Sprachreport Jg. 36 (2020), Heft 4

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(1)SPRACH REPORT IN EIGENER SACHE Die Zeitschrift SPRACHREPORT richtet sich in erster Linie an alle Sprachinteressierten und informiert vierteljährlich über Forschungen und Meinungen zu aktuellen Themen der germanistischen Sprachwissenschaft, kommentiert Entwicklungstendenzen unserer Sprache und beleuchtet kritisch Sprachkultur und Sprachverständnis.. SPRACHREPORT-Printversion Unkostenbeitrag: 10,- € jährlich Digitalversion unter <www.ids-mannheim.de/sprachreport> Erscheinungsweise: vierteljährlich Leibniz-Institut für Deutsche Sprache Postfach 10 16 21 68016 Mannheim Kontakt: Barbara Stolz E-Mail: stolz@ids-mannheim.de D 14288. Name, Vorname Straße, Nummer PLZ, Stadt. Land. Tel.. Informationen und Meinungen zur deutschen Sprache Herausgegeben vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache, Mannheim Heft 4 / 2020, 36. Jahrgang. SPRACH REPORT. E-Mail Ort, Datum. An die Autorinnen und Autoren Wir bitten Sie, Ihre Beiträge als WINWORD oder RTF  - Datei im Anhang per E-Mail zu schicken an: sprachreport@ids-mannheim.de oder auf CD. Ausführliche Informationen zur Manuskriptgestaltung finden Sie unter: http://pub.ids-mannheim.de/ laufend/sprachreport/beitrag.html. 1. Unterschrift. Zahlungsart  Ich bezahle die Jahresrechnung per Bankeinzug. Ich ermächtige das IDS, den Rechnungsbetrag von 10,- € von meinem Konto abzubuchen. IBAN. BIC.  Ich warte auf die Jahresrechnung und überweise den Betrag auf das dort genannte Konto. Die Rechnung wird an die oben genannte Adresse zugestellt. Ich kann die Printversion eine Woche nach Erhalt des ersten Heftes schriftlich widerrufen. Ich bestätige durch meine 2. Unterschrift, dass ich mein Widerrufsrecht zur Kenntnis genommen habe. Ort, Datum . 2. Unterschrift. Die Zeitschrift SPRACHREPORT kann als Printversion nur pro Kalenderjahr bestellt werden. SPRACHREPORT-Ausgaben, die im Jahr des Erstbezugs bereits erschienen sind, werden nachgeliefert. Die Bestellung der Printversion kann frühestens nach Ablauf eines Jahres gekündigt werden. Sie verlängert sich automatisch um ein Jahr, wenn die Kündigung nicht 2 Monate vor Ablauf eines Kalenderjahres schriftlich mitgeteilt wurde.. Besuchen Sie uns auf Facebook: www.facebook.com/ids.mannheim und Twitter: @IDS_Mannheim. 1 Annette Klosa-Kückelhaus Von Nichtstun und Erholung (an Weihnachten und zu anderen Zeiten) (Aus der Rubrik Neuer Wortschatz) 6 David Hünlich „America First“ mit deutschem Akzent. Über die politische Ansprache einer verstummten Ethnie 16 Astrid Adler / Maria Ribeiro Silveira Spracheinstellungen in Deutschland – Was die Menschen in Deutschland über Sprache denken. 25 Rosemarie Tracy Aufregend (Gedicht und Interview) 26 AKTUELLES 57. Jahrestagung des LeibnizInstituts für Deutsche Sprache als ONLINE-Konferenz. Sprache in Politik und Gesellschaft. Perspektiven und Zugänge, 9. bis 11. März 2021 28 Liisa Tiittula / Laurent Gautier /  Janusz Taborek  Zur Sprache der Coronakrise in Finnland, Frankreich und Polen. 34 Winfried Ulrich Auf Biegen und Brechen! Wie man beim Zitieren dem Prätext eine andere Richtung geben kann 46 Bruno Strecker Für Rückfragen stehen / steht Ihnen die Kundenberatung oder Ihr Ansprechpartner im Außendienst zur Verfügung – Einzahl oder Mehrzahl beim Verb. (Aus: Grammatik in Fragen und Antworten).

(2) IMPRESSUM Herausgeber: Leibniz-Institut für Deutsche Sprache Postfach 10 16 21 68016 Mannheim <www.ids-mannheim.de> Diskutieren Sie den SPRACHREPORT auf unserer Facebook- und Twitter-Seite: www.facebook.com/ids.mannheim @IDS_Mannheim Redaktion: Annette Trabold (Leitung), Hagen Augustin, Ralf Knöbl, Doris Stolberg, Eva Teubert Redaktionsassistenz: Theresa Schnedermann, Elfi-Joana Porth Satz & Layout: Sonja Lux (vorm. Tröster). Bezugsadresse: Leibniz-Institut für Deutsche Sprache Postfach 10 16 21 D -68016 Mannheim Tel. +49 621  1581-0 Digital: <www.ids-mannheim.de/sprachreport> E-Mail: sprachreport@ids-mannheim.de Herstellung: Morawek, 68199 Mannheim gedruckt auf 100% chlorfrei gebleichtem Papier ISSN 0178-644X https://doi.org/10.14618/sr-4-2020 Auflage: 1.900 Erscheinungsweise: vierteljährlich Printversion einschließlich Versand: 10,- € jährlich, Einzelheft: 3,- € Hinweis: Die SPRACHREPORT-Redaktion befürwortet einen gendergerechten Sprachgebrauch. Sie überlässt die Umsetzung und Form aber den Autorinnen und Autoren..

(3) Annette Klosa-Kückelhaus. VON NICHTSTUN UND ERHOLUNG (AN WEIHNACHTEN UND ZU ANDEREN ZEITEN) (AUS DER RUBRIK NEUER WORTSCHATZ) Technische Innovationen, historische Ereignisse, sich wandelnde gesellschaftliche Gegebenheiten oder politische Neuerungen – für eine funktionierende Verständigung muss sich der Wortschatz ständig anpassen. Da kann es schnell passieren, dass man ein Wort hört oder liest, das man noch nicht kennt oder bei dem man sich unsicher ist, wie man es schreibt oder spricht. Und beim Nachschlagen in einem Wörterbuch, das neue Wörter verzeichnet, stellen sich weitere Fragen: Welche Quellen werden für ein solches Neologismenwörterbuch ausgewertet, wie kommt ein Wort dort hinein, und ab wann gilt es als gut integriert? Welche Typen von Neologismen gibt es eigentlich? In der SPRACHREPORT -Reihe „Neuer Wortschatz“ stellen Ihnen Mitarbeiterinnen unseres Neologismenwörterbuches einige der schönsten Entdeckungen, interessantesten Sachgruppen und verschiedene Typen von Neologismen vor, die ihnen bei der Arbeit begegnet sind. Alle orangefarbigen Beispielwörter im folgenden Beitrag können im Neologismenwörterbuch online und kostenlos (unter <www.owid.de/docs/neo/start.jsp>) nachgeschlagen werden.. Innehalten, reden, lesen, spielen, Beine hochlegen ... eben chillen Sich in den Wochen vor Weihnachten freie Zeit zum Lesen und Innehalten zu erkämpfen ist nicht leicht. Viele erleben sie noch hektischer als das ohnehin schon dicht verplante Jahr. „Gott hat das Chillen erfunden“, behauptet dagegen der katholische Kirchenhistoriker Hubert Wolf und lädt ein dazu, Advent und Weihnachten neu zu entdecken. (St. Galler Tagblatt, 6.12.2016) US-Sängerin Kelly Clarkson (35, „Love So Soft“) will an Weihnachten nur die Beine hochlegen. „Unser Leben dreht sich das ganze Jahr so schnell, da wollen wir nur chillen“, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. „Wir sind auf unserer Farm, fahren mit einem Quad, spielen zusammen Spiele oder schauen Filme und reden.“ (dpa, 22.12.2017). <https://doi.org/10.14618/sr-4-2020-klosa>. Endlich kommen die Feiertage, die ruhigen Tage zwischen den Jahren und möglicherweise einige Urlaubstage im neuen Jahr – Zeit zum Ausruhen, aber auch Zeit, manches zu erleben, wofür im Alltag sonst wenig Gelegenheit ist. Dies ist der Anlass, etliche Neologismen rund um das Thema „Freizeit“ aus den letzten dreißig Jahren sowie ganz neue Wortbildungen und Entlehnungen in den Blick zu nehmen, die zugleich das Neologismenwörterbuch mit seiner großen Menge an Stichwörtern aus verschiedenen Fach- und Sachgebieten präsentieren sollen. Abbildung 1 vermittelt mit einem Ausschnitt der Lemmata aus der Sachgruppe „Freizeit / Unterhaltung“, verteilt auf die Dekaden der 90er-, Nuller- und Zehnerjahre, einen ersten Eindruck von der in diesem Wörterbuch zu neuem Wortschatz verzeichneten lexikalischen Vielfalt.. Die Autorin ist Leiterin des Programmbereichs „Lexikographie und Sprachdokumentation“ in der Abteilung Lexik am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache, Mannheim.. Deutlich wird außerdem: Die gezeigte Sach-/Fachgruppe umfasst (wie dies auch sonst bei den im Neologismenwörterbuch behandelten Lexemen der Fall ist) neben zahlreichen Substantiven (z. B. Avatar, Dunkelrestaurant, Dab) eine Reihe von Verben (z. B. abhängen, chillen, twerken)1 und neben entlehnten Lexemen (z. B. Event, Kakuro, Glamping) solche Wörter, die im Deutschen gebildet sind (z. B. Hüpfburg, hartzen, Nachtbürgermeister). Es finden sich außerdem • • • •. Neulexeme (z. B. Techno, Shisha, Morphsuit), Neubedeutungen (z. B. vorglühen), neue Wortbildungselemente (z. B. [...]tainment) und neue Phraseologismen (z. B. auf der / die Piste).. Im Folgenden werden einige ausgewählte Teilbereiche (u. a. Personenbezeichnungen sowie nominale oder verbale Bezeichnungen für Freizeitaktivitäten) aus dem Sach- / Fachgebiet „Freizeit / Unterhaltung“ als Einstimmung auf die Weihnachtsferien vorgestellt.. Vom Leben auf dem Sofa Den Anfang machen die Personenbezeichnungen Couchpotato bzw. Couchkartoffel (sowie das am wenigsten im „Deutschen Referenzkorpus des IDS – DeReKo“2 belegte Synonym Sofakartoffel) aus den 90er Jahren. Mit diesen Wörtern werden Menschen bezeichnet, die ihre Freizeit vorzugweise sitzend verbringen. Diese Substantive illustrieren gut unterschiedliche Neologismentypen: Couchpotato ist ein Lehnwort (aus engl.. IDS SPRACHREPORT 4/2020. 1.

