"Das Buch ist ein Gefäß gefüllt mit Wissen und Scharfsinn." : Pädagogische Ratschläge klassischer muslimischer Denker

Volltext

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Von Rom nach Bagdad

Bildung und Religion von der römischen

Kaiserzeit bis zum klassischen Islam

Herausgegeben von

Peter Gemeinhardt und Sebastian Günther

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PeterGemeinbnrdt ,geboren 1970; 1990-199 6Stud iu m derEv,Theologie; 2001Prom ori on ; 2003 Ordinat ion;200 6Habilitation ;seit 2007Professor fürKirchengeschichte an derGeorg-August-U niversitätGöttingen ; Spre-cher desCon ranr-Fo rschungszenrrums"Bild ung und Religion" (fDRTS).

SebastianGünther,gebo ren 1961;1981-1986Studium derArabistikund Islamwissenschaft.1989 Promotion;1998Assisranr Professor und 2003 Associare Professor 01'Arabi c Language and Literature. University01' Toronto:seit2008 Professo rfür Arabistik und Islamwi ssenschaft an der Ceorg-August- Uni vcrsirärGöttingen; stellv, Sprech er des Coura n t-Fo r-schu ngszcnt ru ms"Bildungund Religion"(EDRI S).

Diese Publika tionwurde gefördert ausMittelnderExzelleuzinitiativc im Rah men des CouranrForsch ungszentru ms(CRC)Bildung und Religion , Georg-August-Uni versitätGöttingen.

Die Deutsche Nationalbibliothekverzeich netdiesePublikarion in der Deutsch en Nat ionalhib liograp hie; detailliert ebibliographische Daten sind imIn te rner überbttp:I/dllb.dll/J.(leabrufbar.

©2013Mohr SiebeckTübingen .www.mohr.de

Das\'V'er k einschließlichallerseinerTeile isturheberrechtli ch gesch ützt. Jede Verwertu ng auße rhalb der engen Grenzendes Urheberrech tsgesetzes ist ohne Zus ti m mungdes VerlagsunZllI,issig und strafbar.Dasgilt ins-besonderefürVervielfiltigungen ,Übersetzungen,Mikroverfilmungen unddieEins pe icherungund Verarbeitunginelek tronischenSysteme n.

Das Buch wurde von Mart in FischerinTüb ingen aus de rGaramond Antiq uagesetzt ,von Gulde -DruckinTübingenauf alter ungsbeständiges Wcrkdruckpapicr gcdruckt undgebu nd en.

(3)

Inhalt

Vorwort .... ... .... ... ... V PeterGemeinbardt

Nonuitaesedscbolae?Pagan eundch ristl iche Ansichten übe r Schule,LehrerunddasLeben .

joban Leemans

Die Briefe deslsid orvonPelusium,Bildung,Glaube,

Kom m un ikatio n 29

ReinbardG.Kratz

Text und Kommentar.Die Pescharirnvon Qumran im Kontext der hellen istisc henSchultrad ition ... . ... 5I Udo Schneil«

DenkenderGlaube.Schulen im Neuen Testament.... 81 GünterStemberger

Leben slanges Lerne nals Pro gra mm im rab b in ischen

Jude n t u m I II

Ferdinand R.Prostm eier

,.\Xlas will wo hldieser Schwätzersagen ?"Bild u ng

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x

Tnhalt UlrileeFgelhaaf(;aiser

QuaestionesRomanae.AntiquarischeSpaziergänge

zwische n Kapitol und Vcnustem pel T6 3 Cbristian Tornau

Medium und Text. Ruch,Buchproduk tion

und Buchkompositionbei Augustin us . . . ... T89 ThereseFuhrer

Die Schöpfu ngalsModus göttlicher Rede.

Augustin überReligion und Hermeneu tik . .. ... 2T9 Martin Tarnelee

Wieder Islam diechristlic he Bildu ngbeflügelte ... 24 3 GregorScheeler

Gesproche nes Wo rt undSchrift. Miind lichkeit

und Schriftlichkeitim frühislamischen Lehrbetrieb ... 26 9 LaieBehzadi

Muslim ische Int ellektu elle im Gespräch.

Derara b ischeliterarischeSalonim 10 .jahrh undcrr .. 29 T

Ing;'idHehmeyer

DenkerundTüftler.WissenschaftundTechnik

in klassisch-islamisc herZeit 321

Sebastian Günther

"Das Buch ist ein Gef.-ißgefüllt mit Wissen undScha rfsin n."PädagogischeRatschläge

(5)

Inhalt Xl Aurorenverveich nis .. .. ... . .... ... ... ... 381

Karte 384

Abkürzungen der biblischen Schriften ... ... . .... 385

Person enr egister 387

Ortsreg ister 393

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"Das Buch ist ein Gefäß gefüllt

mit W

issen

und Scharfsinn.

"l

Pädagogisch eRatschl ägeklassischer

muslimisch er Denker

Sebastian Günther

Die faszinierende Welt der pädagogischen Auffassungen muslimischer Denker ausder BlütezeitdesIslams im 9.bis 13.Jahrhu ndert n.Chr. ist ein bislangvon derWissenschaft noch kaum erschlossener Bereichder Ideengeschichte. Zum einen ist in diesem Zusam menhang zu konstati eren , dass dieBildungskonzeptionenderklassischen muslimischenG e-lehrten in einem hohen Mag eFragen betreffen , welche den Islam als Religionund Leben sweisegenerell bestimmen.Zum anderen ist zu hinterfragen , ob und inwieweit die k lassi-schen islamischenVorstellungenzu Wissen,Wissenstransfer,

1DasZirarsram m raus der klassischenarabische nAmhologieKitab al-hayaioan(d r.:DasBuch iiberdieLebewesen) desberühmten mitte l-alte rliche n 'Ihcologcn und Lireraren 'Am r ibn Bahr al-D schahi z (gest. 869), hg. von'Ahdas-Salarn Harun,Kairo 1949-50,Bd.1,38, 41. Siehe dazu auch CharlesPellat:Arabische Geisteswelt.Ausgewählteund über -setzteTextevon al-Gäl;i:;, (777-869).Zürich 1967,211f.Anzumerken ist ebenfalls. dassbestimm teAussagen imvorliegende nBeitragauf meiner Stud ie"Be Mastersin rharYou TeachandConti nue10Learn: Medieval Muslim Thinkers on Educar ional'Iheo ry",In:Comparati ueEducational Review(Chicago) 50.3 (2006),SpecialIssuc:Islamand Education- Myths and Truths,367-388 ,beru hen.

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358

Sebastian Günther

Bild ung und Erziehung, welche im Kontextder religiösen, kulture llen und eth nischen Vielfalt des Mittelmeerraumes

jenerZeitentstanden,Ansichtenbetreffen,die in den imm er

stärker multikulturellen Kontexten der modern en Ges ell-scha ften inEuro pavon besondererBedeut ungsind.

