Berichtes, wie der vorliegende ist, verkennen, wollte man sich nur an das Einzelne und Besondere halten, und die grossen Ziige unbeachtet lassen, welche die Geschichte der Menschheit und den Gang der Civilisation im Allgemeinen kennzeichnen.

Freilich sind Ausstellungen, wegen der durch örtliche und persönliche Ver- hältnisse verursachten unvollkommenen Vertretung der verschiedenen Staaten kein untrüglicher Massstab zur Beurtheilung des wahren Standes der wirtli- schaftlichen und socialen Verhältnisse; zieht man aber nur von den wirklich massgebenden Cultursignalen, deren es in jedem Theile der Ausstellung eine genügende Anzahl gab, seine Schlüsse und dehnt man die Beobachtung mit Hilfe der durch die Ausstellung gebotenen Mittel über den Kreis dessen aus, was sich dort unmittelbar dem Auge bot, dann werden immerhin auch diese allgemeinen wirthschaftlichen Untersuchungen auf festem Boden wurzeln und einigen Anspruch besitzen, beachtet zu werden.

An Anknüpfungspunkten fehlte es nirgends; bald gewährten die Schöpfungen der Kunst einen Einblick in die Gedankenrichtung, in die Welt- auffassung und staatlich-sociale Entwicklung, aus welcher man die sittliche Höhe oder Verkommenheit, den Aufschwung oder das Absterben, die Origi- nalität oder die geistige Abhängigkeit einer Nation entnehmen konnte; bald zeugten die Leistungen der Literatur für die Höhe des geistigen Verkehrs, für den Drang und das wohlbewusste Streben nach Förderung des Wissens und der Intelligenz, für die grössere oder geringere politische Reife, für die Achtung der Menschenwürde und Freiheit oder die Unterdrückung des Selbstbestimmungsrechtes; bald Hessen die Repräsentanten der grossen Indu- strien, voran „König Baumwolle" mit seinen zahlreichen Unterthaneu, den Garnen, Geweben, Stoffen und Kleidern, und das Eisen mit seinen Kindern, den unser ganzes Dasein reformirenden Maschinen, und die „schwarzen

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I D i e A u s s t e l l u n g als Culturbild. 7 Diamanten" mit dem Paraffin, Anilin und ihren andern Abkömmlingen ein Urtheil über den Stand der gewerblichen Arbeit zu; bald endlich zeigten die Ballen von Wollvliessen oder die reichen Garben mit den goldenen Aeliren der Ceres oder die Plaschenbatterien mit Mustern des Sorgen- brechers Wein, in welcher Richtung die Landwirthschaft eines Staates vorzüglich entwickelt ist, und so gab es schon auf der Ausstellung selbst tausendfältige Symptome des Standes der Cultur der verschiedenen Völker.

Dazu kamen" noch jene zahlreichen Führer, die jedes Land denen gewährte, welche ernstes Interesse an der Sache bewiesen; jene Führer, die unter dem schüchternen Namen von Katalogen oder unter dem anspruchsvolleren Titel statistischer Werke oft das reichlichste und neueste Materiale, besonders zur Beurtheilung der volkswirtschaftlichen Zustände, an die Hand gaben.

Mit solchen Mitteln ausgerüstet, darf man es daher immerhin wagen, die Ausstellung als Anlass zu einer Skizze über die Civilisation und den wirtschaftlichen Fortschritt zu benutzen.

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I. DAS WESEN DEE CIVILISATION UND DES FOETSOHRITTES.

Gleichwie der Kreislauf des Stoffes keine Ruhe und keinen Stillstand in der Natur duldet, so bewegt sieh auch die Menschheit nach ewigen Gesetzen immer fort; es gibt kein Innehalten und kein Rasten in unserer civilisatorischen Entwicklung; es gibt nur Rückschläge oder Fortschritte aber kein absolutes Stehenbleiben. In allen Sphären des Lebens, auf dem Gebiete der materiellen und der ethischen Interessen, in der socialen und politischen Gestaltung wechselt fortwährend der Zustand der Cultur. Freilich haben wir nur über wenige und unvollständige Beobachtungsmittel zu ver- fügen, um diesen Wechsel nachzuweisen; es steht uns weder die Wage noch der Massstab, weder das Mikroskop, noch die chemische Analyse dafür zu Diensten; dennoch bietet der Vergleich der ferneren und der nächsten Ver- gangenheit mit der Gegenwart die Gelegenheit zu urtheilen, ob und wieweit

wir uns jenem Ziele genähert haben, das den Endpunkt der möglichen Culturentwicklung vorstellt. „Wenn wir die Menschen um uns her verstehen und gehörig würdigen wollen — sagt C a r e y *) — blicken wir in ihr vergan- genes Leben und setzen uns hierdurch in den Stand, auch ihre wahrschein- liche Zukunft zu bestimmen. Nicht anders ist es mit den Nationen. Um die Richtung zu erkennen, in welcher sie sich bewegen, um zu bestimmen, ob diese zur Civilisation, zu Wohlstand und Macht hinführe oder zu Barbarei, Armuth und Schwäche, müssen wir den gleichen Weg einschlagen."

Bei einer solchen Untersuchung drangt sich nothwendig zuerst die Frage nach dem Inhalte dessen auf, was dem Menschen als die höchste Stufe der Civilisation vorschwebt. So weit die Auffassungen hierüber auseinander gehen mögen, so wird und kann doch von keiner Seite geleugnet werden, dass nur jene Richtung der Cultur eine innere Berechtigung in sich trägt, welche J e d e m die Mittel bietet, ein durch die Natur selbst in den Menschen gelegtes, gemeinsames Streben zu befriedigen; jene Richtung, welche nicht bloss Einigen aus der Familie der Menschheit, sei es herrschenden Völkern, Classen und Ständen, oder Individuen, auf Kosten und zum Nachtheil Anderer, sondern welche A l l e n ausnahmslos die Erfüllung ihres Berufes ermöglicht.

Dieses Ziel, das von der G e s a m m t h e i t der Menschen anerkannt wird, liegt in der ungestörten, nur durch das ethische Bewusstsein eingeschränkten

. *) Wirthsehaftspolitische Rückblicke. Deutsch von Dr. Adler, München 1888.

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I K u n s t u n d Civilisation. 9

Befriedigung der körperlichen und geistigen Bedürfnisse; es setzt einen Zustand der Menschheit voraus, in welchem e r s t e n s die nöthigen äusseren Mittel geboten sind, und das ist nur der Fall bei v o l l e r B e h e r r s c h u n g d e s n a t i i r Ii ch en D a s e i n s , d e r M a t e r i e ; und in welchem z w e i t e n s die Anwendung dieser Mittel durch die moralische und sociale Ordnung gewährleistet, keine Persönlichkeit durch die andere beeinträchtiget, keine unterdrückt, sondern für jede die volle Rechtsharmonie hergestellt wird, und das geschieht durch die s t a a t s b ü r g e r l i c h e F r e i h e i t .

Die Bedingungen einerseits für den Sieg des Menschen Uber die Natur in dem ewigen Kampfe um das Dasein, andererseits für die Freiheit, sind auch die wahren Bedingungen der Civilisation und die wirkenden Ursachen des Fortschrittes-.

Wir könnten, um diese Behauptung zu begründen, das Selbstbewusst- sein jedes Menschen anrufen; allein es stehen uns'andere Beweismittel zu Gebote, denen ein mehr objectiver Charakter zukommt. Sehen wir zuerst, .welche Kennzeichen der Civilisation überhaupt angeführt werden und ob

dieselben mit den hier aufgestellten Bedingungen identisch oder mit ihnen nothwendig verbunden sind.

I. DIE KUNST UND DIE CIVILISATION.

In erster Linie und so häufig hört man die Bliithe der Kunst als untrüg- liches Merkmal der höchsten Cultur eines Volkes hervorheben·; und es hat in der Tliat viel Verlockendes für sich, dieser Annahme zu folgen. Nur wo die edle und bessere Seite des Menschen das Uebergewicht über die rohe Sinnlichkeit erlangt hat und es behauptet, erwacht auch der Sinn für ästhe- tische Schöpfungen und der Sinn für die Anerkennung dessen, was die kiinst- . lerische Begeisterung schafft. Auf den ersten Stufen der Civilisation kann die

Kunst weder zum Ausdrucke kommen, noch würde man sie pflegen, und es müssen Generationen von Barbaren gewissermassen die ersten Schichten der.

