Wahrnehmung, Gedächtnis, Schrift – Der Wunderblock

Im Dokument "Die Freiheit reizte mich" (Seite 90-117)

In seinem frühen Aufsatz Freud und der Schauplatz der Schrift erwei- tert Derrida den spezifisch phänomenologischen Problemhorizont194,

indem er das Bewusstsein mit einem Modell des Psychischen konfron- tiert, das im Gedächtnis seinen maßgeblichen Grundbegriff trägt. Derridas Interesse gilt in dieser Lektüre nicht der Art und Weise, wie Freud, ausgehend von Prämissen der naturwissenschaftlichen Psycho- logie seiner Zeit, Gedächtnis in einer neurologischen Terminologie erläutert. Vielmehr beschäftigt sich Derrida mit zwei Metaphernrei- hen, die nämlich des Textes sowie die der Maschine, mittels derer der Freudsche Gedächtnis-Begriff seine Konturen erhält. In diesen Meta- phern bestimmt sich Freuds Text vom Entwurf einer Psychologie an 193 Derrida: Stimme, S. 127, Hervorhebung im Original, M. P. An anderer Stelle hat Der-

rida diese Problematik umgekehrt im Zusammenhang mit dem transzendentalen Ego der Phänomenologie erläutert: Die Frage nach der Möglichkeit der transzendentalen Reduktion, in der sich die phänomenologische Welt erst erschließt, sei „die Frage nach der Möglichkeit der Frage, die Öffnung selbst, der klaffende Spalt, aus dem heraus das transzendentale Ich, das Husserl ‚ewig‘ zu nennen versucht war (was jedenfalls in sei- nem Denken nicht unendlich oder ahistorisch heißen will, ganz im Gegenteil), dazu gebracht wird, alles zu hinterfragen, im besonderen die Möglichkeit der ungebändigten und nackten Tatsächlichkeit des Nicht-Sinns, im gegebenen Fall zum Beispiel seines eigenen Todes“, siehe Jacques Derrida: „‚Genesis und Struktur‘ und die Phänomenolo- gie“, in: ders.: Die Schrift und die Differenz, S. 236–258, hier S. 258, Hervorhebungen im Original, M. P.

über die Traumdeutung bis hin zur für Derrida so wichtigen Notiz über den Wunderblock. Die relevante Frage lautet also nicht etwa, inwiefern sich die neurologischen Termini für eine Bestimmung des Psychischen eigneten. Das Interesse gilt der Frage, welche Gesetzmäßigkeiten für dieses gelten müssen, um es – nur der Möglichkeit nach zutreffend – in den erwähnten Metaphernreihen beschreiben zu können195:

Nicht, ob das Psychische tatsächlich eine Art von Text ist, sondern was ein Text ist und was das Psychische sein muß, um vermittels eines Textes dargestellt werden zu können. Denn wenn es weder Maschine noch Text ohne psychischen Ursprung gibt, dann gibt es keine textlose Psyche. Wel- cher Art muß schließlich das Verhältnis zwischen dem Psychischen, der Schrift und der Verräumlichung sein, damit ein solcher metaphorischer Durchgang möglich wird; und das nicht nur in erster Linie im Innern eines theoretischen Diskurses, sondern in der Geschichte des Psychischen, des Textes und der Technik?196

Der psychoanalytische Diskurs steht somit keineswegs unverbunden neben den Lektüren, in denen sich Derrida mit der bewusstseinsthe- oretischen Tradition auseinandersetzt, wie sie sich seit der Transzen- dentalphilosophie des deutschen Idealismus entwickelt hat197. Er bietet

Derrida einen Kontext, um diejenigen blinden Flecken des Bewusst- seins198 begrifflich weiter auszuleuchten, die bezüglich dieses Begriffs

dann theoretisch virulent werden müssen, wenn nicht danach gefragt wird, wie (sich für das) Bewusstsein Welt konstituiert, sondern wie dieses Bewusstsein sich selbst im Verhältnis zu einem ihm Anderen konstitutiert – einem Unbewussten –, das weder die Welt noch einfach in der Welt ist199, sondern das als Gedächtnis für das transzendentale

195 Einen vergleichbaren Ausgangspunkt hat die Studie von Susanne Lüdemann: Mythos und Selbstdarstellung. Zur Poetik der Psychoanalyse. Freiburg i. Br.: Rombach 1994. 196 Derrida: „Schauplatz“, S. 306.

