"Sei getreu bis in den Tod!" : Den Hinterlassenen und Freunden des Herrn Dr. Thomas Scherr sel. zur Erinnerung an den 13. März 1870

Teljes szövegt

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„ J>ei g e t r e u b i s t u b e u ^ o b ! "

®en

¿jmferfaflfenen unb d i e i m ö e i i . beb

£ e r r n D r . ^ o n t a d f e i . 3ur (Erinnerung «n int 13. ¿Säg 1870.

35 on

3 . Ä . Ä ü n j l e r ,

¡Pfarrer in Xäjjertneilcn.

lürid),

©v.uct oon Dr.ell,'8üpli & So.

• 1870.

A Z DrQ7 PqoH · l/ A. P I * Ss Tanszermtizeum:

^ • >!. Qyertyänffy-könyvfära.

(2)

L· SZEGED .raj

45298

(3)

\

' ÍEtjt: Offtnt. So^anniä, ólat. II, lo.

„Sei getreu bis in bcn S£ob unb id) roitl bir bie Srone beb Sebenb geben"!

Trauernbe unb tßeilncßmcnbe grcunbe!

SSir ßaben einen bebeutenben Mann gu feinet leften Stußeftätte begleitet unb bab frifße ©ráb, in welßeb bie Sonne ißten ©ruf ßinabfenbet, ift bab trbtfße ©nbegiel eineb reißen unb geßaltöollen Menfßenlebenb. ®en meiften ©liebern unferer ©emeinbe nur bem 2lubfeßen naß belannt unb nißt gu leßtercr geßörig, mar boß Kiemanb unter nnb, ben fein plößlißer Tob gleißgültig lief; benn auß bei' einfaßfte Mann im Volle raufte, baf bort, in ber freunblißen §oß=

ftrafe, ein ©eleßrter rnoßne, beffen Käme toeit über bie ©rengen unfereb Vaterlanbeb mit ©ßten genannt werbe unb ber eine tiefeingreifenbe SSirlfamfeit ßinter fiß ßabe. 3a gemif, naß 3aßr unb Tag, wenn bie Meiften Pon unb auß in lüßler ©rbe fßlafen, wirb noß ßie unb ba ein grembling unferen lieblißen griebßof betreten, um bic Kußeftätte beb Manneb aufgufußen, bem er Vieleb, inbbefonbere Siebe unb ©ifer für einen ebeln Veruf, berbanlt. Still unb anfprußblob lebte er in4 unferer Käße, lag emfig feinem Tagtoerfe ob, unb erfreute fiß eineb ßeiteren Sebenbabenbb, alb gang unerwartet ber Tob fein ßeiligeb ffteßt an ißm bollgog unb unb 2lHe in erfßütternber SSeifc wieber baran erinnerte, baf unfer Seben nur ein §auß ift unb ber Sterbliße nur Seffanb in bem ßat, mab allem Sißf6aren gu ©runbe liegt unb alleő Srbifße überragt.

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Aaci)bem mir beti Kjcurcn ©obten, unter gnnrocifung auf bie Stelle, welche er in bem Seben eingenommen unb nun leer geloffen l)nt, bei ber ifjm befreunbeten Ancf)bnrgcmcinbe eingeführt, wollen wir unb nod) cinniot baS Bilb beS Sebenben Oergegenwärtigen, inbem wir bcrfitchen, beffen SebenSgang in furgen 3ügen bnrguffellen.

Hnfcr entfdhlafener Mitbrubcr: %homöS Sei)err, Dr. pbil., erblicftc ba§ Sicht ber SSelt ben 15. ©hriftmonat 1801 unb würbe gleichen ©oge§ getauft, ©r ftammte aus i»ohenrect)bcrg in SBürttem*

berg, wofelbft fein Baier, ben er ftetS in ehrenbem unb liebeOollem Anbeuten trug, Schrer war. 3um geiftlichen Stanbe beftimmt empfing er, uad) bem erften Unterricht im ©Iternljaufe, eine l)öl)«c Bilbung.