(4) Bei einer Aktualisierung solcher Wortartikel wie Couchpotato würde übrigens in aktuellen Korpusdaten überprüft, ob dieses Substantiv nach wie vor und mit welchen Verwendungshäufigkeiten mit allen drei Genera (der / die / das Couchpotato) und zwei Formen des Nominativ Plural (Couchpotatos und Couchpotatoes) belegt ist. Typisch für entlehnte Neologismen ist, dass solche Varianten im Laufe der Verwendungszeit nach und nach abgebaut werden, was als Zeichen der fortschreitenden Integration ins Deutsche gedeutet werden kann. Dies gilt z. B. auch für orthographische Varianten, von denen im Wortartikel zu Couchpotato immerhin die folgenden sechs verzeichnet sind: Couchpotato, Couch Potato, Couch potato, couch potato, Couchpotatoe, couch potatoe. Abb. 1: Ausschnitt aus der Übersicht Inhaltlich gruppierte Stichwörter (Fach- / Sachgebiet „Freizeit /  Unterhaltung“) im Neologismenwörterbuch. couch potato), Couchkartoffel und Sofakartoffel sind hingegen als Komposita aus Couch3 bzw. Sofa und Kartoffel bestimmbar, zugleich aber auch Übersetzungen des englischen Begriffs. In Tabelle 1 sind die unterschiedlichen Häufigkeiten der einzelnen Personenbezeichnungen mit Rechercheergebnissen aus dem „Deutschen Referenzkorpus des IDS – DeReKo“4 zusammengefasst (siehe Tab. 1). Die in Tabelle 1 gezeigten Belege aus DeReKo verweisen darauf, was in vielen anderen Texten in DeReKo ebenfalls aufscheint, nämlich, dass von Couchkartoffeln usw. häufig zusammen mit Sport die Rede ist, z. B. um die Wandlung eines Sofafaulenzers bzw. einer Sofafaulenzerin hin zu einer (sportlich) aktiveren Person zu illustrieren. In den Belegen aus den 90er- und Nullerjahren, die in den entsprechenden Wortartikeln im Neologismenwörterbuch gezeigt werden, wird hingegen noch mehrheitlich von Personen berichtet, die ihre Freizeit überwiegend vor Fernseher oder Computer verbringen und dabei häufig Süßigkeiten oder Salzgebäck essen. Bei einer Überarbeitung und Aktualisierung dieser Wortartikel im Neologismenwörterbuch würde man heute die Paraphrase aufgrund der aktuellen Korpusbefunde weiter fassen, im Sinne von „jemand, der in seiner Freizeit wenig aktiv ist und viel Zeit sitzend (z.B. vor dem Fernseher) verbringt“.. 2. IDS SPRACHREPORT 4/2020. Trautes Heim, Glück allein? Menschen, die – beispielsweise während der Weihnachtsferien – in ihrer (Frei-)Zeit gerne zuhause sind (ob als Couchkartoffel oder auch in aktiverer Form), folgen womöglich den beiden folgenden, schon etwas älteren Trends: dem seit Anfang der Nullerjahre aufgekommenen Homing, womit bezeichnet wird, dass jemand das Zuhause als Mittelpunkt der Freizeitgestaltung bevorzugt; oder dem Trend zu Cocooning, das seit Mitte der 90er Jahre in Gebrauch ist und mit dem man auf das völlige Sichzurückziehen in die Privatsphäre während der Freizeit referiert. Das Lehnwort Cocooning geht zurück auf engl. to cocoon ‚sich einspinnen‘, eine sehr sprechende Bildung für das, worauf das Lexem verweist. Nicht mehr länger ziehe es das Volk in Kneipen, Restaurants und andere öffentliche Räume. Nein, „Cocooning“ sei jetzt angesagt, die Lust auf Heim und Herd, auf Kerzen, Kissen und Kuscheln. (Berliner Zeitung, 18.11.2000) „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ fragt Ikea. Das heißt: Wer viel zu Hause ist, will es dort auch gemütlich haben. Durch Homing entsteht eine neue Kultur des Wohnens, zu der ein kreativer Umgang mit Möbeln, Stoffen und Wohnaccessoires gehört. <www.morgenpost.de> (Stand: 2.10.2004).

(5) Lexem. Befund in DeReKo. Beleg. Couchpotato. Suchanfrage: couch+potato++. Wenn ich ehrlich bin, ich war früher auch ein Couch-Potato, jedenfalls solange, bis ich meine passende Sportart gefunden hatte. Klar habe ich auch mal keine Lust, dann zwing ich mich aber und fahre wenigstens ins Training. Selbst wenn ich nicht mitmache, unterstütze ich vom Rand aus Kinder und Jugendliche. Wenn von ihnen dann ein positives Feedback kommt, ist das für mich die beste Motivation. (Die Rheinpfalz, 11.4.2019). Treffer in Archiv W-gesamt: 2.316. Couchkartoffel. Suchanfrage: couch+kartoffel+ Treffer in Archiv W-gesamt: 186. Sofakartoffel. Suchanfrage: sofa+kartoffel+ Treffer in Archiv W-gesamt: 114. Ein paar Faktoren halten viele von Radtouren über längere Distanzen ab so wie mich, eine bekennende Couchkartoffel ohne Kondition und mit etwas Übergewicht. Auch der Gedanke, eine Woche oder länger auf die wenigen Klamotten angewiesen zu sein, die eine Fahrrad-Satteltasche neben anderen unverzichtbaren Reise-Utensilien zu fassen vermag, schreckte mich. Oder am Ende eines langen Fahrtages noch einmal nach einem freien Zimmer in einem Hotel zu suchen, das Radler gern für nur eine Nacht aufnimmt. Die Skepsis ist vorbei. (Nürnberger Nachrichten, 28.4.2018) Wir hatten gerade eine Stunde Hallenfußball hinter uns und waren allesamt fix und fertig. Aber eigentlich hatten wir damit schon die größte Hürde genommen, nämlich unseren inneren Schweinehund überwunden, der uns Sofakartoffeln doch sonst so gerne an die Couch fesselt. Wer es schafft, sich aufzuraffen, hat schon gewonnen, egal wohin einen die Füße tragen. Weit gefehlt, wie ich am nächsten Morgen feststellen musste. Ich hatte nämlich ganz vergessen, wie erbarmungslos das nächste Tier zuschlagen kann: Am Sonntag wurde ich nicht vom Schweinehund niedergestreckt, sondern vom Muskelkater. (Nordkurier, 26.3.2019). Tab. 1: Korpusbefunde und -belege zu Couchpotato, Couchkartoffel und Sofakartoffel. Dass Geselligkeit auch bei längerem Aufenthalt Einzelner in den eigenen vier Wänden nicht zu kurz kommen muss, hat sich nicht zuletzt in Coronazeiten bewahrheitet, als Millionen von Menschen während des weitgehenden Lockdowns bzw. des Social Distancings oder in Heimquarantäne zuhause bleiben mussten. Hier haben sich u. a. die in Tabelle 2 erfassten neuen Formate zur Freizeitgestaltung entwickelt, die vielleicht auch zu anderen Zeiten eine Zukunft haben (und dann eventuell im Neologismenwörterbuch einen ausgearbeiteten Wortartikel erhalten werden) (siehe Tab. 2). Und wenn man – z. B. an den Weihnachtsfeiertagen – zu gar nichts Lust hat? Dann bietet sich das Nichtstun an.. Tätigkeitswörter für das Nichtstun Hierfür findet sich in jeder Dekade, zu der neuer Wortschatz im Neologismenwörterbuch dokumentiert wird, ein passender Verbneologismus: • abhängen (seit Anfang der 90er Jahre in Gebrauch): sich, oft zusammen mit anderen, passiv entspannen und so die Zeit verbringen. • chillen (seit Anfang der Nullerjahre in Gebrauch): sich entspannen, sich ausruhen • niksen (seit Ende der Zehnerjahre in Gebrauch): nichts tun Interessant sind diese Verben in unterschiedlicher Hinsicht: Bei abhängen handelt es sich um eine zunächst in der Jugendsprache belegte Neubedeutung mit teilweise negativ konnotierter Verwendung. Das Verb chillen ist in der Bedeutung ‚sich bei sanfter Musik und beruhigenden Videoclips in speziell dafür eingerichteten Räumen nach intensivem Tanzen auf einer Technoparty entspannen‘ schon in den 90er Jahren belegt6, hierzu ist in den Nullerjahren die hier gemeinte Verwendung als semantisch unspezifischere Neubedeutung hinzugetreten. Das Verb niksen schließlich ist eines der seltenen nicht-englischen Lehnwörter im Neologismenwörterbuch:7 Es kommt aus dem Niederländischen und ist erst seit 2019 in Zeitungstexten belegt, weshalb das Wort zunächst auch noch weiterhin beobachtet wird8, bevor entschieden werden kann, ob es irgendwann einmal Stichwort im Neologismenwörterbuch wird.. IDS SPRACHREPORT 4/2020. 3.