197 Siehe dazu auch die Kontextualisierungen in Klaus Englert: Jacques Derrida. Pader- born: Fink 2009, S. 15–24.

198 Siehe dazu prägnant Lüdemann: Derrida, S. 32–36.

199 Dazu präzisierend etwa Derrida: „Schauplatz“, S. 324: „Die ‚objektivistische‘ oder ‚welt- bezogene‘ Betrachtung der Schrift lehrt uns nichts, bezieht man sie nicht auf einen Raum psychischer Schrift (transzendentaler Schrift würde man sagen, falls man mit Husserl in der Psyche eine Region der Welt erblickte. Da das aber auch der Fall Freuds

Bewusstsein eine kaum zu unterschätzende Funktion innehat, ist doch schlechthin alles, was diesem Bewusstsein nicht durch Wahrnehmung erscheint, nur durch Erinnerung verfügbar. Und mehr noch: Wie sich zeigen wird, ist noch Wahrnehmung selbst in hohem Maße durch Erin- nerungen beeinflusst, die das Wahrgenommene als solches erst in den Blick rücken.

Derridas Zugriff auf Freuds Diskurs steht von Beginn an im Zeichen einer supplementären Logik. So macht Derrida nachdrücklich darauf aufmerksam, dass die Metaphern bei Freud nicht dazu verwendet wer- den, „in didaktischer Absicht“200 einen bekannten Sachverhalt zu illus-

trieren. Genauso wenig allerdings alludieren laut Derrida die verwen- deten Metaphern einfach ein Unbekanntes:

Wenn diese Metaphorik unerläßlich ist, dann weil sie vielleicht rück- wirkend den Sinn der Spur im allgemeinen und folglich den Sinn der Schrift in seiner geläufigen Bedeutung erhellt, indem sie sich mit ihm verschränkt. Freud handhabt sicher keine Metaphern, wenn das Hand- haben von Metaphern Anspielung vom Bekannten auf das Unbekannte hin meint. Durch die Beharrlichkeit seiner metaphorischen Zernierung bewirkt er im Gegenteil, daß das, was man mit dem Begriff der Schrift zu kennen glaubt, rätselhaft wird. […] Der von Freud entworfene Gestus […] eröffnet einen neuen Fragetypus über die Metaphorizität, die Schrift und die Verräumlichung im allgemeinen.201

Indem Derrida sein Augenmerk darauf richtet, wie Freud seine Meta- phern verwendet, interessiert er sich für die Frage nach deren Funkti- onsweise, insofern sie Konsequenzen zeitigt für eine Neubestimmung

ist, der zugleich das In-der-Welt-Sein des Psychischen, seine Ortsbezogenheit und die Originalität seiner Topologie, die auf jede gewöhnliche Innerweltlichkeit irreduzibel ist, respektieren will, muß man vielleicht denken, daß das, was wir hier als Schreibar- beit beschreiben, die transzendentale Differenz zwischen Ursprung der Welt und In- der-Welt-Sein auslöscht: sie auslöscht, indem sie sie erzeugt: Milieu des Dialogs und des Mißverständnisses zwischen den Husserlschen und Heideggerschen Begriffen des In-der-Welt-Seins).“

200 Derrida: „Schauplatz“, S. 305. 201 Derrida: „Schauplatz“, S. 305f.

des traditionellen Begriffs der Schrift. Und er verbindet dieses Interesse gleich zu Beginn seines Aufsatzes mit einer allgemeineren Fragestel- lung, die sich des Weiteren an den Begriffen der Schrift und der Ver- räumlichung orientiert, ohne an dieser Stelle bereits ein klar umrissenes Ziel zu haben. Diese Unbestimmtheit jedoch wird in Derridas nega- tiver Bestimmung der Metapher genauer bestimmt: Sich nachträglich dem beifügend, was sie erläutern sollen, und dieses substituierend, lassen sie, worauf sie verweisen, ebenso zum Rätsel werden, wie sie sich selbst in ihrer performativen Dimension enthüllen und damit das Rätselhafte dieses Rätsels überhaupt erst kenntlich werden lassen202.

