Darstellung blutiger heilkundiger Operationen als Leitfaden zu seinen academischen Vorlesungen und für operative Heilkünstler

Teljes szövegt

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seinen academischen Vorlesungen und íür

•...•• operative lleilkünstler h e a r b e i t e t

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Christ oph B onifacius Zartg, der Chirurgie und Medicin Doclor, '

Sr. k. k. aposî. Majestät Rathe, ordentlichem üf'fetstJiclip.ttt Lehrer der theoretischen und practischea Chirurgie, Dircctoi der chirurgischen Ciinik an der med. chir, Josephs-.Ac.<demiet

ordentlichem Beysitzer der permanenten Militär - Sanitätsco m- mistion , Stabsfeldarzte und. corresp, Mitglied« der physiea»

lisch-medicinischen Gesellschaft zu Lilangen.

E r s t e r T h e i l .

rr-rtrrjrff RFRRW/AA/WWR"/ R/VV/WR/RR/' R/ /V Í W / ' h

M i t e i n e r K u p f e r t a l c l . 1

Auf K o s t e n des V e r f a s s e r s .

W i e n i 8 i 5r ' **

. G e d r u c k t hey à a t o i c S t r a u s s ,

(2)

"Was willst du iiriiierMenscli allein aus demMenscLen maciién, da docii melixeie GiitUr nötltig w a t e n , dielt xu scli&ffen? :

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S E I N E R

KAISERLICHEN KÖNIGLICHEN HOHEIT,

D E M

D U R C H L A U C H T I G S T E N E R Z H E R Z O G E ,

C A R L L U D W I G ,

K Ö N I G L I C H E N P R I N Z E N T O N U N G A R N U N D B Ö H M E N ,

ERZHERZOGE YON ÖSTERREICH ETC.ETC.

KITTER DES GOLDENEN VLIESSES, CROSSKRERZE DES M I L I - TÄRISCHEM MARIES THERE5IEN - ORDENS , GROSSAD1ER DER EHRESLEGION; GOUVERNEUR UND GENERAL - CARITAS DES 8

KÖNIGREICHES BÖHMEN , K. K. GENERAL - FELDMAßSCHALLE, INHABER DES INFANTERIE - REGIMENTES 3. UND

DES UHLAKEN- REGIMENTES N°. 3 .

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Durchlauchtigster Erzherzog ! Gnädigster Herr!

E r l a u b e n Eure kaiserliche Hoheit«

dass ein Mann, der die glücklichste Epoche seines Lehens und Wirkens, und die ehren- volle Stelle, welche er in der Reihe der glück- lichen Unterthanen und. Beamten des österrei- chischen Kaiserstaates einnimmt, Höchst- dero Gnade und Schutze verdanket, die Erst- linge seiner gelehrten Arbeiten Höchstden-

Selbén ehrfurchtsvoll weihen darf.. Sie sind*

bestimmt zum Unterrichte in der grossen

Kunst, Kranke und Verwundete auf dem

Wege eines blutigen Heilverfahrens zur Ge-

nesung und zum frohen Lebensgenüsse zurück-

zuführen, und den Heroismus zu regeln, wel-

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cher dem Heilkünstler gebiethet zu verwun- den , um Heilung zu begründen.

Der grosse Feldherr, der erhabene Men- schenfreund, de^n die Pflege der Verunglück- ten durch eine Folge von Jahren eine der ersten Sorgen war , wird es nicht unter seiner Würde, halten, ein Werk durch den Glanz seines Nahmens im verherrlichen, welches der Beförderung dieses grossen Zweckes ge- widmet ist.

Eurer kaiserlichen Hoheit

untertänigst«

Z a n g .

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Yorjbe m e r k u n g .

D a es seit mehreren Jahren ein Theil meines Am-, tes ist, Vorlesungen über blutige Operationen zu halten, und selbe am Cadaver zu demonstriren;

so glaubte ich, einen Leitfaden besitzen zu sollen, nach welchem dieser Zweig der Heilkunst nach For- derung des potenzirteren Standpunetes der deut- schen Heilkunde vorgetragen werden könnte. Um- sonst suchte ich einen solchen in der in - und aus- ländischen Litterätur. Ich gab mich daher daran, Hefte zu bilden, mich bestrebend und versuchend, ,die darin aufgestellten Operationen so zu organi-?

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VIIÎ •

sirenV' dass der Gelât der-Heilwissenschaft ihnen einwohnen könne, oder dass sie doch wenigstens der Idee derselben entsprechen mögen. T

Dieses Yerhältniss und der Umstand, dass der Schüler dem Lehrer ohne Zeit verderbendes, und oft unrichtiges Nachschreiben folgen könne, und ihni Reflexionshaltungspuncte zu seinem tiefe- ren Forschen bey beschränktem Büchervorrathe und kurzer Studienzeit gegeben seyeil; dass des Feldarz- tes grosse Aufgabe bey kleinen, ihm zurRealisirung derselben, gegebenen, Mitteln leichter gelöst wer- den könne; dass dem angehenden Operateur eine erprobte Ordnung zur Piiehtschnur im Vorgänge bey dem Operirenleruen vorliege; dass dem, häu- figer Praxis Pflegenden, eine gedrängte und doch umfassende -Übersicht zum bequemen Orientiren

gegeben sey, und endlieh alles bessere Neue in ein em Werke enthalten :seyn möge, erregten in mir die Kühnheit, diese Hefte, als Operaiionsor- ganisaiiansversüeli, dein ärztlichen Publicum im Drucke Vorzulegen. Ob ich dazu befugt war, mag der coiupetente Kunstrichter und Menschenfreund durch sein, der Wahrheit und dem hierdurch al- lerdings interessirten Wohle der Menschheit schul-

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IX

diges,'eben so strenges als gerechtes .Urtheil be- stimmen. . .,

Der Beweggrund der in dem Werbe ausge- sprochenen Wahl von Operationstypen oder Ope- ralionsnoraxerfahren und Varianten oder. Modifica- tionen derselben, war die kimdgegebene Erfahrung berufener Ärzte, die meinige, und das Einmabl- ehis. Die Bekanntgebung einer gesteigerteren., rei- neren und umfassenderen Erfahrung werde ich mit Dank als Belehrung für eine bessere Wahl und heilsamere Verwendung des Gewählten in Zukunft auerkennen und beniiizen.

Die vielfache und mannigfaltige Zergliederung, • die häufigen Anmerkungen» und die öfteren Wie- derhohlungen bey jeder einzelnen Operationsbe- schreibnng, haben ihren Grund, theils in der be- absichteten Organisation der Operationen, theils wurden sie mir durch die vielen und verschie- denartigen EeMhandlungen, welche ich bey vie- lem Operirenschen hcobachtetfe, theils endlich da- durch abgedrungen,.' dass das Studium der Ope- rationen, nach der bisher üblichen Darstellung derselben, leicht Verwirrung bey* dem jStudier.en- den , und Übersehen wichtiger Puncle von dem

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X'

Handelnden veranlasst. Ich erlaubte, mir daher die Nicclersehrejbutig derselben, im . Bewusstseyn, . dass der . Sçhiàkv durch : sie zum methodischen

Erlernen und Üben der Operationen gehalten, der angehende practische Arzt durch sie zu je- iiem Grade von Aufmerksamkeit auE jeden einzel- nen, gleichwiclitigen Operationsact geregt, und zu jener weiten Umsicht gemahnt werden möge s wel-

cher' zur Voljführuii'g einer Operation nach dem therapeutischen Zwecke unerlässlich sind.

Sollte ich mich nach dieser Ansicht denn doch gegen die_allgemeine Bücherverfassungsregel, nähmlich in selben A l l e s , und doch n u r das zu sagen, was gesagt seyn soll und werden darf, Verstössen haben; so dürfte die Sünde doch nur für eine lässliche gehalten werden können, indem ich, in Bezug auf den ersten Punet, das Mangeln-

de durch den mündlichen Vortrag ersetze, (wie diess z. B. . der .Fall. ist", rücksichtlich der Cri- tik verschiedener Methoden eines und desselben Operationstypus , ferner • der Motivirung der ge- wählten Methode wncl der Litterätur) und in Hinsicht des zveyten eine edle Absicht zum Motiv

hatte.-; ; r_ .. • -•

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Das • Geschichtliche bleibt? "«gleichfalls: dem mündlichen Vortrage vorbehalten ; denn welcher gebildete,, oder sich bilden wollende Arzt besitzt nicht die vortrefflichen Werke der Geschichte Mu- tiger Operationen eines G u r t S p r e n g e l und G o t t l o b S c h r e g e r ? »

Der angenommenen Ordnung legte ich darum die anatomische Eintheilung. zum Grunde , weil sie mir die passendste; schipn. Jede Operation ist ein für sich bestehendes, geschlossenes Ganze; daher es gleichgültig seyn kann, welcher Ordnung man in der A b - u n d Eintheilang derselben folgt. Die

einladende Aufstellung derselben dem Zwecke nach, besteht die Critik der Vernunft nicht ; denn wo- hin würde man nach, dieser Ansicht z. B.- die Ope- ration der Cataracta stellen dürfen, da der Zweck

derselben ein Mahl Entfernung des Staares aus dem Auge, ein anderes Mahl blosse Orlsverände- rungi und endlich auch Verödung und Aufgesogen- werden desselben ist? :

Citaten wurden darum weggelassen, weilich des darniederliegenden Buchhandels und der Härte der lieuttagigenZeitumstände wegen, ausserStandgesetzt bin, sie vollständig, genau und richtig zu liefern.

