10 Diskussion

10.2 Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse

10.2.2 Zu Frage A2: Schulleistung bei vergleichbarer kognitiver Grundfähigkeit

gogischen Förderbedarf im Förderschwerpunkt Lernen (SPF) in den Kernfächern Mathematik und Deutsch bei vergleichbarer kognitiver Grundfähigkeit (an unter- schiedlichen Schularten)?

Frage A2 beschäftigt sich mit der Entwicklung der Schulleistungen der Schüler mit und ohne SPF in Mathematik und Deutsch bei vergleichbarer kognitiver Grundfähigkeit. Für die Beantwortung der Fragstellung liegen von 91 Probanden sowohl die Ergebnisse der Schulleistungstests in Deutsch und Mathematik als auch Befunde aus der Testung der kognitiven Grundfähigkeit zugrunde.

Zunächst schulartunabhängig und in einem weiteren Schritt schulartabhängig wurden Gruppen mit vergleichbarer Intelligenz gebildet: weit unterdurchschnittlich (7,7%), un- terdurchschnittlich (27,5%), unterer Normbereich (39,6%), oberer Normbereich (15,4%), überdurchschnittlich (7,7%) und weit überdurchschnittlich (2,2%). Es folgte eine querschnittliche und längsschnittliche Betrachtung der Leistungen in den Bereichen Leseverständnis und Rechtschreibung sowie Mathematik. Für die längsschnittliche Be- trachtung wurde der Leistungszuwachs innerhalb eines Zeitraums von ein bzw. zwei Jah- ren anhand der Rohwerte ermittelt.

Nachfolgend werden die Ergebnisse domänenbezogen zusammengefasst. Selbstver- ständlich beziehen sich alle beschriebenen Befunde und formulierten Tendenzen ledig- lich auf die an der Studie beteiligten Schularten.

In den Domänen Deutsch, mit Fokus auf dem Leseverständnis und der Rechtschreibleis- tung, sowie Mathematik, mit dem Schwerpunkt auf Arithmetik, zeigt sich innerhalb der Gruppen mit vergleichbaren kognitiven Grundfähigkeiten eine deutliche Leistungs- spanne. Dabei entstehen Überschneidungen der Wertebereiche der unterschiedlichen Vergleichsgruppen. Bei unterschiedlich hohen kognitiven Grundfähigkeiten ist es

demnach möglich, vergleichbare Kompetenzen in Mathematik bzw. Deutsch zu entwi- ckeln. Eindeutige Zusammenhänge zwischen kognitiven Grundfähigkeiten und Schulleis- tungen können nicht festgestellt werden. Dies lässt sich darin begründen, dass Schulleis- tungen durch unterschiedliche Faktoren bedingt werden und nicht allein von den kogni- tiven Fähigkeiten abhängig sind.

Gleichwohl werden aber in Mathematik und Deutsch Tendenzen dahingehend deutlich, dass der Anteil von Schülern mit (weit) unterdurchschnittlichen Leistungen in den Grup- pen der Schüler mit niedrigen kognitiven Grundfähigkeiten größer ist als in den Gruppen mit mindestens durchschnittlichen kognitiven Fähigkeiten. Entsprechend zeigt sich im Leseverständnis und in der Arithmetik die Tendenz, dass bei höheren kognitiven Grund- fähigkeiten auch höhere Leistungen erreicht werden. Daraus könnte ein Zusammenhang zwischen den erfassten kognitiven Grundfähigkeiten und den Schulleistungen geschlos- sen werden. Dies würde bestätigen, dass kognitive Fähigkeiten Element des multifakto- riellen Bedingungsgefüges der Schulleistungsentwicklung sind.

Die Analyse des Leistungszuwachses in den Domänen stellt heraus, dass es -unabhängig von der besuchten Schulart- in allen nach vergleichbaren kognitiven Fähigkeiten gebil- deten Vergleichsgruppen Probanden gibt, die ihr Textverständnis im Untersuchungszeit- raum steigern und Probanden, bei welchen kein Leistungszuwachs nachgewiesen wer- den kann.