Cultur abgelagert haben, damit auf diesen dem Genius ein Tempel gebaut werden kann. Kein Zweifel, in den Werken der Kunst spiegelt sich die ganze Denkungsweise, es spiegeln sich die Ideale und selbst die politischen Bestre- bungen der Nationen klar und deutlich ab und deshalb bietet der Charakter und die durchgängige Richtung der Kunstwerke auch einen gewissen Einblick in das Aufsteigen oder Hinabsinken des Staates. ·

Bei den ältesten Culturvölkern des Alterthums, von welchen uns geschichtliche Ueberlieferungen vorliegen, den Indern, Persern und Aegyp- tern, tritt die Kunst in ebenso selbständiger und charakteristischer Weise

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hervor, als späterhin bei den Griechen; die Baudenkmäler und die naturali- stische Sculptur jener, wie die gedankenreiche und technisch hochentwickelte Plastik und Malerei dieser stehen im innigsten Zusammenhange mit ihrer nationalen Bedeutung in der Weltgeschichte. Aber schon in dieser ersten Periode zeigt sich, dass zwischen Kunst und Civilisation ein innerer und ursächlicher Zusammenhang nicht bestehen kann; denn einerseits blüht

^ f eine selbständige Kunst in Staaten, in welchen, wie in Indien, Aeg3rpten und - im Perserreich, die Würde des Menschen völlig verkannt wird, deren Religion blutige Opfer und Witwenverbrennungen fordert, deren despotische Verfas- sung die Hautfarbe und Abstammung als Grundlage der Kasteneintheilung anerkennt und den Menschen nöthigt, mit Hintansetzung seines wahren Berufes das zu werden, wozu ihn der „Zufall der Geburt beglückend auser- sehen oder verdammend verurtheilt hat" ; andererseits hat ein. kräftiges Volk des Alterthums, das der Römer, zur Zeit der höchsten Entfaltung seiner politischen Macht und seines culturhistorischen Einflusses, zur Zeit der grössten Freiheit in seinem Verfassungsleben, zur Zeit der vollsten Blüthe der Wissenschaft und Literatur dennoch keine selbständige nationale Kunst, j i j sondern nur schwache Nachahmung und Aufnahme etruskischer und griechi- ' scher Vorbilder.

Aelmliches zeigt das Mittelalter mit der maurischen und byzantinischen Kunst und die neuere Zeit mit dem Wiederaufleben der Architektur, Sculptur und Malerei in Italien und den Niederlanden während des 15. und 16. Jahr- hunderts. Auch da knüpft sich die Kunst nicht unbedingt an die Staaten, in denen die höchste Entwicklung der wissenschaftlichen und politischen Macht,

^J die grösste Freiheit oder die meiste Achtung vor der Menschenwürde zu beobachten ist, sondern an Nationen, die in jenen, unleugbar wichtigen Cul- turmomenten verhältnissmässig tiefer stehen.

Werfen wir endlich einen Blick auf die neueste Zeit, so wiederholt sich . dieselbe Erscheinung und die Pariser Weltausstellung hat nur dazu gedient,

•zu bekräftigen, dass die relative Entwicklung der Kunst und der Cultur keineswegs mit einander gehen. Völker, welche unbestritten für Ansehen und Machtstellung nach Aussen und für Zufriedenheit im Innern, für die Aner- kennung der Freiheit, für den materiellen Wohlstand und die Geltung jedes Einzelnen, für dife Pflege der Wissenschaft und den allgemein menschlichen ' Fortschritt am meisten getlian haben und noch thun, stehen in den Leistun- i gen der Kunst durchaus nicht sehr hoch. Wer die treffende Charakteristik

liest, mit welcher Herr Professor Ed. E n g e r t h die Leistungen der einzelnen Länder in'der Malerei vergleicht*), wird viele Belege für diesen Satz finden,

») S. diesen iiericht Ii. Seite 2 0 — 3 1 .

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I Kunst und Civilisation. 1 1

und ausserdem können wir uns auf das Urtheil eines anderen .anerkannten Kunstkritikers beiufen, dessen Schilderungen die nämliche Thatsache bekräf- ,rr

tigen *). Zwar haben die selbständigen Nationen auch eine einigermassen selbständige Kunst, ihVe Höhe steht aber durchaus nicht im Einklänge mit' jener der übrigen Leistungen.

Die Verschwisterung der erfindenden Kunst mit den schaffenden Gewer- ben, wie sie in den verschiedensten Zweigen der_K u n s ti n d_u s t r i e heute hervortritt, führt zu dem nämlichen Ergebnisse. Man kann dabei, wie uns scheint, stets drei Epochen der Entwicklung unterscheiden. .

In der e r s t e n durchzieht der angeborene Kunstsinn, wo ein solcher besteht, jede Arbeit; die Produetion ist noch so beschränkt, dass jeder Gegenstand von der Individualität des Producenten und von den ihn um- gebenden äusseren Eindrücken, der Vegetation, dem Landschafts-Charakter u. s. w. belebt wird und etwas Originales an sich trägt. Als Beispiel könnten Jj) . wir aus der Geschichte der Arbeit die Entwicklung der sogenannten Arts industriels in den ersten Stadien aller heutigen Völker anführen; die artistisch reichen Waffen, Geschmeide, Bronzen, Stickereien, Wanddecorationen, Emailarbeiten, Fayencen, Elfenbeinschnitzereien aus dem Mittelalter Frank-

reichs, Italiens, der pyrenäischen Halbinsel u. s. f. zeigen dieses Stadium besonders deutlich **). Aus der Gegenwart sind Nachweise für die nämliche Thatsache nicht minder leicht zu finden; die geschmackvollen Arbeiten der Eingeborenen aus den nordamerikanischen Colonien lassen sich dafür ebenso anführen, als die gesammte orientalische Kunstindustrie von heute; das Flä- chenornament in der mannigfachen Anwendung auf alle Erzeugnisse, wie es diese letztere bewahrt hat, der Farbenreichthum, die unbewusst stylgemässe . Behandlung der indischen und persischen Stoffe, die Uebertragung dieser

Ornamentik auf Gefässe und Geräthe, der alte byzantinische Styl bei vielen Arbeiten der russischen Kunstgewerbe, die prächtigen Tauschirarbeitenaus Persien, Russland, der Türkei ***) und aus Ostindien versinnlichen uns noch jetzt in jedem einzelnen Objecte, dass Völker, welche in der Cultur sehr tief stehen, dennoch durch unverwischte Originalität künstlerischer Leistungen fähig sind.

*) Kunst und Kunstindustrie auf der Weltausstellung von 1807. Pariser Briefe von K r i e d r . . H e c h t . Leipzig 1867.

**) W i r g e h e n hier ü b e r diese Belege so flüchtig hinweg, weil ein e i g e n e r Theil des Berichtes G ü b e r die „Histoire du travail" von Herrn Dir. von E i t e l b e r g e r (II. S. 1 2 3 — 1 6 4 ) zahlreiche * Details enthält.

***J „Bien que les peuples Ottomans et surtout les Turcs possèdent en réalité un sentiment naïf et profond de l'art, ce n'est pas par la peinture et la sculpture en elles mêmes, traitées isolement sous forme de tableaux ou de statues, que ce sentiment se révèle, mais bien plutôt dans les mille objets V usuels où se joue, sans jamais sortir des rètjles établies, la fantaisie de l'ouvrier. (La Turq u ie à

l'expos. univ. patj. i î 1.)

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i In dieser ersten Epoche der Kunstindustrie ist aber Menschenwürde und Freiheit noch wenig oder gar nicht geachtet; Heloten, -Sclaven, Hörige, Leibeigene, Sfidräs, Parias, oder wie sie sonst heissen mögen, sind die unter-

• jochten Stände, welche ihren natürlichen Beruf niemals erreichen können.

, Unwissenheit, Aberglauben und Vorurtlieile begleiten stets diese Zeit der

^Dämmerung einer späteren Cultur.

In der z w e i t e n Epoche tritt das verbesserte Werkzeug und die Maschine an die Stelle der blossen primitiven Handarbeit; die Production wird massenhaft, billig, gleichförmig; Alles ist dem praktischen Bedürfnisse angepasst; der Schönheitssinn muss oft der Bequemlichkeit weichen, und mit diesen veränderten Anforderungen tritt das ästhetische Gefühl, der Kunst- sinn und der artistische Schmuck in den Hintergrund, ja er wird gewisser- massen für einige Zeit unterdrückt. Die Generalisirung beherrscht Alles, selbst den Geschmack·. Wir sehen den Charakter dieser Periode mehr oder weniger

\ allen Erzeugnissen der Gross-Industrie aufgeprägt, welche in den Culturstaaten Europa's und Amerika's vom Ende des vorigen Jahrhunderts bis auf unsere L Tage zu Markte gebracht werden, und wir können ihn vielfach nachweisen.

Die Erzeugnisse des Webstuhles beherrschen den Consum und verdrängen . fast die Kunstspitze, die Kunststickerei und die Gobelins; Patrone und

Schablone ersetzen das Ornament; Model und Guss ersetzen gewisser- massen die Wiederholung der Arbeit des Bildhauers und Ciseleurs; Stein- druck, Kupferstich, Stahlstich und endlich das Lichtbild treten mit dem Originalgemälde in siegreiche Concurrenz und die künstlerische Individualität muss beinahe verschwinden. In denjenigen Fällen, in denen sie noch auftritt, führt sie meist zu überstürzten Arbeiten ohne wahre Begeisterung und es fehlt

* ' ihr die bedächtige Ruhe, das hohe Ideal der alten Zeit.

