3. Das Entwicklungsumfeld türkischstämmiger und deutscher Kinder im Vergleich

3.4 Familiäre Ressourcen

3.4.2 Zufriedenheit mit der sozialen Unterstützung

Bei der sozialen Unterstützung muss unterschieden werden hinsichtlich der Migrantengeneration welcher die Eltern angehören, dem Alter, in welchem die Eltern nach Deutschland kamen bzw. ob die Eltern alleine oder mit Familienangehörigen eingewandert sind. Bei HeiratsmigrantInnen, die erst im Erwachsenenalter und normalerweise ohne Familie nach Deutschland kamen, geht Uslucan (2013) von einer deutlich niedrigeren sozialen Unterstützung aus (S. 391f). Nauck & Lotter (2014), die verschiedene Migrantengenerationen in ihre Studie einbezogen, kamen zu einem anderen Ergebnis: türkischstämmige Migranten verfügen bei Kontrolle von Bildungs- und Berufsunterschieden über die gleiche Höhe an allgemeinem Sozialkapital und Betreuungsressourcen wie deutsche Väter oder Mütter, da gerade die türkischstämmige Migrantengruppe, als die größte Migrantenminorität in Deutschland, in der Lage ist, ein ausreichend großes eigenethnisches Netzwerk zu bilden. (S. 248f) Diesbezüglich ergibt sich daher kein einheitliches Bild.

Darüber hinaus ist laut Schär, Hilpert & Bodenmann (2013) von einem anderen

Nutzungsverhalten der sozialen Unterstützung in türkischstämmigen Familien auszugehen. Sie beschreiben, dass Personen kollektivistischer Kulturen (zu welcher die türkische nach Hofstede (1991) überwiegend gezählt wird) weniger soziale Unterstützung zur

Stressbewältigung mobilisieren als Menschen aus individualistischen Kulturkreisen (S. 284). Als Gründe dafür werden gesehen, dass die Gruppenharmonie aufrechterhalten werden soll, angenommen wird, dass die Probleme schlimmer werden, wenn man sie teilt, man sich vor Kritik fürchtet, es zu einer Abwertung oder eines Gesichtsverlustes kommt sowie geglaubt wird, dass man für seine Probleme selbst verantwortlich sei (Taylor et al., 2004, S. 356f). Die Aufrechterhaltung der Harmonie in der Beziehung zu den Gruppenmitgliedern hat oberste

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Priorität. Die persönlichen Wünsche, Bedürfnisse und Ziele kommen erst nach dem Gemeinwohl. (Hofstede, 1991, zitiert nach Schär, Hilpert & Bodenmann, 2013, S. 280) Daraus soll jedoch nicht geschlussfolgert werden, dass soziale Unterstützung für Menschen aus eher kollektivistischen Kulturkreisen nicht bedeutsam ist. Vielmehr suchen sie auf andere Art, nämlich implizit, nach Unterstützung. Dies bedeutet, dass die Nähe zu den

Gruppenmitgliedern zwar gesucht wird, diesen aber die Probleme bzw. der Hilfebedarf nicht mitgeteilt wird. Die belastete Person muss sich somit nicht emotional öffnen und ihre

Probleme direkt mitteilen, fühlt sich aber dennoch in der Gemeinschaft aufgehoben und akzeptiert und dadurch von dieser unterstützt. Die Gruppenmitglieder können daher, da sie die belastenden Faktoren nicht kennen, auch keine direkte Hilfe anbieten. (Taylor, Welch, Kim & Sherman, 2007, S. 834) Mitglieder kollektivistischer Kulturen beschreiben, dass sie implizite Unterstützung als angenehm und zufriedenstellend erleben, explizite Unterstützung hingegen unangenehme Gefühle hervorruft. Das Zusammensein mit den anderen

Gruppenmitgliedern ohne über die Probleme sprechen zu müssen, scheint daher, so Kim, Sherman & Taylor (2008), für die türkischstämmigen Mütter bedeutsam und zufriedenstellend zu sein. (S. 521f)