Ob Schüler mit unterdurchschnittlicher Intelligenz ihr Textverständnis steigern und in welchem Maße ihnen dies gelingt, ist der Untersuchung zufolge nicht abhängig von der besuchten und an der Studie beteiligten Schulart. Dies trifft auch auf Schüler mit einer Intelligenz im oberen Normbereich zu. Bei kognitiven Grundfähigkeiten im unteren Normbereich ist der Anteil der Probanden, die Lernfortschritte zeigen, am SBBZ größer als an der RS und der GMS. Überdurchschnittlich intelligente Schüler der Stichprobe ver- besserten ihr Textverständnis an der GMS deutlicher als an der RS.

Ebenso wie in der Entwicklung des Textverständnisses zeigt sich bei einer Intelligenz im (weit) unterdurchschnittlichen Bereich, dass der Anteil der Schüler, die ihre Recht- schreibkompetenzen nachweislich erweitert haben, an SBBZ und GMS etwa gleich ist. Auch der mittlere Lernfortschritt unterscheidet sich kaum. Die zwei Probanden am SBBZ

Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse

mit Intelligenz im unteren Normbereich haben einen deutlich höheren Leistungszu- wachs als ihre Vergleichsgruppe an GMS und RS. Bei durchschnittlichen kognitiven Grundfähigkeiten entwickeln anteilig mehr Schüler an der RS ihre Rechtschreibleistun- gen als an der GMS. Der mittlere Leistungszuwachs hingegen ist an der GMS höher. Da- raus lässt sich schließen, dass die Schüler an der GMS, die ihre Rechtschreibleitungen erweitern einen höheren Leistungszuwachs haben als entsprechende Schüler an der RS. Bei überdurchschnittlicher kognitiver Begabung zeigen die Schüler an der GMS deutlich höheren Leistungszuwachs als die Vergleichsgruppe an der RS.

In Mathematik ist der erfasste mittlere Leistungszuwachs insgesamt sehr gering. Jeweils die Hälfte der Schüler mit einer unterdurchschnittlichen Begabung können in der Unter- suchung eine Verbesserung ihrer Leistung in Mathematik zeigen. Der Leistungszuwachs ist am SBBZ größer als an der GMS. Bei einer Begabung im durchschnittlichen oder über- durchschnittlichen Bereich ist der Leistungszuwachs an der GMS etwas höher als an der RS. Die wenigen Probanden mit durchschnittlicher kognitiven Grundfähigkeiten am SBBZ erreichen im Mittel einen deutlich niedrigeren Mittelwert.

Es kann an dieser Stelle diskutiert werden, welches Konstrukt von Intelligenz der Unter- suchung zugrunde liegt. Mit dem CFT 20-R wird die fluide Intelligenz erhoben. Laut Mick- ley & Renner (2010) sind für die Entwicklung von Schulleistungen neben der fluiden In- telligenz insbesondere die folgenden Intelligenzfaktoren bedeutsam: das Kurzzeitge- dächtnis, die auditive Verarbeitung und die kristalline Intelligenz, also erworbenes und kulturbezogenes Wissen. Da der CFT 20-R in der Gruppentestung einsetzbar, sprachfrei ist und als einen wichtigen Intelligenzfaktor die fluide Intelligenz erfasst, wurde dieses Verfahren gewählt.

Das Wissen um die kognitiven Fähigkeiten eines Schülers kann in die Gestaltung von Unterricht einbezogen werden. Ermöglicht wird dies, indem Bildungsangebote so ge- schaffen werden, dass kognitive Potenziale genutzt und erweitert werden (Ziegler & Stern im Druck). Dies spricht für Individualisierung im Unterricht.

Im Dokument Entwicklung der Schulleistung und des schulischen Selbstkonzepts von Schülerinnen und Schülern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf im Förderschwerpunkt Lernen in der Sekundarstufe I (Seite 161-164)