©cm innern Aufc folgenb, wanbte [ich aber her nun Bollenbetc bem Schrerffnnbc gu. Unb' gmar waren eS gerabe bie Aermften unb ©len*

heften, bie fein ©emütf) angogen; ben Blinben unb ©aubftummen wibmete er bie erftc Sugenbblüthc feines SebenS. ®cn greunben unb·

Befdjütjcrn beS BlinbeninftituteS in Bürich gelang eS, biefe tüchtige Straft gu erwerben. Am 26. Ottober 1825 übernahm er biefe ehren*

üolie unb mühfelige Stelle. Unter feiner Seitung würbe baS Snftitut bebeutenb erweitert (eine ©aubffummennnftalt bamit Oer6unben), unb bem Unterrichte bie wirffamffe gorm gegeben. Sieben Saljre fpäter würbe er'bon ber StaatSbehörbe auf einen höheren unb noch bcrnntroortungS*

bolleren Soften geftellt: cS würbe ihm ba§ ©ireftorat am Schrerfetninnr in ÄüSnacht übertragen, ©ng befrennbet mit ben einflupreichften Männern beS StantonS, t>ctlf er mit ©ifer unb Straft auch baS öffentliche Seben in neue Bahnen gu leiten unb legte inShefonbere ben ©runb gu einer 8ehrcr6i(bung, auS welcher bann ber 6lühenbe Buftanb beS SchulmefenS hetborging, beffen fich unfer Aä<h6arfanton fchon lange gu rühmen hat·

Aber fchon im Staljrc 1839 fctjte eine gewaltfame ©rfchütterung biefem feinem SBirfen ein Biel· ©efränft, betrübt, aber nicht entmutigt unb nicht gebrochen, fal) er jidj auS ben Streifen geffopen, wo er fein Seben unb feine greubc fanb. ©em innern Berufe getreu fe^te er in priüater Stellung bie SBirffamfeit für Sugenb* unb BolfSbilbung fort, unb

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— 5 '— \ hatte habet.bie ©enugtbuung, bap er üietfadhe Elnerfennung fattb. —

®ie fchriftftellertfcfte ©b'itigfeit beS BianneS nach ihrer öerfchiebenen Richtung gu nwrbigen, fann nicht unfere Sache fein.

®ie häuslichen Berpaitniffc unteres Gntfchiafencn führen uns noch einmal in einen früheren SebenSabfcbnitt gurücf. 3m 3ai)r 1831, ben 20. Boöember, trat er in eheliche ©emeinfcbaft mit Sinna Sattmann oon Hütten, Äantoti Sürid). ®iefe Gtje mürbe mit fünf Äinbern gefegnet; baöon finb brei, nämlich Söhnchen, in jarter Äinbljeit geftovben; gmei Sachter blieben it)m erhalten, bie nun heute an ber Seite ihrer Biänner unb mit ihren Äinbern ben herben Berluft betrauern. Schon im 3ai)r 1840 mürbe it)m bie ©attin, bie treue Stufte in feftweren Sagen, burd) ben ©ob entriffen. Sm-Biarg 1843 fiebelte er fid) auf her Hodjftrape in GmmiSbofen an, uttb fanb bann, mit feinen Äinbevn »crcinfamt, eine gmeite Sebenögefäbrfin/poll gehung für ihn, üotl mütterlicher Siehe für bie tinber. llnfer Biitd)rift öerel)clid)te fid) nämlich ben 11. Sanuar 1844 mit SBill)elmine «Sophie Batalic geeg pon granEfurt. Ein ihrer Seite buvftc er eine Bcii)c im

©angen feftöner unb gtücflichcr gaftre »erleben. ®urd) baS Bcrtraueti nat)ev unb fernerer gatnilien beehrt, madfte er mehrere 3at)re hinburd) fein §auS gu einer BilbuiigSftättc bei- Sugenb. Gin unerfchüttertich treuer greunb, toie er mar, wibmete er bann gerne manefte 'Stunbe benen, bie in alter Siehe feine Bähe fudften. Bocf) einmal follte er, ein geprüfter unb üielerfaljrencv Biann, in öffentlicher SScife auf bie