3.5 Risikofaktoren für die kindliche Entwicklung

3.5.1 Alltägliche Stressbelastung

Migration wird in der Literatur häufig als kritisches Lebensereignis beschrieben (Jäkel & Leyendecker, 2008, S. 13), da, wie einige Studien (Berry & Kim, 1988, S. 207ff; Faltermaier, 2005, S. 97f; Jerusalem, 1992, S. 19ff; Uslucan, 2005, S. 116ff) zeigen, ein Zusammenhang zwischen Migration, Stressbelastung und psychischer Gesundheit besteht. Durch die Veränderungen des sozialen Netzwerks und kulturellen Kontextes im Zuge von Migration, kann nicht nur der Orientierungs-, Anpassungs- und Aufbauprozess im Aufnahmeland zu einer verstärkten Belastung führen, sondern dieser kann zudem erschwert werden durch Faktoren wie Diskriminierung und soziale Benachteiligung (Morrison & Bennett, 2006, S. 306ff). Zudem sind Bewältigungsstrategien von Belastung, die gegebenenfalls im Herkunftsland angewendet werden konnten, in der Aufnahmegesellschaft eventuell nicht mehr funktional, weil z.B. das stützende soziale Netzwerk fehlt (Morrison & Bennett, 2006, S. 361f). Trotz der genannten Belastungsfaktoren unterscheiden sich die Biographien von Migrantenfamilien stark (Morgenroth & Merkens, 1997, S. 311ff), da diese über unterschiedliche Ressourcen aber auch Vulnerabilitäten verfügen. So sind Faktoren, wie Selbstbewusstsein, Autonomie, sprachliche Fähigkeiten, ein positives Familienklima, ein höherer Bildungsabschluss, Kontakt zu Einheimischen und Partizipation an der

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Aufnahmegesellschaft, finanzielle Ressourcen und eine gute Jobsituation förderlich für das Gelingen von Akkulturation und Integration, wohingegen Kontaktschwierigkeiten, Passivität und Ängste eher hinderlich sind und gesundheitliche Probleme nach sich ziehen können (Alt & Holzmüller, 2006, S. 25f; Schmitz, 2005, S. 126ff).

Aufgrund der vorhergehenden Ausführungen ist daher zu erwarten, dass türkischstämmige Eltern im Vergleich zu deutschen einem erhöhten Risiko vermehrter Belastungsfaktoren ausgesetzt sind. In der aktuellen Literatur lassen sich jedoch wenige Studien finden, die sich im Speziellen mit dem Stressempfinden türkischstämmiger Eltern mit einem Kleinkind beschäftigen. Die sich anschließenden Ausführungen beziehen sich deswegen auf die Studie von Jäkel & Leyendecker (2008), die die täglichen Stressfaktoren und die Lebenszufriedenheit türkischstämmiger Mütter von Kindergartenkindern im Vergleich zu deutschen Müttern analysieren.

Jäkel & Leyendecker (2008) konstatieren eine höhere Stressbelastung der türkischstämmigen Mütter in Abhängigkeit der Länge ihrer Schulbildung. Haben die Mütter beider Gruppen zehn bis elf Jahre die Schule besucht, ist eine erhöhte Stressbelastung der türkischstämmigen Mütter im Vergleich zu den deutschen festzustellen. Beträgt die Schulbildung hingegen mehr als zwölf Jahre, lässt sich kein Unterschied hinsichtlich der Stressbelastung zwischen den deutschen und den türkischstämmigen Müttern darlegen. In weiterführenden Analysen konnten Jäkel & Leyendecker vor allem die Anzahl der Bildungsjahre in Deutschland als protektiven Faktor identifizieren. Je länger die Mütter in Deutschland die Schule besucht haben, desto niedriger ist ihre Stressbelastung. Kein Zusammenhang zeigt sich hingegen zwischen der Migrantengeneration der Mütter und der psychosozialen Belastung. (S. 17f) Damit ist nicht nur der mütterliche Bildungsgrad an sich als eine positive Ressource türkischstämmiger Mütter anzusehen, sondern vor allem die Zahl der Bildungsjahre in Deutschland gilt als protektiver Faktor für die mütterliche Stressbelastung.

Ein ähnliches Ergebnis zeigt sich in Bezug auf die mütterliche Lebenszufriedenheit. Auch diese wird von der Länge der Schulbesuchsjahre in Deutschland positiv beeinflusst. Darüber hinaus erweist sich der Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft als zufriedenheitsfördernd. Türkischstämmige Mütter mit einem deutschen Pass sind zufriedener mit ihrem Leben als die Mütter ohne. Bezogen auf den Zusammenhang der mütterlichen Stressbelastung und der Lebenszufriedenheit türkischstämmiger Mütter, geht, wie zu erwarten ist, eine höhere Lebenszufriedenheit mit einer niedrigeren Stressbelastung einher. (ebd., S. 18)

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3.5.2 Depressive Stimmungslage