(6) Lemma5. Bedeutungsangabe. Beleg. Rudelgucken. das gemeinsame Sehen von Filmen, Serien, Fernsehsendungen o. Ä. mit der Familie, Freunden, Bekannten (auf Distanz). Es ist doch nur halb so witzig, allein über eine Komödie zu lachen oder sich bei einem Horrorfilm allein zu gruseln. Bei Serien ist es ja noch schlimmer. Die bieten steten Diskussionsbedarf. Aber mit wem wollt ihr diskutieren, wenn keiner da ist? Die findigen Entwickler einer Chrome-Erweiterung haben da eine Lösung für euch, die zwar das Rudelgucken nicht vollwertig ersetzen, aber doch recht gut nachstellen kann. [...] Bislang wurde die Netflix Party zumeist dann verwendet, wenn Zuschauer über große Distanzen voneinander getrennt waren. In Coronazeiten erweist sich bereits das Nachbarhaus als große Distanz. <www.ndr.de> (Stand: 29.4.2020). virtuelles Dinner. gemeinsames Abendessen per Videoschalte, -chat oder -anruf. Beim Essen geht es um so viel mehr als einfach nur reines Sattwerden. Sei es der Restaurantbesuch mit Freunden oder das gemeinsame Kochen und Essen mit der Familie – zusammen macht es einfach mehr Spaß. Wenn euch und eure Lieben viele Kilometer trennen oder ihr aktuell keine Zeit oder Möglichkeit habt, euch zu treffen, kann ein virtuelles Dinner fast genauso schön sein. <www.rewe.de> (Stand: 12.5.2020). Watchparty. das gemeinsame Sehen von Filmen, Serien, Fernsehsendungen o. Ä. mit der Familie, Freunden, Bekannten (auf Distanz). In der Corona-Zeit gewann Co-Viewing an Bedeutung. [...] Früher traf man sich im Kino – heute verabredet man sich virtuell zur „Watch Party“ auf Amazon Prime. Das neueste Feature des StreamingDienstes von Amazon erlaubt es Nutzern, gemeinsam Filme zu gucken. <www.wuv.de> (Stand: 30.6.2020). die gemeinsame Teilnahme (auf Distanz) an Konzerten, Veranstaltungen, Feiern o. Ä. über das Internet (mit Bildübertragung). Watchparty war jetzt kein Riesenhit. Aber lustig. Haben sich neun Leute in den von mir erstellten Konferenzraum „Harder, Faster, Coroner!“ eingewählt, ihre Handys so positioniert, dass man sie sehen kann und das Scooter-Konzert zusammen geschaut. <www.kontextwochenzeitung.de> (Stand: 1.4.2020). zuhause durchgeführtes Fitnesstraining. Auf das Cardio-Training verzichten muss auch in häuslicher Quarantäne wegen Corona niemand. Wir haben ein Wohnzimmer-Workout für Jogging-Muffel kreiert, das alle großen Muskelgruppen fordert und das du auf engstem Raum, zum Beispiel zwischen Schreibtisch und Couch, absolvieren kannst. <www. fitforfun.de> (Stand: 19.3.2020). Wohnzimmer-Work-out. Tab. 2: Bezeichnungen für Freizeitbeschäftigungen in Coronazeiten. Was Nichtstun in Form von niksen wirklich bedeuten könnte, illustriert der folgende Zeitungsbeleg: Chillst du noch oder nikst du schon? Das Nichtstun ist endlich gesellschaftsfähig. [Überschrift] [...] Niksen kommt aus Holland, also nix mehr mit hügelig, und heißt Nichtstun. Ja, der triviale Trend besteht aus der abgedroschenen Aufgabenstellung, einfach mal nichts tun. Nada, niente, nothing. Eben nix. Man lässt nur die Gedanken schweifen. Ohne Räucherstäbchen, ohne Musik, ohne Smartphone. Auch nix mit Netflix. Es geht um den Moment des absoluten und bewussten Nichtstuns, gerne auch werktags. Niksen steht für das, was wir hippeligen Whatsapper verlernt haben: einfach mal dazusitzen und uns mit einem Hauch. 4. IDS SPRACHREPORT 4/2020. von Nichts zu beschäftigen. Wer in unserer Hochleistungsgesellschaft faulenzt, gilt also ab sofort nicht mehr länger als Nichtsnutz, sondern nutzt das Nichts. Hach, voll toll, dieses Niksen. Wir dürfen endlich Faulpelze und Müßiggänger sein, Tagträumer und Tagediebe, Langweiler und Drückeberger, Hallodris und Nichtskönner. Also tun wirs einfach. Was? Na, nix. (Die Rheinpfalz, 29.9.2019). Und schließlich: ab in den Urlaub Falls man – aus welchen Gründen auch immer – über die Feiertage und/oder in den Weihnachtsferien nicht verreisen kann oder will, dann bietet sich an, was seit einigen Jahren mit dem Neologismus Staycation be-.

(7) zeichnet wird (und was deutlich weniger abhängig von warmer Witterung ist als der [schon in den 70er Jahren belegte] Urlaub auf / in Balkonien9): ein Urlaub, der nicht in der Ferne, sondern im eigenen Zuhause verbracht wird. Die Vielzahl an Treffern bei einer einfachen Googlerecherche10 sowie die rege Nutzung als Hashtag in Twittermeldungen (z. B. in folgendem Beleg: „#Staycation lautet für viele in diesem Jahr das Credo für den #Urlaub.“, Twittermeldung vom 4.8.2020) verdeutlichen, welche Bedeutung dieses Konzept offensichtlich gewonnen hat, und das nicht zuletzt durch die besonderen Bedingungen während der COVID-19-Pandemie. Es ist Ferienzeit und ihr könnt nicht verreisen? Sei es, weil das Geld knapp ist, ihr krank seid, keinen Hundesitter gefunden habt oder wegen des Coronavirus ohnehin jedes Reisen verboten ist. Halb so schlimm. Denn ihr könnt auch bequem Urlaub zuhause machen. [...] Die gute Nachricht: Staycation klappt überall. Selbst im langweiligsten Kaff kann Urlaub zuhause schön sein. <www.gofeminin.de> (Stand: 7.4.2020). Als ebenfalls noch sehr junge und wenig belegte Alternative zu Staycation ist schließlich noch der synonyme Neologismus Holistay zu nennen, ein im Englischen aus holiday (‚Urlaub‘) und (to) stay (‚bleiben‘) gebildetes Substantiv. Wo und wie auch immer Sie Feier- und / oder Urlaubstage verbringen werden, und unabhängig davon, ob Sie die freien Tage in Ihrer Wohnung als Staycation oder Holistay oder einfach als Urlaub zuhause bezeichnen: Wir wünschen Ihnen gute Erholung und für das neue Jahr beste Gesundheit! Auf Ihre Vorschläge für weitere Ergänzungen im Neologismenwörterbuch freuen wir uns. I. Anmerkungen 1. Natürlich gibt es im Neologismenwörterbuch auch Wortartikel z. B. zu Adjektiven. In der Erweiterten Suche lässt sich der Bestand an Wortartikeln unter der Rubrik „Grammatik“ nach bestimmten Wortarten sowie Phrasenkategorien durchsuchen.. 2. Vgl. hierzu <www1.ids-mannheim.de/kl/projekte/korpora/> (Stand: 6.8.2020).. 3. Zum Lehnwort Couch vgl. den entsprechenden Wortartikel in „Deutsches Fremdwörterbuch – Neubearbeitung“, online im Wörterbuchportal OWID unter <www.owid.de/ artikel/405859> (Stand: 6.8.2020).. 4. Das „Deutsche Referenzkorpus – DeReKo“ des IDS; letzte Erweiterung: Februar 2020 (Release 2020-I).. 5. Die in Tabelle 2 erfassten Lexeme sind im Neologismenwörterbuch in der Liste Neuer Wortschatz rund um die Coronapandemie dokumentiert.. 6. Zum Neologismus der 90er Jahre vgl. den entsprechenden Wortartikel im Neologismenwörterbuch unter <www. owid.de/artikel/298288> (Stand: 6.8.2020).. 7. In der Erweiterten Suche des Neologismenwörterbuches lässt sich der Bestand an Wortartikeln unter der Rubrik „Aufkommen und Herkunft“ / „Herkunft (Sprache)“ nach Stichwörtern aus dem Englischen oder aus anderen Fremdsprachen durchsuchen.. 8. Zu allen Wörtern, die derzeit noch beobachtet werden, vgl. die Liste „Wörter unter Beobachtung“ unter <www. owid.de/docs/neo/listen/monitor.jsp>.. 9. Vgl. hierzu den Eintrag im Wortartikel „Balkon“ in „Deutsches Fremdwörterbuch – Neubearbeitung“, online im Wörterbuchportal OWID unter <www.owid.de/artikel/40 5583> (Stand: 6.8.2020).. 10. Eine Recherche in DeReKo (Archiv W-gesamt, Release 2020-I; Suchanfrage: stay+cation+) ergab am 6.8.2020 insgesamt 30 Treffer in 20 Texten seit 2008. I. IDS SPRACHREPORT 4/2020. 5.