©eftattung beS SdhuImefenS eingreifen, inbem iftn ber ©rope Baii; beb fantonS Sl)urgau Saftre 1853 in ben GrgiehungSratl) berief. ®ic eingreifenbe,. umgeftattenbc äßirffamEeit biefer Betjörbe, an beren Spifte er ftanb, bewies, bap er noch Bid)tS üon feiner Begciftcrung für ben Beruf feineS SebenS eingebüßt h«^· Bachbem ber nun Bollenbete Pon biefer Stelte gurüefgetreten mar, lebte er nur nod) feiner feftrift*

ftellerifchen SSirffamfeit, mar aber bis an'S Gnbe immer bereit gu

ratf)en unb gu helfen, mo man feiner beburfte. · Unfer Blitbruber erfreute fid) nicht gerabc einer feften ®e|ünbt)eit,

fo bap auch mit Bütffidjt auf fein Befinbcn fein Seben nicht frei Pon

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Prüfungen war. ©v flngtc nißt picl. Tßcilncßmenb in ßoßem Maße für bic Seiben feiner Mitmcnfßen, fußte er fiß über bie Utipoll·

fommenßeiten beb ©rbcnlcbenb gu bcnißigcn im fißern ©Iau6cn an eine unenblißc Mcibßeit unb in immer tieferer Aneignung beffen, luab er alb ben ewigen fern unter Pergänglißen Vorftellungen crfanntc.

Kißtb beutete auf fein naßeb ©nbe ßin. Koß testen Mittmoß Sibenb maßte er feinen getuößnlißen Slubgang unb erfreute fiß bann cineb feften Sßfafeb — alb er Morgenb gegen 4 tlßr an einem frampfßaftcn Sßnrcrg erwaßte. ®cr Tobebpfeil ßattc ißn inS §erg *) getropen. 3m Vcttc fißcnb blicEte er mit leibenb Wcßmiitßigcm Sluge auf bie ©attin ßin, bic an feinet Seite ftanb — neigte fßwcigcnb bab §aupt unb tierfßicb. ®er Vollcnbete erreißte ein Slltcr Pon 68 3aßren, 2 Monaten unb 23 Tagen.

Treu in feinen Ucbergeugungcn, treu in feiner Siebe gu ben Seinen, ben greunben unb für alle Veftrcbungen, bic er alb görbc*

rung menfßltßcn SBoßlb eraßtetc, ttnb treu in feiner §offnung auf ein waßfenbeb ©ottebreiß auf ©rben würbe er Pon feinem Tagewcrfc abberufen, llnb an biefem ©ebanten mögen fiß bie tiefbetrübten Seinen tröften unb erßeben.

Mir nun, meine Sinbäßtigcn, wollen unb jeßt gur Vetraßtung beb Mortcb ßinioenben, bab wir unb für biefc Stuube aubgewäßlt ßaben.

„Sei getreu bib in ben Tob, unb tcß will bir bie tone beb Sebenb geben". ®iefcb ernfte, feierliße Mort Pernaßm ber ßeiligc Scßcr, cinb mit' bem ©eifte feineb §crtn, ber in ißm lebte, ©r Pernaßm eb in örangPoHet Seit, in einer Seit, ba bic erfte Siebe Vieler erfaltet war, ba Stnbere ungewiß gmeifelten unb fßroanften, unb eine Perbotbenc, gum Untergange reife Melt bie Slnßänger eineb neuen frifßcn ©laubenb mit ©emalt gu erbtütfen fußte, ©r Pernaßm eb in einer Seit, ba gwei SSeltalter mit cinanber rangen, ein alteb, abfterbenbeb, bab aber

*) 3n golge ©egcncration Per Siorta ift ein #erjfßlng eingetreten.

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__ 7 —

nocß bic Uebcrgaßl,. bic ©Radßt, bag ©olb auf feiner Seite ßatte —

«nb ein erft aufbämmernbeg, aufbämmerub an bem IjcCfcrn Seßein, ben ber Stern aug 3afob, naeß furgem Seueßten, in biefer Sffielt gurücfgelaffen ßatte. 3n folcß' entfeßeibenber Seit — unb faum ßat ein ©cfdjlccßt gelebt, welcßeg ein foldßeg Seitalter beffer 311 eerfteßen fößig gewefen wäre, alg bag gegenwärtige — ba war eg Sncße ber Starten, ber Uebergeugunggfidßcrn unb Klaren, ben Scßwadßcn, Scßwaw Eenben unb Unflaten gugurufen: „feib treu, feib feft, unfer ift ber Sieg"!