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XII

Das Ganze des Werkes wird in vier Theilen erscheinen. Der erste enthält jene Operationen, welche an verschiedenen Theilen des Körpers ü b - lich sind; der zweyte soll jene enthalten, welche IM Kopfe; der dritte jene, welche am. Stamme ,

und der vierte jene, welche an den Gliedmassen unternommen werden.

Der zweyte Theil wird zu Ende May, der dritte Anfangs September, und der vierte im De- cember i 8 i 5 die Presse verlassen.

Wien am 1. November 1812,

Der Verfasser,

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I n h a l t s a n z e i g e .

Seite.

Einleitung, i Das Scarificiren, Scarifwatio. 83

Das Schröpfen, ylpplicatio cucurlitarum c. in.'

cisione. ; 87 Die Anlegung der Blutigel, ylpplicatio hiruclinum. 94

Der Aderlass. Phlebotomia, 104 Die Schlagadereröffnung. ylrieriotomia. ' 100

Die Operation der Schlagadergesehwulst, Ope-

ratio anevrysmatis. i3<j Die Operation des Blutaderhnoten. Cirsotomia. 184

Die Unterbindung der Gelasse. Ligatura arte- riarum vcnarumque. 1 g5 llie Nath der Wunden. Sutura vulnerum. 2x3 Die blutige Wundenei Weiterung, Bilataiio

vulnerum. 228 Die Ausziehung fremder Körper aus Wunden.

Extractio corporum heterogeneorum e vulne-

ribus. 20t) Die Eröffnung der Abscesse. Oncotomia, 247

Blutiges Behandeln der Lytnphgeschwulst. Ope- ratio ad tumorem lymphaticum aperiendum, 272

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Seite Die Operation der Balg - und anderer Geschwül-

ste. Operatio ojstiaorum alias que gener is

tumorum, 281 Die Anwendung des Glüheisensund Brennzylin-

ders, jipplicatio cauterii actualis s. Caü'

terisatio. 3o8 Die Anwendung des Ätzmittels. \Apjplicatio cau-

terii potentialis, • 326 Die Bildung des Fontanells. Operatio ad fonti

culum ponendum. 33G Die Einziehung des Eiterbandes. Operatio ad

potlcndam setaceum, 344 Die Anwendung des Blasenpflasters. Jlppliaatio

emplastri vesicatorii. 355 Die Anwendung der Seidelbastrinde. u4pplieatio

cortieis daphne mezerei. 56s.

Die Einimpfung der Kuh - oder Seliutzpochen.

Vaccinatio. 365 Die Operation der Necfose. Operatio ad né-

crosin. 377 Die Operation der Polypen, Operatio adpofypos

extirpandos, 5Ö7

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E l n 1 e l t h i l e .

i . .

Bestimmung des Standpunctès des Operiren- den Arztes, oder sogenannten! Operateurs.

E s bestand bisher unter Vielen der Wahn , als Seyen chirurgische Operationen oder heilkundige operative Technik ein ergänzender Theil der Materia medica.

Zu dieser unwissenschaftlichen und vernunftwidri- gen Vorstellung mochte die einseitige Betrachtung der chirurgischen Operationen, gegenüber welcher sie sich ganz füglich als Mittel zur Erreichung be- stimmter Zwecke stellen lassen, die Veranlassung gegeben haben. Daher hiess es einstens : die rechte Hand des Arztes ist der Apotheker, und die linke der

Chirurg. Zwar wird dieses Verhältniss jetzt nicht mehr durch baare Worte, wohl aber noch durch Handlungen ausgedrückt, und in Gedanken von, den Geist der Heilkunde nicht Kennenden, festgehalten.

Diese Ansicht von operativer Medicin hat von Jeher viel Unheil gestiftet, und wird noch immer solches anrichten. so lange sie als Regulativ für

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Lehren ,f Lernen und Ausüben dieses heilkundigen Zweiges besteht; denn sie verwandelt das Lebendige ins Todte, oder legt 'den Geist in die Fessel des ihn lähmenden Mechanismus ; d. i. sie macht den operati- ven Chirurg zu einem nach blinden Gesetzen wirken-

den Hebel.

Zwar wäre nach dieser Bestimmung das Stellen der operativen Medicin in die Reihe der zur Materia.

medica gezählten Dinge ein conséquentes Ordnen»

denn blind wirkt der Hebel, und bewustlos Jalappa, Opium, China, Quecksilber, Arsenik und Schwefel- leber. Diese vollendeten, sich immer gleichen Din- ge wirken stets nach, ihren Qualitäten inliärirenden, und diesen gleichen Gesetzen ; der Arzt darf sie nur nach einer gültigen Anzeige und im gehörigen Quan-

toverschreiben, der Apotheker sie gerade nach Vor- schrift abreichen , und der Kranke sie gedankenlos nach fremder Bestimmung nehmen; so ist ihre Wir- kung eine eben so bestimmte als sichere, und das Ding ist dann ein Heilmittel ; Arzt, Apotheker und Kranker können nichts, weder in der Natur, noch in der eigenthümlichen Wirksamkeit dieser Dinge ändern, ausser sie machten sie, wie immer, zu an-

dern. Allein nicht so, ganz anders verhält es sich mit einer medicinischen Operation. Diese ist an sich Nichts, also keine Gesetze enthaltend, nach welchen sie nothwendig wirken müsste, sondern sie wird erst Etwas durch die Hände des Arztes 5 durch diese werden erst die Gesetze geschaffen, nach denen sie

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wirkt; die "Wirksamkeit derselben ist demnach gleich der Wirkung dieser Hände, die Wirkung dieser Hän- de verhält sich wie der sie bewegende Wille , dieser ist gleich dem Zwecke , der Zweck selbst kann nur

das Resultat des auf Heilung abzielenden thätigeu heilkundigen Wissens und Rönnens in seiner gröss- ten Tiefe und seinem weitesten Umfange seyn, Was sohin von einer blutigen Operation in die Materia medica gehört, sind Eisen und Holz der dazu nö- thigen Werkzeuge und das Materiale der Verband- stücke.

Aus diesem dürfte nun gefolgert werden kön- nen , dass eine medicinische Operation nur die fort- gesetzte syinbolisirte Indication, oder das objeeti- virte, zum Theil in ein mechanisches Handeln ver- wandelte, und dadurch verlängerte Urtheil des Arz- tes sey, nach welchem zugleich bestimmt, gewirkt und bewirkt wird, was geschehen, nicht aber was bloss bestimmt, bloss von einer des Zweckes ihrer Handlung unbewussten Hand gegeben, und weiter blindlings genommen werden soll, so wie auch, dass diese, die Operation nähmlich, nicht von solchen Händen auf den schriftlichen Befehl des Medikers (Re-

cept) vorrichtet werden könne, welche gut genug sind, die Stoffe der Materia medica in Bewegung und Verbindung zu setzen, und sie , wie immer, an Ort und Stelle zu bringen.

Will man nun dieser Definition von medicini- sehen Operationen Richtig - und Gültigkeit zuge-

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stehen; will man zugeben, dass bey einer mcdicini- schen Operation, soll sie als Mittel dem Zwecke und dieser dem Endzwecke dienen, es bey weitem nicht allein darauf ankomme, dass eine blosse Veränderung des organischen Mechanismus, durch einen mecha- nischen Eingriff gesetzt, gehandwirkt werde, son- dern dass dadurch vielmehr eine bestimmte Modifi- cation dès Lebensprocesses, als höchste und letzte Bedingung der möglichen Heilung jeder Krankheit,

also auch derjenigen, wegen welcher operirt wer- den soll, hervorgerufen werde; kann nicht in Ab- rede gestellt werden, dass das Setzen einer bestimm- ten Modification des Lebensprocesses Kenntniss des reinen, ungetrübten Normalzustandes desselben vor- aussülze; muss zugestanden werden, dass das Wie der Verwirklichung dieser bestimmten Modifica- tion nicht einzig durch den Mechanismus der Opera- tion an sich, sondern durch eine bestimmte Art und einen bestimmten Grad der Wechselwirkung zwischen diesem und derii darauf reagirenden Leben bedingt sey, und demnach der Operationsmechanis- mus auf die, durch Individualität des Lebens gege»

bene Verschiedenheit des vitalen Réagirons berech- net, modificirt und vollführt werden müsse, damit die geforderte, bestimmte, dem Heilzwecke entspre- chende Modification des Lebensprocesses sicherge- setzt werden könne , und wie demnach nicht Stich, Schnitt, Drucku.s.w, als solche, oder an und für Sich , das mittelst ihrer beabsicfitete Resultat her»

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foeyführen, sondern vielmehr durch das, auf das individuelle vitale Reactionsvennögen berechnete

Wie des Stechens, Schneidens und Drückens diehe- absichtete Wirkung oder vitale Réaction einzig si- cher gemacht werde; lässt man endlich gelten, dass die Restimmung der geforderten Art und Grösse der Wechselwirkung zwischen Leben und auf dasselbe ein- wirkenden äussern Einflüssen nur möglich sey durch den Besitz der Totalsumme heilkundiger Kenntnisse ; so wird begreiflich, dass nur ein vollendeter Arzt ein Operateur, oder ein, medicinisehe Operationen mit günstigem Erfolge verüben könnendes Indivi- duum werden und seyn könne.