In dieser Epoche, welche einzelne Staaten schon hinter sich haben, wäh- rend andere sich noch in derselben befinden, und wieder andere erst in sie treten, feiert also die Kunst keine Siege, sondern sie wird — wenig beachtet — fast zur Dienerin derlndustrie; und dennoch steigtin dieser Epoche die Achtung <

vor der Arbeit des Menschen und seinem höheren Berufe; die grellen.Con-

( traste zwischen den Ständen und Kasten verschwinden allmälig; der Mensch I / leitet und organisirt, während er früher selbst das Werkzeug war; es steigt

f die Freiheit; es nehmen Wohlstand und Kenntnisse zu.

In der d r i t t e n Epoche endlich gelangt das Bediirfniss, dem künstle- rischen Elemente wieder Geltung zu verschaffen, mit neuer Kraft zum Durch- bruche ; trotz der Massenliaftigkeit sucht man auch den ästhetischen Formen der Production Rechnung zu tragen und ermöglicht selbständige Schöpfungen;

gute Vorbilder und classische Stylmuster werden hervorgesucht und der

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I Politische Macht und Civilisation. 13 consolidirte Reichtliura gibt der Kunst das Brod," dessen sie bedarf. Erst r"

in d i e s e r Epoche kann eine hochentwickelte Kunstindustrie mit hoher Civi- ^ lisation zusammentreffen. ·

Diese Thatsachen im Zusammenhange mit unseren früheren Betrachtun- gen beweisen, namentlich wenn man den heutigen Stand der Kunst und der Cultur mit jenem früherer Epochen• vergleicht, dass die Kunst n i c h t d i e u n e r l ä s s l i c l i e B e d i n g u n g der Civilisation sein kann, dass sie vielmehr i nur ein S y m p t o m der letzteren ist, welches freilich meistens in ihrem Ge- ' folge "ers3îeînî7" aber auch fehlen kann, ein Symptom, welches nur einen

äusseren Anhaltspunkt, aber keinen verlässlichen Erkenntnissgrund bietet und é deshalb niemals f ü r s i c h a l l e i n den richtigen Gradmesser der Civilisa- tion bilden wird

2. DIE POLITISCHE MACHT UND DIE CIVILISATION. " . Es ist eine ziemlich naheliegende und geläufige Schlussfolgerung, die

staatliche Machtentwicklung mit der Civilisation zu identificiren ; da der Mensch seinen Beruf nur in der G e s e l l s c h a f t erreichen kann, diese aber ihre höchste Bliithe im Staate findet, leitet schon dieser Zusammenhang dazu, (2 der Staatenbildung den grössten Einfluss auf den Fortschritt zuzuschreiben, ·/

ja zu glauben,, dass mit der Gradation der Staatsmacht auch die Civilisation abgestuft werden müsse. Ein anerkannt scharfer Denker, G u i z o t , hat diese Seite des Culturlebens geradezu in den Vordergrund gestellt, indem er die Entwicklung der äusseren politischen Verhältnisse und die Ausbildung der bürgerlichen Gesellschaft als das Hauptmerkmal aller Civilisation annimmt- 4- und daran die Entwicklung des geistigen Lebens und die Ausbildung des

Menschen reiht**). In der That nehmen wir diese Anschauung mit den ersten geschichtlichen Studien unserer Jugendjahre in uns auf; die grosse civilisa- torische Bedeutung des unermesslichen persischen Reiches unter Cyrus, Darius und Xerxes, die Machtstellung Griechenlands, jene des macedonischen Rei- ches unter Alexander dem Grossen, die Bliithe der römischen Republik im zweiten Jahrhunderte vor Christi Geburt .und unter Cäsar, des fränkischen Reiches unter Karl dem Grossen, des deutschen Reiches unter den fränkischen Kaisern und Hohenstaufen, und endlich der Glanz der nappleonischen Welt-

*) S c h o n aus diesem inneren Grunde w a r es unmöglich, mit der Ausstellung der s o g e n a n n t e n Histoire du travail den Zweck eines Civilisationsbildes zu e r r e i c h e n ; von den äusseren G r ü n d e n , die eine solche Intention vereiteln mussten, s p r i c h t Herr Dir. v. E i t e l b e r g e r in diesem Berichte ^ II. S. 122 ff. **) Guizot, histoire générale de ta civilisation en Europe.

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herrschaft: das Alles sind Thatsachen, welche fiir inen einnigen Zusammen- hang der Civilisation mit der politischen Macht zu sprechen scheinen. Und ' dennoch wäre es verfehlt, diese für. die Bedingung jener zu halten. Ein Blick

auf die En.tstehung der Grossmächte aller Zeiten lehrt uns dies.

Im Altertliume haben sowohl die aus der Städteverfassung hervorgegan- genen Principate, als die grossen Monarchien nur durch Eroberung und Unterjochung ihren Einfiuss errungen. In den meisten Fällen waren, wie H e e r e n *) für die asiatischen Staaten klar nachgewiesen hat, die Eroberer herumziehende Völker, welche ihre undankbaren Wohnsitze verliessen und, j gelockt durch die Schätze reicherer, mehr cultivirter und glücklicherer Län-

^ der, auf diese fielen, sie ausplünderten, unterwarfen und sich in denselben festsetzten. Ihre Herrschaft wurde nur durch die Gewalt der Waffen behauptet, ihre Verfassung war mehr oder weniger militärisch und trug deshalb unaus- bleiblich den Charakter des Despotismus an sich. Auch das römische Welt-

• reich, obgleich in seiner Bliithe frei nach Innen, hatte nicht nur einen ähn- lichen Ursprung, wie die asiatischen Staaten, sondern war auch von Bürger- kriegen, Aufständen und beständigen Kämpfen durchwühlt.

Im Mittelalter und der neuen Zeit war ebenso der Lorbeer der grossen politischen Usurpatoren, der Gründer von Weltreichen und Grossmächten stets mit Blut befleckt ,· sie alle bauten ihre Siegesliallen nur auf den Trüm- mern der von ilyien zerztörten Staaten und Städte und machten die Menschen zum gefügigen Werkzeuge ihres Ehrgeizes. „Die berühmtesten Namen sind

Würger des Menschengeschlechtes, gekrönte oder nach Kronen ringende / H e n k e r gewesen, nicht Humanität, sondern Leidenschaft haben sich der Welt j bemächtiget und ihre Völker wie wilde Thiere zusammen und gegen einander A getrieben. Fast jede kleine Landesgrenze, jede neue Epoche ist mit Blut der V Geopferten und mit Thränen der Unterdrückten in's Buch der Zeiten gezeich-

net" **). Was aber Unterjochung, Sclaverei, Despotismus, Zerstörung und Ver- nichtung im Gefolge hat, kann unmöglich die bedingende Ursache der Civili- sation und des Fortschrittes seih.

Und vergleichen wir die inneren Zustände jener Weltmächte der Ver- gangenheit mit den unbedeutendsten freien Staaten des heutigen Europa:

welcher Contrast, welche Finsterniss, welcher Culturmangel zeigt sich da.

Unwissenheit, Aberglaube, Götzendienst, willkürliche Verfügung über das Y Menschenleben, ausartender Uebermuth und Laster der herrschenden Classen, Luxus und Reichthum auf der einen, drückendste Armuth und Noth auf der

*) A. H. L. H e e r e n , Ideen ü b e r die Politik, den Verkehr und den Handel e t c . I. S. 10 ff.

**) H e r d e r , Ideen z u r Geschichte der Menschheit Ii. S. 2 1 5 .

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I Geistige Macht und Civilisation.. 1 5

anderen Seite: das ist das Bild, welches sie uns gewöhnlich zeigen, und dieses Bild kann gewiss die Züge jenes Zustandes nicht enthalten, welcher der Menschheit im Grossen und Ganzen die Erfüllung ihres Berufes gewährleistet.

Deshalb waren auch die vorgeschrittensten dieser Staaten des Alterthums, wie G r i e c h e n l a n d und R o m , nicht haltbar; es fehlte ihnen die Erkenntnisse und Beherrschung der Natur und sie verstanden nicht die freie Persönlichkeit zur eigentlichen Stütze des Gemeinwesens zu machen.