(8) David Hünlich. „America First“ mit deutschem Akzent Über die politische Ansprache einer verstummten Ethnie. Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Organisationseinheit Zentrale Forschung am LeibnizInstitut für Deutsche Sprache, Mannheim.. Vor der U.S.-Präsidentschaftswahl am 3. November 2020 richteten sich die Augen aller Analysten auf den Mittleren Westen, der Donald Trump im Jahr 2016 zum Sieg verhalf. Weniger bekannt ist, dass genau diese Region vom Ende des 18. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts stark deutschsprachig geprägt war. Der sogenannte ‚German Belt‘ erstreckt sich von der nördlichen Ostküste Amerikas bis in das sogenannte Heartland, das Herz des Landes. Deutsche Sprachminderheiten wie die Hutterer oder Mennoniten leben noch heute in der Region, und Zensusdaten zeigen, dass sich viele Amerikaner dort ihrer deutschen Herkunft noch bewusst sind – auch wenn die Sprache der Vorfahren kaum noch gesprochen wird (Karte 1). Schlägt das Herz Amerikas bei der Wahl 2020 links oder rechts? Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Hefts wird die Antwort vorliegen. Haben die. Deutschamerikaner den Wahlausgang dann wieder entschieden, wie wir 2016 behauptet haben (Hünlich / Urlaub 2016)?1 Dank einer interdisziplinären Forschungsgruppe2, an der die Universität Mannheim sowie die Leibniz-Institute GESIS und IDS beteiligt sind, wissen wir heute mehr über deutschamerikanisches Wahlverhalten. Landkreise mit hoher deutschamerikanischer Selbstidentifikation stimmten tatsächlich signifikant häufiger für Donald Trump als für Hillary Clinton (Dentler /Gschwend / Hünlich 2020). Noch entscheidender: Es gibt einen nachweisbaren Zusammenhang zwischen dem ‚Swing-Vote‘, also dem Umschwung vom demokratischen ins republikanische Lager und eindeutig deutschamerikanisch geprägten Landkreisen. Der gleiche Zusammenhang gilt nicht für andere Herkunftsgruppen. Die Zeichen verdichten sich, dass die Deutschstämmigen auch beim Wahlausgang 2020 eine wichtige Rolle spielen.. Regionale Verteilung deutscher Herkunft in den USA Gesamtangaben zu dt. Herkunft als Prozentsatz der Landkreisbevölkerung (County-Ebene). 46,3% - 73,6% 32,4% - 46,2% 20,5% - 32,3% 11,0% - 20,4% 10.9% und weniger Absolute Angaben dt. Herkunft: 48.482.905 U.S. Durchschnitt: 15,7 % Datenquelle: U.S. Census Büro, 2008-2012, 5-Jahres-Schätzung der American Community Survey Copyright © Jon Kilpinen (2014). Abb. 1: Regionale Verteilung deutscher Herkunft in den USA auf Ebene der Landkreise (Counties). 6. IDS SPRACHREPORT 4/2020. <https://doi.org/10.14618/sr-4-2020-huen>.

(9) Aber warum sind sie als ethnische Gruppe in der U.S.Politik nicht erkennbar? Der vorliegende Artikel soll in der gebotenen Kürze zeigen, wie es zu einem eigenständigen Wahlverhalten der Gruppe kam und wie die Deutschamerikaner und -amerikanerinnen3 von der Politik bis heute indirekt und direkt angesprochen werden. Dabei spielt die Geschichte der deutschen Sprache in Amerika vor allem als Diagnoseinstrument eine Rolle.. WARUM WERDEN VORMALS DEUTSCHSPRACHIGE REGIONEN VON VIELEN WECHSELWÄHLERN BEWOHNT? WIE KOMMT DAS? Der Umschwung von 2016 Karte 2 zeigt die fünf „Swing-States“ des Jahres 2016 im Mittleren Westen: Iowa, Wisconsin, Michigan, Ohio. und Pennsylvania (von links nach rechts). Hervorgehoben sind alle Landkreise (Counties), die 2012 für Barack Obama und 2016 für Donald Trump stimmten. Die Wahlausgänge auf Landkreisebene sind auf Ebene des Bundesstaates nicht entscheidend, aber sie verraten uns ein Muster. Weiter westlich gibt es deutlich mehr Landkreise mit Wechselwählern. Eine Region von über 20 Landkreisen in den Bundesstaaten Wisconsin und Iowa fällt besonders ins Auge. Der britische „The Economist“ bezeichnete dieses Gebiet kürzlich in einer Reportage als „notoriously disloyal to both parties“ – also berüchtigt für seine Illoyalität gegenüber den beiden Parteien.4 Was unerwähnt blieb: In mehreren Landkreisen (dunkel schattiert) liegt der Anteil deutschamerikanischer Selbstidentifikation in der Bevölkerung bei über 40 % und der Vorsprung gegenüber der jeweils zweitgrößten Ethnie bei durchschnittlich 16 %. Gerade diese dominant deutschstämmige. Abb. 2: Fünf „Swing States“ (Iowa, Wisconsin, Michigan, Ohio und Pennsylvania) mit Landkreisen, die Barack Obama und Donald Trump unterstützten. Die meisten sind deutsch dominiert.. IDS SPRACHREPORT 4/2020. 7.

(10) Region unterstützte im Jahr 2008 zu fast 60 % den ersten afroamerikanischen Präsidenten des Landes, Barack Obama. Er erhielt mehr Zulauf als jeder demokratische Nachkriegskandidat, obwohl der Anteil an Afroamerikanern in der Region nur knapp über 1 % beträgt. Im Jahr 2016 fiel die gleiche Region mit rund 52 % an Donald Trump. Anscheinend war es nicht Rassismus, der diese Wählerinnen und Wähler zum Umschwung bewegte. Was führt also zu dem paradoxen Wahlverhalten unter Deutschamerikanern dieser Region?. Wer sind die Deutschamerikaner? Rund 44 Millionen Amerikaner identifizierten im Jahr 2018 einen Teil ihrer Abstammung als „deutsch“.5 Sie wären somit vermutlich die größte Herkunftsgruppe des Landes. Deutsche Einwanderer trugen im 19. Jahrhundert maßgeblich zur Besiedlung des „Wilden Westens“ bei. Kamphoefner (2006) schätzt den Anteil deutschstämmiger Landwirte auf 2 von 5,6 Millionen – ein deutlich überproportionaler Anteil. Die Deutschen trieben auch die Industrialisierung mit Arbeitskraft und Unternehmergeist voran. Die Liste der Unternehmen mit deutschen Gründerfamilien ist lang: Boeing, Heinz, Steinway, Levi, Kroger, Knapheide – um nur einige zu nennen.6 Auch die Familie Trump gehört dazu. Der ehemalige US-Botschafter in Deutschland, John Kornblum, bezeichnete Trump vor diesem Hintergrund als „typisch deutsch-amerikanisch“: Deutschamerikaner seien meist „konservativ, sehr hemdsärmelig, die meisten sind auch sehr erfolgreich.“7. DIE DEUTSCHE SPRACHE WAR DAS BINDEGLIED DER WOHL HETEROGENSTEN EINWANDERERGRUPPE AUS EUROPA Im Vergleich zu anderen Einwanderern des 19. Jahrhunderts waren die Deutschstämmigen in den USA aber immer eine extrem heterogene Gruppe. Sie waren weder religiös noch politisch einheitlich und brachten starke regionale Identitäten mit, die in zahlreichen Dialekten Ausdruck fanden. Es gab keinen gemeinsamen Herkunftsstaat. Viele um 1850 Eingewanderte waren gescheiterte Revolutionäre. Sie blieben politisch aktiv und engagierten sich zum Beispiel gegen die Sklaverei.. 8. IDS SPRACHREPORT 4/2020. Aber auch führende Köpfe der neuen lutherischen, katholischen und jüdischen Gemeinden in den USA waren deutscher Herkunft. Das wesentliche Bindeglied dieser recht bunten Einwanderergruppe war die deutsche Standardsprache, die sich im 19. Jahrhundert etablierte. Sie gab den verschiedenen Dialektgruppen ein Medium der Kommunikation und machte sie mehr „deutschsprachig“ als „deutsch“. Man legte besonderen Wert auf eine Ausbildung in der deutschen Muttersprache. Bis 1890, als bei der Volkszählung zum ersten Mal systematische Informationen über Einwanderersprachen gesammelt wurden, hatte sich Deutsch als Unterrichtssprache in zahlreichen öffentlichen und kirchlichen Schulen etabliert. Zweisprachige Programme und Deutschunterricht gab es in 25 Staaten (Buenger / Kamphoefner (Hg.) 2019; Toth 1990). Rund eine halbe Million Schüler besuchten die Programme (Kamphoefner 2014). Von den 1.170 fremdsprachigen Zeitungen in den Vereinigten Staaten im Jahr 1894 waren 796 deutschsprachig, 97 davon waren Tageszeitungen (Park 1922, S. 310). Im Jahr 1900 gab es vermutlich rund 9 Millionen Deutschsprachige, rund 12 % der Gesamtbevölkerung (Dentler / Gschwend / Huenlich 2020). Die Zahl steht dem heutigen Gewicht des Spanischen in der Bevölkerung der USA kaum nach. Kein Wunder also, dass Demokraten und Republikaner im späten 19. Jahrhundert um die Stimmen der heterogenen deutschsprachigen Einwanderergruppe buhlten (Jensen 1971). Diese historische Rolle als politisches Zünglein an der Waage ist heute weitestgehend vergessen.. Deutsche als Geburtshelfer des amerikanischen Isolationismus Mit Anbruch des Ersten Weltkriegs änderte sich das Leben in „German America“. Viele Deutschamerikaner wollten einen Krieg zwischen alter und neuer Heimat vermeiden und schmiedeten Allianzen mit isolationistischen Akteuren in beiden politischen Parteien. Die Folge des Kriegseintritts 1917 waren umso härtere Repressalien gegen die Deutschstämmigen und eine weit verbreitete antideutsche Stimmung in der amerikani-.