1. PädagogischeElemente im Kontext von Koranund islamisch erProph etentradi tio n

1m Koran (d.h. "Lesu ng" ,"Verlesen" oder "Rezitation" des Gott eswortes), der im 7. Jah rhu ndert durchden Propheten Muhammad verkündeten Offen barungsschrift der Muslime und damit dem "ersten Buch " desIslams überha upt, find en sich wiederholt konk rete Aussagen sowohlzur Verm ittl ung bzw. Aneignung religiösen und profanen Wissens alsauch zum kognitivenVersteh en.Diese Aussagen betreffen sowohl dieBildu ngundErziehu ngder Menschen alsIndivid uenals auchdie Gemeinschaftbzw.das gesellschaftlicheGanze.

Esist bemerkenswert , dassdieMensche n im Koranwie -derholt dazuaufgeru fenwerde n,ihren Verstand zuben urzen. Sie sollendieWelt und das Universum nicht nur mitdem Herzen, sondernebenauchration albegreifen undreflekti

e-ren,um sozuGott zufind en undsich Gottes Willen ganz

"hinzugeben" ; dasWort "Islam" bedeutet ja nichts anderes

als dievöllige "H ingabe" des Menschen an Gott und die Unt erordnung unter Seine n Willen. Das verstand esorie n-tierte, intellektuelle Lernen nimmt somit im Islam neben der spiritu ellen Gottes-Erfah rungeinen wich tigen Platz im Hinblickauf dieBildungundErziehungdes Menschencin .?

2SebasrianGünrhe r:.Teachi ng",In:Jan eD.McAuliffe(Hg.):Ihe En -cyclopaedia oftbeOnr'an.Leiden2001-2006, 6Bde, hier Bd.5,20 0-205.

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"Das Buchist einGeflißgefüllt mit WissenlindScharfiinn.a 359 Im Vergleich zum alren Arabien in vorislamischer Zeit (mit seiner weitgehend durch mündliche Weitergabe des WissensgeprägtenKultur) isthervorzuheben, dassim Koran die Bedeutungder Schrift als Medi um derKommunikation wieauchdieFunk tio nschriftlicherMaterialienals Wissens -speicher meh rfach beto nt wird.Diese Tatsachereflektiert für diearabischeHalbinselim 7. Jahrhunderteinen Paradigmen-wechselim Hinblickauf die Vorstellungen von Wissenund Wissen svermi ttlu ng,der mit dem Auftreten des Propheten Muha mmad eine neue Ära in der Kult ur- und Geistesge-schichteder Arabereinleitete .

In der frühislamischen Zeit (d.h. im7.und 8.Jahrhu n-dert) wird die beson dere Wertschätzung, welche Stud ium , Bildung und Wissensch aft im Islam generell genieße n, vor allem in den zahlreichen vom Propheten Muham mad

über-lieferren Aussprüchen und Verhal tensregeln bzw.den kurzen

Geschich ten zu seiner exemplarischen Lebenswe ise zum Ausdruck gebracht. NachdemKoransind dieseProph eten-trad itionen(hadithe)fürMuslimedie Textemitderhöchsten religiösen Autorität. In dieser prophe tischenLiteratu rfinde n sich zum Beispiel zahl reiche Aussagen, wonach der Pro-pher Muham ma dausdr ücklich betont habe,dassGott allen Menschen,Männernund Frauengleicherma ßen, die Pflicht auferlegte,nach Wissenzustrebe n,und dassdasLernen eine lebenslange,geographischeGrenze n überschre itende Aktivi-tät zum Wohle der Gemei nsch aftsei.

2. Religiöse Bildu ng und Buchwissen

Die religiöseSanktion ieru ng von Bildung undWissenschaft inden religiösen Texten aus derAnfangszeitdesIslam s einer-seitsund die neuen gesellschaftlichen und materiellen

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Ver-360

Sebnstian Günther

hältnissedesraschexpandierend en islamischenReichesim 9. und10.Jahrhundertandererseit sließen "Bücher "und ande re schriftliche Dokumente zu tragenden Säulen der a

rabisch-islamisch en Kultur und Zivilisat ion werden . Einwich tiger materieller Faktorwar dabeidas Papier , dessen Herstellun g

die Araberim 8.Jahrhundert von denChinesengelern t harren .

Papier ersetztePapyrusund Pergament im islami schen L ehr-betrieb und revolutionierte die Buchprodukti on. Diese Ent -wicklungen verliehen Studium und Bildungso nach haltige Im pulse,dass sichdie arabisch-islamischeGesellschaft inder

klassischenPeriodedes Islams, d.h.im 9. biszum13.Jah rh u

n-dert,zueiner regelrechten"W issensgesellsch aft" entwickelte.

BagdadwarindieserZeitdieglan zvollekosmopolitisch e

Hauptstadt des Kalifats der Abbaside n (reg. 75°-1258), das

sich aufdem Höhepunktseiner politis ch enMachtund geo -graphischen Ausdehnungbefand. Die berühmte Biblioth ek

des Kalifenhofes . das "Haus der Weisheit" (bait aL-hikma), wurde alsOnder Forschung und der höhe ren Bildung

of-fiziell vom Kalifen gefördert. Hier entstanden u.a. auch

zahlreiche professione lle arabische Übersetzungen philoso

-phisch er und naturwissenschaftlicher Werke vor allem des

antiken griechisc he n, syrisch-chr istlichen und iran isch-in-dischen inte llektuellen Erbes. Religiöse Hochschulen, die Medresen (madrasa) ,wurden in großer Zahl gebaut,um in ersterLinieStaatsbeamtedurchdie Vermittlungvon Kennt-nissen im islamischen Recht, in religiösen Fäch ern und in der arabische n Sprach e professionell auf ihren Dienst im Verwaltungsapparatvorzubereiten ."

In Kairo gründete die schiitische Dynastie der Fatimiden (reg.909-II71)Akademien, in denen nicht nur schiit ische 3Einen gut en Überbli cküberdie Enrw icklu ng unddieCharakte risti-kadermadrasavermitteltGeorgeMakdisi:TbeRise ofColleges: Institu tions ofLearning inIslam and tbe west.Edinbu rgh1981.

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..DasBuchistein GefiißgefiilltmitWissenund Schatfsi'/lJ. .. 361

Claubensgr undsätze, sondern auch wesentlicheAspekte des

intellektuellen ErbesderGrieche n und Perser eifrigstudiert

wurden . DieberühmteAl-Azbar(wasso viel heiß t wie ,d ie

Blühend e'oder .dieGlanzvo lle')wur deinKairo im Jahre970

alsMoscheegegründe t undbereits ab 988 als Lehra nstal tzur

höheren - zunä chst vor allem juristischen - Bildung genutzt.

DieAI-Azhargilt heu te als die älteste und wichtigstereligiöse

Univers ität derislami schen Welt.

Zahlreiche bedeut ende med izini sche Sch ulen und Kran

-kenhäuserentstandeninversch iede nen Teil ender islam ische n

Welt, soinGund ischapur im Norde n Iran s (im Rah mender

dortbereits in vorislam ischerZeitgegründetenAkade m ie),in

Alexand riaan derMitt elm eerkü ste Ägypte ns und in Harran

in derheuti gen Tür kei.Die Naturwissenschaften wurde nin

Laboratorien und Obse rvatorienpraktiziert und unt erricht et.