Noch eine andere Betrachtung führt uns mit zwingender Logik dazu, in der politischen Macht die unerlässliclie Bedingung des Cultur-Fortschrittes n i c h t zu erblicken. Das Wesen der Civilisation muss trotz vorübergehender Rückschläge das Merkmal der Stetigkeit in sich tragen, damit es mit der Ver- nunftbestimmung des Menschen in harmonischen Zusammenhang gebracht wer- den kann; ohne dieses Merkmal würde das Werk der menschlichen Gesell- schaft eine Sisyphus-Arbeit sein, bei welcher kommende Generationen immer wieder von Neuem aufzubauen hätten, statt dort fortzusetzen, wo die früheren geendet haben. Staaten aber verschwinden vom Erdballe, ohne Anderes als die Geschichte ihrer Existenz zurückzulassen. „Nicht nur einzelne Personen'·'

— sagt H e r d e r — „überleben sich, sondern noch viel mehr und länger soge- nannte politisch-moralische Personen, E i n r i c h t u n g e n , V e r f a s s u n g e n , S t ä n d e , C o r p o r a t i o n e n . Oft steht Jahrhunderte lang ihr Körper zur Schau da, wenn die Seele des Körpers längst entflohen ist, oder sie schleichen als Schatten umher zwischen lebendigen Gestalten." — „Staaten als Einrich- tungen der Menschen, als Kinder der Zeiten, ja oft als blosse Gewächse des Zufalles haben glücklicher Weise Alter und Jugend, mithin eine immer fort- gehende unmerkliche Bewegung zum Wachsthum, zur Bliithe oder zur Auf- lösung" *). Die Civilisation der Menschheit als Ganzes jedoch muss der Auf- lösung entrückt sein, sie muss sich von Epoche zu Epoche fortpflanzen und kann deshalb nicht an die wechselnden Gebilde der politischen Macht gefesselt sein.

So wenig als der Staat der höchste Zweck der Menschheit, so wenig ist die politische Machtstellung die nothwendige Bedingung der Civilisation; sie ist häufig, Jjesonders in der neueren Zeit, ihre FoTge und Wirkung, aber nie war sie ihre alleinige Ursache.

3. DIE GEISTIGE MACHT UND DIE CIVILISATION.

Die ganze Entwicklungsgeschichte der Menschheit, von den dunkelsten Traditionen und den Lehren der Bibel bis auf unsere Tage drängt uns, gegen-

h ·

*) Präludien z u r Philosophie der Geschichte d e r Menschheit Ii. S. 14.

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16 Einleitung.

über dem in der vorigen Betrachtung erhaltenen negativen Resultate, zu der Ueberzeugung, dass der Gultursieg, der einst die höchste Würde des Men- schen zur Geltung bringen wird, in einer gleichmässigen Steigerung der

* Befriedigung und des Wohlstandes Aller, in der Veredlung der menschlichen Zustände liegt.

Die Mittel, um zu diesem Ziele zu gelangen, haben wir schon früher angedeutet; wir werden sie jetzt näher besprechen; es gehört Lieber Alles, was zu einer vollständigeren Herrschaft des Menschen Uber die natür- lichen Kräfte bei unbeirrter Freiheit jedes Einzelnen führt. Ein Fortschritt in diesem Sinne setzt einerseits erhöhte Intelligenz, andererseits die Beseiti- gung der noch bestehenden socialen, politischen und wirtkschaftlichen Hin- dernisse voraus. "

Die Erhöhung der Intelligenz liesse sich in doppelter Weise deuten : in einer Steigerung der natürlichen Fähigkeiten des Mensehen und in einer erhöhten Anwendung des gegenwärtigen Masses derselben; für das erste liegt, wie B u c k l e * ) aus der Geschichte und Statistik zu zeigen versucht hat, kein 'positiver Anhaltspunkt vor; es ist noch nicht dargethan worden, dass das

„sittliche und intellectuelle Vermögen der Menschen bei vorgerückter Civili- sation von Natur schärfer und zuverlässiger war, als vorher." Wir können daher nicht mit Sicherheit annehmen, dass die natürlichen geistigen Anla- gen der Menschen aus dem civilisirtesten Tlieile von Europa höher seien, als jene der wildesten Bewohner eines barbarischen Landes, wenngleich, wie Buckle unerwähnt lässt, die höher civilisirten Völker im anatomischen Bau, insbesondere der Wirbelsäule, vom Thiere viel verschiedener sein sollen, als die Wilden **). Mit Zuversicht kann heute das Wesen der Civilisation und ihres Fortschrittes nur in der zweiten Richtung, nämlich darin gesucht werden, dass. die dem Menschen zugemessenen Fähigkeiten intensiver zur Geltung gelangen, dass eine „Verbesserung der Umstände eintritt, unter welchen diese in Wirksamkeit gesetzt werden."

Diese Tendenz des Fortschrittes äussert sich aber, wie wir bei dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft kühn behaupten können, in keiner anderen Weise, als in dem vollen Verständnisse und in der Ausnützung aller derjenigen Kräfte, welche die uns umgebende Natur verschliesst ; daher ebenso in einer Beherrschung der rein physischen Seite unseres eigenen Wesens, als der rohenMaterie überhaupt. Mit jeder Erkenntniss neuer Kräfte,

*) H. T h . B u c k ! « , B e s c h i c k t e d e r Civilisation in E n g l a n d ; d e u t s c h von A. R o g e . Z w e i t e Ausgabe I. 149 ff.

**) Herbert Spencer, first principles. Loudon 1862, p. i?6.

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I Geistige Macht und Civilisation.. 17 mit jeder Anwendung derselben für persönliche Zwecke, mit jeder Entdeckung

• neuer Körper und Stoffe aus einem der drei Naturreiche wird der Mensch unabhängiger und selbständiger; seine höheren Bedürfnisse werden vollstän- diger befriedigt. Während er in den Anfängen der Civilisation der Natur unterworfen ist, liegt diese dann besiegt zu seinen Füssen; er gebietet über ein immer steigendes Mass von Mitteln zur Anerkenntniss seiner Würde und Freiheit.

Zu dieser Auffassung des Wesens der Civilisation leiten schon alle Naturreligionen, es leitet uns dazu aber auch die Philosophie, die Geschichte

der Menschheit und die Erfahrung der Gegenwart. Wir sehen die Vorahnung dieser hohen Aufgabe des Menschen schon in gewissen Auffassungen des heidnischen Alterthums. Die älteste Religion des arischen Stammes der Eranier, jenes Volkes, auf dessen Stätten wir die Wiege der Menschheit zu suchen haben, durchzieht der-nämliche Gedanke; Zoroaster's Lehre, die im Zend-Avesta enthalten ist, beginnt damit, eine ethische Anschauung an die Stelle der blinden Verehrung von Naturerscheinungen zu setzen; alle- gorisch drückt sie in den beiden Personificationen von Ormuzd und Ahriman den Kampf zwischen der lichtvollen Intelligenz, dem Beherrschen der Natur- kräfte, und der finsteren Unwissenheit, der blinden Sinnlichkeit aus und stellt es als die Aufgabe der Menschheit hin, das Reich Ormuzd's zu vergrössern, welcher die allbelebende Naturkraft ist und die das Wohlergehen der Menschen bestimmenden Naturverhältnisse in seiner Macht hat. Die Anschauung der Aussenwelt, welche ein tiefes Nachdenken über die Kräfte der Natur erweckte, führte zu dieser religiösen Grundanschauung, zu der'Erkenntniss des Gött- lichen in der Natur, zur Unterwerfung unter diese und zu ihrer Verehrung, wie sie auch in die V e d e n , das erste und heiligste Denkmal ost- arischer Völker, eingewebt ist*). Alle Theogonien und Naturreligionen von dem uralten indischen Brama-Cultus und theilweise dem Buddhaismus bis zu jenen der germanischen und celtischen Volksstämme zeigen in mehr oder weniger allegorischer Form, daSs die Persönlichkeit anfänglich ganz der Natur unter- worfen war; dass der Mensch die natürlichen Kräfte zuerst als solche Mächte ansah, die als Gottheiten ihn bezwingen und sein Dasein abhängig machen, und dass er diese erhaltenden und zerstörenden Mächte in rohen Symbolen verehrte(Baals-Cultus,Druidendienst)**). Erst allmälig verstellter, sich dieser

*) De» Zusammenhang zwischen dieser N a t u r a n b e t u n g und den kosmischen Ursachen derselben schildert s e h r schön H u m b o l d t , Kosmos 1. S. 116 ff.

**) Der Brania-Dienst f o r d e r t bekanntlich, Thiere und Bilanzen als heilig zu v e r e h r e n , ebenso G e w ä s s e r , b e s o n d e r s den Gangesstroin. Auch die ägyptische Naturreligion ist nur eine P e r s o n i - licalion n a t ü r l i c h e r K r ä f t e und g e b i e t e t s t r e n g e die V e r e h r u n g und Heilighaltung d e r T h i e r e , und nicht minder ist der Cultus d e r chaldiiiscben .Magier ein Sonnedienst mit Anbetung d e r N a t u r .