(11) schen Bevölkerung. Zeitungen wurden zensiert und Sprachprogramme vielerorts geschlossen. Nach dem Krieg folgte im Zeichen der Prohibition ein Angriff auf die deutsche Trinkkultur. In Texas zählten die Deutschamerikaner fortan sogar zu den Feindbildern des KuKlux-Klans. An einer deutsch-lutherischen Kirchentür in der Nähe von Brenham wurde zum Beispiel eine besondere Aufforderung angeschlagen: „Speak the English language or move out of this city and county.“ Es kam zu Scharmützeln, die ihre Wirkung nicht verfehlten (vgl. Kamphoefner 2008). Viele Deutschamerikaner hörten auf, ihre Sprache öffentlich zu sprechen. Andernorts verlagerte man den Deutschunterricht in die Kirchen und anglisierte deutsche Namen (Fouka 2016, 2019). Nach außen hin wurde man amerikanischer als jede andere europäische Einwanderergruppe. Die Sprachgemeinschaft zog sich in ihre ethnischen Nischen zurück. Doch die Wahlurne gab Gelegenheit zur Rache (Lubell 1956, S. 37 ff.). Um die Demokraten für ihren Kriegseintritt ‚abzustrafen‘, verhalfen viele deutschamerikanische Landkreise im Jahr 1920 dem Republikaner Harding ins Weiße Haus. Im Jahr 1940 zeigten sie erneut ein isolationistisches Gesicht: Viele scherten aus der „New Deal“-Koalition des demokratischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt aus, weil ein Kriegseintritt der USA zu befürchten war. Viele deutschamerikanische Landkreise flogen 1948 dem Demokraten Harry Truman wieder zu: Man ‚bedankte‘ sich offenbar für den Marshall Plan. Bis heute gilt der drastische Umschwung als das sogenannte „Truman Miracle“.. DIE DEUTSCHSTÄMMIGEN WAREN EINE DER WICHTIGSTEN STÜTZEN DES AMERIKANISCHEN ISOLATIONISMUS Doch auch wenn die Deutschamerikaner als wichtige Kraft hinter dem amerikanischen Isolationismus gelten müssen, war das Meinungsbild unter ihnen gespalten. Fast ikonisch wirkt heute Wendell Willkies Präsidentschaftskandidatur gegen Roosevelt im Jahr 1940. Obwohl er Deutschamerikaner zweiter Generation war, hatte er die Notwendigkeit einer Intervention in Euro-. pa erkannt. Von den Demokraten wechselte er zu den Republikanern und versuchte isolationistische Stimmen für sich zu gewinnen. Deutschamerikaner wie der bekannte Kinderbuchautor Theodor Seuss Geisel wandten sich hingegen offen gegen eine isolationistische Haltung. In Folge der Prohibition war die Brauerei seiner Familie zu Grunde gegangen, und er hielt sich mit Karikaturen über Wasser (Abb. 3). Hinter dem Isolationismus witterte er eine nationalsozialistische Einflussnahme auf die Deutschamerikaner. Das „America First“ in der Karikatur dürfte vielen bekannt vorkommen: Es ist der gleiche Spruch, den Donald Trump im Jahr 2015 wieder populär machte. Bei seiner Amtseinführung sagte Trump wörtlich: From this day forward, a new vision will govern our land. From this day forward, it’s going to be only America First, America First!. Der Phantomschmerz einer verstummten Ethnie Ist es möglich, dass eine politische Einstellung sich über Jahrzehnte in bestimmten Regionen erhält, wenn der Grund dafür längst verschwunden ist? Jüngere politikwissenschaftliche Forschung zeigt genau das. Im Süden der USA wurde zum Beispiel ein Zusammenhang zwischen konservativen Einstellungen und einem historisch höheren Anteil an Sklavenhaltung auf der Landkreisebene nachgewiesen (Acharya / Blackwell / Sen 2016). Mehr als 150 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei hat sie noch lokale politische Auswirkungen. Im Vergleich dazu liegt die deutschamerikanische Erfahrung in der jüngeren Geschichte.. DIE ISOLATIONISTISCHE HALTUNG UNTER DEUTSCHSPRACHIGEN WURDE IM 20. JAHRHUNDERT WEITER TRADIERT Aus den 1950er Jahren wissen wir, dass der Isolationismus sich in deutschamerikanischen Regionen als politische Grundhaltung verfestigte. Der Journalist Samuel Lubell besuchte damals Landkreise im Mittleren Westen, um isolationistische Wahlmuster zu untersuchen. Im tiefkatholischen Stearns County in Minnesota traf er zum Beispiel auf eine ausgeprägte Opposition gegen den Koreakrieg. Dann stellte er mit Überraschung die. IDS SPRACHREPORT 4/2020. 9.

(12) schleierter Appell könnte in der Tat bei den Wählern [mit Migrationshintergrund] den Wunsch wecken, ihren Amerikanismus zu demonstrieren und damit das Gegenteil des Gewünschten bewirken. (Glazer 1952)8. … und der Wolf zerfleischte die Kinder und spuckte ihre Knochen aus. Aber es waren fremde Kinder, also war es eigentlich egal.“ Abb. 3: Seuss Geisel Karikatur aus dem Jahr 1941 in The New Press (siehe Dunn 2013, S. 88 f.). Verbindung zum deutschsprachigen Umfeld fest (Lubell 1956, S. 137 ff.): Er beschreibt, wie die meisten Kinder in Stearns County damals auf der Farm noch Deutsch als Muttersprache erwarben, bevor sie in die Schule kamen. Tatsächlich überlebte die deutsche Sprache auch im ländlichen Texas und Wisconsin die Zeit der Weltkriege (Wilkerson /  Salmons 2008; Kamphoefner 2014, S. 25). Der geschichtliche Link zwischen deutschamerikanischer Herkunft und isolationistischen Wahlmustern der 1920er Jahre kann in mehreren Gebieten gezeigt werden (Dentler / Gschwend / Huenlich 2020, S. 26 f.). Doch man verschleierte die politische Ansprache ganz bewusst. Der Soziologe Nathan Glazer erklärte die Beobachtungen von Lubell so: Es ist die Existenz einer Gruppe deutsch-amerikanischer Wähler, die einen Politiker dazu veranlasst, isolationistische Positionen zu vertreten: ob er damit einen Nerv trifft oder bestimmte Gefühle anstachelt und ausbeutet, ist schwer zu sagen. Aber in jedem Fall ist es wichtig zu beobachten, dass selbst die Demagogischsten ihre Appelle verschleiern: Kein Isolationist hat jemals die Deutschamerikaner aufgefordert, ihn aus einem Gefühl für das [Land der Vorväter] zu unterstützen; der Appell wurde immer im Sinne des Allgemeininteresses formuliert. Ein weniger ver-. 10. IDS SPRACHREPORT 4/2020. Als die deutsche Sprache in den folgenden Jahrzehnten verstummte, gingen isolationistische Einstellungen nicht verloren. Gerade weil die Republikaner historisch öfter dem Isolationismus zugeneigt waren, entstand eine enge Verbindung zwischen den ohnehin ländlichen, deutschsprachigen Communities und den Konservativen. Neuere Wahldaten aus Stearns County gegen Ende des 20. Jahrhunderts bestätigen den bleibenden Hang zum Isolationismus. Im Jahr 1992 erhielt Präsidentschaftskandidat Ross Perot dort 25 % der Stimmen (6 % über dem Durchschnitt seines nationalen Stimmenanteils). Perot war Kandidat seiner eigenen Reformpartei, verfolgte eine protektionistische Handelsagenda und positionierte sich klar gegen den damaligen Golfkrieg von George Bush Senior. Auch landesweit schnitt Perot unter Deutschamerikanern besser ab als unter allen anderen Nachfahren der transatlantischen Migration des 19. Jahrhunderts (Dentler / Gschwend / Huenlich 2020, S. 26 f.). Donald Trumps Versuch, im Jahr 1999 in der Reformpartei eine eigene Präsidentschaftskampagne zu starten, scheiterte. Im Jahr 2016 holte Trump als Kandidat der Republikaner in Stearns County rund 60 % der Stimmen. Wesentlich schwieriger ist es, die politische Prägung der Deutschamerikaner in städtischen Gebieten nachzuvollziehen. Doch auch hier beobachtete Glazer in den 1960ern ein Phänomen. In einer Studie zum Wahlverhalten in New York City erschien das Fehlen eines deutschen Elements besonders auffällig, machten diese doch im 19. Jahrhundert noch ein Drittel der New Yorker Bevölkerung aus: Aber heute, während der deutsche Einfluss in praktisch jedem Aspekt des Lebens der Stadt zu sehen ist, sind die Deutschen als Gruppe verschwunden. Es werden keine Appelle an die deutsche Stimme gerichtet, es gibt keine deutschen Politiker in dem Sinne wie es irische oder italienische Politiker gibt, es gibt tatsächlich nur wenige Deutsche im politischen Leben und, allgemein gesprochen, kei-.