Große Leistu nge n wurde n von den mittel alterlichen rn

usli-mischen Gelehrten in Math em atik, Astro nomie, Ch em ie,

Medi zin , Pharm akologie , Opt ik, Physik, Ingenieurskunst

undArch itektur erbrac h t.Schö pfe risches Denkenistebenso

in derislamischen Gesch ich tsforsch ungund Geograph ie,der

Kodifizierun gdesRech ts sowie der Entwicklung um fassender

Geda n ken m odelle in Philologie und Gram mati k evide nt.

Dochvorallem die klassisch e islam ische Philosophiedemon

s-trierteOriginalirärund Brillanzim abstra kten Denken. Die

Namenmuslimi scher Gelehrterwie Farabi, Avlcenn a,Ghazali

undAverroessind hierbesondershervorzuh eben undwerden

uns im Weiteren nocheinge hen der beschäftigen . Dieseund

andere muslimische Gelehrtesindseit dem Mitt elalte rauch in

Eu ropa gut bekannt,haben ihreWerkedoch das europäische

Bildungs-und Wissenschaftsdenkennachhaltig beeinflus st!"

<,

4Vgl.Hans Daibcr:Isla mischesD?nkt;nim Dialogder Kulturen:In

-novationund VermittlungzwischenAntik eundMittelalter.Sarajewo2008,

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362

Sebastian Günther

3. Gru nd lage nlindCharakteristika des pädagogisch en Schr iftrumsim Islam

Von den ko ranischen Vo rstellun gen ausgehe nd, beha ndelt eine ganze Reihe mittelalterlicher arabis cher Wer ke ver-sch ieden er literarischer Genres und wissen scha ftlicher Di s-zip linen Fragen der Bildung und Erziehun g. Diese mitt el-alterliehen Texte zu Bild ungsth eorien und Bild ungs prax is hab endieintellektuelle Kult ur desIslams über Jahr h und erte hin weg - und bis in die Gegenwart - entschei de nd m it-geprägt. Siesin d eine wich tige Quellezur islamischen Geis -tesgesch ichte, do ku mentieren sie doch rich tu ngswe ise nde Schrittedermuslimisch en Gelehrte n des Mittelalte rshin zu einer klassischen islamisch en Päda gogik. In diesen mitt el -alterlichen arabisch enTextenzu Bildung und Religion wird ein Kerngedanke immer wieder betont: die Erzieh ung des Menschenseisowohlals eineForm der Beziehu ng zu Gon, "dem Schöpfer", als auch zu den Mitmen sch en, d.h. "den Statthaltern Go tte saufErden" (Koran,Sure 2, Vers 30), zu betrachten.Die normati ve Eth ik im Islam um fasst deshal b eineganze Reih e von Aussagen in den Bereich en Rech t und Moral,welch edie islamischen Bildungsth eo rien maßgebli ch beeinflussten . Da zah lreichemittelalte rliche muslim ische Au -toren ihre pädagogisch-didakti sch en Gedan kenm od elle aus der Perspektive bzw. unter dem Einflussjenertheologisch -philoso phisch orientierten islam ischen Eth ik ent wickel ten, istdieserAnsatzfürein umfassendes Verständnisder gen u in "islamischen" Elemente in der päd agogischen Tradi tio n des Islam svonbesondererBedeutung. In diesem Konrexrist d a-raufhinzuweisen ,dass dieim9.undIO.Jahrh undertvon den muslim ischen Herrschern finanziell und logistisch großzügig unterst ürzten Übersetzu nge n von Werken insbesondere des ant iken griech ischen undaltira nisc hen intellektuellen Erbes

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"DasBlich ist einGefiißgefiilltmitWissenundScbarfi inn." 363

dieVorstellungenund Ideale von Bild un g undErzieh ungim Islamnachh altig prägte n und derenkreativeAda ptio ndurch dieMuslimebeeinflussten und förderten.

Die Ideedes "umfassendgebildetenMenschen"(insan le

a-mi!)ist inbestimmten,fürdie Bildungbesondersrelevan ten Werken der arabisch-islamisc he n Philosoph en undMystiker des 9. bis 13.Jahrhunderts maßgebend. "Umfassend" ge

-bildet zu sein bedeutet hier neben dem Erwerb profunder Kenn tni sse des Korans, der Prophctcnrradirionen und der islamischen Glaubensgrundsätzeauch eine solideAusbildung in Wissensgebieten wie der arabischen Sprache, der Logik, der Math ematik, Physik und Metaphysik, den politischen Wissenschaften,sowie dem islamisc henRechtund der Theo -logie erhaltenzu haben . Dieses um fassendeund integrative Bildu ngsideal beschr eib t und erläutert unt er anderem der Philosoph,Logikerund Musikth eo retiker AbuNasral-Farabi inseinerwich tigen Schr iftIhsa'al-'ulum(dr.:Die Aufzählung der Wissenschaften).'

Mögliche Wurzel n dieses islamischen Ideals eines "um-fassend gebildeten", "wissenden" und deshalb "perfekten" Mensche nsind in zoroast rischen und vor allem in antiken griechischen Vorstellungen (wieetwa beiPlaron) zusuche n; doch auch mit der mystischenTrad itio ndes Judentumsgibt es in dieser Hinsicht Berührungspu nkt e." Die Ausform ung des für die islam ische Bildung prägenden Kernge dankens 5Vgl.Abu NasrMuhammacl ibnMuhammadal-Farabi:fhsll'IlI-'lIlulIl (dt.Die A/1zähltl1lgder Wissellschllften), hg.von UrhrnanAmin.Kairo 31968, 53, 96,124-138;vgl.auchSebast ian Günther:,,1 heprineiplcsof instruetion arethe grollndsof our knowleclge:Al-Farabi 's (d ,950)phi -losoph ieal andal-G hazali's(d. nu)spirirualapproach estolearning".In: OsamaAbi-Mcrshcd (Hg.):Traj ectories

0/

EducationintbeArabWorld: LegaciesandChIlIlenges.London2009,15-34,hier16f.

(,Vgl.Larnberr M.Sur honc/MiriamT.Timpl edon / Susan

r.

Mar se-ken(Hgg.):Adam Kadmon.BeauBassin2010, 23-26.

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364 SebastianGünther

vom umfassendgebildeten Menschen,der sowohl imKoran

und den religiösen Wissenschafte nals auch in denprofanen

Disziplinensolide Kenntnissebesitzt,muss allerdings letztlich

vor allem alsein Produkt der fruchtbareninner-islamisch en

intellektuellen Diskurse verstanden werde n.