Derrida beginnt damit, den bereits in der Husserl-Lektüre virulenten Begriff der Spur mit dem Freudschen Terminus des Gedächtnisses zu assoziieren; dieses zu erklären, ist nach Freud für „jede irgendwie beachtenswerte psychologische Theorie“203 unabdingbar. Doch

[d]ie Crux einer derartigen Erklärung und das, was einen solchen Appa- rat fast unvorstellbar macht, besteht darin, daß sie in einem – wie die

Notiz das dreißig Jahre später tun wird – über das Fortbestehen der Spur

und der Jungfräulichkeit der aufnehmenden Substanz, über die Einschrei- bung der Bahnen und die stets unangetastete Blöße der aufnehmenden oder wahrnehmenden Oberfläche Rechenschaft geben muß: hier über die Neuronen.204

Freud unterscheidet deshalb zwischen zwei Arten von Neuronen, sol- chen nämlich, die Wahrnehmungseindrücke spurlos passieren lassen, und denen, in welchen sich diese Eindrücke als Spuren erhalten. Diese letzteren sind laut Freud „Träger des Gedächtnisses, wahrscheinlich

202 Siehe zu Derridas Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse den ausführlichen und konzisen Beitrag von Hans-Dieter Gondek: „‚La séance continue‘. Jacques Derrida und die Psychoanalyse“, in: Jacques Derrida: Vergessen wir nicht – die Psychoanalyse! Hg. von Hans-Dieter Gondek. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1998, S. 179–232.

203 Zit. nach Derrida: „Schauplatz“, S. 307. 204 Derrida: „Schauplatz“, S. 307.

also der psychischen Vorgänge überhaupt“205. Damit sei es, wie Derrida

konstatiert, „das Wesen des Psychischen selbst“206.

Die Differenzierung zwischen Wahrnehmungs- und Erinnerungsneu- ronen ist nicht nur notwendig, um zwischen aktuellen und bloß aktu- alisierbaren Eindrücken zu unterscheiden. Erst aus der Differenz der beiden Neuronenarten ist erklärlich, warum sich das Gedächtnis nicht einfach als Speichermedium darstellen lässt, in dem Wahrnehmungs- eindrücke schlichtweg aufbewahrt würden. Denn die Aktualisierung der Eindrücke, die keineswegs dadurch erfolgt, dass ein transzenden- tales Ego souverän über diese verfügen würde, kann nur durch eine diese Eindrücke betreffende, spezifische Differenz vonstattengehen, in der sich die Kräfte der Erinnerungen, diese erzeugend, unterschei- den. Andernfalls würde

[j]ede Bevorzugung in der Auswahl der Abläufe […] durch die Gleichheit

der Widerstände gegen die Bahnung oder durch die Äquivalenz der Bah- nungskräfte reduziert. Das Gedächtnis wäre damit paralysiert. In der Dif- ferenz der Bahnungen besteht der wirkliche Ursprung des Gedächtnisses und somit des Psychischen.207

Dass allerdings die zuletzt angesprochene Differenz aus einer „einfa- chen Entgegensetzung“208 der Quantität der bahnbrechenden Eindrü-

cke sowie der Qualität der bloßen Wahrnehmung rühre, bezweifelt Derrida, auch und gerade während er Freud attestiert, dass er anschei- nend vorhabe, sich auf diese Entgegensetzung zu verlassen. In Bezug auf seinen Begriff der Spur erörtert Derrida das Gedächtnis eben nicht als reines Bahnungsgeschehen, durch das sich Eindrücke bildeten, die jederzeit in der Qualität ihrer vollen Präsenz wiederhergestellt werden könnten. Dagegen erläutert er das Gedächtnis in seiner spezifischen Wiederholungsstruktur, in der sich die Erregungsquantität mit der

205 Zit. nach Derrida: „Schauplatz“, S. 308. 206 Derrida: „Schauplatz“, S. 308.

207 Derrida: „Schauplatz“, S. 308, Hervorhebungen im Original, M. P. 208 Derrida: „Schauplatz“, S. 308.

Anzahl der Wiederholungen verbindet – oder anders, in den Worten Freuds formuliert:

Das Gedächtnis, d. h. die fortwirkende Macht eines Erlebnisses (hängt) von einem Faktor ab, den man die Größe des Eindrucks nennt, und von der Häufigkeit der Wiederholung desselben Eindrucks.209

Indem nun nach Derrida der Eindruck und dessen Wiederholung absolut heterogenen Ordnungen entstammen, verbinden sich im Gedächtnis zwei Momente in ihrer untilgbaren Differenz, sodass es umso plausibler wird, das andere der Quantität eben nicht schlichtweg als Qualität zu bestimmen. Denn diese Differenz verstärkt noch einmal den Unterschied zwischen wahrgenommenen und erinnerten Eindrü- cken, deren letztere, würden sie in erfüllter Präsenz erscheinen, von Wahrnehmungen schlechterdings nicht mehr differenzierbar wären – vorausgesetzt, diese letzteren ihrerseits könnten überhaupt jemals in absoluter Präsenz erscheinen210.