(13) ne deutsche Komponente in der Struktur der ethnischen Interessen der Stadt. [...] Dennoch ist nicht klar, dass das Bewusstsein für die deutsche Zugehörigkeit unter den Deutsch-Amerikanern in der Stadt oder anderswo nicht mehr existiert. Es gibt Anzeichen dafür, dass viele es einfach unter der Oberfläche verschwinden ließen. In New York City, wo logischerweise eine Reihe von italienischen und jüdischen Bürgermeistern regieren sollte, heißt das politische Phänomen der Nachkriegszeit Robert F. Wagner. (Glazer / Moynihan 1966, S. 312). Während der Ära Wagners – von 1954 bis 1965 New Yorker Bürgermeister – erreichte Donald Trump in Queens das Erwachsenenalter. Gerade in dieser Zeit gehörte das bewusste Verbergen der deutschen Herkunft quasi zur kulturellen Sozialisation. In einer stark jüdisch geprägten Stadt war ‚Deutschsein‘ in Folge des Holocausts hochproblematisch geworden. Wahrscheinlich in dem Bemühen, ihre Geschäftsbeziehungen zu schützen, behaupteten die Trumps beispielsweise, schwedischer Abstammung zu sein – eine Finte, die Donald Trump später wiederholte (Trump / Schwartz 1987). Fred Trump sprach mit seinen Kindern kein Deutsch, aber Trump kannte seine Herkunft recht gut, wie wir noch sehen werden.. DONALD TRUMP ERLEBTE DAS BEWUSSTE ABTAUCHEN SEINER ETHNIE IN NEW YORK Die Ansprache der Deutschstämmigen seit 2008 Kommen wir zu den Eingangsfragen. Durch den Isolationismus und die ländliche Prägung ist die Verbindung zwischen Deutschamerikanern und Republikanern historisch gut zu erklären. Doch es ist keine stabile Verbindung: Dass Obama unter Deutschstämmigen in den Regionen des Mittleren Westens so erfolgreich war wie seit Jahrzehnten kein demokratischer Kandidat, hat mit seinem Profil zu tun (Dentler / Gschwend / Huenlich 2020, S. 25). Zu den wenigen politischen Schnittstellen zwischen Trump und Barack Obama gehören ihre rhetorischen Angriffe auf die amerikanische Außenpolitik in den frühen 2000er Jahren. Als früher Gegner des Irakkriegs stand Obamas Image in scharfem Kontrast zu Hillary Clinton bei den Vorwahlen und zu John McCain bei der Präsident-. schaftswahl. Das würde zum Teil erklären, warum mehrere deutschamerikanische Counties in den „Swing States“ acht Jahre mehrheitlich hinter ihm standen und dann 2016 zu Trump wechselten.. SOGAR BARACK OBAMA PROFITIERTE VOM ISOLATIONISMUS DER DEUTSCHSTÄMMIGEN Im Dickicht von Trumps Provokationen und seinem unkonventionellen Verhalten hat die Medienlandschaft – auch in Deutschland – wichtige Aspekte seines Erfolgs aus dem Blick verloren. Seine Rhetorik richtet sich immer wieder an amerikanische Isolationisten. Hier ist ein Auszug einer Pressekonferenz zum Labor Day, dem amerikanischen Tag der Arbeit, vom 7. September 2020: Ich sage nicht, dass das Militär in mich verliebt ist: Die Soldaten sind es. Die Spitzenleute im Pentagon sind es wahrscheinlich nicht, weil sie nichts anderes wollen, als Kriege führen, damit all die wunderbaren Unternehmen, die die Bomben bauen und die Flugzeuge bauen und alles andere, glücklich bleiben. (Donald Trump, „Labor Day“-Pressekonferenz, 7.9.2020). Werden die Deutschamerikaner mit diesen Worten angesprochen? Weiß Donald Trump, mit wem er spricht? Wie bereits erwähnt, setzte noch keine politische Kraft in den USA offen auf die Verbindung zwischen Isolationismus und Herkunft. Und selbst wenn die statistische Verbindung in der Politik bekannt wäre, fehlt in der Selbstwahrnehmung der Deutschamerikaner ein Bewusstsein für diese Verbindung. Trotzdem gibt es Anzeichen, dass das Weiße Haus unter Trump bei der Ansprache der Deutschamerikaner den Ton geändert hat. Die Unterschiede zur Obama-Regierung lassen sich anhand eines Werkzeugs visualisieren, das Ronald Reagan zu verdanken ist. Als Präsident machte Reagan im Jahr 1983 zum 300-jährigen Gedenken der Gründung der Kolonie „Germantown“ in Pennsylvania den 6. Oktober zum jährlichen „German-American Day“. Seitdem hebt jeder amerikanische Präsident an diesem Tag in einer schriftlichen Proklamation die besondere Rolle der Deutschstämmigen in der Geschichte des Landes hervor und würdigt die deutsch-amerikanischen Beziehungen.. IDS SPRACHREPORT 4/2020. 11.

(14) Betrachtet man die letzten drei Proklamationen der Obama-Regierung und die drei bisherigen Proklamationen unter Trump, fällt zunächst ein Unterschied in der Abschlussformel auf. Der frei formulierte Teil der Formel unter Obama lautete: I encourage all Americans to learn more about the history of German Americans and reflect on the many contributions they have made to our Nation.. Unter Trump lautet dieser Teil seit drei Jahren: I call upon all Americans to celebrate the achievements and contributions of German Americans to our Nation with appropriate ceremonies, activities, and programs.. Zwischen einer Ermunterung, sich geschichtlich zu bilden, und einem Aufruf, die Errungenschaften der Deutschamerikaner ordentlich zu feiern, gibt es zweifelsohne große Unterschiede. Man stelle sich einen nachdenklich lesenden Barack Obama gegenüber Donald Trump an der Spitze einer deutschamerikanischen Parade vor. (Beide Bilder entsprechen übrigens der Realität.)9. DIE ANSPRACHE AN DIE DEUTSCHAMERIKANER UNTER DONALD TRUMP ERFOLGTE WESENTLICH DIREKTER UND EMOTIONALER ALS VORHER Jede Proklamation behandelt auch die Beziehungen zwischen den USA und Deutschland. Die Obama-Proklamationen verwendeten dafür jedes Mal rund 100 Wörter. An die Deutschamerikaner wurde im Schnitt mit 160 Wörtern erinnert. Unter Trump verschiebt sich das Verhältnis: Durchschnittlich 185 Wörter handeln von den Deutschamerikanern, und die transatlantische Partnerschaft wird mit 85 Wörtern bedacht, wobei die Deutschamerikaner als Taktgeber der deutsch-amerikanischen Freundschaft auch hier noch einmal Erwähnung finden. So findet der Isolationismus also auch in den Proklamationen seinen Niederschlag.. 12. IDS SPRACHREPORT 4/2020. Die lexikalischen Unterschiede zwischen den Proklamationen lassen sich ebenfalls visualisieren. Abbildungen 4 und 5 zeigen Wortwolken, die aus den Frequenzen der häufigsten Lexeme in den Proklamationen produziert wurden.10 Unter Obama überwiegen Wörter, die das Gemeinsame – auch zwischen den Nationen – betonen ( friendship, shared, society, together). Die Texte weisen immer wieder über die Grenzen des Landes hinaus (world). Die Wortwahl erscheint vielfältig, darum treten viele der häufigsten Lexeme nur vier Mal auf. Typisch sind englische Sätze wie dieser: “From a land of poets and thinkers, they brought passion for music, science, and art, fortifying our culture and broadening our understanding of the world.” (German-American Day 2014). Manchmal klingt es so, als ob die Bezugsgruppe eigentlich austauschbar wäre. So hätten die Deutschamerikaner gezeigt that our diversity is one of our greatest strengths, and that no matter where we come from, as Americans we are united by the ideal that we are all created equal.. Es geht um Diversität, Einigkeit, Gleichstellung. Unter Trump ändert sich die Wortwahl. Mehrere Lexeme tauchen fünf Mal auf. Die Deutschamerikaner werden mehrfach zu Helfern deklariert (helped). Gleich bei der ersten Erwähnung dieser Helferrolle wird Trumps eigene Herkunft zum Thema: As the proud grandson of German grandparents, I am keenly aware of how German Americans have helped drive our economy, enrich our culture, and protect and defend the land they embrace as their own. (Donald Trump, German-American Day 2017, siehe Linkliste zu den „German-American Day“-Proklamationen). Es folgen konkrete Beispiele von deutschamerikanischen Unternehmerpersönlichkeiten und Künstlern, die durch include oder including eingeführt werden. Sät­ze wie folgender sind typisch: Charles M. Schwab, a descendant of German immigrants, strengthened America’s steel industry, and his legacy as a business tycoon continues to be synonymous with innovation and success..

(15) Immer wieder ist von Wirtschaft und Freiheit die Rede – auch wenn es um Deutschland geht (economic, freedom). Im Hinblick auf das Land der Vorfahren geht es auch um kulturelle Verbindungen (culture) und ein deutsches Erbe (heritage). Das Wort proudly in „we proudly celebrate“ oder „proudly claim German heritage“ verweist immer wieder zurück auf den „proud grandson of German grandparents“. Insgesamt zeigt sich, dass das Weiße Haus unter Trump die Deutschamerikaner wesentlich direkter, konkreter und emotionaler anspricht als unter Obama. Trump inszeniert sich im Gegensatz zu Obama als Teil der deutschamerikanischen Community. Sicherlich spielen die Proklamationen beim Wahlkampf eine verschwindend geringe Rolle. Die eigentlichen Motoren seines isolationistischen Wahlkampfs sind Sendungen wie die von Tucker Carlson auf Fox News, der seine vier Millionen Zuschauer kürzlich vor neuen Kriegen im Falle eines Wahlsiegs von Joe Biden warnte.11 Die Proklamationen verraten uns aber etwas über das deutlich gesteigerte Bewusstsein gegenüber der deutschstämmigen Wählerschaft unter Donald Trump.. Abb. 4: Die häufigsten Wörter in den „German-American Day“-Proklamationen von Barack Obama. Für die kommenden Jahre gilt es, die Aufforderung Barack Obamas wahr zu machen und mehr über die Geschichte der Deutschamerikaner zu lernen. Das „Abtauchen“ des Deutschen und der deutschen Präsenz in den USA bedarf genauerer Untersuchung. Wie und wo begann das Verstummen der Sprache genau? Wie lief der Rückgang zeitlich und regional ab? Bis heute fehlt dazu ein Gesamtüberblick. Im IDSProjekt „Deutsch in der Welt“ analysieren Astrid Adler und David Hünlich entsprechende Zensusdaten. Wie sah die Erinnerungskultur der Deutschamerikaner nach dem Verstummen des Deutschen aus? Wie kam es zur fast unbemerkten Tradierung und Verfestigung derzeitiger Haltungen? Auch für die Gegenwartsgeschichte sowie die Sozial- und Politikwissenschaft stellen sich zahlreiche Fragen. Sie bleiben relevant, egal wer die Wahl gewinnt. Denn wenn Trump verstummt, wird der amerikanische Isolationismus seinen deutschen Akzent noch nicht verloren haben. I. Abb. 5: Die häufigsten Wörter in den „German-American Day“-Proklamationen von Donald Trump. IDS SPRACHREPORT 4/2020. 13.