Das bildungsphilosophische Schrifttum im Islam speist sichausversch iedenen kulturellen und intellektuellenQuel

-len. Drei grundsätzliche Bereiche sind in dieser Hinsicht

zu nennen:(a) die im alten Arabien präsenten paganen , jü

-dischenund christlichen Bildungsvorstellungen;(b)die

auto-ritativen Aussagen zu Wissen undErziehungimKoran sowie die dem Propheten Muhammadzugeschriebenennorm ativen

Aussprücheund Traditionen;sowie (c)das anti kegriechische, altiranische und indische intellektuell e Erbe inseiner kr

eati-ven Rezeption durch die Muslime. DiesesKonglomerat au-ßer-islamischerVorstellungen und originär islamischer Ent-wicklungen bildete den äußerstfruchtbaren Boden,auf dem sich ein wissenschaftlichenKriterien verpflichtetes,bildung

s-theoretisches Schrifttum in arabischer Sprache entwickelte, das wir heute zu Recht als"pädagogisch" bezeichnen können. Diesessich im 9. Jahrhundert formierende und in den fol-gendenJahrhunderten gedeihlich entfaltende pädagogisch e

Schrifttum besticht durch seine konkreten Ratschläge und Gedankenmodelle zu Zielen, Inhalten und ethischen Grund-regeln des Lernens und Lehrens sowie deren Techniken und Methoden.Diese Schriften zeugen zudem ebenso vom Id

een-reichtum und von derKreativität ihrer Auto ren ebensowie

von der Aufgeschlossenheit der mittelalterlichen Muslime, auch bildungsphilosophischeEntwürfe aus früheren Perioden

der Menschheitsgeschichte bzw.aus nicht-islamischen Kul

-turen zustudieren und, sofern sichdiese mit den religiösen Grundsätzen des Korans vereinbaren ließen, zum Wohle der

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"Das Bilch ist ein Cefiißgefiillt mit WissenIIl1dScharfsinn. " 365

Einige der von den mittelalrerlichen muslimischen Ge-lehrten entwickelten Konzeptionen zu "Bildung und R eli-gion" sind für ihre Zeit im besten Wortsinn alsinnovativ und "m odern" zu bezeichnen. Zum Teil mägen sie auch im heutigen Kontext (wiede r) aktuell ersche inen . So etwa wenn muslimische Gelehrte reflekti eren, was Lernen fü r die Ent faltung desMenschen generell bedeutet; wenn sie Stra-tegien des Unterrichrens und Lerncns unter dem Aspekt der ind ivid uellen Fähig keiten der Schü ler hinterfragen und die versch iede nenArte nvon Wissen kategorisieren;oder wenn sieerklären, wie dieses Wissenfü r den Unterrichtlern rech-nisch aufzube reiten ist. Auch die Fragen, welcheArten von Mot ivat ion lernfö rderlich sind und welche nich t bzw. wie der Lehrer den Lernp rozess des Sch ülers bzw. Studen ten am besten unterstützen kann,wurden von den mittelalterlichen muslirnisch en Geleh rt en gestellt und beschäftigen b ekann-term aßendieP;idagogenauchheutenoch.

4.Vertre ter und Inhaltedespädagogischen Sch rift tu ms im Islam

Dieklassischen arabische nWerkezur Pädagogik und D idak-tik im engeren Sin newurde nvonAutore nverfasst,welchein ganz verschiedenenBereichenderislamisch en Geleh rsamkeit wirkten.Un terihne n finden sichneben Korangelehrten und Ken nern der islamischen Propherentradirion auch Philoso -phen,Theologen,Historiker, Juristen,Ethiker, Literaten ,Na -turwissenschafrler undMediziner.ObgleichdieseGelehrten kein ePädagogen im engerenSinn e waren, konnten sie doch alle auf eineumfangreich e Leh rerfah ru ng als Professorenan Hochschulen oder alsdozierendeGeleh rteinprivaten Leh r-undForschungszirkelnzur ückgreifen.

(15)

366

SebastianGünther

Ibn Sahnun(9.[h.):Schüler müssenintellektuell gefordert werden

Das früheste erhalte ne, in Arabisch geschriebene "päd ago-gische Hand buch" wurde vor über eintausend Jahren ver -fassr. Dieses Werkmitdem Tite lAdab al-mu 'allim in (dr.:Die Verhaltensregeln der Lehrer) sta mmt von einem tunes ischen

Rech tsgelehrten mit dem Namen Ibn Sahnun (817-870).

Interessant erweise rät Ib n Sah nun in seinem Leitfaden für Grundschullehrerausd rücklich,Situatlonenim Unterrich tzu schaffen ,welche dieSchülerintellektue llfordern.Auch der faireWeubewerbzwischen den Schülern seizuunterst ürz en , dadieser nicht nurzurBildu ng,sondernauchzur Persönlich -keitsemwicklu ng derJugend lichen insgesamtbeitrage.?Einen besonde rs hoh en Stellenw ert misst IbnSahn un dergenauen

Artikulationund dem Auswend iglerne n der ko ranisc henO

f-fenba rungsschri ftscho n im Kindesalter bei. Ebenso wicht ig seien die Vermittlu ng gru nd legend er Lese-, Schrei b- und Cramrna rlkken nt nissesowie die Unterweis ung in den täg

-lichenreligiösenPflichcender Muslime und dieVermittlung

derRegelndes gute n Beneh mens.

Ibn Sah nuns Ratgeberfür Leh rer ist für dieGeschichte der Bild ung im Islam auch deshalb besonders wertvoll, da

er leben dige Ein blicke in die gesch äfti ge kleine Welt der

Gru ndsc hulenimfrühe n Islam gewährr. So wirdunter ande -rem auch berich tet,wie stolz einLehreraufdie Tintenflecke

aufseinem Gewand war oder wie sich ältere Schü ler auf

dem Heimweg von der Schule um die jüngerenMitsch üler

7Vgl.Muham ma d ibn Sahnun:Adab al-mu'alli min(dr.:Die Ve r-baltensregeln der Lehrer),hg.vonMuhammaJal-'ArusialMatwi. Nach -druck in :'Abd al-Rahma n'Urh rnan Hidschazi:al-Madhhabal-tarbaioi

'indaIbnSahnun.Beirur1986,III-I28,besonders113f;fram.Übersetzung vonGera rdLecomte: .Le livredesreglesde conduitedes maitresd'ecole parIbnSahnun".In;Reouedes l::.'tudes lsla m iq ues21 (1953),77-105.

(16)

..Das Blich ist einGefißgefiillt mit Mssen IIl1dScharfsinn." 367

kümmerten.Doch auch ein Vaterwird erwä hnt, der ein seh r

offenes Gesp räch mit dem Leh rer seines Soh nes führte, da

die Eltern mitder sch ulischen Ausbild ung ihres Sprösslings

unzufri ed en waren .