Diesem Modell der Bahnungen entsprechend speist sich mithin das Gedächtnis gerade aus solchen differenzierenden Spuren211, wie sie

als retentionale schon in Husserls Phänomenologie die ideale Gegen- wärtigkeit des Sinns spalteten: Sie scheinen sich in Freuds Modell des Gedächtnisses ursprünglich zu wiederholen, indem sie einerseits die Erinnerung einer präsenten Qualität verunmöglichen und andererseits gerade dadurch Gedächtnis überhaupt erst in Gang setzen. Hatte Der-

209 Derrida: „Schauplatz“, S. 309.

210 Dass dies ebenso wenig als gesichert anzunehmen ist wie die Realitätstreue von Erin- nerungen, unterstreicht den ausgesprochen heuristischen Charakter der psychoanaly- tischen Theoriebildung.

211 Vgl. dazu auch Derrida: Stimme, S. 115: „Doch diese reine Differenz, die die Selbst- gegenwart der lebendigen Gegenwart konstituiert, führt darin originär die ganze Un- reinheit ein, die man daraus ausschließen zu können glaubte. Die lebendige Gegenwart geht aus ihrer Nicht-Identität mit sich und aus der Möglichkeit der retentionalen Spur hervor. Sie ist immer schon eine Spur. Diese Spur ist von der Einfachheit einer Gegen- wart her, derer das Leben selbstinnerlich wäre, undenkbar. Das Selbst der lebendigen Gegenwart ist ursprünglich eine Spur. Die Spur ist kein Attribut, von dem man sagen könnte, daß das Selbst der lebendigen Gegenwart sie ‚ursprünglich ist‘. Man muß das Ursprünglich-Sein von der Spur aus denken und nicht umgekehrt. Diese Urschrift ist im Ursprung des Sinns am Werk.“

rida in Die Stimme und das Phänomen die retentionale Spur als „Mög- lichkeit der Wieder-holung in ihrer allgemeinsten Form“212 gedeutet

und noch die Struktur der Wahrnehmung aus dieser Iterativität213

abgeleitet, so gilt ihm in Freud und der Schauplatz der Schrift die Spur gewissermaßen als der Eindruck, der, als Anzeichen, durch die Bah- nung eines genügend großen Wahrnehmungsreizes gebildet wird – und darüber hinaus als erzeugendes Moment von Erinnerung. Ange- sichts dieser doppelten Struktur der Spur erstaunt es zunächst wenig, wenn Derrida diese auch in seiner Freud-Lektüre auf seinen Terminus der différance bezieht, der bekanntlich unentschieden weder die Pas- sivität noch die Aktivität des transzendentalen Subjekts meint, wel- ches durch die différance gleichwohl hervorgebracht wird. Mehr schon überrascht, dass und wie Derrida beinahe im selben Atemzug Freuds Begriff des Lebens assoziiert:

Alle diese Unterschiede in der Erzeugung der Spur können als Momente der „différance“ reinterpretiert werden. Einem Motiv zufolge, das ohne Unterlaß das Denken Freuds leitet, wird diese Bewegung als Anstrengung des Lebens beschrieben, das sich selbst schützt, indem es die gefährli- che Besetzung aufschiebt, das heißt, indem es einen „Vorrat“ anlegt. Die

bedrohliche Verausgabung oder Präsenz werden mit Hilfe der Bahnung und der Wiederholung hinausgeschoben.214

Hatte sich in Hegels Denken das Leben des Geistes dadurch bewahrt, dass es sich nicht ‚vor dem Tode scheute‘, sondern ‚in ihm sich erhielt‘215, und war in Derridas Lektüre von Husserls Philosophie das

Leben des Subjekts seiner unentwegten Gebundenheit an den Tod entsprungen216, so ist es in Derridas Freud-Lektüre gerade so, dass

die lebendige Präsenz, die Husserl als Gegenwärtigkeit für das Sub- jekt reklamierte, als bedrohlich hinausgeschoben wird, um das Leben

212 Derrida: Stimme, S. 92.

213 Vgl. dagegen zum Begriff der Iterabilität das Kap. 2.5 in der vorliegenden Untersuchung. 214 Derrida: „Schauplatz der Schrift“, S. 309f., Hervorhebungen im Original, M. P. 215 Siehe oben die Fußnote 96 in dieser Untersuchung.