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(17) Aktuelle Links zu den „German-American Day“Proklamationen von 2014 bis 2019 <https://obamawhitehouse.archives.gov/the-press-office/ 2014/10/03/presidential-proclamation-german-americanday-2014> <https://obamawhitehouse.archives.gov/the-press-office/ 2015/10/05/presidential-proclamation-german-americanday-2015>. 4. The Economist Special Report The Midwest, 25. Juli 2020, S. 8. Alle Übersetzungen von Zitaten in diesem Artikel stammen vom Autor.. 5. <https://data.census.gov/cedsci/table?q=people%20reporting %20ancestry&t=Ancestry&tid=ACSDT5Y2018.B04006> (Stand: 5.10.2020). 6. <www.immigrantentrepreneurship.org>. 7. <www.tagesspiegel.de/politik/ex-botschafter-john-kornblumdonald-trump-ist-typisch-deutsch-amerikanisch/14834536. html> (Stand: 5.10.2020). 8. <www.commentarymagazine.com/articles/nathan-glazer-2/ the-future-of-american-politics-by-samuel-lubell/> (Stand: 5.10. 2020). 9. Trump war General Marshall der New Yorker Steuben Parade im Jahr 1999 – der wohl größten deutschamerikanischen Parade des Landes. Barack Obama empfahl während seiner Präsidentschaft rund 80 Bücher.. <www.germanpulse.com/2016/10/05/obama-issues-germanamerican-day-proclamation/> <www.whitehouse.gov/presidential-actions/president-donaldj-trump-proclaims-october-6-2017-german-american-day/> <www.whitehouse.gov/presidential-actions/presidentialproclamation-german-american-day-2018/> <www.whitehouse.gov/presidential-actions/presidentialproclamation-german-american-day-2019/>. Anmerkungen Die gleiche Frage stellte auch Thomas Jäger im Nachrichtenmagazin Focus und der Berliner Tagesspiegel diesen Sommer: <www.focus.de/politik/experten/jaeger/gastbeitragvon-thomas-jaeger-warum-deutsch-amerikaner-fuer-uswahl-von-grosser-bedeutung-sein-werden_id_12197233. html; <www.tagesspiegel.de/politik/loyale-unterstuetzerdes-us-praesidenten-entscheiden-deutsch-amerikaner-diewahl-fuer-trump/25933272.html> (Stand: 5.10.2020).. 10. Hochfrequente Funktionswörter und der formelhafte Abschluss der Proklamationen wurden bei der Zählung ausgeschlossen. Es werden 20 Wörter dargestellt, die mindestens drei Mal genannt wurden (im Schnitt in jeder Proklamation einmal oder öfter).. 11. <www.foxnews.com/media/tucker-carlson-biden-harris-plan ning-syria-war> (Stand: 5.10.2020). 1. Beteiligt sind Klara Dentler (GESIS), Thomas Gschwend (Lehrstuhl für Quantitative Methoden in den Sozialwissenschaften der Universität Mannheim), David Hünlich (Projekt „Deutsch in der Welt“ am IDS).. 2. Der Autor verwendet im weiteren Verlauf das generische Maskulinum.. 3. Bildnachweise Abb. 1: Jon Kilpinen Abb. 2: Christian Lang, IDS Abb. 3: The New Press 1941, abgedruckt in Dunn (2013, S. 88f.). I. IDS SPRACHREPORT 4/2020. 15.

(18) Astrid Adler /  Maria Ribeiro Silveira. Spracheinstellungen in Deutschland – Was die Menschen in Deutschland über Sprache denken Die Autorinnen sind Mitarbeiterinnen des Programmbereichs Sprache im öffentlichen Raum am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache, Mannheim.. Was denken die Menschen in Deutschland über ihre Sprache und deren aktuelle Entwicklung? Ist Sprache überhaupt ein Thema, das die Menschen beschäftigt? Welche Dialekte werden als sympathisch bewertet, welche als eher unsympathisch? Und wie sehen die gegenwärtigen Einstellungen zu Fremdsprachen aus? Solche Fragen hatte bereits ein Beitrag vor zehn Jahren zum Gegenstand (vgl. Gärtig / Rothe 2009). Damals lagen die Ergebnisse der Deutschland-Erhebung 2008 vor (zu den Ergebnissen dieser Erhebung siehe Eichinger et al. 2009; Gärtig / Plewnia / Rothe 2010).. Die Deutschland-Erhebung 2017 Inzwischen haben wir eine neue Erhebung zu Spracheinstellungen durchgeführt: die Deutschland-Erhebung 2017.1 Die Deutschland-Erhebung 2017 wurde vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (IDS) in Kooperation mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) durchgeführt, und zwar im Winter 2017/2018 im Rahmen der Innovationsstichprobe des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP-IS; vgl. Richter / Schupp 2012). Die Erhebung besteht aus zwei Teilen: Der erste Teil ist ein persönliches Interview, der zweite Teil wurde als Onlinebefragung durchgeführt. In den persönlichen Interviews wurden 4.380 Personen befragt. Während des Interviews wurden diese Personen zum zweiten Teil der Erhebung eingeladen. 1.439 Befragte nahmen diese Einladung an und beantworteten auch die Onlinebefragung. Die Erhebung ist in beiden Teilen eine für Deutschland repräsentative Erhebung, das bedeutet, dass die Ergebnisse der Befragung als stellvertretend für die Gesamtbevölkerung Deutschlands gelten.2. EINE NEUE REPRÄSENTATIVE ERHEBUNG ZU SPRACHEINSTELLUNGEN Im ersten Teil der Deutschland-Erhebung 2017 wurde ein Dutzend Fragen gestellt, die sich auf das Varietätenund Sprachrepertoire der Befragten und auf die Bewertung von Dialekten und Sprachen beziehen. Im zwei-. 16. IDS SPRACHREPORT 4/2020. ten Teil der Erhebung wurden rund dreißig Fragen zu weiteren Spracheinstellungen gestellt. Diese Fragen decken eine große Bandbreite an sprachlichen Themen ab: Es geht dabei etwa um Einstellungen zu Varietäten des Deutschen, zu Mehrsprachigkeit, zu regionalsprachlichen Unterschieden, zum Status und zur Entwicklung der deutschen Sprache, zur Leichten Sprache und zu Anderem mehr.. VERGLEICH ZWISCHEN DER DEUTSCHLANDERHEBUNG 2008 UND DER NORDDEUTSCHLAND-ERHEBUNG 2016 Die aktuelle Repräsentativerhebung schließt an eine Reihe von vergleichbaren Vorhaben am IDS an. Eine erste derartige Befragung wurde 1997 durchgeführt (vgl. Stickel / Volz 1999). Der Fokus dieser Erhebung lag auf dem West-Ost-Vergleich. Die zweite Repräsentativerhebung dieser Art ist die bereits erwähnte Deutschland-Erhebung 2008. Des Weiteren hat das IDS in Kooperation mit dem Institut für niederdeutsche Sprache 2016 eine Befragung zu Sprachen und Spracheinstellungen im norddeutschen Raum durchgeführt, die Norddeutschland-Erhebung 2016 (vgl. Adler et al. 2016). Der Schwerpunkt dieser Erhebung liegt auf dem Status und dem Gebrauch des Niederdeutschen. All diese Erhebungen verwenden zum Teil ähnliche oder identische Erhebungsinstrumente, so dass die Ergebnisse der Erhebungen teilweise miteinander verglichen und Bezüge zwischen den verschiedenen Zeitpunkten hergestellt werden können. Da die Deutschland-Erhebung 2017 Teil des SOEP-IS ist, können die erhobenen Daten außerdem mit weiteren Daten dieser Innovationsstichprobe in Zusammenhang gesetzt werden. Enthalten sind in SOEP-IS insbesondere sozio-ökonomische, aber auch sozialpsychologische Daten zu den Befragten (z. B. über das Einkommen, den Beruf, den Gesundheitszustand, die Charaktereigenschaften). Die Daten sind seit kurzem über die SOEP-Infrastruktur öffentlich verfügbar.. <https://doi.org/10.14618/sr-4-2020-adl>.

(19) Die Themenbereiche der Deutschland-Erhebung 2017 Die behandelten Themen der Deutschland-Erhebung 2017 decken ein recht weites Spektrum ab. Trotzdem handelt es sich selbstverständlich lediglich um einen Ausschnitt aller denkbaren Themen zu Spracheinstellungen. Folgende Themenbereiche sind in der Deutschland-Erhebung 2017 vertreten: • Sprachrepertoire bezüglich der Dialektkenntnisse, der Muttersprachen, der zuhause gesprochenen Sprachen und der weiteren Sprachkenntnisse • Einstellungen zum Deutschen • Einstellungen zu regionalen Varietäten • Einstellungen zu Sprachen • Einstellungen zu regionalsprachlichen Unterschieden • Einstellungen zur Sprachentwicklung des Deutschen und zum Sprachgebrauch • Einstellungen zu sprachlichen Zweifelsfällen • Wahrnehmung und Nutzung der Leichten Sprache • Einstellungen zum geschlechtergerechten Formulieren • Eigenes Lese- und Schreibverhalten • Informationen zur Nutzung von Wörterbüchern und anderen Nachschlagewerken. Zunächst wurden die Teilnehmenden gefragt, ob sie einen deutschen Dialekt sprechen (Frageformulierung: „Sprechen Sie einen deutschen Dialekt?“). Insgesamt sind es 40,7 % der Befragten, die sagen, dass sie einen Dialekt sprechen. Die Antworten können nun danach betrachtet werden, wo die Befragten wohnen. Die folgende Karte bildet entsprechend den Anteil derjenigen Befragten ab, die angeben, dass sie einen deutschen Dialekt sprechen. Die für diese Visualisierung verwendete räumliche Einheit sind dialektale Räume nach Lameli (2013). Es handelt sich von Norden nach Süden um die Räume Nordniederdeutsch (1), Nordostniederdeutsch (2), Westniederdeutsch (3), Ostfälisch (4), Brandenburgisch (5), Niederfränkisch (6), Westfälisch (7), Mittelfränkisch (8), westliches Mitteldeutsch (9), östliches Mitteldeutsch (10), Ostfränkisch (11), Westoberdeutsch (12) und Bairisch (13; siehe Abb. 1). Die Karte zeigt das für Deutschland charakteristische Nord-Süd-Kontinuum mit einem höheren Anteil an Dialektsprechenden im Süden. Am größten ist der Anteil im Westoberdeutschen und im Bairischen, am kleinsten in den drei (dem Niederdeutschen zugehörigen) Räumen Niederfränkisch, Westfälisch und Ostfälisch.. In den nächsten Abschnitten werden die Ergebnisse für einige dieser Themen vorgestellt. Dafür haben wir verschiedene Themen ausgewählt, die die Vielfalt des Themenspektrums darstellen.. VIER VON ZEHN MENSCHEN IN DEUTSCHLAND SPRECHEN DIALEKT Gesprochene Dialekte In der Deutschland-Erhebung 2017 geht es nicht nur darum, Spracheinstellungen zu erheben, sondern auch ganz grundsätzlich darum, das Sprachrepertoire der befragten Personen zu erfassen. Es sind dabei nicht nur die Muttersprachen und zuhause gesprochenen Sprachen abgefragt worden, sondern auch die Dialektkompetenz – die eigene und die der Eltern. Damit liegt ein repräsentativer Überblick über die nationale Verteilung der subjektiven Dialektkompetenz vor. Abb. 1: Räumliche Verteilung der Dialektkompetenz (ja / nein; DeutschlandErhebung 2017 ). IDS SPRACHREPORT 4/2020. 17.