Unb bag SBort gilt aud) ung! Sei getreu — fei eg öor 9111cm im ©tauben. Sag feßt nun freiließ boraug, baß man ©lanben ßabe. 9lbct wag ßeißt ©louben ßaben? §eißt eg bloß, biefer ober jener Kircßengemeinfcßaft äußerlicß angeßörcn? £> nein! ber ©laubc, befonberg im Sinne beg großen 9lpoftcl6, ßat einen biel tiefern Sinn.

3n jener SBeifc waren aueß bie fpßariiäer unb Sdßriftgelcßrten ©Iäu=

bige, welcße ben §errn Sefum an'g Kreuz fcßlugen. Sie geßörten aud) einer religiöfen @emeinfd)aft an, einer Heligiott, bie an erßabener

©infadßßcit unb fittlicßem ©rnfte alle Heligionen ber alten SSelt über»

traf. 9lber obfdßon fie feft baran ßieltcn, fittb fie ung boeß feine SRuftcr bon ©läubigfeit. Sßarum nießt? Sarum nrdßt, weil fic bag bloße gcftßalten am Ueberlieferte'n, ©efdjriebcnen berwecßfeltcn mit ©r»

faffen ßößerer, |icß aufbrängenber SSaßrßeitcn, berwecßfelten ben ÜSucß*

ftaben, ber tobtet, mit bem ©eifte, ber Ie6enbig maeßt. ©laube ßaben, ßeißt alfo in erfter ßinie jtdjer.nidßt, einer beftimmten Kirdßen*

gemeinfdjaft äußerlicß angeßören, ber man ja einberleibt würbe, oßnc gefragt gu werben, ob man ißr angeßören wolle ober nießt; fonbern

©taube ßaben, ßeißt, eine Uebergeugung in fieß tragen, ©laubc ift religiög=fittlid)c Uebergeugung, ift bog, wag man fieß mit ©otteö

$ülfe angeeignet, gum geiftigen ©igcntßum gemaeßt ßat; ©laube ift fo ber 6efte Sßeil, ber fjMgfcßlag unb 9ltßcm ber Seele, ©laube ift Scben, öeben bringt greube. Sarum magft bu an bir felbft abneßmen, mein lieber Sußörer, ob bu waßren ©lauben ßabeft ober nießt. SBenn bag, wag bu beinen ©(auben nennft, btp feine greubc maeßt, bid) falt

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unb gleichgültig läpt, fo bnfj man bir biefen ©lauben nehmen fönnte, ohne bap bu oiel Oerlöreft, ein Stücf beincs §ergenS, bann (joft bu feinen wahren ©lauben. 2Benn ferner baS, wa« bu beinen ©tauben nennft, nicht im Stnnbe ift, bich feft gu machen tuiber bie Berfuchungen unb Anfechtungen ber SBelt, bich aufgurichten im Unglücf; nicht im

©tanbe ift, bich 3" ftätjlen, gu ermuntern in treuer ^Sflic^terfüliunig unb gu ftärfen im fampfe loibev bie unreinen Begierben be§ §ergenS — fo haft bu nicht Oiel Oom wahren ©lauben. ©enn ber ©laube ift ber Sieg, welcher bie 2Belt überwinbet! S u magft benn biefer ober jener AeligionSgenoffenfchaft angehören, bich fo ober onberS nennen; ber

©laube ift nur ba§ ©ewanb, nicht baS Seben beiner Seele, unb gwar ein ©ewanb, baS bu nicht einmal felbft bir Ijaft ongegogen, fonbern angiehen laffcn. ©Ott fchaut aber nicht auf bas Aeupere, fönbern auf baS §erg.