Wie falsch, wie unmenschlich ist demnach nicht der hier und da noch immer Wurzel haltende Be- griff von blutigen medicinischen Operationen und einem Operateur, nach welchem erster en nar das Prädicat von mechanischer Trennung, Verbindung u . s . w . beygelegt, und von letzterem nur gefordert wird, dass er den menschlichen Körper als eine sehr künstlich gebaute Statue genau kenne, und das Messer in diese, mit einerdcmAuge gefallenden Geschicklich- keit, Fertigkeit und Geschwindigkeit, nach einem ihm unbekannten Willen eines andern Individuums (nähmlich des die Operation bestimmenden Medi- kers) einführe, ohne sich der Sccundar-undTertian- wirkung seiner Handlung und des Zweckes dersel- ben, dem er als blindes Mittel dient, nur von der

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Ferne lier bewusst zu seyn, oder seyu zu könne«, oder sogar zu dürfen.

So wird nun auf des' Menschen Leben durch zwcy verschiedene Menschen eingewirkt, von wel- chen der eine (der Medicus) das Mittel, und der an- dere (der Operateur) den Zweck der Handlung nicht kennt. Denn betrachtet man die Uiiterrichtsweisc der Arzte, wie sie noch heut zu Tage an so man-

cher Schule besteht; so kann man mit Recht fra- gen, wie viele Mediker können operiren, kennen

die Operation an sich oder als Mechanismus, und in so fern als Mittel, noch mehr aber nach ih- ren Modifikationen? und wie viele Operateurs sind Ärzte, und kennen den Endzweck derselben, ver- mittelt durch eine bestimmte Modification des Le- bensprocesses ? "Wie kann es demnach mit der Sicher- heit des Erfolges einer unter solchen Verhältnissen vollbrachten Operation stehen ? Wie fremd und un- bekannt sind sich demnach nicht Indication und In- dication in einem Augenblicke, wo beyde n u r , aís auf das Freundschaftlichste in einander verschmolzen und zur Identität gebracht, das Leben des Kranken retten können?*)

*) Der Verf. will versuchen, durch Thatsachcn nachzuwei- sen, dass die vornleliendcn Ansichten und Behauptungen gegründet sind.

Man nehme den Fall zweycT durch den Schnitt zu ope- menderHyd/ocelen der Scheidenliaut des Hoden a n , wo- TOn das eine lange bestanden , b e y einem im Alter vor-

gerückten Indiyiduo befindlich, mit einer enormen Grösse

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"Wie steht es von der andern Seite mit, der Gül- tigkeit des Unheils des nicht operiren könnenden

und gelederter Seheidenhaut bestehend; und das andre neu, von kleinem Volumen , an einem Knaben , mit nickt erheb- lich alienirter Scheidenhaut gesetzt, wo der Arzt in z w e i e n Personen, nälimlich in der des Medikers und Chirurgen zugleich , in die Behandlung tritt.

Der Mediker bestimmt nun ohne weiteres, nachdem er mit pkarniaecutieckcn Mitteln in den beydcn Fällen nicht fertig werden konnte, die Nothwendigkcit der Operation, und der Chirurg macht sienach dem ihm bekannten Norra- mechanismus, d. i . , er spaltet die allgemeinen Bedeckun- gen , die Dartos, trennt die Scheidenhaut, legt ein Lein- wandläppchen und auf diesem in beyden Fällen eine be- stimmte, gleiche Menge Bourdonels ein. Was kann erfol- gen und ist schon oft erfolgt im ersten Falle? Brand der allgemeinen Bedeckungen und Dartos, und Rückfall oder auch Tod. Und was im zweyten? die heftigste Entzün-

dung und abermahls Brand ohne Rückfall. Worin liegt der Grund dieser widrigen und gefährlichen Ereignisse ? in dem , dass der Mediker den Mechanismus der Operation und die Wirksamkeit und Wirkung des von ihm bestimm- ten Mittels, und der Chirurg den Zweck und den diesen realisirenden pathologischen Process nicht kannten. Denn hätte der erste g e w u s s t ; aj dass ins ersten Falle durch die lange bestandene enorme Ausdehnung die vitale Elastici- tät oder zunächst Contractilität dér die Scheideiikaut um- gebenden Organe grössten Theils verloren gehe, und durch die Operation das Ausdehnende plötzlich entfernt werde, und daher sodann eine so heftige Bluteinströmuog in er- wähnte Organe Stau haben müsse, dassUeberreitzung und Brand nicht ausbleiben können; dass auf eine dicke, dichte, gleichsam gelederte Scheidenhaut, um jene Ver- wandlung zu erzeugen, welche Bedingung einer bleibenden Heilung ist, bey weitem kräftiger mechanisch eingewirkt wer-den müs^e, als im entgegengesetzten oder gewöhn-

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e

Arztes (Medienä) durch, das bestimmt werden soll, ob iür den vorstehenden Fall das bestimmte blutige

liehen Falle ; 0) Jas» die Receptivitätiür mechanische Reitze bey einein Knaben eine so grosse sey , dass nur ein sehr kleiner mechanischer Reitz angebracht, d. i. nur sehr

•wenige..Bourdonet« eingelegt werden dürfen, um nicht Brand, sondern eine heilsame Entzündung u. s . w der Scheidenhaut zu -erzwenken t so hätte er dem Chirurgen vielleicht gesagt, was in diesen besondern Fallen Beson- deres zu thtta sey, und' die Misserfolge würden nicht Statt'gehallt haben. -

Hätte von der andern Seite der Chirurg eine Idee vom Zwecke und Erfolge seiner Handlung gehabt, d . i . hatte er gewusst, was lange bestandener Druck und so gedau- erte Ausdehnung organischer Gebilde für pathologische Folgen in diesen haben könnten und auch mussten ; . hätte ér geahnet, was den nächsten Grund der Heilung des Wasserbruches durch den Schnitt setze, und wie dieser Çjrund nur gegeben sey durch einen bestimmten Grad von, theils exuleerativer, theils adhäsiver Entzündung der Scliei- dcoliaut; ferner wie diese bestimmten Entzündungsgrade nur sicher geschaffen werden können durch einen,-dem iudividueUeu Grade von Reitzempfänglichkeit des Total- organismus, so wie des partiellen der Hodensackorgane angepassten Grad von mechanischem Reitze durch den Operationseingriff : so würde er im ersten Ealle den Schnitt ohne vorläufige Function nicht gemacht, auf die gelederte Scheidenhaui derber, wie gewöhnlich, eingewirkt, u n d im letztern Ralle das kleinste Quantum Reitzes auf. die äusserst verwundbare Scheidenhaut haben einwirken, las- sen, und so allen absichttwidrigen pathologischen Pro- cessen vorgebeugt und das Ziel sicher erreicht haben.'

Bey der blutigen Operation der Schlagadergeschwulst besteht das 'Wesentliche der Technik in der Blosslegung der kranken Schlagader und Unterbindung derselben. Hun bestimmt sie der Mcdicus als angezeigt, und der Chirurg

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Heilverfahren angezeigt stíy oder nicht ? ••'Wehrlich höchst ungewiss. WereinMittel oder eine Handlung

maciit sie, nnd zwar so , wie es der Winde Mechanis- mus der Operation fordert, d. i. er schnürt die Schlag- ader an einer bestimmten Stelle zusammen. Am vierten Tage darauf entsteht eine tödtliclieBlutung aus der durch den Bund getrennten Sehlagader. W o r i n mag wohl der Grund dieser Trennung und tödtlicben Blutung liegen?

entweder in dem , dass der Mediker die Verschiedenheit der Wirkung des Bundes von eineriey Grade von Zusam- menseknürung nicht kannte , oder nicht wusste, wie selbst der schulgerechte Grad von ZusamraenschnüruDg der Schlagader rücksichtlich ihres, diesem mechanischen Ein- griffe nicht gewachsenenReactionsvcrniögcrts, Zerstörung

derselben anrichten musste, und daher die Operation nicht als angezeigt hätte erklären sollen; oder darin, dass der Chirurg keine Kenntnis« von dem hatte , dass der Zweck seines mechanischen Zusammenschnürens nicht bloss mechanische Verbindung der Sohlagaderwändo , sondern vielmehr organische Verwachsung derselben s e y ; und nicht wusste, dass diese Verwachsung aber nur wirklich werden könne durch einen bestimmten, mittelst mehr oder

•weniger starker, durch die Idee von Vitalität geleiteten Zusammensehmirung hervorgerufenen Grad von adhäsiver Entzündung, welcher in diesem Talle nicht Statt hatte, -weil er das Band gegen den Begriff von Lebeusäusserung

zu fest anlegte, und dadurch, statt plastischer Entzün- d u n g , exuicerative setzte, worauf Bruch der Schlagade*

und die erwähnte tödtliche Blutung allerdings sieh ein- stellen mussten. Und musste all diess nicht so erfolgen, da er keine Idee von vitaler Réaction, keinen Begriff von

"Wechselwirkung zwischen dem lebenden thierischen Or- ganismus und dem Unorganischen, seinem Bunde hatte, kurz kein A T Z Í war?