(20) IM SÜDEN SPRECHEN MEHR MENSCHEN DIALEKT ALS IM NORDEN Befragte, die angeben, dass sie einen Dialekt sprechen, wurden (in einem offenen Frageformat) um die explizite Benennung dieses Dialekts gebeten. Des Weiteren wurden sie gefragt, wie gut sie diesen Dialekt sprechen, ob ihre Mutter einen deutschen Dialekt spricht bzw. sprach (und wenn ja, welchen) und ob ihr Vater einen deutschen Dialekt spricht bzw. sprach (und wenn ja, welchen). Außerdem wurden alle Befragten gebeten, die Regionalität ihrer Aussprache einzuschätzen3 und ihre alltägliche Sprechweise4 zu benennen.5. MENSCHEN IN NORDDEUTSCHLAND SPRECHEN IHREN DIALEKT GENAUSO GUT WIE MENSCHEN IN SÜDDEUTSCHLAND Betrachtet man nun die Angaben der Dialektsprechenden darüber, wie gut sie ihren Dialekt sprechen, zeigt sich folgende regionale Verteilung (siehe Abb. 2). Das in Abbildung 1 deutlich sichtbare Nord-Süd-Kontinuum ist hier nicht mehr erkennbar. Im Bairischen fallen zwar die Bewertungen des eigenen Dialekts am. höchsten aus, aber auch in den nördlichen Räumen geben die Dialektsprechenden an, ihren Dialekt eher gut zu sprechen. Das bedeutet also, dass es im Norden zwar insgesamt weniger Dialektsprechende gibt, diese aber ihre Dialektkompetenz nicht schlechter einschätzen als diejenigen im Süden.7. Einstellungen zu Sprachen In der Deutschland-Erhebung 2017 wurden auch die Einstellungen der Befragten zu Sprachen erhoben. Dafür wurde ein methodischer Kniff eingesetzt: Der einen Hälfte der Befragten wurde dazu eine offene Frage gestellt, während der anderen Hälfte eine geschlossene Frage gestellt wurde.8 Mit dieser Methode nutzt man die Vorteile der einzelnen Fragetypen (z. B. die Vielfalt der Antworten bei der offenen Frage und die Abfrage eines vorgegebenen Sets an Sprachen bei der geschlossenen Frage); darüber hinaus kann man die Ergebnisse beider Fragetypen methodisch miteinander vergleichen. In der offenen Frage haben die Befragten Sprachen angeben, die sie sympathisch finden (Frageformulierung: „Gibt es Sprachen, die Sie sympathisch finden? Welche sind das?“), und anschließend Sprachen, die sie unsympathisch finden (Frageformulierung: „Und gibt es Sprachen, die Sie unsympathisch finden? Welche sind das?“). Die Befragten konnten ihre Antwort frei und beliebig lang formulieren. Für eine offene Frage müssen die Befragten die Antwortkategorien selbst benennen. Eine solche Fragenart ist kognitiv deutlich anspruchsvoller als eine geschlossene Frage, die die Antwort- und Bewertungskategorien bereits vorgibt (vgl. dazu Plewnia / Rothe 2012, S. 27-33). Man erhält bei einer offenen Frage aber auch Antworten, mit denen man nicht unbedingt gerechnet hätte. In der komplementären, geschlossenen Variante wurde den Befragten folgende Frage gestellt: „Wie sympathisch finden Sie ganz allgemein die folgenden Sprachen?“ Dabei wurden die Bewertungen folgender Sprachen elizitiert: Arabisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Polnisch, Russisch, Spanisch, Türkisch (die Reihenfolge der angebotenen Sprachen wurde jeweils randomisiert, Deutsch wurde dabei nie als erste Sprache genannt);9 die zur Verfügung stehenden Bewertungskriterien waren folgende: sehr sympathisch, sympathisch, teils/teils, unsympathisch und sehr unsympa-. Abb. 2: Räumliche Verteilung der Dialektkompetenz (wie gut; DeutschlandErhebung 2017 )6. 18. IDS SPRACHREPORT 4/2020.

(21) thisch. Die beiden folgenden Abbildungen stellen die Antworten der Befragten auf die offenen Fragen als Wortwolken dar: Diese Wortwolken visualisieren zwar zunächst nur die ungeordneten Rohdaten, es zeigt sich jedoch schon eine klare Tendenz: Als sympathische Sprachen werden insbesondere Französisch, Englisch, Italienisch und Spanisch genannt (siehe Abb. 3). Um diese vier sozusagen großen Nennungen gruppieren sich sehr viele, verschiedene Nennungen. Genau darin liegt eine grundlegende Herausforderung mit offenen Antworten: Sie sind recht ungeordnet – oder positiv formuliert: sehr vielfältig. Es bedarf also eines relativ großen Aufwands, diese Antworten überhaupt zu kategorisieren und zu sortieren. Erst wenn Kategorien gebildet und sortiert sind, kann man sie sinnvoll zählen. Die zweite Wortwolke zeigt die Sprachen, die die Befragten als unsympathische Sprachen angeben (siehe Abb. 4).. ten Rohdaten wird Russisch als häufigste unsympathische Sprache genannt, gefolgt von der Antwort „keine“ und Arabisch, dann Türkisch und die Antwort „Nein“ und folgend Sächsisch, Polnisch, Chinesisch und Französisch. Die Ergebnisse der offenen Frage werden von den Ergebnissen der komplementären, geschlossenen Frage klar gestützt. Das sogenannte Netzdiagramm in Abbildung 5 visualisiert die Bewertungen für die abgefragten Sprachen. Im Zentrum des Netzes befindet sich der negativste Wert (sehr unsympathisch) und am Außenrand der positivste (sehr sympathisch). Die Sprachen sind nach ihren Mittelwerten absteigend gegen den Uhrzeigersinn angeordnet (siehe Abb. 5).. Hier zeigt sich eine ähnliche Verteilung: Einige wenige Nennungen werden häufig angegeben, daneben gibt es viele verschiedene Nennungen. In den ungeordne-. Demnach wird Deutsch am sympathischsten und Arabisch am unsympathischsten bewertet. Die Bewertungen zeigen deutlich zwei Gruppen von Sprachen, eine Gruppe von eher sympathisch bewerteten Sprachen und eine Gruppe mit eher unsympathisch bewerteten Sprachen: Eher sympathisch werden Deutsch, Italienisch, Englisch, Französisch und Spanisch bewertet, als eher nicht sympathisch bewertet werden dagegen Polnisch, Russisch, Türkisch und Arabisch. Die Einstellungen der Menschen in Deutschland gegenüber Deutsch. Abb. 3: Sympathische Sprachen Wortwolke (alle unbearbeiteten Nennungen; Deutschland-Erhebung 2017 ). Abb. 4: Unsympathische Sprachen Wortwolke (alle unbearbeiteten Nennungen; Deutschland-Erhebung 2017 ). VERSCHIEDENE FRAGEFORMATE – GLEICHE ERGEBNISSE. IDS SPRACHREPORT 4/2020. 19.

(22) Frage gestellt, ob sie Veränderungen in der deutschen Sprache wahrnehmen. Diejenigen, die die Frage bejahten, sollten diese Veränderungen dann explizit benennen; anschließend wurden sie gefragt, was diese Veränderungen verursacht hat. Im Folgenden werden die Ergebnisse zur Bewertung des Zustands und der Entwicklung der deutschen Sprache dargestellt. Abb. 5: Mittelwerte der Bewertung der Sprachen nach sehr sympathisch bis sehr unsympathisch (Deutschland-Erhebung 2017 ). und Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch sind also eher positiv. Letztere sind relevante Schulfremdsprachen bzw. reflektieren die Tradition der starken kulturellen Hinwendung zu den romanischen Nachbarn. Dagegen werden Sprachen, die in Deutschland typischerweise als Migrantensprachen bezeichnet werden, wie Polnisch, Russisch, Türkisch und jetzt auch Arabisch, eher negativ bewertet.. 20. BEI DER FRAGE KOMMT ES AUF DIE WORTWAHL AN. Zustand und Entwicklung der deutschen Sprache Öffentliche Sprachdebatten haben oft die Tendenz Sprachverfallsdebatten zu sein. In diesen Kontext gehört die Frage nach dem Zustand und der Entwicklung der deutschen Sprache. Den Teilnehmenden wurde die. Wie eine Frage beantwortet wird, hängt stark davon ab, wie sie formuliert ist (dazu ausführlicher vgl. Adler / Plewnia i. Ersch.). Wir sind beispielsweise davon ausgegangen, dass Fragen nach Zustand und Entwicklung der deutschen Sprache unterschiedlich bewertet werden. Um das zu testen, haben wir die Befragten in zwei gleich große Gruppen geteilt. Die eine Gruppe hat die Frage nach dem Zustand des Deutschen bewertet (Frageformulierung: „Einmal alles zusammen genommen: Wie bewerten Sie den aktuellen Zustand der deutschen Sprache?“) und die andere die Frage nach der Entwicklung (Frageformulierung: „Einmal alles zusammen genommen: Wie bewerten Sie die derzeitige Entwicklung der deutschen Sprache?“). Die Antwortkategorien wa-. Abb. 6: Bewertung Zustand der deutschen Sprache (n=698; DeutschlandErhebung 2017 ). Abb. 7: Bewertung Entwicklung der deutschen Sprache (n=741; Deutschland-Erhebung 2017 ). IDS SPRACHREPORT 4/2020.

Abbildung

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