Die NUBBEK-Studie (2013) prüft das Ausmaß der mütterlichen Depressivität deutscher und türkischstämmiger Mütter mit einem zwei- bzw. vierjährigen Kind im Vergleich. Sie stellt fest, dass die türkischstämmigen Mütter beider Altersgruppen ein deutlich höheres Ausmaß an Depressivität aufweisen als die deutschen. Dieses liegt jedoch nicht im klinisch auffälligen Bereich. (Tietze et al., 2013, S. 92f) Die NUBBEK-Studie zeigt auf, wie dies auch bereits in Kapitel 2.5.3 beschrieben wurde, dass die depressive Neigung der Mutter eine bedeutende Rolle für die kindliche Entwicklung sowie die Güte der häuslichen Entwicklungsumgebung spielt. Darüber hinaus konstatieren Tietze et al. (2013) einen negativen Zusammenhang zwischen dem mütterlichen Depressivitätsausmaß und der Mutter-Kind-Interaktion sowie der Qualität der Mutter-Kind-Beziehung (S. 99). Daher ist die Depressivitätsneigung als bedeutsamer Risikofaktor für die kindliche Entwicklung anzusehen.

Obwohl bei den türkischstämmigen Müttern eine erhöhte Stressbelastung (siehe Kapitel 3.5.1) und eine vermehrte Depressivitätsneigung vorliegen können, gibt es in den Familien mit türkischem Migrationshintergrund dennoch kaum Vernachlässigung oder Verwahrlosung von Kindern. Ältere Geschwister, Großeltern, Tanten und Onkel engagieren sich auch unter schwierigen Lebensumständen, wie Arbeitslosigkeit und/oder Armut für die Kinder und federn Risikosituationen ab. Kinder deutscher Familien sind unter ähnlich schwierigen Bedingungen oftmals größeren Risiken ausgesetzt. (Thiessen, 2010, zitiert nach Tietze et al., 2013, S. 104f) Die NUBBEK-Studie konstatiert, dass türkischstämmige Mütter trotz erhöhter Depressivitätsneigung genauso häufig gemeinsam mit ihrem Kind Alltagsaktivitäten unternehmen als deutsche Mütter (Tietze et al., 2013, S. 98).

3.5.3 Partnerschaftsbelastung

Hinsichtlich der Partnerschaftsbelastung werden in der Literatur, abhängig von der Migrantengeneration der beiden Partner, unterschiedliche Ansätze vertreten. Sind die beiden (Ehe-)partner aus unterschiedlichen Migrantengenerationen, kann es zwischen beiden zu einer Akkulturationslücke kommen, die zu einer ungleichen Aufgabenverteilung in der Familie führen kann (Leyendecker, Schölmerich & Citlak, 2006, S. 311f; Citlak, Leyendecker & Harwood, 2005, zitiert nach Citlak, 2010, S. 231). Daraus können Unstimmigkeiten zwischen den beiden Partnern resultieren, welche die Partnerschaft belasten.

Seiffge-Krenke et al. (2010) gehen hingegen von einer niedrigeren Partnerschaftsbelastung in türkischstämmigen im Vergleich zu deutschen Paaren aus. Als vermutlicher Grund wird die größere Bedeutung des Partners zum Ausdruck der eigenen Independenz und die größere Freiheit bezüglich Partnerwahl und Beziehungsgestaltung in individualistischen Kulturen (zu welcher die deutsche zu zählen ist) und dadurch die größere Empfindlichkeit gegenüber

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partnerschaftsbezogenem Stress angesehen. Während vermutlich bei den türkischstämmigen Paaren eher (noch) die Regeln in Bezug auf Partnerschaft – Vorgehen bei der Partnerwahl, Gestaltung der Beziehung, Lösung von Problemen etc. – klar vorgegeben sind und es dadurch zu weniger Stress in der Partnerschaft kommt, sind die deutschen Paare durch ihre größere Freiheit auch mit höheren Erwartungen an den Partner und mehr Herausforderungen in Zusammenhang mit der Partnerschaft konfrontiert. (Milbrath, Ohlson & Eyre, 2009, S. 328ff; Seiffge-Krenke et al., 2010, S. 109) Dies könnte zu einer höheren Partnerschaftsbelastung in den deutschen Familien führen.

Im Dokument Entwicklungsbedingungen von Kindern mit und ohne (drohende) Behinderung im Kontext der Mutter-Kind-Interaktion in Familien mit und ohne türkischen Migrationshintergrund (Seite 57-61)