Man wird ferner nicht in Abrede stellen wollen, das», sowohl 'der Endzweck als die Nebenzwecke der Ámputet-

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als heilsam bestimmen will, muss liothwcndig die Kenntniss, sowohl von ihrer absoluten, als relati-

tion, angenommen sie aty nach den Gesetzen der heuti- gen Technik vollführt worden, hauptsächlich nur durch einen ihnen entsprechenden Verband erreicht werden kön- nen. Dieser Verband soll ', tlieils durch Z u g , tlieib durch Druck wirken. Di eserZug und Druck wirken aber nur zweck- gemäss durch einen bestimmten Grad ihrer Stärke, dieser Grad von Stärke aber ist nicht enthalten in dem Mechanis- mus, nach welchem dieser Verband angelegt werden s o l l , sondern er wird undkannnur bestimmt werden durch die Idee von Wechselwirkung zwischen Organischem und Un- organischem, oder durch den Begriff von Verwundbarkeit des Organismus und Verwundung durch Verband, und zwar in unmittelbarer Beziehung auf das Individuelle! des

vitalen Reactionsvermögens des in der Behandlung stehen- den Subjects. Soll der Verband zum Ziele führen, so müs- sen b e y d e , actio und reactio in solch einem Verhältnisse zu einander stehen , dass die, durch die Wechselwirkung beyder hervorgerufene traumalische Reaction gerade eine solche werde, durch welche die Bedeckung dasKnochonS und organische Vereinigung der ersparten Weicktheile auf dem kürzesten Wege, d. i, per primam reunionem mit- telst der, als traumatische Reaction hervorgetretenen ad- häsiven Entzündung sicher bestellt werden kann. Daher entsteht, ist der Zug und Druck zu geringe, lückenhafte e d e r z u lose Berührung der ersparten Weiohtheile und Zu- rückziehung derselben; und sindbeyde zu stark, so tritt eine heftige Entzündung ein, worauf gewöhnlich Brand oder eine trennende, die ersparten Theile einschmelzende Eiterungsich einstellt, wodurch in beyden Fällen viele Mahle der Endzweck, jedes Mahl aber die Nebenzwecke vereitelt werden. Was man bisher häufig der einen oder der andern Methode zu amputiren, oder andern einen übel geformten Stumpf und eine langsame Heilung setzen- dtu, oder eine schmelzende Eiterung und Brand erzeugen-

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ven Wirksamkeit tind Wirkung besitzen. Wer diese Kenntniss besitzen will, der muss das Mittel oder

den Einflüssen zurechnete, war seht oft durch einen schleckten Verband verursacht.

Nunfrägtes sich, wer Anderer als der Arzt, kann die Idee von Wechselwirkung zwischen Organischem und Unor- ganischem , oder organischer Verwundbarkeit und unorga- nischer Verwundung und den Begriff der, von dieser Ver- wundunggesetzten, traumatischen Réaction und ihren Fol- gen fassen? wer Anderer als der vollendete Heilkünstler, kann erwähnte Verhältnisse in ihren, durch Individuali- tät gegebenen verschiedenen Quantitäten und Qualitäten begreifen und bestimmen, um sodann nach der erkann- ten, verschiedenen, d, i. individuellen Grösse und Art derselben, verliältnissmässig den mechanischen Eingriff durch den Verband bestellen, oder ihn darnach modifi- ciren zu können.

S o wie der Mediker die Quantitäten der angezeigten Mittel b e y ähnlichen Krankheiten in verschiedenen Indi- viduen nach der b e y diesen verschieden bestehenden Re- eeptivität und Reactionsbeschaffenheit für und auf Reitze v o n aussen von sehr verschiedenen Grössen anordnen und verabreichen lassen s o l l ; eben so ist dem Operateur ge- b o t h e n , Zug und Druck oder einen anderartigen mecha- nischen Eingriff in den Organismus bey ähnlichen Fällen jedes Mahl nach der Individualität des Kranken zu mo- dificiren.

"Wie mag es endlich mit der Behandlung desKranken nach der Operation stehen, wenn der Mediker kein Ope- rateur, und dieser kein Arzt ist? Gewiss sehr sclilccht".

Ich will den Fall setzen , der nicht ärztlich gebildete Ope- rateur behandle den Operirtcn allein, und es träten z . B . nach einer genau künstlich angelegten Bauehnath Erschei- nungen der heftigsten traumatischen Reaction, als", die heftigste Peritonitis und Enteritis, summt ihren Folgen ein. Was kann wöhl der Operateur, der nichts als den

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die Handlung art sich sehr genau kennen; wer eine Operation als Mittel oder Handlung genau keimen will, der muss sich ihren Mechanismus durch Üben, desselben gleichsam, assimilirt haben, das ist, sie nach den Gesetzen der Technik nach allen Modiucationen machen können, also oft gepi;tçht haben. "Nun, da diess der Arzt, in der Regel, nicht gethan hat,

Mechanismus seiner Operation und den durch diesen ver- änderten Mechanismus des Organismus vor Augen hat, und nicht weiss, wie sein mechanisches Kunstwerk, zu- raahl wenn es ihm, als solches, vollkommen gelungen zu seyn erscheint, das Leben in seinem Innersten ergriff und höchst krank machte, dagegen unternehmen? er wird vielleicht aderlassen, warme oder kalte Umschläge anwenden, (denn die»« thun ja auch Menschen , diekoine Aerzte sind) und nicht einmahl ahnen, dass seine, ob- wohl nach allen Regel« der Technik angelegte Natli so viel Unheil stiften könne, und darum abzunehmen sey.

Nun sey auch zugegeben, dass ein Mediker mit in der Behandlung stehe. W i e wird dieser das productive Ur- sächliche der Entzündung erwähnter Bauehcingeweide zur Èrkenntniss bringen, und beurtheilen k ö n n e n , wenn er den Mechanismus der Bauchnathoperation und die davon bedingte Wirkung nicht kennt? wie kann er demnach zur Gewissheit gelangen, dass diese allein, und nicht das zufällige , vorherbestandene Verwundungiverhältniss die veranlassende Ursache der Entzündung s e y , und dar- um auf der Stelle aufgehoben werden solle? Beyde wer- den demnach ungefähr so handeln, dass der Operirte da- bey zu Grunde geht.

Man mag hieraus entnehmen können , dass ein Opera- teure, der kein Arzt ist, ein Ding sey, für das die Spra- che einer cultivirten Nation kaum sine Benennung haben dürfte, und dem jede Regierung das Handwerk legen sollte.

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aS also aueh-die Operátion nach diesen Ansichten'nicht kennt, wie mag er sie dann im bestimmten Falle als' heilsam, d. i. als angezeigt mit Sicherheit bestim- men können? Wie ist es ihm demnach möglich, die

durch sie verursachte traumatische Reaction, voit deren Grösse es indôn bèy weitem meisten Fällen ab- hängt , ob der Ausgang glücklich oder unglücklich seyn werde, nureinigermassenvorhinein berechnen, zu können, um sie nach dieser Berechnung als an- gezeigt erklären zu dürfen?

Demnach müssen die II.

Eigenschaften eines operirenden Arztes oder sogenannten Operateurs seyn:

1) vollendete sogenannte ärztliche Bildung, zii der nun auch das hier und da ganz vernachlässigte Studium der pathologischen Anatomie gerechnet ist;

2) möglich grösste Erfahrung in sämmtlichem medicinischein Gebiete;

5) höchste Fertigkeit im Operiren;

4) scharfe Sinne ;

5) eine stete , sichere und zarte Hand ;

6) gute Bildung des Körpers, anständige und gewandle Haltung desselben;

7) Muth, Fassung, Geistesgegenwart und Uns zugänglichkeit für Verlegenheit;

(28)

8) Vertrautseyii mit der Mathematik. Demi nur dieser,Zweig der Heilkunde , nähmlich die Ope-' rativ- Medicin ist es, die darin Wurzeln schlagen und ihre Aufgabe und Handlung, in Bezug auf ihre Zwecke, darnach eonstrüiren und exequiren kann,

g) Kenntniss der Mechanik;

1 o) Kenntniss des Zeichnens, und endlich 11) Sinn, für Erfindung, was zwar nicht uner- lässlich nothwendig ist.

i Nur der Besitz dieser Eigenschaften ist és, der den Mediker zum Chirurgen, und den Chirurgen zum Arzte in höchster Potenz, d. i. zum eigentli- chen Arzte stempelt.