Dschahiz (9. jh.). DieLektüre guterBücher ftrdert das kreative Denk en

Zur gleichen Zeit, in der Ibn Sahnu n im Westen des

isla-mischen Reiche s wirkte, schrieb im Osten des Imperiu ms

der aus Basra im Irak stammende, bedeutende Literat und

Vert reter einervern un ftbeto nten Theologie,'AmribnBahr al

-Dschahiz(ca. 776- 868)ein pädagogischesBuch ganz anderer

Are. InseinerSchr ift über den Lehr erberu f Kitabal-mu

'al-limin (d r.:DasBuch überdie Lehrer), äußert sich Dscha hiz

unteranderem ausführlich zu Fragen des Gedäch tni sses,der

Gedächrnisleistung und des Auswendiglerne ns. Anders als

Ibn Sahn un hebt Dschahizhervor,dassdieorigin ellen Den-kerder Vergangen heit das Auswend iglernen ablehnte n .Sich ausschließlichaufAuswendiggelerntes zuverlassen, bedeu te

nämlich,dassder Intellekt die Merkmale und

Besonderhei-ten der Dingenicht wirklich erfasst und dass das "kreative

Denken" bzw.das "ratio nale Schlu ssfolgern " (istinbat) v

er-nachlässigt wird."Mehrnoch: Menschen mit einem guten

8Vgl.'Am ribn Bahr al-Dsc ha h iz:Kitab al-mu'allimin(dr.:Das Blich über die Lehrer).In:Kitabanli-l-Dschahiz:Kitabal-mu'allimin ioa-Kitab

.fi

l-radd'alaal-muschabbiha(dr.:Zwei U7erkeVOllal-Dschahiz:"Das Blich über die Lehrer" und"DasBlich über die \'(Iiderlegu ng der Anthropomor -phisten"), hg. von IbrahirnGeries (lbrahimJiryis).Tel Aviv1980,57-87. hier62f.Sieheweiterfüh rendzum Thema meine Aufsätze:.Advicefor

Tcachc rs:The9thCenturyMuslimScho larsIbn Sahnun andal-j ah izon Pedagogyand Didacrics",In:SebasrianGünther(Hg.):[deas,Images and

Meth ods

0/

Portrayal.Insigh tsinto Classical Arabic Literat ure andIslam, Leide n2005,79-u 6;.Praise ro rheBook! Al-jahizand Ibn Quraybaon

(17)

3G8 Sebastian Günther

Gedäc htn iswü rdendazu verleitetwerden,sich nur aufdas zuverlassen,was schon frühereGenera tio nenerreichten .Sie würden dies tun, ohne dabei ernst hafte Anstrengungen zu unternehmen, eigene Ideen zuentwickeln.

Darübe r hinaus preist Dschah iz im 9.Jah rhundert, d. h.

in einer Zeit, in welcher die mündlic he Unterweisung in

Vorlesunge n und Sem inaren sowiedas Auswendiglerne nden

islamischen Lehrb etrieb weitgehenddomi nierte n."dasBuch"

ineiner wund erbarenliterarischen Sprache,fürdieihm bis heutein derarabischen WeltdiehöchsteAnerkennung gezollt

wird. Ersagt:

DasBuch•...welch einSchatz undHllfsmirrcl es ist! Was für ein Kameradundwelch eineStütze!

Das Buchist Direin Freu nd in der StundederEinsamkeit undein Vert rau terin derFrem d e!...

Ichfrage Dich :Hast Du sch onein m aleine nGarte ngesehe n. den Du inein er TascheDeinesGewandes mitDirführenkannst?

Wo SOllSt findest Dueine n Gcfährrcn,der nur sch läft. wen n Du

schläfstunddernur spricht,wennDues wünschst ?...

Keinande resDingenthältsoviele wunderbareRatschläge,... soviele Zeicheneines gesundenVerstandes ... , so viele erhabeneW'eishei -ren...vergangen er [ahr h u nde rteundfernerLänder wie dasBuch... .

Du lernst da raus in einem Monat meh r. als Du vom Munde der Mensc heneine r Geoe rat ion erlernen kanns t. ... Das Buch ist ein Leh rer,dersich Dir nichtentz ieh t,wennDuihnbrauchst. ... Du findestinihmReich tu m ,der allenandere n übert rifft."

theExcellenceofrheWrittcn \X10 rd in Medieval Islam".In:[erusalem Studiesin Arabicand Islam31(2006). 125-143;..Al-jahizandthe Poeticsof Teach ing: A NinthCenr uryMuslimScho laron Inrellecrual Educarion",

In:TarifKhalidieral.(Hgg):Al-fahiz.AHumanistjorGur Time.Bei

-flIt /Wiesbaden 2009,17-26;sowie LaleBehzadi:SpracheundVerstehen:

al

-Cabi:?-

überdieVollkommenbeitdesAusdrucks.Wiesbaden2009.

9Auszügeaus Dschahiz,Kitabal-hayawan(wie Anm.I),Bd.I,38-51 ; vgl.auchPcllar,ArabischeGeisteswelt (wie Anm.I),2I1-214.

(18)

..Das Blichist einGefiißgefiillt mit WissCIIundScbarfsinn... 369

Inseiner aufdieseWorte folgenden,nichtwenigerals sechzig Druckseiten umfassenden "Lauda tioauf dasBuch"beze

ich-net Dschahiz die Bücher nicht nur als das wich tigste neue

MediumfürStud iumundLehreimIslamdesfrühenMittel -alters,sondern auchalsBind eglieder zwischenVergangenheit und Gegenwa rt und im besten Wortsin ne als Träger und

Förde rervonKultu r und Zivilisation.

Dschah izunterstr eichr indiesem Kon text dieBedeutu ng

der Büche rund andererschr iftlicherMaterialienfürUnt er-rich tundStudiu m . ImWeiterenweistervor allemdarauf hin,

dass die'V(:'erke"guter Autoren" besonders hilfreich für die

Persönlichkeitsemw icklu ngjunger Menschen sind.

Parabi(10.J/;.);IntegrationVOllreligiösen

lind nicht-religiösenFächern

Der bereitserwähn te,vielseitig gebilde teAbu Nasr al-Farabi (ca. 870-950) plädi erte in Bagdad für einen int egra tiven Lehrplan, d. h. für ein Cur riculum, das die sogenan nten

"fremden"und die "einheim ischen"Wissenschaften gleich er-maßen berü cksichtigt. Mit den "fremden" Wissenschaften meinte Farabi die Wissenszweige,welcheaufder griechischen Philosophie und Logikaufba uen unddie unentbehrlich seien,

umsichauf dasStudiumalssolchesvorzubereitenbzw,effek -tivstu d ieren zu können.Die"einheimischen"Wissenschaften wiederumsind für Farabidiereligiösen Disziplinen,die auf

dem Koran und seiner Interpr etation beruhen und welche die Grundlagen eines religiösdefiniertenLebens ausmach en. FarabisVorstellun genvoneiner Bildung, welche nicht-isla

-mischeundgenuin islami scheWissenszweige vereint,sind im Islam des Mittelalte rs nicht zu eine m regu lären Bestand teil deshöheren Lehr bet riebesgeworden .SeineKonzeptio nstid~

(19)

370 SebastianGünther

Interesseund wurde von diesen in ihren privaten Studi en-kreisen praktiziert.I 0

Ibn Sinti (Tl.[h.):WeitestgehendeEbmmg

des Pf ades zum Wissen

Ibn Sina (980-1037), der auch in Europa unt er seinem

lati-nisierten Name n Avicennaberühm te ArztundPhilosophaus Bucharaim heuti gen Usbekistan. hatte einspezielles Interesse an derKindererziehu ng.IbnSinabeto nteAnfangdesI!.Ja hr-hundertsinseinemgroße nal-Üanun

Ji

t-tibb(dr.:Kanon der

Medizin).wienotwen diges sei.auf Harmo niezwischen den

physisch en und psychischen Ko mp on ent en derAusbildung

zuacht en. ErrätdenLehr ernundErziehe rn deshalb,beson

-dersam Anfang jeder regu läre n Ausbild un g sicherzuste llen . dassSchülern und Stu dierende n der Zugangzum Wissen so

weit alsnur möglicherleicht ertwird.