Einleitung. 2

(20)

i magischen Gewalt zu entziehen und erblickt endlich in dem richtigen Gebrauche der ihm zu Gebote stehenden physischen und geistigen Mittel seinen wahren Beruf und sein hohes Ziel.

Jahrtausende hat es bedurft, ehe der Mensch sich von der blinden Anbetung und dem blossen Anstaunen der Naturkräfte zu deren Erforschung, Erkenntniss und Unterwerfung emporschwang; aber jeder Schritt auf diesem Wege, jeder Schritt, der einen Aberglauben, ein blindes Vorurtlieil, einen Irrthum oder ein gedankenloses Fürwalirhalten unerklärlicher Annahmen beseitigte, war ein Schritt zur Civilisation; und, was die Intelligenz auf diesem Wege errungen bat, war nicht vergänglich, wie Eroberungen und Weltherrschaften, sondern blieb ein Gemeingut, das sich von einer Gene- ration auf die andere vererbte und die Basis zum Weiterban bildete.

Nur in diesem Sinne kann ein Fortschritt nachgewiesen werden; wäh- rend von den Unterjochungen und Staatenhildungen der Vergangenheit Alles zerstäubt ist, haben wir die Erbschaft der Kenntnisse, der Erfahrungen und der grossen Wahrheiten, welche die genialsten Denker vorangegangener Jahrhunderte feststellten, fast ungeschmälert angetreten. Die Weltreiche des Darius, Cäsar, Attila, Carls des Grossen und der Usurpatoren aller Zeiten sind gefallen, aber die Forschungen eines Plato, Aristoteles, Euclides, lveppler,.

Newton und aller übrigen Grossmeister der Wissenschaft, die Erfindungen eines Guttenberg, .Watt, Hargreaves, Arkwright und der zahlreichen ihnen ebenbürtigen Talente sind das Gemeingut der ganzen Nachwelt geworden.

„Die Entdeckungen des Genius" — sagt B u c k l e mit beredten Worten —

„bleiben; ihnen allein"verdanken wir Alles, was wir haben; sie sind für alle Zeitalter und für immer; nie jung und nie alt, tragen sie den Samen ihres eige- nen Lehens in sich; sie tliessen fort in einem ewigen, unsterblichen Strome und nach dem Verlaufe von Jahrhunderten wirken sie stärker, als sie es im Augenblicke ihres Bekanntwerdens vermochten."

Schon diese Betrachtungen lehren uns, dass die geisti^e_Macht, als das Einzige, was der Vergänglichkeit entzogen ist, die wirkende Ursache der Civilisation und "des wirtschaftlichen Fortschrittes bildet. Werfen wir aber eilten Blick auf die Staaten unserer Zeit, so wird diese Ueberzeugung nur befestiget. In einem Theilc der Welt sehen wir ungeheuere, von der Natur reich ausgestattete Gebiete, Länder, deren Bevölkerung nach Hunderten von Millionen zählt, mit allen natürlichen Bedingungen des Gedeihens und der Macht ausgerüstet und dennoch ohne Bedeutung für die leitenden Ideen der Gegenwart, ohne massgebenden Eintluss auf die grosse politische Bewegung, olme inneren Wohlstand, abgeschieden von dem rastlosen Vorwärtseilen der übrigen Menschheit. In einem anderen Theilc der Welt ist es ein kleiner Continent,

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I Geistige Macht und Civilisation.. 1 9

Europa, und die von diesem colonisirte Hälfte Amerika's, welche, obgleich viel stiefmütterlicher von der Natur bedacht und unendlich viel geringer bevölkert, dennoch an der Spitze der gegenwärtigen Entwicklung der gesammten Menschheit stehen. Wohin die Bewohner dieser Länder ihren Fuss setzen, erwacht neues Leben · erst vor wenigen Decennien haben sie einen Welttheil, der bis dahin ganz unbeachtet geblieben, war, durch Colonisation zu einer ungeahnten Bedeutung gebracht*). Obgleich klein an Zahl, herrschen sie überall, wo sie sich niederlassen oder neue Bahnen brechen. Im grossen Gangesbecken beispielsweise befindet sieh eine Bevölkerung von 60 Millionen Hindus, Bramanen, 8 Millionen asiatische Moliamedaner und nur 80.000 Christen europäischen Ursprunges,· allein, wie der bekannte Forscher Charles D u p i n sagt — jene 80.000 Christen, ob bewaffnet· oder nicht, sind die absoluten Herren der Hindus und Moliamedaner geworden,· sie befehlen ihnen und üben auf sie eine.unwiderstehliche Macht aus. „Neben ihrem jugend- frisclien Treiben sinken die Staatsgebilde des Heidenthums langsam in Trümmer oder zerbröckeln vor dem Andrängen der Civilisation, so dass auch jene rohen Stämme staunend nach der Kraft fragen, welche das kleine Europa

zu solcher Stufe der Macht und Bildung gebracht hat" **).

' Fortwährend erschliessen sie ihrem Einflüsse neue Gebiete und erwecken neue Völkerschaften aus dem Schlafe der Unwissenheit. Und was ist die Veranlassung, welche dieses Ucbergewicht geschaffen und diese Bedeutung der Europäer und Anglo-Amerikaner begründet hat? Es ist nicht die Gewalt der Waffen, nicht der despotische Wille eines Besiegers gegenüber dem Besiegten, sondern es ist die Macht des Geistes, die unwiderstehliche Herrschaft des Wissens, der Intelligenz, welche dort ihre Triumphe feiert, welche den Aberglauben, das Kastenwesen, die blinde Unterwerfung unter die Natur ausrottet, indem sie an deren Stelle die lichtvolle Erkenntniss der Wahrheit, die C i v i l i s a t i o n setzt.

Wir glauben nicht zu weit zu gehen, wenn wir in diesem sicheren und erfolgreichen Vordringen der Culturvölker eine Bestätigung der D a r w i n'schen

*) Im J a h r e 1788 landete ein Schiff in P o r t - J a c k s o n , um den Auswurf d e r Menschheit dort a b - zulagern und in Australien eine englische V e r b r e e h e r - C o l o n i e zu g r ü n d e n : es waren im (innzen 1000 P e r s o n e n , w e l c h e nach achtmonatlicher Reise in Neu-Siid-Wales ankamen. Heute e r h e b t sieh an .¡euer Stelle Sidney, eine p r ä c h t i g e Stadt mit 100.000 Kinwolmern. Nen-Siid-Wales gab den Au- stoss z u r Gründling d e r ¡ihrigen C o l o n i e n : Tasmanien, N e u - S e e t a n d , Victoria und Queensland, deren (iesaniint-Bevölkerung u n g e f ä h r 2 Millionen Seelen zählt und deren Produetion , b e s o n d e r s seit Beginn d e r G o l d g e w i n n u n g ( 1 8 0 1 ) , so rasch zunahm, dass der W e r t h i h r e r j ä h r l i c h e n Bin- und Aus- f u h r j e t z t zwischen 0 2 0 — 7 0 0 Millionen Tranes g e s c h ä t z t wird. (Nouvelle-GuUcs du Sud. l'.xp. natu, u Paris 1867.) Erst von j e n e r Zeit an nimmt Australien am grossen W e l t v e r k e h r einen Antheil.

**) 0 . E1 e i s (¡Ii in a i m . Die g r o s s e n Cullurepoehen der Menschheit. Kaiserslautern 1808. S. 2 0 2 ; eine ü b r i g e n s in der T o t a l i t ä t d e r Auffassung s e h r wenig ompfehlellswertlie S c h r i f t .

2 *

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i Lehre auf dem Gebiete des Geistes und zugleich eine Bekräftigung für die liier durchgeführte Auffassung von dem Wesen der Civilisation erblicken. In

dem Kampfe aller Wesen um das natürliche Dasein können nur jene Indivi- duen und Arten fortbestehen und Jahrtausende überdauern, welche in irgend einer für sie vortheilhaftercn Weise von den übrigen ihres Gleichen abwei- chen und sich vor ihnen hervorthun ; am lebhaftesten ist dieser Kampf — die Concurrenz — unter den verwandtesten Formen, und eine muss den Sieg über die andere davontragen, um sich zu erhalten und nicht der ihr drohenden Vernichtung anheimzufallen. Wenden wir diesen Satz, dessen Geltung für die ganze Natur nicht mehr eine blosse Chimäre, sondern eine schon zur grössten Wahrscheinlichkeit erhobene wissenschaftliche An- nahme ist, auf die menschliche Gesellschaft an, so führt er zu der Consequenz, dass nur jene Völker und Stämme die höchste Stufe der Entwicklung und des Fortschrittes erklimmen können, welche die meisten Fähigkeiten und Kenntnisse besitzen, um sich die Bedingungen der physischen und geistigen Existenz zu verschaffen. Da nun jede Unterwerfung einer natürlichen Kraft eine solche Bedingung bildet, liegt in der Ausbreitung des intellectuellen Fortschrittes, wie wir ihn erfassen, der wichtigste Hebel der Civilisation.