Alfo ©laube ift Ucbergeugung; unb wenn biefc Uebergeugung uns ben gropen ©ienft leiftct, bap fie unS befriebigt unb erfreut, un«

ftärft in bem waS gu tljun unb in bem was gu tragen ift — bann mögen freilich einer foldjen' Ucbergeugung noch Srrtljümcr anhaften in Borftcllungen, Meinungen; aber in ihrem fern unb Mittelpunfte mup fie SBahrhcit hoben — benn bie Aatur lügt nicht. 3u einem folcheu Bietifchen würbe ber §cilanb auch h^te wieber fagen, waS gu jenem Schriftgelehvten: greunb, bu bift nicht ferne Oom Aeid)e ©otteS.

Aicfjt fern ! Aber man foll nicht blofj nicht fern, fonbern man foll barin fein. SBer fteljt innert ben ©rengen biefcS Aeidjcs? ©er, welcher baS Sicht feine« ©lauben« angegünbet hat °n öer heiliflcn gacfel, bie SefuS (Stjrxftufii hoch hält. 3cf) bin gefommen, ein geucr angugünben auf ©rben, waS wollte ich lieber, als e§ bvennete fcfjon!

®ie hoben aber ihr Sid)tlcin an biefer gacfel angegünbet, welche fidj beftreben, gefinnt gu fein, wie Sefus ©hviftuS auch war. — 3n biefem

©lauben gilt eS treu gu fein — um fo mcljr, je mehr beren werben, bie wie welfeS Saub abfallen, ber matevieQen SBclt anheimfallen, unb evftorben gu fein fdjeinen für AlleS, waS nicht ©enup obev ©ewinn üerfpricht. ©enn wahrlich, meine Brüber, eineöefferc, eine ©auernbes

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fdjaffenbc geit geht immer nur aus benen Ijerpor, bic ©lauben haben — fic fittb baS Saig ber SSclt.

Sei getreu in ber Siebe! Sölit bem ©lauben erfaitet aud) bie Siebe; benn ber ©egenfaft gttm mapren ©iauben, mie mir iijn foeben in'S Sid)t gu fteflen |üci)ten, ift nidf»t ber Unglaube im gewöhnlichen Sinn beS SßorteS, fonbern ein Unglaube, ber gleich ift ber Selbft»

fucht. GS ift baS jene fittliche Grfdftaffung, ba ber Blenfcp im ©runbc BicptS meljr liebt, als fiep felbft; für BicptS mepr fiep regt unb er»

märmt, als für fiep felbft. Unb bennoch finbet er bann an bem 3cf), baS ihm fein EWeS ift, unb baS ift fein Glenb, meber griebe noep greubc. ®er mapre ©laube geht immer mieber über in Siebe. ®enn eS gibt auch eine Bcrmanbtfcpaft ber fitttlichen Gräfte wie ber natür»

liehen. 3a eS ift in Beiben eine Ärafte ber Seele, e i n Sicht baS fleh in öerfepiebenen garben bricht; bie eine peipen mir ©laube, bie anberc Siebe.

SBer ift treu in ber Siebe? GS ift ber gute, tpätige Bater gegen»

über ben Seinen, bic liebenb pingebenbe Blutter gegenüber ben Sprigen.

GS ift ber beftänbige guöerläpige greunb gegenüber bem greunbe: ber maefere Bürger, ber ein §erg hat für baS ©emeinroohl; eS ift ber Bfann, ber einigen HaupfgebanFen, öiefleiept nur einer gropen 3bee lebt unb ihr beharrlich feine Gräfte meiht. GS ift alfo ber Bienfdj, ber, öon ebelm Srieb geleitet, fich beftrebt, in bem Äreife, in ben bie Borfepung ipn gefeftt pat, etroaS ©uteS gu leiften, um bem flüchtigen Grbenbafein eine bauernbc, moplthätige Spur gu öerleipen. Unb treu ift er in ber Siebe, menn et alfo beftrebt ift niept ,auS Bupmfucht, ober

©eminnfuept, ober öon Gprgeig üergeprt, Elnbcrc gu öerbrängen, fonbern meil ipn baS ©ute angiept, um ©otteS SSWen, ba ©ott im ©uten unb SBapren ben SluSbrucf feines SSiÜenS finbet. Sreu ift er, menn bei ihm folcpe Beftrcbung niept etroa eine kiepte Elnmanblung bilbet, ober eine Biobe, fonbern Srieb unb Bebürfnip besorgen, feine ©e»

finnung ausmacht; nicht ein Strohfeuer, baS rafcp aufflacfert, eine SBeilc einen ftarfen Särm maept unb bann in fich gufammenfintt, fonbern eine füll üetborgene glamme, bie fortbrennt, meil fie fiep näprt

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bon bem Oele ber Siebe. Srcu finb bie, welcße bem licbcüoliften

§ergen, bag je ouf bíefer SSelt gefcßlagen, in SBaßrßeit bag SBSort nadp fprecßen bürfen: bag ift meine Speife, baß idj tßue ben SSißen meineg ßimmlifcßen Saterg.