Ghazali(II./12.[h.):Fürsorgliche Anleitung

stattkorrektiver Erziehung

Alsder bed eut end steund bis heut e einflussreichste Denker

im Kontext der religiösgeprägten islamisc hen Bildungsphi -losophieund Bildungsethik gilt derTheologe,Mystiker und

ReformerdesTI.Jahrhunderts.Abu Ham id al-Ghazali (1058-Im ).GhazalibetrachtetedieFragendes Lehrens undLernens auseinerspi rituell-mystischen Perspektive. Dabeibenen nter

zweiim islamischenKontext wichtigeGrundgedanken . Der erste bezieht sichauf die Einbind ungaristo telischerethischer Werte in den Diskur szur religiös bzw. spir ituell geprägte n islamischen Bildung, indem er diesealsislam isch-mystische

(20)

..DasBuchisteinCefrißgefiilltmitWissenund Seht/pinn." 371 Werte darstellt. Der zweite Gru ndge da n ke beruh t auf der Forderun g, dass der Weg zu einem "spirituell-mystischen Gorresvcrsrändn is" mit demtraditionellenislamischen Gla u-benbeginn enmüsse. Ghazaliswissenschaftlic hesGesamtwerk

sowiesein beispielh aftesLebenals Gelehrter,daseineme hr-jäh rige Tätigkeit als Rekto r der bedeutendsten islami sch en Hoch schuledes H.Jahrhundert, der Nizarni yya in Bagd ad ,

einsch loss, bewi rkten,dass sich diereligiösen Wissensch aften

als die wichtigste Grundlageder höhere n Bildung im Islam fest eta blierte n. Darüb er hinau swurd e auch Ghazalis Auf-fassung von Unterricht und Bildung als "fürsorgliche An -leirung"sran"ko rrekti verErzieh ung"zu einer pädagogischen Gru nd regel, die in vielenspäteren Sch riften zur islami schen Bildungwiederk ehrt.

In seinem monu ment alen Hauptwerk Ihya''ulumal-din (d t. :Die WiederbelebungderReligionswissenschaften)form u-lierte Ghazali einen Kat alo g mit det aillierten Ratschlägen sowohl für Lernende als auch für Lehrer. Diese Rats chläge sind ein beredtes Zeugni s für Gh azalis tiefe Überzeugung, dassWissen und Bildung nur Hilfsmittel für die Menschen "in dieserWelt"sind ,um ewigesHeilundErlösung in"der kommenden Welt",demjenseitig en Gottesreich,zuerlangen. GhazalisRatschlä gefürLern end ebestehenauszehn Pun k-ten: Dieseumfassen erstens die Einsich t , dass die Grund -voraussetzun g für den Lernprozess darin besteht, dass der Lern ende seineSeele von sch lech tenChara ktere igensc haft en reinige.Nursokönneerseinen Kö rp er ineinen Zustand ver-setzen,der würd ig ist, Wissenaufzune hme n,Zweitens sollte n

sich Lerne nde und Studierende soweitwie nurmöglich von denDingendesAlltags lösen,um sich aussch ließlich auf das Stud ium konzentrieren zu können. Ghaza li bringt dies auf den Punkt indem Satz:"DasWissenwird dem Mensch en erst gegeben , wenn der Mensch sich voll undganz dem Wissen

(21)

372 Sebastian Gienther

hingibt."Drittensdürfte sich der SchüleroderStudent nicht überdenLehrer bzw.den Professor erheben. Im Gegent eil,

der Schü ler bzw.Studentmüssefür den Lehrer "wie weiche

Erde sein, die den fruc htbri nge nd en Regen [des Wissens

und der Erfahrung eines Leh rers] vollkommen aufni m m t."

Doch die Studierenden sollt en sich zunäc hst auf die Le hr-meinung eines Lehrersbeschränk en und erstwen n sie diese

durchdrungen und vollkommen erfasst hätten, sich mitden

Lehrmeinungen anderer Professoren befassen. Dieweiteren

Pun kte bet reffen die Erm u tigun gen,dassdie Stud ierenden fürihre Studien einen Lehrer oder Professor wählensollten,

der seine eigeneMein ungausdrück t undnichtimm er wieder

auf dieAnsichtenande rer Gelehrterzur ückgreift bzw.diese

zitiert.Letzteressei"n icht hilfreich, sonde rn stifte nurVe

r-wirru ng." Stu d ierende sollten vor allem zunächst ein W

is-sensehaftsgebiet vollkommen meistern, bevor sie sich einem anderen zuwenden. Zudem müssten sie ihr Studium mit

gru ndlegenden Dingen beginn en und sich erst in dessen

Fortgang mit Spezialfragen beschäfti gen. Ein durchdach ter

und geord neter Stu die nablaufseideshalb essentiell für den Lern erfolg. DieStudierendenmüsstenaber auchwissen,dass

die stete Vervollkommn u ng ihrer inneren Werte der rech te

W'eg sei,umdashöchste Zielallen Lern enszuerreichen ,d.h.

sich Gott zu nähern. Autorität undAnerken n ung in dieser

Welt zuerlangen bzw. seineKommilitonenoderKollegenzu

beeind rucken, seisomitletztlich bedeutungslos.II

GhazalisRatschlägefür die Lehrer beinhalten ach t Punkt e,

von denen hier einige Kern aussagen genannt werden: Die

11Vgl,Abu Hamid al-Gh azali: Ihya''ulumal-din (UI.:Die Wieder-belebung der religiösenStudien).Kairo 1356- 1357h.l1937- 1938. 15 Bde., hierBd.I,49-58; engl. Übersetzun gvonNabih Amin Faris: The Book of Knoudedge.Being a Translation toithNotes

0/

tbe Kitab al-'ilm

0/

al-Ghazzali 's[sie]Ibya''ulum al-din .New Delh io.J., 119-146.