Die liier ausgesprochene Identität der lleilwis- senächaft oder Üntrennbarkeit der Medicin von der' Chirurgie, riicksiclitlich ihres Wesens, Gelehrt- und Geleriitwerdensollens, steht indessen in gar keinem Widerspruche mit der getrennten Ausübung derselben. Der sogenannte Mediker kann immerhin mir sogenannte medicinische, und der sogenannte Chirurg jedes Mahl nur sogenannte chirurgische Fälle sich'zur Behandlungsaufgabe machen; der Verhältnissunterschied dabey ist nur dieser, das?

der Mediker viele Mahle ohne Operationshandlung, der Chirurg aber nie ohne medicinische Handlung die Cur beginnen Und vollenden kann; denn es kann sehr wohl jeder Typhöskranke ohne Amputa- tion, aber nicht jeder Amputirte ohne Typbus cur

gerettet werden.

(29)

Vom Urtheile über das Angezeigtseyn einer blutigen Operation , oder die Bestimmung der- selben als Mittel zum Heilzwecke, in. Rück-

sicht auf Heilbarkeit des Falles.

Die letzte und höchste Aufgabe der Heilkunst, ja diese selbst ist Heilungsbegründung des vorlie- genden Krankheitsfalles, Heilungsbegründung als ärztliches Handeln setzt, schleehthin die Kenntniss der Heilbarkeit des Falles an sieh voraus. Nun aber ist die Ei'kenntniss der Heilbarkeit des Falles nur mög- lich durch die Kenntiliss der speeifiken Lebensform des Individuuma, seiner Krankheit, und der Wirk- samkeit der dagegen bestimmten Mittel. Zieht n u n nun in Betrachtung, dass es um die Erkenutniss der speçvSken Lebensforins eines Individuums von vorne eine äusserst schwierige Sache und selten ge- lösste Aufgabe ist; gesteht man ein, dass eine ge- naue und gewisse Krankheitserkeiintniss immer noch ein frommer Wunsch der Pathologen und The- rapeuten ist; erwägt man, dass die Wirksamkeit der Arzneymittel, also auch der blutigen Operatio- nen , an sich Nichts ist, sondern erst Etwas wird durch die, auf ihr Einwirken von Seiten des Orga- nismus erfolgende vitale Réaction, und diese sich verhält, wie das von vorne selten bestimmbare und erkannt« individuelle Reactionsvarmögsn ; nimmt

(30)

x6

man Rücksicht auf den Umstand, dass das Objccï für blutige Operationen bey •weitem grossleniheils mir sogenannte örtliche Krankheiten, des Organis- mus, bestehend in verbildeter Form, entmischter Materie und veränderter Thätigkeit in.einem, viele Mahle nur scheinbar begränzten Umfange der körper- lichen Räumlichkeit sind, und demnach diese soge- nannten örtlichen Krankheiten häufig wieder ihren

' p • • i

Grund in einem specifikeit Entmis'clmngsverhältnisse des organischen Sto'ffcá Und einer solchen alienirten ïhâtigUeitsbeschaifenliéit der Lebenskraft im Ganzen haben müssen ; kurz, die in einem speeifiken Krank- seyn sämmtlicher •GrUndeigenschaften des Lebens iii seiner totalen Räumlichkeitwenn auch nur geóf- îenbart durch eine Affection irgend. eines einzelnen O r g a n s o d e r einerbesondern Parthie, wurzeln ; be- denkt man, wie bey allen blutigen Operationen die primitive Wirkung der elben nur eitle Veränderung des Mechanismus des Lebens Setzt, und die, durch diese vermittelte seeundäfe, das Leben nur nach dreyerley Art oder Qualität, ob'schori quantitativ nach

• sehr verschiedenen Graden, afficirt; beansichtetnian,, wie diese dreyerley qualitative Affection? und die dieser adäquate, d. i, dreyerley qualitative vitale Réaction, unter den Erscheinungen' von Schmerz, Blutung, Entzündung und ihren' Folgen hervortre- tend, auch nur Heilmittel seyn könne für jene Krank- heiten, gegen die sich Schmerz, Blutung und ein' örtlicher oder allgemeiner Entzündungszustand nebst

sei-

(31)

lien Folgen oder Ausgängen überhaupt und beson- ders heilsam erweiset: so wird ersichtlich, a) wie

das Urtheil über das Angezeigtseyn einer blutigen Operation, sich gründend auf die, durcli den heuti- gen Standpunet der Heilwissenschaft mögliche Er Skennlniss der Heilbarheit des Falles, überhaupt ein unsicheres, schwankendes und zweifelhaftes seyn müsse, und iiur in etwas seltenen Fällen ein ge- wisses seyn könne; und b) wie eine blutige Opera- tion nur dann ein Heilmittel, und darum angezeigt seyn könne , wenn die Heilbarkeit des Kranhheils- zustandes schlechterdings von Seiten der Runstliüife bedingt ist:

1) durch Hebung praevalirender mechanischer Missverhältnisse der mechanischem Seite des Lehens, a. B. der Desorganisationen, Aflerproduete u. s.w.

2) durch Entfernung körperlicher Potenzen, die auf das Leben, wie immer , feindlich einwirken, sie mögen nun als Producte des organischen Lebens in seinem eigenen Leibe bestehen , oder von ausseu- her in den Organismus überbracht worden seyn;

3) durch Umänderung des Lebensprocesses mit- telst Schmerz, Blutentziehung, Entzündung und ihrer Folgen, und Aneignung eines fremden Stoffes ;

4) durch Setzung eines Vicärleidens;

5) durch Abolition der Function eines Organes;

6) durch Bildung .vicarirender Organe: alles dieses werde nun erziuackel, entweder

V

(32)

a) durch Vcrmittelung organischer Cohäsision (Synthesis),. oder

b) durch Hebung normwidriger Cohäsion, oder Trennung des normalbeschaffenen Zusammen- hanges (Diäresis) , oder

e) durch Entfernung zweckwidriger Stoffe, Ge- bilde , Organe und Parlhieen aus der Sphäre

des Organismus (Exäresis) , oder

d) durch Ersatz verlorner Gebilde, Organe und Parthveen (Prathesis), oder

e) durch Wiederherstellung der Normallage . ver- rückter Organe (Taxis), oder

f) durchVeräuderung der normalen Lage entarte- ter Organe (Methatesis), oder

g) durch YermiUelung der Aufsaugung gesund- heitswidrig beschaffener Organe oder Gebilde , oder

h) durch Verödung und sonstige Vernichtung , krankhaft bestellter Organe oder Parthieen

(Anäresisoder endlich,

i) durch Einäugelung eines fremden Stoffes, (Em- physis),

IV.

Betrachtung blutiger Operationen als Heilmit- tel in Bezug auf ihre Wirkung»

Da es ein, auf der währen, also einzigen An sieht des lebenden menschlichen Organismus ge gründeter und mit allgemeiner Gültigkeit gestern

(33)

• - ® .

pelter Erfahrungssatz ist, dass psychische Potenzen.

direct die Psyche des lebenden Organismus afficiren, und mittelst dieser Affection das Thätigkeits- Stott- und Formverhältniss desselben, vor der Hand wie immer, verändern; dass chemische Stoffe direct in die Materie des thierischen Körpers dringen, und durch diesen Eingriff wieder dessen Thäligkeit, Psy- che und Mechanismus verändern; dass fë'rner mecha- nische Eindrücke direct die mechanische Seite des Lebens afficiren, und dadurch abennalils seine thä- tige, materielle und psychische Seite ändern, und die Heilung, welcher Krankheit immer, nur mög- lich ist, durch von Änderung oder Affection des Le- hens gesetzte Umänderung seines krankhaften Zu- standes: so muss es wahr seyn, dass jede blutige Operation, als eine das Lehen geradezu in seinem Mechanismus , und mittelst dieses in seinen übrigen Erscheinungen ergreifende oder afficirende Potenz, ein Heilmittel seyn könne. Es fragt sich nun, unter welchen Bedingungen sie ein solches sey, um nach statthaften und allgemein gültigen Gründen in be- stimmten Fällen als angezeigt erklärt und verübt Werden zu dürfen. '

Um die Bedingungen, unter weichen eine blu- tige Operation als Heilmittel erklärt werden kann, bestimmen zu können, muss

1) die Heilbarkeit des Falles an sich gegeben' sind zur Erkenntniss gebracht seyn, und

2) die Operation in ihrer B a

(34)

a) primitiven, • b) secundären, und

e) Tertianwirkung betrachtet werden,

Über den ersten Punct wurde bereits gespro- chen ; es kann demnach hier nur die Rede von den übrigen seyn.

Von der primitiven Wirkung.