Allerdings liefert die Geschichte Beispiele, dass es der rohen Macht gelang, Uber die Intelligenz den Sieg davon zu tragen; um nur eines zu erwähnen: jene grosse Vernichtung der europäischen Cultur, wie sie durch den Untergang des römischen Reiches, die Völkerwanderung und die ihr folgenden Thatsachen geschah, würde anscheinend gegen unsere Behauptung sprechen. Aber diese Erscheinungen bekräftigen nur das grosse Gesetz; die

Siege der Barbaren waren eine Folge des innerlich morschen Zustandes jener einstens civilisirten Staaten, gegen welche sie anstürmten; sie waren die Folge eines Zustandes, der auch ohne jeden äusseren Anprall nicht mehr lange fortgedauert hätte, weil er schon in sich selbst unhaltbar geworden war. Und abgesehen davon, dürften uns einzelne Ausnahmen nicht beirren.

Gleichwie, nach den neuesten geologischen Forschungen, in einigen Ordnungen des Thierreiches vorübergehende Rückschritte stattgefunden haben, dennoch aber ein allgemeiner Fortschritt in der Natur nicht geleugnet werden kann *), geht auch die Menschheit, unbeirrt von solchen Rückschlägen, dennoch wieder ihren grossen Schritt nach vorwärts.

' ) eil. Lyell. Principlrs of (leoloyy 10. eil. I. 186T, II. 1868. E r findet in den g e o l o - gischen Untersuchungen den A'nchweis für den Rückschritt , insofern« sich z e i g t . dass die a u s g e s t o c h e n e n (ieschüjife h ö h e r orgnnisirt waren . als .jene d e r iiherleheuden Ordnung- in d e r - selben Olussc.

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I Geistige Macht und Civilisation.. 23

In rein materieller Beziehung kann die Anwendung des .Darwinschen Gesetzes auf die menschliche Gesellschaft als Ganzes genommen kaum mehr einem Zweifel unterliegen. Statistik und Geschichte haben bis zur Evidenz erwiesen, dass schwächere Racen sicli von dem Augenblicke an nicht mehr halten konnten, in welchem sie mit stärkeren und kräftigeren Stämmen in Berührung kamen *). Allein auch auf dem rein geistigen Gebiete sehen wir die nämliche Erscheinung, wenn auch, nicht in so grellen Zügen, vor uns sich entwickeln. Alle unter unseren Augen sich abspielenden staatsrechtlichen und politischen Vorgänge zeigen im Grossen und im Kleinen, dass die Civilisations- fortschritte beständig Siege der Intelligenz über die Unwissenheit und der Freiheit über den Despotismus' sind. Die vor sechs Jahrhunderten ausge- sprochenen Worte des ersten und grössten italienischen Dichters Dante Alleghieri sind also noch heute die richtige Bezeichnung des Wesens der Civilisation: „Das ^igengte^Werk des Menschengeschlechtes, als Gesammt- lieit verstanden, ist, alle in dasselbe gelegten Kräfte der Intelligenz^zuerst im Gedanken, dann in derThat zu offenbaren. Das ist der Endzweck der mensch- lichen Civilisation."

Und sprechen wir es aus, in der Versöhnung der realen Wissenschaften mit dem Cultur-Berufe derJVfonschen liegt auch die wahre M o r a l des Fort- schrittes; während „alle Predigten, Homilien und Textbücher nicht ein Titelchen zu den Geboten des sittlichen Gefühles hinzugefügt haben", erhebt uns" die erweiterte Kenntniss und Beherrschung · der natürlichen Kräfte auch in dieser Beziehung immer höher **). Je mehr die Macht des Gedankens die

*) Eine während der Drucklegung· dieses Berichtes e r s c h i e n e n e S c h r i f t : „ K u l t u r g e s c h i c h t e d e r .Menschheit von I». Kr. K o l h ( 1 . L i e f e r u n g ) , e n t h ä l t eine Reihe d e r i n t e r e s s a n t e s t e n Belege f ü r diese Behauptung ; w i r entnehmen derselben nur einige eclatante Thiitsuchen. Bei Gründung d e r Kolonie Vi c t o r i a im Jahre 1833 s c h ä t z t e man die Zahl d e r E i n g e b o r e n e n auf beinahe 9 0 0 0 ; im J a h r e 1847 glaubte man sie bloss noch zu 3 0 0 0 annehmen zu können ; die Zählung· von ISo!) e r g a b nur noch 1768. Auf T a s m a n i e n sind die Autoehthonen bereits so g u t wie völlig v e r - s c h w u n d e n ; bei d e r letzten Aufnahme konnten nur noch Ii Männer und 11 Krauen e r m i t t e l t w e r d e n , während hei B e g r ü n d u n g der Kolonie, 67 Jahre zuvor, eine einheimische Bevölkerung von etwa liOOO Individuen v o r h a n d e n war. Auf den S a n d w i c Ii - I u s e I n (Hawai') wies die Volkszählung vom E n d e des J a h r e s 1861 e i n e B e v ö l k e r u n g von 67.084 E i n g e b o r e n e n a u s , die Aufnahme von

1861) nur m e h r 3 8 . 7 6 3 , somit seine Abnahme von 8619 Individuen, d. Ii. von mehr als· 12 Proc.

in der Spanne Zeit von e t w a 3 ' / , J a h r e n ! " — W e r wollte in diesen Thatsachen nicht ein e r n s t e s Meniento für den geistigen Marasmus e r b l i c k e n !

**) Die eben c i t i r t e S c h r i f t von K o l l i nimmt in j e d e r Beziehung denselben Standpunkt ein, auf welchem w i r uns hier beliiiden; wir verweisen insbesondere auf die d o r t nach statistischen Ergehnissen b e t o n t e Thatsache, dass die Perfeetibiiitiit des menschlichen Geschlechtes nur in der Intelligenz b e g r ü n d e t ist, und dass diese sowohl eine V e r b e s s e r u n g der materiellen Lage, n a m e n t - l i e h a u c h d i e L e b e n s v e r 1 ä n g e r u n g , als auch höhere geistige Vervollkommnung b e w i r k t . (1. S. 1 4 — 2 3 . )

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Herrschaft der rohen Gewalt verdrängt, desto mehr gewinnt jeder Einzelne die Mittel, aus sich selbst heraus, ohne Rücksicht auf Stand, Ahnen und Gönner das zu werden, wozu er die natürlichen Fähigkeiten besitzt; die Schranken, welche in Vorrechten, und Privilegien der alten Zeit gelegen sind, fallen immer mehr und mit ihnen zieht von selbst die F r e i h e i t ein, welche der Persönlichkeit ihre volle Würde leiht.

Ein Staubkorn im unergründlichen Kosmos wird der Mensch, obwohl er mit Pflanze und Thier nahe verwandt blieb, durch den Götterfunken des G e i s t e s zum Herrn der Natur. Je mehr wir diesen Götterfunken anfachen,

- - - • --

desto höher erheben ivir uns Uber, die uns umgebende geistlose Welt und so

? ist die Oivilisation — d i e w a c h s e n d e H e r r s c h j i f t ^ ^ s ^ ^ M ^ e j i s c h e n üJnM'jlje N a t u r — nicht bloss eine materielle und wirthscliaftliche, sondern sie ist eine ethische That, die uns auf die höchste Stufe des Daseins stellt.

. II. DIE STUFEN DES CULTU R-FOETSCHKITTES.

Wir haben uns bemüht auf den vorangehenden Blättern das Wesen der Oivilisation zu definiren, um aus den Erscheinungen der Gegenwart auf den Culturfortschritt der einzelnen Nationen schliessen zu können. Es erübriget hier noch, bevor wir zu den Einzelheiten schreiten, darzuthun, inwieferne die auf der Pariser Weltausstellung gesammelten Erfahrungen zu den hier gezogenen Schlüssen berechtigen. •

Die mit dem Wesen der Civilisation nothwendig verbundene -Herrschaft y über die Materie, welche uns den Sieg im Kampfe um das Dasein verschafft, 0 äussert sich nicht nur in jenen Forschungen des Menschengeistes, die eine

immer klarere Erkenntniss unserer sittlichen Aufgabe herbeiführen, sie äussert sich nicht nur in dem Abstreifen der Fesseln des geistigen und mate- riellen Verkehres und in der dadurch bedingten socialen, staatlichen und wirthseliaftlicken Freiheit: sondern sie tritt insbesondere in den Resultaten jener Thätigkeit auf, die immer neue physische Kräfte, neue Stoffe, neue

Gegenstände der drei Naturreiche uns nutzbar macht oder deren Brauchbar- keit für uns erhöht.