(22)

"DasBlich istein Gefäßgefiil/t mit Wissen11IIdScbarfiinn... 373

erste Pflichtdes Lehrers seies. soGhaza li,den Schülern und Studierenden Fürsorge.Respekt undSym pathie angedeihen zulassen; der Lehrer solle sie wie seineleiblichen Kinder be-handeln.Diezweite Pflich tdesLehrersbestehedarin. (a)in der Lehrtätigkeitden ProphetenMuharnrnad ,d. h.den Üb er-bringer desgeoffenbart en Gesetzes im Islam .nachzuahmen ; dies bedeut e, (b) weder irdisch en Lohn noch Anerkennung zu erwarte nund(c) den Beruf desLehrers als Dienst an Gott anzusehen. Weit ere Verhaltensregeln betreffen praktische Dinge. So müsse der Leh rer ein angemessenes Lernniveau sicherstellen: Der Schüler oder Student dürfe weder über-noch unterfordert sein; dabei gehöre es zu den Aufgaben des Lehrer s, den Lernstoff ausreichend aufzubereiten und die Studierenden mit dengeeigneten Lernmethoden vert raut zu machen. Zudem solle der Lehrer die Studierenden nicht durch offenen Tadel oder abfällige Bemerkungen maßregeln. sonderndurch freund licheAnregungen und beh utsam e Hin-weisezur Besserung ermuntern.Schließli chmüsse der Lehrer den Unterricht interessant und erlebnisreich gestaltensowie sicherstellen. dasskein Studierenderim Unterricht z urück-bleibt. Im weiteren müsse er die Studierenden vor der Ent -wicklung negativer Charakrereigenschafren und Arroganz bewahren und alsLehrer vorleben und praktizieren. was er im Unterrichtanmahneund von seinen Studie rendenerwarte.12

Dieseund weitere Ratschläge des Gelehrten undreligiösen Reformers Ghazali haben die pädagogischen Schriften z

ahl-reicher nachfolgendermuslimischer Gelehrter inspiriert und geprägt. Seine Ideen wurdenvon den späteren Autoren immer wieder zitiert, kommentiert und weiterentwickelt. Ghazalis

pädagogische Grundgedanke nwurdensomitzum festen

Be-12Gü nt her. Be Masters (wie Anm.i),384f.; Ders.•'lhe Principles

(23)

374 SebastianGünther

standteileinesauf diesp irit uelle Erfahru ng ausgerichteten, die weltlichen Belange aber dennoch angemessen berück

-sich tigenden religiösen Lehrensund LcrnensimIslam.

Ibn Ruschd(T2 .[h.):Das rati onaleStudium ist imIslam

religiössanktioniert

Abschließendisthier noch aufIbn Ruschd einzugehen ,der sowohl einer der besten Kenneralsauch einer der schärfs

-ten Kritiker der Sch riften Ghazalis war. Ibn Ruschd,der in Europaunter dem Namen Averroes bekannt ist,lebteim 12.

Jahrh und ert im damalsislam ischenSpanien und in Marokko,

wo er als Jurist, Arzt und Philosoph ein bemerkenswertes Ansehen genoss. Aufgrund seiner philosophischen

Kennt-nisse wurdeer vom Herrscherder damalsinNord-Afrika und Spanie nregierende nAlmohaden-Dynasricdami tbetrau t,be

-stim m teWerkevon Aristoteles zu kommentieren,

die

dem an griechische r Philosophie interessierten Herrscher nicht hinreichendverständlichwaren.Eines der originellstenWerke Ibn Ruschd sist der Traktat mit demTitel: Die entscheidende

Abhandlungund Urteifsfii ffung über das VerhältnisVOllgöttlich geoffenbartemGesetz und Philosophie.

Gemäß Averroes' eigenenWortensinddiebeiden H aupt-anliegen dieser EntscheidendenAbhandlung erstens zu be-weisen, dass das göttlich geoffenbarte Gesetzgenerell "zur [rationalen] Betrachtung bzw.zum Stu diu m der existenten

Dingemit Hilfeder Vernunftund zum Erwerbvon Wissen übersie verpflichrer ",und zweitenszuzeigen, dassdasreligiös

definiert e Gesetz im Islam das rationale Denken und die wissenschaft licheErforschu ng derrealenWelt nichr nuraus -drücklich vorsch reibt,so nde rnsogarerfordertundschützt.U

(24)

.DasBuch ist ein GefiißgefiilltmitWissen und Scharfiinn ... 375

Diese beiden großen Thesen bilden den theo retische n Rahmenfür jeneÜberlegungen desspanisch-a rabischen Phi-losophen Averroes,die für das Spannungsfeldvon"Ratio nali-tät,Bildung und Religion" generell und für einevernunft ori-entierre "islam ische Pädagogik"im Besonderenrelevanrsind. Esist vor allem dieser dezidiertrati on ale Ansatz im kl as-sisch- islamische n Bildungsdenken,der in derGegenwartvon einigen säkularen arabischen lntellektuellen , vor allem in Ägypten und in Marokko, aufgegriffen und alsHoffnun

gs-perspektive zur Ern eueru ng der arabischen und islamischen

Gesellschaften propagiert wird.l" Diese zeitgenössischen muslim ischen Reformer betonen,dass die Muslime in den glo balengesellschaftlichen Veränderungennicht blind west -lichen Vorbildern folgen, sondern sich vor allem auch im Hinb lickaufdieBildungund Erziehung auf einegenuin i

sla-mische bzw. inner-islamischePerspektivebesinnen müssten,

welchedieWerteund Würde des einzelnen Menschen und der Gemeinschaft in den Vordergrund stellen - so wiedies bereitsdieklassischen Vertreter der rationalistischen Schule im Islam (wieetwa Farabi und Averroes)forderten.

Uneihfindu ngüberdas verbdltnisvon Gesetz und Philosophie.Deut

sch-Arabisch.Mit einer Einlcitung und kommentierenden Anmerkungen

übersetztvonFranzSchupp.Hamburg2009 ,insbeso ndere3-7.

14Zu nennensind hiervorallemdic ägyptische n DenkerNasrHamid

AbuZaid(gesr,20 10)lind HasanHanafi(geb.1935),der marokkan ische

Reformer Mohamm ed Abedal-ja bri(al- Dscha bi ri; gcst. 20 10),der in

Algeriengeborcnc und in Frankreich beh eimatete Moham med Arkoun

(gest.2010)sowie der starkan Logik und Ethik orienti ertemora

lphi-losophi scheDenker Taha Abdurrahman (geb.1944)aus Marokko.Siehe

dazu die exzellente Studie vonAnke von Kügelgen: Aven'oes unddie

arabischeModerne:AnsätzezueinerHeubegrü ndungdesRationalism usim Islam.Lciden1994,sowieMohamm cd Abed Al-jabri:Kritikderarabischen VermIl1ft(Naqd al-'aq!al-'arabi).DieEinfii lm mg.Ausdem Französische n übersetzt von Vinccnt von WroblewskyundSarahDornhof Bcrlin2009.