Sei bem Sauf ber Singe biefer SBelt ift eg roaßrlicß nicßtg ©e>

ringeg um biefe Sreue in bet Siebe. SSer fo ben gewöhnlichen ©ang einfcßlngt, bie SSelt SSelt fein läßt, fid) HUem anbequemt, fieß nad) jebem SBinbe ricßtet, ber mag oßne große Hnfccßtung burdjfommen unb wag er bon Siebe befißt, wirb nid)t fdjwer auf bie ©probe gefeßt. ©ang anberg ift eg a6er bei fröftigeren ©eiftern, bei foldjen, bie aug eigener güQe neue ©ebanfen in bog Seben werfen unb bereu SBirfen tief ein«

greifenb ift; bie mäßen fid) auf ©Rißöerftanb, ©Rißfemtung, nießt feiten auf Haß unb Serlenmbung gefaßt maeßen. Sag ift bie SRacße ber Srägen gegen bie, welcße ißnen boraug eilen, ber Söfen gegen bie, melcßc fie in ißrer fatten Huße ftören. Sarum ift eg etwag ©roßeg um biefe Sreue in ber Siebe, bie fieß nießt in bie Sänge berßittern läßt, bie ba langmütßig ift unb nießt Ungerccßtigfeit liebet, fonbern bie SSaßrßeit.

©Iber glittfließ bie, weldßc fieß biefen Scßuß Her3cn§ gu waßren berfteßen; welcße troß aßen Hnfecßtungen, aßem Unbanf bie Siebe ßinbureßretten bureß aße Stürme beg Sebeug, bie Siebe gu ben SRit«

menfeßen, gum Solfe — treu big in'g ©rab.

3a fie glaubet Hßeg, bulbet HUeg, ßojft Meg! Sei treu im

©lauben, in ber Siebe unb in ber Hoffnung. Sie Hoffnung ift ebler 9lrt; fie crßebt bag ©emütß über bag, wag ung beengen unb brütfen mag. Sie ift boppelt ebler Sírt, wenn fie nießt nur bag eigene 3cß im Huge ßat, fonbern bag ©ange umfaßt, greilicß barfft bu aueß für bieß ßoffen, mein ließer ©Ritcßrift, foflft eg fogar. 3cß rebe aber nießt öon ben uielen Hoffnungen, bie im Saufe ue» Seßeng fo gaßlreicß auffproßen, wie taube Slütßen wieber abfaßen, oßne grudjt angufeßen. Unb bod) aueß biefe Hoffnungen ßaßen tßren SBertß! Sie ßaßen ung einige Beit bag Seßen erleichtert unb Perfüßt, — ba ein gnäbiger ©ott bie Bufunft unb ißre Säufdßungen üerßüßte. Unb wag Wäre ingbefonbere bie Sugenbgeit, wenn nießt ein reießer Slütßenflor

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bie Seele fßmüdfte? gaEen auß biete wirfungblob baßin — wnb fßabet'b? ®er Vaum, ber im Maien in feiner Vlütßenpraßt bafteßt, ift ja boß fßön unb wir wimfßen ißn banngumal nißt anberb, ob*

woßl wir Wiffen, baß nur ber geringere Tßeil grüßt anfeßen wirb.