Da jede mechanische Einwirkung eines Körpers auf einen andern unmittelbar eine Veränderung des Mechanismus des schwächeren zur Folge hat; so muss die primitive Wirkung jeder blutigen Operation ge- geben seyn, durch eine Veränderung des Mechanis- mus des Organismus, und zwar zunächst durch Trennung îles Zusammenhanges seiner Materie,

Wenn demnach irgend eine Krankheit, oder eine, eine solche verursachende Potenz, durch eine blosse Veränderung der mechanischen Seite des Le- hens , ausgesprochen durch eine bestimmte Tren- nung der Cohäsion seiner Körperlichkeit, mit oder

ohne gänzliche Abtragung oder Entfernung einer Parthie, eines Parthietheiles oder Organes aus der Sphäre d.es Organismus beseitiget werden kann, was denn doch häufig der Fall in der Wirklichkeit ist-,

so ist die dazu gewählte und dem Zwecke entspre- chende Operation ein positives Heilmittel und sohin ängezeiget.

Erwägt man aber, dass der Begriff von Krank- seyn des thierischen Körpers eine in das Unendliche

(35)

2t verschiedene Disharmonie der drcy Grundeigenschaf- ten des Lehens zugleich involvirt, und-demnach mit

und durch Affioirtseyn der mechanischen Seile des

• o

Lebens auch zugleich seine materielle und dynami- sche , in welchem Grade immer, leiden müssen; so wird behauptet werden können, dass einer bluti- gen Operation obiges Prädical nur dann zugespro- chen werden dürfe, wenn das Totalkrankseyn durch Trennung des Zusammenhanges gehoben oder ent- fernt werden kann.

Diese Heilsnmkeitsbedingung einer blutigen Ope- ration setzt sohin unerlässlich voraus, dass ihr

Object (das Krankspyn eines Organes oder einer Par*

thie,) ein sogenanntes rein örtliches seyn, und das Ganze der Disharmonie der drey Grundeigen- seliafteu des Lebens in sich geschlossen, das ist, Ursache und Wirkung zugleich, oder erstere in letzterer erloschen, enthalten müsse.

Hon der Secundar - und Tertian Wirkung.

Da nun aber nach dem Begriffe vom. Leben, es als identisch in Thätigkeit, Materie und Form, oder als gleichartiges Ganzes in allen Puncten des lebenden thierischen Körpers betrachtet, indem die eine seiner Grundeigenschaften das Motiv des Scyns, von welcher Art immer, der andern ist, und alle zugleich den Grund des Seyns der. ein- zelnen enthalten, jede blutige Operation '-'durch Affection seiner mechanischen Grundeigenschaft mittelst Trennung des Zusammenhanges nothwen-

(36)

22

füg Auch die materielle und thätige Seite dessel- ben ergreifen und verändern, muss, und dieses Ergriffen - und Verändertseyn . des Lebens, als die secundäre und Terüenwirkung einer blutigen Operation sich darstellt ; so kommt nun zu bestim- men, in wie lern eine solche,, nach diesen Betrach- tungen, heilsam oder cin Heihiuttel seyn körine. :

Wpnn das Wesen jeder Krankheit des lebenden, thierischen Körpers in einem speeiük zweckwidri- gen Zustande des Lebens in seinen di'ey Grundeigeu- sciiaften zugleich mit dem prävalirenden Ergriffen- seyn der einen oder der andern besteht, oder dar- in gesetzt ist, dass elessen drt.y Gruuderscheinun- gen, als Sensibilität, Irritabilität und Reproduction in eine, ins Unendliche verschiedene speeiiike Dis- harmonie geratheil sind, und nach zweckwidriger Producirung und solchen Procjuctcn ihre Thätigkeit richten, und jede dieser Dishannoniearten ein spe- eifik es MLtteT zur Zui'ückführung in die gesundheiis- gemässe Harmonie forciert; so wird nolhwendig an die .Secundar - und Tertiairwirkung blutiger Opera- tionen, sollen sie gegen verschiedene Krankheiten ein Heilmittel seyn, die Forderung gemacht werden müssen, dass sie diesen vielfachenspeeifikenKrahk- heitsuinständen durch eine gleiche Vielheit yon spe- eifiken Wirkungsarten entsprechen. ' - Stellt man nun aber dieser Forderung gegen- über , dass die durch Vernunft und Erfahrung zur Kenutniss gebrachte, durch organische Perception

(37)

39

and Reaction vermittelte Secundarwirkung einer blutigen Operation, manifestirt durch Schmerz, Blutung und Entzündung, qualitativ betrachtet, nur dreyerley ist, und auf diese dreyerley Secun-

darwirkung auch'wieder nur dreyerley Modification des Heilungsvermögens des Organismus, als nächste Bedingung der Krankheilsheihmg folgt; so ergibt sieh das Resultat, dass eine blutige Operation als ein positiver Heilungsact angesehen werden kön- ne und müsse," wenn die durch ihre Secundarwir- kung eigentlich gesetzte Modification des Lebens- processes gleich ist der geforderten Heilungsbedin- gnng von Seiten des Lebens lür die in der Behand- lung stehende, Krankheit.

Da nun aber die Sceuiidarwirkung einer bluti- gen Operation nur einen Theil der Glieder der or- ganischen Kette , die vom Gesetze der Wechselwir- kung zwischen - in Einwirkung auf einander gesetz- tem Organischen und "Unorganischen aneinander ge- reiht sind, durchläuft, und als Zweytes , in Bezug auf Wirkendseyn im lebenden thierischenKörper Grund eines Dritten à. i, einer Tertianwirkung wird; so muss in der Bestimmung der Hcilsarnkeit irgend einer blutigen Operation auch die Tertianwirkung derselben, als Grund verschiedener Modificationen des Lebensproeesses oder Heilnngsvcrmögens noth- wendig aufgenommen werden.

Weil aber die Bestimmung der, durch die Ter- tianwirkung einer Operation gesetzten Modification

(38)

2 4

des Lebensprocesses gleich ist der Construction des Lebens selbst; so wird man sich begnügen müssen, die Erscheinungen derselben zu schauen, und da- von die Lösung der Aufgabe und die clinische Benutzung zu abstrabiren. Biese Erscheinungen sind: organische Verbindung; permanente Trennung gesundbeitsgevoäss - oder auch pathologisch beschaf- fener Verbindung bestimmter Theile; Vernarbung;

Übernarbung; pathologische Organenbildung; sol- che Secretionenschaffimg; Eiterung; Verhärtung;

Verödung; Aufsaugung ; Brand; veränderte Tempe- ratur des Nervensystems nach einer bestimmten Rich- tung. Wenu nun demnach solche Modificationen des Lebensprocesses, die als Ursachen erwähnte Erschei- nungen setzen. Mittel gegen bestimmte Krankheiten seynkönnen, wie dieses die Erfahrung, als wirklich lehrt; so müssen auch alle jene.Operationen, die er- wähnte Modificationen hervorrufen, aberinahls für ein positives Heilmittel gehalten und darum für be-

stimmte Krankheitsfälle als angezeigt erklärt werden.

Man wird aber auch hieraus zugleich ,entneh- men. wie blutige Operationen nichts gegen ein Lo- calübel, bedingt von Scrophelsucht, Scorbut, Krebs, Arthritis, Syphilis u,'s. w., in Bezug auf Heilsamkeil, vermögen , indem durch sie höchstens nur ein Theil des Prodnctes, keineswegs aber sie selbst, als nähmlicli die Scrophelsucht u. s. w. als Producirendes, gehoben wird.

• Wenn sich demnach blutige Operationen bey

(39)

2 5

zuletzt angegebenen Krankhelten noch aïs heilsam erweisen können; so ist es bloss in dam Falle, wo das Product derselben als blosses Residuum noch dasteht.

Dem Unerfahrnen sey aber auch hier unter einem zum Erwägen gegeben, dass es um eine bestimmte Entscheidung, dass irgend ein Localübel nur noch ein Residuum-jnorbi sey, und nicht mehr im Cau- salnexus mit irgend einem imiern Krankst yn stehe, die schwierigste Aufgabe, selbst zuweilen für den.

geübtesten Practiker sey.

Es ereignet sich zuweilen, dass das, von der Semiotik oben erwähnten dynamisch - chemischen Missverhältnissen, aufgestempelte Gepräge , als sie characterisirend, für unsere Sinnenwahrnehmung bey dem, dass das innere oder allgemeine Übel seine Piolle unter der Yerkappung der blossen Localaf- feclion auf eine höchst täuschende Weise fortspielt, verwischt erscheint; der Patient bat nur das Äussere eines solchen allgemeinen Krankseyns , wie es un- gefähr nolhwendig bey dem Besteben eines Local- übels, Avie es vorliegt, Statt hat. Man operirt, d. i.

zerstört das Substrat oder Medium des inneni Krank- siyuspielcs, und sich da! wenige Tage darauf bre- chen wieder sämmlliche Erscheinungen der erwähn- ten, das Localübel gesetzt habenden, innern Krank- heitsformen mit allen ihren Charactcren, selbst mit Ausprägung derselben in der Opcrationswunde her- vor: Arzt und Kranker finden sich nun höchst ger täuscht.