(25)

376 Sebastian Giinther

5.Schlussfolgeru ngen

Zusam men fassend ist erstens festzus tellen, dass die klass i-schen muslimischen Gelehrteneinen besonderenWertauf die "O riginalitiit und Kreativität im Denken " sowie aufdie"Ge -nerieru ngneuenWissens"legten.Einigevo n ihnenspra ch en indiesemKontextden Büchern bzw.insbesondereder Lektü -re"guter Bücher"einenbesonderenStellenwert zu.Zweitens

sahen diese mittelalterlichen Gelehrten die Aufgaben von Unterrichtund Bildungnichtalleine inder Un terwe isungin Fakten und Daten.Vielmeh rhätten Lehrerund Professoren

die Verantwort ung, den Schülern und Stud ierenden auch

bleibende "ethisch e und moralisch eWerte" zu vermi tt eln. Drittensschätzten die frühen muslimi schenBildungsphil

oso-phen in hoh em Masse so lche Qualitäten wie Ent husiasm us beim Studieren und Unterrichte n, Kreativität im Denken

sowie Begeisteru ng für Forschung und Wissenschaft. Diese

Aspekte, welche die Freude, Motivation und Gestaltu ngs-kraft beim Lehrenund Lernen betonen, sind in Euro paerst im Zuge der Reformpädagogik im 19. Jahrhundert wieder

ausd rückl ich inden Unterri chtsprozess einge bunde nworde n. Her vorzuheben ist allerdings die gewich tige Tatsache,

dassdieklassischen muslimischenGeleh rte n dieseund w

ei-terepädagogischeGrundged ank en mit einige neuro päische n Denkern gemein haben. Zu nennen sind hierbeispiel sweise

der christlicheTheologe und Mystiker Eckh art von Hoch -heim , bekan nt als Meister Eckhart (1260-1327),der- ebe nso wieGhazali- dieReinheit der Seele alsGrundvoraussetzu ng für einenaufnah mefähigen underken nt n isbereitenVersta nd benennt. Meister Eckhans Rat , Bildung alsGrund lage für die Entfaltung der Seelenkräfte allen Men sch en gleichsam

zu ko m men zu lassen unddem Lern enden dabeiein ind ivi-duelles,seinenint ellekt uellenInteressen und Fähigkeitenen t

(26)

-..DasBuchistein Gefiißgefiillt mitWissenundScbarfiinn." 377 sprechendesLernenzuzugestehen,istnahezudeckungsgleich

mit bestimmten Ratschlägen des zwei[ah rh underte früher wir kenden muslimisch en Gelehrten Ghazali . Der musli

-mische Arzt und PhilosophAvicenna (Ibn Sina)wiederum, der sich Anfangdes H.jahrhunderts besonders um medizi

-nische Aspekte der Bild u ng und Erziehung von Kindern

verdient gemacht hatte,scheint ein geistiges Pendant in dem

italienischen Humanisten und Päd agogen Pietro Paolo Ver-gerio(1370-1444) zufinden.WieAvicenna,so beto nt e auch Vergeriodieindi vidu elleLernfähigkeitder Schü ler und prägte durch seine systematisc he n Darstell ungen zum hum anisti-schen Lernen nachd rü cklich dieBildung in Italien zur Zeit

der Renaissan ce. '?Gleich dem bedeutenden muslimischen Theologe n und Literaten Dschahiz unterstreicht auch der nied erländisch e Theologe, Ph ilosoph und PhilologeErasmus vo n Ro tt erdam (1465-1536) die Bedeutung eines intensiven Leh rer-Sch üler-Verh ältnisses,die FürsorgepflichtdesLeh rers gegen üb erden Schülern undden gegenseit igen Respekt,den Lehrer und Schüler füreinander empfinden sollren.l''Die pädagogischen Ansich ten des großen muslimisch en Philoso-phenundLogikers Parabi wiederum finden eine Parallele in denIdeen von PhilippMclanchtho n(1497-1560), dem im 16. jahrhundcrt einflussreiche nprotestantische nTheologen und Lehrbuch autor in Wittenberg. Fara bis und Melan ch thons rationa ler.durch ein gutes Sprachverständ nis unterm auert er

Zugang zum Lernen beeindrucken heute ebenso wie die

Argumentation, mit dersich beide Gelehrte für ein "

inklu-15Vgl. Ch rlsra Berg:..Die studia hurnan itatis". In: Handbuch da

deutschenBiIdulIgsgeschicbte. München 1996, Bd.I, II-19: Heinz-Elm ar

Tenort h (Hg.): KlassikerderPiidllgngik,Bd,I: Von ErasmusbisHelm e

Lange.München 2003,2t-27.

16Vgl.Günther.BeMaster s (wie Anm.I),387:Tenorrh.VonErasm us bisHcleneLange(wieAnm. 15),28-31.

(27)

378 SebastianGünther

sives",d. h. ein sowohl "religiöse" als auch "säkulare"Fächer gleichermaßen einschließe ndes Curriculum aussprach en.

Johann Amos Comenius (1592-167°) wiederum betontein seiner Großen Unterrichtslehre, der Didactica Magna, dass

es - wiediesauchder muslimischeGelehrteIb n Sahnunim 9.Jahrhundert form uliert hatt e - einHau ptzieljed er religiös orientierten Bildung sein müsse, junge Menschen die Heilige Schriftzu leh ren undsieindenreligiösen Pflichtenzu unter-richten.Der christlicheGelehrteComenius betont aber auch,

wiewir dies bei dem muslimischen Denker Ghazali schon fünfhundertJahre zuvo r finden ,dassdie Lehrer und Prof es-soreneinen effektiven,inhalrsreichen und inrcrcssanren U n-terricht gewährleisten müssten.Nur so könne sichergestellt

werde n, dass die Sch ülerundStudierenden Nurzenaus dieser

Unterweisungziehen undFreude am Lernen haben.'? Diese und weitere Aussagen in der pädagogischen Tra -dition, gleich ob nunausdem Orient oder dem Okzident, können der Arbeitvon Lehrern und Päd agogen auchheure nochwichtige Impulse verleihen. Einige pädagogische R

at-schläge und Gedanke nmodel leder klassischenmuslimischen Gelehrten mögen heur e fürLehrendeund Studierendeaber

vor allem auch deshalb attraktiv sein, da wir in einer Zeit leben, in der die ethischen und emotionalen Aspekte des

LehrensundLernens immer mehraus unserem technologisch undbürokratischdefinierten Unterrichts-und Studienallrag zuverschwinden drohen.Mit anderen Worten:Die rnusli -mischen Gelehrte naus derklassischen Zeit desIslamshaben in einigen wich tigen Fragen der Bildung durc haus beden -kenswerre, Epoc hen- und Kulturgrenzen übersch reitende Standpunkte vertrete n, die wir heur e im besten Sinne als

17Vgl.Günther,Be Masters (wie Anm.1) ,387f.;Tenorth,VonEras

(28)

.Das Blich isteinGeflißgefiilltmit Wissen lind Scbarfi inn." 379

"human istisch" bezeichnen und an die wirohne weireresan -knüp fenkönnen.Dieseuniversellen bildungsphilosophischen Werte sow ie die bemerkenswerte pädagogi sch -didakrische Kompetenzder mittelalterlichen muslimischen Denkersind allerdings in den europäischen Untersuchungen und his -torischen Darstellungen zur Bildung und Erzieh ung noch

imm er kaum zu finde n. Nicht zuletzt deshalb würden wir sicherlich davon profitieren, uns durch bestimmteAussagen jenermittelalterliche nGelehrten inspi rierenzu lassen. Dabei wäre eshilfreich, unserneu tins Bewusstseinzu rufen, dass der BerufdesLeh rers eine Profession ist,die sichnicht in erster Linie aufVerwaltungun d bürokrat ischeVorgänge, sondern aufdie Ausbildungjunger Menschenals Gesamtpe rsön lich-keiten bezieh t und dass, wie die Gelehrten im Mittelalter es ausd rüc kte n, mit dem Beru fdes Lehrers eine gutes Maß an"ethisc her Verantwortung" und "menschlicher Fürsorge" verbu ndenist.

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