Soß iß woEte bon ber einen großen Hoffnung reben, bie ber ©ßriff ßaben foE, bon ber auf bie VoEenbung beb 3rbifßen, auf bie Ärone beb ßebenb. Sie erßeEt bab bange Menfßenrätßfel „Sterben", ©b bleibt immer noß ein ©eßeimniß: bie Miffenfßaft mag ben natür*

lißen Vorgang immerßin offen barlegen, fie leußtet ba nißt bib auf ben ©runb, auf bab erffe Marum? beb Sterbenb. Sprißt boß auß ein Sipoftel bom bunfeln ©eßeimniß. SIber cb laftet baffelbe nißt meßt auf ben $ergen, bie biefe ßerrliße Hoffnung in fiß tragen; fie ergeben fiß in ben Millen ©otteb, in bie üoEe Suberfißt, baß feine Maßt unb ©nabe ba feine ©rengen ßat, wo unfer Verftiinbniß enbet.

Mir breßen nißt ben Stab über ben Vruber, ber biefe Hoffnung nißt ßat; wir moflen nißt fein Snnereb anbfunbfßaften, ob PieUeißt ein berfeßlteb Seben ißm biefe Hoffnung gefnieft ßabe, er foll unb auß nißt 3tcbe fteßen, ob cb ißm babei woßl gu Mutße ift — wir finb nißt feine Kißter; aber babei bleiben wir unb er wirb, fo er anberb eßrliß ift, eb unb gugeben, baß ber Menfß aub folßer £>ojfnung reißen Troff fßöpfen fann, baß fie erßebt, unb er öieleb tioraub ßat bor bem, ber oßnc biefe Hoffnung lebt, unb, wenn mögliß, ftirbt.

2Iber beb ©ßriffen Hoffnung barf nißt nur fein 3ß im 2fuge ßaben; fie muß bab ©ange umfaßen. Stuß bie Hoffnung ift bon großem fittlißen Mertß, gu glauben an bie Sufunft ber Menfßßeit, gu ßojfen auf ein waßfenbeb ©ottebreiß auf ©rben; gu ßoffen alfo, baß bie Maßrßeit in ißrem Sampf mit Maßn unb Srrtßum unb Vobßeit fßließliß nißt unterliegen, fonbern fiegen werbe, llnb gmar bie Maßr*

ßeit im umfaßenbften Sinne beb Morteb, alb bie, weiße Sttteb in fiß faßt, wab feiner Katur naß bab äußere unb innere Moßl beb Men»

fßen förbert. §offnungblob in bie Sufunft fßauen, fiß bem ©ebanfen preib geben, alb ob SIEeb bom SufaE abßange ober blinber Kotßwen*

bigfeit, fo boß gar woßl eine Seit eintreten fönnte, ba bie bieltaufenb*

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jährige grucht mcitfchlichcr Arbeit in AidjtS gerfallc unb unfcr @c*

fchlccht in Aacf)t nnb Barbarei öerfinfc — baS ijt eine Art ©ottcS*

lengnung, bie wiber bic Aatur ftreitet; benn an ©Ott glauben, Ijcipt an einen fplan unb Bwecf glauben, heifit ^offen, bap biefc nnfere, üon altem Unrecht unb SBaljn übcrfctröttetc, unb öon Brubcrblut getränfte

©vbe enblid) boch eine höhere Stufe erreiche, beftimmt fei, heran*

gureifen gu einer golbenen grucfjt am Baume be« SBeltallS.

§eil benen, bie biefe Hoffnung befeclt! galten wir feft baran; wir hatten fie nie nötiger als jept, in einer Seit, ba cinerfeitS Autoritäten brechen unb alte gormen fidj auflöfen unb auf ber anbern Seite ein fcf)wü(er Sübwinb bie fultur beS Saljrbunbert weif gu ntadhen broht.

galten wir fíe feft biefc gvofic Hoffnung nn eine beffere Bufutift, richten wir unS an berfelbcn empor; wir werben fclbei größer burch fie, arbeiten leichter, fräftiger unb froher, ftreuen guten Saamcn auS unb finb babei ber Buüerficht, baß er aufgehen müffe gu feiner Seit, ba ber SBnhrljeit ungerftörbare fraft innc wohnt. Unb fo Iaffet unS benn, treu im ©tauben, treu in ber Siebe unb treu in biefer Hoffnung baS Unfrige fchaffen, ©uteS ttjuu unb nicht mübe werben, auf baß wir unb Anbere ernten ohne Aufhören. Amen.

^ 1934/35 J j O S l ·

Ábra

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