(40)

« s

Nun aber ergibt es sich manches ' Mahl'auch, dass das mit einem Localübel coexistirencle allge- meine Krankseyn-,'welches'die Länge und Beschaf- fenheit des bestehenden Localiibcls nach und nach als seine unmittelbare und nöthweudige Wirk un g ausprägte , so 'viel täuschendes Besonderes an sich tragen kann, dass man vermuthen muss, es sey nicht sowohl Wirkung des . Localiibels , als viel- mehr das gleichzeitige Broduct des noch bestehend gefürchteten chemisch - dynamischen Missverhältnis- ses oder allgemeinen Krankseyns, welches'das Lo- ealiibel verursachte. Nun operirt mau nicht, ob- gleich das Localübel so ganz dazu geeignet ist, und Arzt und Kranker sind nun wieder übel dar- an. Das Ganze der Täuschung diessfalls mag in dem liegen, dass das Phänomenenspiel des allgemei- nen consensuellcn Krankseyns bey Kranken, die lange von einem dynamisch - chemischen Leiden er- griffen waren, sich in die todten Züge der erstor- benen DyscraSie u. s. w. einmaskirt hat, und unter dereu', zum Theil gleichsam mechanisch noch daste- henden , leeren Hülle sich äussert.

Was kann nun den Arzt aus dieser Verlegenheit ziehen? nichts als Genie, die tiefste Fülle ärztli-

cher Kenntnisse, graue Erfahrung, Individualisi-

"ungsgabe im höchsten Grade und heilige Ahnung.:

Ob nicht noch andere , bisher nicht'zur gewissen Erkenutniss gebrachte, und sohin in die Riihrike der bekannten Folgen der Secundar - und Tertiau-

(41)

2-7

Wirkung blutiger Operationen nicht aufgenommene pathologische Processe bestehen, die Grund zu mehrfachen und verschiedenartigeren Qualitätsän- derungen des organischen Heilungsvermögens, als angedeutet wurden, geben mögen, mag eine in der Zukunft potenzirterc Heilwissenschaft bestim- men, und durch diese Bestimmung die Urtheile der Ärzte über das Heil - oder nicht Heilsamseyn und daher An- oder nicht Angezeiglseyn einer blutigen Operation der Wahrheit näher stellen.

Betrachtung blutiger Operationen als mecha- nischer und an sich Krankheit verursachen-

der Schädlichkeiten.

Hält man nach Forderung einer fruchtbaren Therapie die Ansicht vom Leben des thierischea Körpers fest,

i) dass sein ganzes, in der Erscheinung auf- gestelltes Seyn, nichts anderes, als ein durch Me- chanismus und Materie verkörpertes, und durch eine eigene ewig unerkennbare Kraft, nähmlich durch Sensibilität, Irritabilität und Reproduction thätiges Wesen ist,

E) dass mit dem Augenblicke seines erstenSeyni alle drey Grundformen seiner Erscheinung zugleich gegeben sind,

(42)

2 $

3) dass die eine oder die andere der drey Grund- formen seiner Erscheinung nicht Grund des Wer- dens der übrigen, sondern nur des relativen Be- stehens oder Seyns der einen oder der andern ist;

denn man kann sich wohl nicht eine bestimmte Thätigkeit ohne bestimmtes Substrat oder Materie und Form derselben, ferner keine bestimmte Mate- rie ohne eine sie schaffende Kraft, und endlich keine Bildung der Form ohne Materie und eine bildende Kraft denken, alle sind demnach ztigleich gegeben.

4) dass es, ungeachtet der Verschiedenheit sei- ner Erscheinung in Thätigkeit, Materie und'Gestalt dennoch, qualitativ betrachtet, ein und dasselbe

'ist, ' 5) dass es allenthalben imlebenden tbierisehen

Körper, oder wo Bildung. Materie und Thätigkeit bestellt, gegenwärtig ist, und zwar wieder in einer und derselben Qualität: so wird man zugeben nuis- ,

sen. dass alles, avas die Gestalt des tbierisehen Körpers ändert, auch das Leben darin, so wie zu- gleich in seiner Materie und Thätigkeit, afficiren.

oder ändern müsse. *)

*) Diese Ansicht vom Leben sieht zwar sehr empyrisch aus ; ja einige Philosophen werden sie sogar es entheiligend finden. Allein der Verf., als pracdscher Arzt, konntcsich trotz der bestehenden pompösen sogenannten Lebenscon-

«ruetionen, (oder, vielleicht besser gesagt, Lebensde- struetionen) keine andere, brauchbarere, von einem hö- heren Standpuncte am vorgestellte, berausphilosopbiren.

(43)

% Da nun ferner jede Affection der. Gestalt des Organismus durch eine blutige Operation gleich ist einer Verunstaltung, und verbunden ist mit Schmerzerregung, Blutverluste u. s.„w, und jede plötzlich gesetzteVerunstalt;:ngdes Lebens, Schmerz, Blutverlust u. s. w. Disharmonie in seinen Functio- nen durchaus gleich heroischen chemischen Arzney- körpern , setzen , diese Affection also gleich ist einem krankhaften Zustande des Lehens; so folgt, dass jede blutige Operation an sich eine krankhafte, so- hin positive Schädlichkeit seyn müsse.

Erwägt man aber, dass beynahe alle Heilver- fahren, wenigstens sämmtliche, mit pharmaceuti- sclicn Mitteln bewerkstelligte, an sich als eine Schädlichkeit zu betrachten sind, aber dennoch in Bezug auf eine, auf den kranken Zustand des Le- bens dem Grade nach wohl berechnete Anwendung heilsam seyn können, und die Heilkunst bis nun

So lange ihm die vorgeblichen Haturkenner das L e b e n immer nur durch eine heilige Ahnung 211 erkennen geben

"wollen, zuiolge -vvelcbex auf es» -weder mit Hoffnung oder FurchtV noch mit Opium oder Salpeter und endlich weder mit dem Messer noch mit einer Binde heilungs- absichllich eingewirkt weiden kann, muss er dabey ver- bleiben. W a s auch immer die vermeinten ifaturphilojo- phen und anderartige Gelehrte aus dem beben an sieh beliebigerweise machen mögen, das kann vor der Hànd dem practischen Arzte gleichgültig s e y n ; denn dieser braucht es nur in und nach den Gründen seiner verschie- denen Erscheinungen zu schauen und zu erkennen,

(44)

sich keiner anderen Hiilfsleistnng erfreuen darf; sö kann liier nur die aligemeine Frage nach den ba- sonderen Umständen seyn , unter welchen eine bin.

tige Operation als eine solche Schädlichkeit zu ach- ten sey, dass der durch sie gesetzte Schaden als ein viel grösserer, wie der durch sie etwa erreichte Vortheil geschätzt werden m ü s s e u n d sohin nicht als Mittel für den therapeutischen Zweck betrach- tet werden könne.

Diese besonderen Umstände sind:

1) wenn die Verwundbarkeit des kranken In- dividuums so hoch steht, dass die durch die gefor- derte Operation verursachte Verwundung oder die

Grösse der durch.sie gesetzten Verletzung das Le- ben so ergreift, dass es sich dagegen nicht mehr zu behaupten vermag, und sohin im Ganzen oder im Theile untergehen muss,

2) wenn das die Operation fordernde Übel zu einer noch bestehenden Krankheit eines ganzen Sy- stems oder des Tötalorganisnius sich verhält wie Wirkung-zur Ursache, und durch die Operation weder Zeit gewonnen wird, noch ein Mittel gege- ben ist, dieses System - oder ïotaikrankseyn zu

heb ein .

Es fragt sich aber wieder, durch was erkennt der operirende Arzt dieses Verhältniss des Lebens Und seines Krankseyns zum Eingriffe der Operation' oder zur Verwundung durch dieselbe, bevor er

>

(45)

S i

siö unteinimint, um sie àls hicht angezeigt erklä- ren zu können, und folglieh nicht zu verüben?

Diese Frage kann n u r , theils durch die Kenntniss' und Sehätzung der pösitiven Grösse der Yerwuu- dungsphäre der Operation und des Grades der Dig- nität der in ihre Sphäre fallenden Organe und Ge- bilde , theils durch die Kenntniss der Art ihres Yer- wundetwerdens und des bestehenden Grades von in- tensiver Grösse des vitalen Reactions'vermögens und einen Vergleich dieser b'eyden Grössenund der übri- gen Verhältnisse; in. jedem besondern Falle, theils dadurch gelöst .werden, dass das System - oder Ge- sammtorganismuskrankseyn, S O A V O M seiner Quali- tät als Quantität nach, zur reinen Erkenutniss ge- bracht, und mit der qualitativen Wirkung der Ope- ration verglichen Avird.

Wenn man aber betrachtet, dass die iiidÍAÓduel- len Intensitätsgrade des vitalen ReaotioiisverniögenS

durch unsere dermalil bestehende Physiologie und Semiotik in vielen besonderen Fällen nicht gemessen werden können; dass eine reine Erkenntniss des We- sens und der Grösse der Krankheit, sie sey welche sie wolle, bis nun schlechterdings nicht gegeben ist; so Avird vor der Hand letztere Frage immer noch als ein therapeutisches Räthsel zu betrachten seyn, und nur zuweilen (so lehrt es die Erfahrung) von einem eingeAveiliten, die Gabe des Individuali-

sirens im höchsten Grade besitzenden Arzte gelöst:

Werden können.