Wer daher für den Vergleich der Civilisation verschiedener Völker oder für die Geschichte der Civilisation e i n e s Volkes Merkmale sucht, wird nach den politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Zuständen einerseits,

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I Stufen des " C u l t u r - F o r t s c h r i t t e s . 23 nach den wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften andererseits fragen. Hat uns die Pariser Weltausstellung auch verhältnissmässig weniger Anhaltspunkte geboten, um in der ersten Richtung d i r e c t e Beobachtungen anzustellen, so hat sie doch in der zweiten Beziehung das reichste Materiale an die Hand gegeben;· und indirect Hessen sich die wesentlichen Züge des Standes der Civilisation immerhin vielfach erkennen.

Zunächst fiel uns ein Gesetz in die Augen, welches einem ganz allge- meinen und von Archäologen schon bisweilen berührten Gedanken Ausdruck gibt, abev auf dem Marsfelde so lebhaft illustrirt war, dass wir es nicht mit Stillschweigen übergehen dürfen. Die Ausstellung bewiess, dass die S t u f e n d e r C u l t u r , w i e s i e g e s c h i c h t l i c h b e i e i n e m V o l k e in J a h r - h u n d e r t e n s i c h f o l g e n , b e i v e r s c h i e d e n h o c h s t e h e n d e n N a t i o - n e n g l e i c h z e i t i g v o r k o m m e n .

Es ist bekannt, dass zwischen der Vegetationsvertheilung von der Meeres- oberfläche bis zur ewigen Schneegrenze der Gebirge und zwischen derjenigen von dem Aequatomach den Polen ein gewisser Parallelismus besteht. Ein gleiches Nebeneinandergehen der Civilisation in v e r s c h i e d e n e n Zeitaltern e i n e s und im g l e i c h e n Zeitalter v e r s c h i e d e n e r Völker wurde auf der Ausstel- lung klar. Sowie der Wanderer, der die Vegetation an den Abhängen hoher Gebirge der heissen Zone beobachtet, alle Stufen der Pflanzenwelt, vomReich- tliume der Tropen bis zur Armntli der Polarkreise, verfolgen kann und auf einem Punkte der Erde in verschiedenen Höhen vereint findet, was sonst örtlich so ungeheuer ferne liegt: so veranschaulichte die Arena des Marsfeldes auf dem Wege von den Abtheilungen der jungen Colonien und der passiven asiatischen

••Staaten bis zu den Sectionen von Belgien, Frankreich, und England alle Grade der Civilisation, welche die Geschichte schildert. Am wenigsten klar trat diese Beobachtung in den socialen und politischen Momenten hervor, wenngleich, auch hier die Ergebnisse; freiheitliche Entwicklung und Machtstellung gegenüber dem verkommenen Despotismus und der Schwäche, deutlich genug zu lesen und aus den, dem Besucher der Ausstellung gebotenen Behelfen eine solche Zahl von Einzclnheiten zu entnehmen war, dass wir den uns gebotenen Raum weit Uberschreiten miissten, wollten wir auf diese eingehen.

Desto auffälliger spiegelten sich die ökonomischen und jene Momente der Civilisation ab, welche die Beherrschung der natürlichen Kräfte betreffen.

Es sei uns gestattet, aus der Fülle von Belegen nur die augenfälligsten hervorzuheben und uns dabei auf den Vergleich solcher Gegenstände zu be- schränken, welche zur Befriedigung der gewöhnlichen, täglichen Lebens- bedürfnisse gehören. '

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Die Geschichte lehrt, dass die Urahnen aller heutigen civilisirten Völker- schaften in ihren ersten Ansiedinngen die höchst einfachen und primitiven N a h r u n g s m i t t e l lediglich aus der Einsammlung einiger wildwachsender Pflanzen und Baumfrüchte und aus der Jagd und Fischerei zogen; Producte, welche sie sich höchstens am Feuer ohne irgend welche künstliche Zuthaten bereiteten ; der älteste rohe Naturzustand begann bei unseren Vorfahren mit dem Genüsse von solchen Gegenständen, welche die Natur ihnen freiwillig gewährte und in dieser Beziehung war der Uebergang zur Fleischnahrung

! der erste Fortschritt. Es bedurfte längerer Zeit, ehe sie von dem blossen J ä g e r l e b e n zu dem H i r t e n l e b e n und endlich zum A c k e r b a u über- gingen und damit den Kreis ihrer Lebensmittel durch Arbeit vermehrten.

Schon V a r r o unterscheidet bekanntlich diese drei Stufen, welche auf die mit der Civilisation zunehmenden Genüsse hindeuten. Aus den zahl- reichen Beispielen für die oben angeführte Einfachheit der Nahrungsmittel in den ersten Culturepochen aller Völker sei nur erwähnt, dass Homer in seinen Schilderungen die Könige immer nur Fleisch, Brot und Wein speisen lässt. In der ganzen reichen isländischen Sagenpoesie, die bekanntlich mit der germanischen Entwicklungsgeschichte im engsten Zusammenhange steht, kommen keine, anderen Gerichte vor, als Hafermuss, Milch, Butter und Käse, Fische, Hausthierfleisch und Bier*). Eine Illustration dieser an sich bekannten historischen Thatsache lieferte auch die Abtheilung der Histoire du travail, welche Funde aus den Pfahlbauten der Schweiz und aus den Kjoekken- moeddings von Dänemark enthielt. Diese zeigten Ueberreste von Nahrungs- mitteln der Bewohner jener räthselvollen Ansiedelungen aus dem Steinzeit- alter und zwar Theile von Fischskeletten, Thierknochen, Cerealien und Pflanzen, Früchte, besonders Holzbirnen und Aepfel, dann in einer Schweizer Sammlung (von MEISSIKOMER) Ueberreste von einer Art verkohlten Brotes **).

Noch heute finden wir die nämliche, vor Jahrtausenden herrschende Einfachheit der Nahrungsmittel bei * den rohen Naturvölkern, die bisher nicht in den Kreis der Civilisation gezogen worden sind.

• Die Ausstellung hat uns für alle Uebergänge von den primitiven Lebens- mitteln der Grönländer, Lappländer , · der asiatisch - russischen Nomaden-

*) Raumer's bist.. Taschenbuch f. 1885, S. 491 u. Koscher, Nationalökonomie I. 448.

**) So interessant diese Sammlungen liir den Laien und gewiss auch für den Archäologen von Euch gewesen sind, so unvollständig war d e r erst bei dein Schlüsse der Ausstellung erschienene Cutaloijuc yencral; histoire du traenil*, der iin 1. Theile, S. 2 8 0 — 2 8 8 u n r e i n e einfaehe Aufzählung aller hieher gehörigen Gegenstände enthält. Ueber die primitive Art der Zubereitung dieses Brotes sehe m a n : Dr. Ed. v. S a c k e n heidnische Alterthuniskunde. S. 56. Man vgl. n u e h : W o r s a a , zur Alterthumskiinde des Nordens.

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I Stufen des "Cultur-Fortschrittes. 2 5

Stämme, der Indianerstäramc Amerika's, der Eingeborenen Inner-Af'rika's und der Siidsee-Inseln bis zu den raffinirtesten Genüssen des hochcivilisirten Europäers tlieils Originalbelege in der Gruppe der Nahrungsmittel und Getränke (VII) gebracht, tlieils durch die Lebensweise der auf der Ausstellung anwesenden Aussereuropäer, tlieils durch beschreibende Kataloge einen Einblick in diese Verhältnisse verschafft. Man konnte sehen, däss in der Befriedigung der Nahrungsbediirfnisse derselbe Unterschied und Uebergang, ]±

welcher h i s t o r i s c h nachgewiesen ist, auch g l e i c h z e i t i g bei verschieden ' civilisirten Völkern vorkommt. ,

Die Abbadehs, Bieharis, Haddarebs beispielsweise, welche den oberen Tlieil von Nubien bewohnen, nähren sich noch heute, wie die «Ichthyophagen des grauesten Alterthums, nur von Geschenken der Natur: Muscheln, Mollusken und Seefischen *); das Nämliche gilt von den Pescliäras an den Kiisten Feuerlands und der Magelhaensstrasse **).

Denselben Urzustand finden wir, was Vegetabilien betrifft, g e s c h i c h t - l i c h fiir die Vorfahren der modernen Culturnationen und wir fanden ihn, i dem parallel, auf der Ausstellung für rohe, in der Kindheit der Cultur lebende D ^ Stämme der Gegenwart nachgewiesen. '

Welche zahlreichen Uebergänge aber gibt es von dieser einfachen Nahrungsweise zu der Fülle und Mannigfaltigkeit von Stoffen, welche die civilisirte Menschheit der Natur abzuringen versteht! Während der Kirgise Sibiriens oder der Gaucho Siidamerika's auf einige Thiere und Pflanzen seiner nächsten Umgebung beschränkt ist, und der Sohn der Wüste sich oft tagelang mit einigen Datteln begnügen muss, kann heute der hoclicultivirte Europäer bei jeder Mahlzeit Producte aller Zonen und Welttheile verzehren.