(46)

3 2

Was demnach als allenfalsiges, Regulativ für operative Clinik, behufs der Bestimmung, dass eine blutige Operation, zumahl heroische, wenn nicht gewiss, doch wenigstens höchst wahrscheinlich deie- teriseh wirke, aufgestellt werden darf, mag in fol- genden Puncteti befasst seyn:

1) im zartesten Kindesalter, ungefähr vom er- sten bis zum sechsten Monath,*)

2) im Greisenalter,

3) bey sehr hohem Grade von Schwäche, durch was immer gesetzt/indem ein solcher, in der He- gel, gleich ist einem hohen Grade von Verwund- barkeit oder intensiv - sehwachen vitalen Reactions- verinögen,

4) bey höchster • oder auch n u r hoher Dishar- monie zwischen Sensibilität, Jrritabilitdt und Re- production,, ausgesprochen durch evidentes Vor- herrschen der ersten über beyde folgende, vorzüg- lich über letztere,

5) beym Bestehen irgend einer Cacochymie, Cachexie, oder eines dynamisch - chemischen iirank-

se'yns, unter welchem sich das scorbulische, arlhri»

tische

*) Min wird dagegen einwenden mögen, dass die Opera- tion der Hasenscharte für ein i. 2. ömonuthliches Kind gewiss eine sehr heroische s e y , und dennoch mit gün- stigem Erfolge gemacht werde. Wahr ist dies», aber auch das, dass von zwölf in diesem Alter operi'rten Kindern acht an der Verwundung durch die Operation sterben.

(47)

3 3

tische, scrophulöse, cancröse, syphilitische und atrabilarische auszeichnet,

6) bey der Existenz einer Idiosyncrasie gegen Eingriffe von schneidenden u, s. w. Werkzeugen, welcher Zustand aber nicht mit dem Umstände zu verwechseln ist, wo der Kranke von Furcht vor

Schmerzen, Verstümmelung u. s, w. ergriffen sich äussert. Kur Schade, dass weder der Kranke noch der Arzt dieses physiologische Räthselphänomen vor der Operation zur Erkenntniss bringen können;

7) bey Vernichtung, von welcher Art immer, der Arterien - und Nervenstämme,

ö) bey Entfernung grosser Massen organisirter oder desorganisirter Theile aus der Sphäre des Or- ganismus , zumahl, wenn es plötzlich geschieht,

9) manches Mahl auch da, wo das Operations- object lange als ein pathologisches S e - u n d E x c r é - tionsorgan zur Erleichterung oder aueh Entwicke- luugshemmung einer nebenher bestehenden Krank- heit diente, wie diess zuweilen z. B. der Fall ist mit einer alten Mastdarmfistel.

vi.

Betrachtung blutiger Operationen als Pallia- tivmittel.

Da es so manche, in einzelnen Organen oder Partieen haftende Krankheiten, als Producte unerkennbarer, unerkannter, oder auch als er-

G

(48)

ú • ;

kannt, unhebbarer Ursachen gibt, und demnach von einer radicalen Heilungsweise durch eine blu- tige Operation die Rede' nicht Seyn kann, ein sol- ches Organen - oder Partiekrankseyn aber an sich iür den, übrigens noch möglichen, längern Bestand des Lebens gefährlicher wirkt, als Sein Produciren- des, oder auch den Leidenden in einer martervol- len Lage versetzt hält; so wird allerdings zugestan- den werden müssen, dass irgend eih blutiges ärzt- liches Wirken, durch welches das sogenannte ört- liche Krankseyn auf eine das Leiden des Kranken lindernde, und seine Tage fristende Weise behan- delt werden kann, auch als Palliativmittcl seineii Werth eben so gut behaupte, als jede andere, mit

ehemischen oder psychischen Mitteln bestellte cura » symptomatica, und daher in die Rubrike von the- rapeutischer Anzeige und Angezeigtem aufgenom- men werden müsse.

Man denke sich zum belegenden Beyspiel die erquickende Lage, eines , von, seiner' carcinomatösen.

Brust befreyten Weibes, obsehon es dennoch nach- her, wie es Erfahrung lehrt, an dem krebsich- ten Universalkrankseyn, wie immer, selbst mit constant vernarbter Operationswunde, zu Grunde geht.

Endlieh besteht noch ein, nach des Verfassers Dafürhalten, wohl zu beachtender Umstand, bey welchem nähmlich durch irgend eine blutige Ope- ration ein , von einer zwar noch immer existiren-

(49)

3 5

den, und fortprodueireuden allgemeinen Krankheit gesetztes, und baldigen Untergärig androhendes Product als Localiibel entfernt, oder, wie immer, modificirt wird, nnd dadurch, theils Zeit für An- wendung etwa gegebener Mittel gegeii das allge- meine Krankseyn gewonnen. theils auch die natura medicatrix so vermögend gemacht werden kann, dass sie manches Mahl gegen alle Erwartung das all- gemeine Krankseyn von selbst, und somit auch den Rest des Locäiiibels, oder die, durch das etwa einge- schlagene' operative Verfahreil gesetzte, Verletzung

zu. heilen im Stande ist. Es ist sohin auch dieses Verhältnis? unter die, blutiges Eingreiffen zuweilen

fordernden, oder indicirenden Fälle aufzustellen.

Obschon diese Ansicht von Wirkung blutiger Operationen im Widerspruche mit den früher auf- gestellten, zu stehen scheint; so wird doch der Er- fahrne, das Verhältniss der Medisin zur Logik, oder, wenn man lieber will, das Verhältniss der kran- ken Natur zur heuttagigen dogmatischen Heilkunde kennend, das hier Gesagte so ganz an seinem Platze finden. Man denke sich z. B. einen, von noch herr- schender syphilitischer Dyscrasie gesetzten Bein- frass am Ellenbogengelenkc mit ungeheurer Jauche- secretion, marterndem Schmerze und dadureli ver- ursachter höchster, baldige Auflösung des Ganzen androhender Schwäche, wogegen, wie es sich er- achten lässt, Quecksilber nicht nur nichts vermag, sondern vielmehr schädlich wirkt, indem die, Jau-

G 2

(50)

3G

che seeernireudcn, pathologischen Organe in der- zeit , in welcher die erschöpfende Verjauchung töd- ten kann, und höchst wahrscheinlich tödten wird, durch kein mit pharmaceutischen -Mitteln, also auch Mercur, bestelltes Curverfahren so umgeän- dert werden können, dass die angegebene Sécré- tion nur beschränkt, geschweige gestillt werden könnte, Amputirt man in diesem Falle; so kann zwar der, Kranke ein Mahl an der Verwundung durch die Operation, und auch darum sterben, weil er vielleicht schlechterdings unheilbar ist.

Allein er kann auch gerettet werden, was ohne Operation der Fall bey nahe gewiss nicht ist, und zwar darum, weil das palhalogisch secerni- rende, auf keine andere 'Weise entfernhare Organ vertilgt wird, und deswegen a) der Einschmelzung des Lebenssubstrates gesteuert, b) das vitaleWir- kungsvermögen gesteigert, und somit c) Zeit und Umstände gewonnen werden, dass d) das einzige RettungsmiUel, der Mercur n. s. vv. angewendet werden kann.

Aus den hier aufgestellten Ansichten von Kraiikheitsheilbarkeit überhaupt, von Wirksam- keit, Wirkung, Heilsamkeit oder Schädlichkeit, Palliative und sonstiger Bestimmung blutiger Ope- rationen geht nun das Resultat hervor, dass es um die Bestimmung des An- und Nichtangezeigtseyns derselben in einzelnen Fällen bey weitem] noch keine ausgemachte oder entschiedene Sache sey,

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und dieses Verliältiiiss so lange noch bestehen werde, als die Heilwissenschaft aus der Erfahrung ihre Grundsätze schöpfen muss, und diese, die Er- fahrung nämlich, das bleibt, was man ein Ding nennt, mit dem man nie fertig wird, und sei- ner Natur nach als Gegebenes (Naturerscheinung) und Gebendes (Vernunfterklärung), indem erstere häufig täuschet, und letztere öfter betrieget, nie fertig werden kann.

Da nach des Verfassers Erachten und Dafürhal- ten nicht der Mensch, , sondern die Menschheit das ' Tötale der Weltschöpfung in sich enthält, und sollin der Grund der Art ihres Seyns durch constante und darum gekannte Gesetze gegeben ist, jedem einzelnen Menschen aber nur ein besonderer, und wieder besonders durch eine unendliche und darum ewig unbegreifliche, also auch ungekann-.

te Modification der allgemein constantcn. Naturgc.

setze, modificirter Theil der Menschheit zugetheili ist, und durch diese modiiieirte Getheiltheit eigent- lich als Individuum oder Mensch besteht ; so mag

es wohl ganz natürlich seyn, anzunehmen, dass je- der Mensch, so wie jeder Krankhcits - und Gene- sungsfall ein anderer sey, und folgerecht auch jede besondere Behandlung desselben eine, andere

seyn solle.

Wenn sohin keine Gleichheit von Krankhcits-- zuständen, sondern nur Ähnlichkeit derselben ge- geben ist; von welcher Gültigkeit und welchem

Ábra

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