Nicht etwa bloss um der Genusssucht zu fröhnen, sondern um die für die Erhaltung der Arbeitskraft und des Lebens nöthigen Stoffe zu dem niedrigsten Preise zu erhalten, wendet er alle Erfahrungen an, durch welche es ihm gelingt, das Fleisch, das in den Prairien Siidamerika's völlig werthlos wäre, oder Fische, Gemüse und Milch in Extracten und Conserven von billigen Productionsgebieten zu beziehen. Schon in dieser einen Frage des

* ) L'Egypte d t'Exposition univ. de 1867, par M. Charles Edniond. p. 236*

**) Aus d e r bekannten Höhle von Aurignac (Haute Caroline) hatte Herr h a r t e t und e b e n s o hatten zahlreiche andere Sammler und Archäologen in der Histoire du travail U e h e r r e s t e . von Knoehen des Rhinoveros tiehorhinus u.'s. w. ausgestellt, aas welchen zu entnehmen ist, dass diese Thiere von den alten Gelten g e h r a t e n uud v e r z e h r t w u r d e n ; noch heute w i r d , als Seitenstiiek d a z u , das f l e i s c h des j u n g e n R h i n o c e r o s von den indischen Stämmen, von Chinesen und H o t t e n - totten g e n o s s e n , und so k ö n n t e n wir, wenn es nicht zu weit .führen w ü r d e , noch eine Reihe a n d e r e r Beispiele mittheilen. '

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modernen Wirthscliaftens zeigte der Sieg der Intelligenz über die Natur die verschiedensten Stufen der Civilisation auf der Ausstellung *).

Noch klarer als bei der Nahrung trat dieselbe Thatsache und das Gesetz des Parallelismus der Culturepochen bei den W o h n u n g e n hervor.

Hier waren in der That staunenswerthe Uebereinstimmungen zu beobachten zwischen der Art und Weise, wie unsere Vorfahren ihr Obdach suchten und wie noch heute rohe und uneivilisirte Völkerstämme dieses Lebensbedürfniss befriedigen. Es wird genügen, Einiges aus dem reichen Materiale, welches die Ausstellung bot, hervorzuheben.

Die Höhlen der Ureinwohner Galliens aus der ersten Periode des Stein- zeitalters, aus welchen eine so grosse Anzahl von Werkzeugen in der franzö- sischen Abtheilung der lHstoire du trucuil airsgestellt war und deren plastische Modelle gewiss jedem Besucher dos archäologischen Museums von St. Germain- en-Laye aufgefallen sind, sind fast identisch mit den Wohnstätten der Troglo- dyten, die noch heute zwischen Kosseir und Berenice (24 — 26° n. Br.) und in Ober-Abessinien zu finden sind **); beide kennzeichnen die erste Kindheit

der Cultur. . Die wahrscheinlich aus einer etwas vorgerückteren Epoche des Altertliums

stammenden Wohnungen der Pfahlbauten des Stein- und theilweise des Bronze Zeitalters, welche in so anschaulicher Weise in der Abtlieilung der Schweiz dargestellt waren und aus Holzstämmen, Binsen, Moos und Torf zusammengefügte Hütten sind, in welche nur eine Tlnire führt, ohne dass weiter für Luft und Licht gesorgt, wäre ***), sind denjenigen Wohnstätten völlig gleich, welche noch heute den Winteraufenthalt der Grönländer, das Haus des Eingebornen der Sandwich-Inseln, das Becliuanen-Dorf der Colonie Natal bilden. Für diese und viele andere Typen waren auf dem Marsfelde theils Originale in natürlicher Grösse, theils Modelle, theils anschauliche Bilder vorhanden.

Gerade so, wie vor Jahrtausenden die Urahnen der heute civilisirtesten Nationen gewohnt haben, zimmert sich noch jetzt der Grönländer seine Hütte aus Baumstämmen, Moos und Steinen halb in die Erde hinein, indem er die als Fenster dienenden Oeffnnngen mit tliierisclien Membranen verschliesst und

5) Oa wir im Laufe der späteren Darstellung auf die Einzelheiten noch z u r ü c k k o m m e n w e r d e n , g e n ü g e hier diese Verweisung aut die lleriehte im VII. Helte, S. 36 IT., 8 . 30 IL n. S. 6 3 ff., dann X. S. 2 8 7 ff.

**) L'Egypte ii l'Eccpos. p. 286.

***) Beschreibungen d e r nlten W o h n u n g e n , die mit den auf d e r Ausstellung befindlichen Bildern ü b e r e i n s t i m m e n , einhält S t r a h n IV. 4 , l'h'aius llist. uat. XVI. 36, Llvius XXI. 3 2 , S. Dr. v. S a n k e n

a. a. 0 . S. 109. '

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I Stufen des "Cultur-Fortschrittes. 27 kaum dem Rsauch durch einen armseligen Schornstein den Abzug ermöglicht;

gerade so baut sieh auch der Hawa'iense und Becliuane seine Hütte aus dem Rohre der Pandanuspflanze und einigen einheimischen Hölzern, um auf der aus Binsen geflochtenen, ärmlichen Matte auszuruhen*). Die nomadischen Tribus in der ganzen türkischen Provinz A'iclin in Klein-Asieu campiren unter Zelten, in welchen sie sogar die schönen Teppiche weben **) und ebenso lebte nach den letzten An'gaben noch mehr als ein Drittel der Bevölkerung von Victoria (nämlich 140.892 Einw.) in Zelten und Hütten aller Art, deren Zahl mehr als 50.000 betrug ***).

So könnten wir zahlreiche Beispiele anführen, ja selbst die Pfahlbauten kommen gewissermassen noch heute vor, indem einzelne Stämme auf Sumatra, Borneo, den Philippinen und Neu-G-uinea auf ähnliche Art loben, wie einst die Bewohner der auf der Ausstellung vertretenen, Jahrtau- sende zurückreichenden Stalluns laeustres ihre Ansiedelungen eingerichtet hatten f).

Hält man- diesen primitiven Wohnstätten, welchen es nicht nur an allen Spuren des Comforts, sondern auch — was noch wichtiger ist — an allen hygienischen Bedingungen für das Leben fehlt, jene Fortschritte entgegen, welche die Macht des Wissens dem hochcivilisirten Europäer für die Herstel- lung seiner Wohnstätte an die Hand gegeben hat; vergleicht man damit die un- zähligen, täglich sich mehrenden Bau-Materialien aus der Pflanzenwelt und dem Mineralreiche, die vielen chemischen und physikalischen Errungenschaften, deren er sich bei dem Baue und der Einrichtung selbst bedient, um sein Haus gesund, bequem, geschmackvoll und doch billig herzustellen; stellt man der durch Gas erleuchteten Wohnung dos gemeinsten englischen Arbeiters die finstere Hütte des Indianer-Häuptlings oder die Höhle des Troglodyten aus der Celtcn-Herrschaft gegenüber, so entrollt sich vor uns abermals ein Cul- turbild, das zugleich ein Stück Menschlicits-Gescliiclite und ein Gradmesser der Civilisation der Gegenwart ist f f ) .

*) Das Sommerpalais des G r ö n l ä n d e r s , das ebenfalls im Modelle zu sehen w a r , besteht, aus einem von T h i e r f e l l e n ü b e r d e c k t e n Zelte, dessen W a n d u n g e n spärlich mit Moos v e r s t o p f t s i n d ; die den tatarischen Völkerschaften a n g e h ö r e n d e n Nomaden und J ä g e r v ö l k e r im K a u k a s u s , in der Krim (NogaYs o d e r S t e p p e n t a t a r e n ) , die Baschkiren, Kirgisen und die Vakuolen (im Nordosten Sibiriens) leben ebenfalls in Zelten, die aus Baumstämmen bestehen, welche mit Birkenrinde, Thierfelleu o d e r r o h e n , aus Thierhauren g e w e h t e n Stoffen b e d e c k t sind und deren Originale Russland a u s g e s t e l l t halte.

**) Lu Turquie a TKxp. univ. p 42.

" * ) Vgl.: »Die Colonie Victoria in Australien. Melbourne 1 8 6 1 " , S. ¡17, und die j ü n g s t e l'ubli- cution „The proyress of Victoria, Melbourne 1867", S. Iii.

f ) Dr. E. v . Sacken, a. a. 0 . S. 60.

-¡--j-) Auch liier müssen w i r hinsichtlich d e r Details auf die w e i t e r unten f o l g e n d e n A u s f ü h r u n g e n und auf die Berichte d e r betreffenden Ciassen (IV. Heft Gl. 6 5 , XI. Heft S. 372 ff.) verweisen.

Ábra

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