216 Siehe oben, Abschnitt 2.2, ausführlicher informiert über die Operativität des Lebens-Be- griffs bei Husserl außerdem Jean-Claude Höfliger: Jacques Derridas Husserl-Lektüren. Würzburg: Königshausen & Neumann 1995, S. 102–116.

zu schützen. Hatte demnach Derrida in seiner Husserl-Lektüre den Aufschub (vor) der Präsenz erst ex negativo aufgewertet, liegt diese Aufwertung laut seiner Freud-Lektüre in der Logik der Psychoanalyse selbst. Inwieweit sich deswegen allerdings Phänomenologie und Psy- choanalyse im Hinblick auf die retentionale Spur tatsächlich paralle- lisieren lassen, ist damit noch nicht entschieden: Denn im Hinblick auf Husserls Phänomenologie hatte diese Spur im Zusammenhang mit der différance und der Supplementarität nur erst die iterative Struktur der Wahrnehmung enthüllt. Bei Freud dagegen macht Derrida die Spur zunächst als hervorbringenden Eindruck von Erinnerung aus – wie er allerdings einer Wahrnehmung entstammt217.

Um entscheiden zu können, ob überhaupt und inwieweit sich zwi- schen Edmund Husserls Bewusstseinsmodell und Freuds Modell der Psyche eine Parallele bilden lässt, ist es hilfreich, sich noch einmal auf den Lebensbegriff zu besinnen, wie er für Husserls Phänomenologie bestimmend geworden ist. Denn an diesem Begriff zeigen sich nicht nur die metaphysischen Implikationen der Phänomenologie, sondern auch die der Psychoanalyse, und anhand dieser Implikationen lässt sich die Parallelisierung beider Theorien gut verfolgen. Den phänomenolo- gischen Lebensbegriff und seinen Zusammenhang mit der Psychoana- lyse hat Rudolf Bernet in einem so eingängigen wie sehr erhellenden Aufsatz mit dem Titel Derrida – Husserl – Freud. Die Spur der Über- tragung dargelegt. Drei Formen der Übertragung218 sind es, mittels

derer Bernet Phänomenologie und Psychoanalyse aufeinander bezieht: Erstens wird nach psychoanalytischer Auffassung in der Übertragung zu einem Adressaten gesprochen, dabei allerdings, wie reflektiert auch immer, an einen Dritten gedacht, der der eigentliche Adressat des Ausgesagten ist219. An dieses Modell anschließend möchte Bernet

217 Michael Wetzel hat Derridas Freud-Lektüren auch im Zusammenhang mit Derridas Begriff der dissémination näher erläutert, siehe Wetzel: Derrida, S. 44–54, hier S. 54. 218 Zu diesem Begriff, wie Derrida ihn verwendet, siehe Gondek: „Séance“, S. 187ff. 219 Vgl. dazu grundlegend Derridas Dekonstruktion von Jacques Lacans Lektüre von Edgar

Allan Poes Der entwendete Brief, siehe Jacques Derrida: „Der Facteur der Wahrheit“, in: ders.: Die Postkarte von Sokrates bis an Freud und jenseits. 2. Lieferung. Autorisierte Übersetzung von Hans-Joachim Metzger. Berlin: Brinkmann & Bose 1987, S. 184–281. Dort macht Derrida deutlich, dass jede briefliche Sendung auch nicht ankommen kön-

zeigen, „daß Derrida, wenn er sich mit Husserl auseinandersetzt, dabei Freud im Sinn hat“220. In einer zweiten Bedeutung meint Übertragung

Übergang. Letzteren als Figur der différance lesend, da er die „Topo- logie metaphysischer Gegensätze“221 durchbreche, beschreibt Bernet

Edmund Husserls Bedeutungstheorie und Sigmund Freuds ihr nahe verwandte Theorie eines Ausdrucks des Unbewussten im manifesten Trauminhalt als Beispiele eines solchen Übergangs222. Drittens schließ-

lich widmet sich Bernet dem Übertragungs-Begriff als Synonym für einen Terminus der Metapher, der die Differenz zwischen eigentlicher und uneigentlicher Bedeutung zugleich etabliert und unterläuft. Der- rida nehme Freuds Verwendung der Schrift-Metapher ernst und lade dadurch ein, „die Bedeutung der Schrift auf die Urschrift zu übertra- gen“223; und Bernet behauptet weiter: „Das Freudsche Unbewußte bie-

tet sich ebenso wie Husserls vergegenwärtigendes Bewußtsein für eine solche Interpretation als Urschrift an“224.

Um die veranschlagte ‚Spur der Übertragung‘ in ihren ersten bei- den, eng zusammenhängenden Formen zu plausibilisieren, rekonstru- iert Bernet Derridas Husserl-Lektüre, wie sie sich ausgehend von der Unterscheidung zwischen Ausdruck und Anzeichen Bahn gebrochen hat. Er beginnt damit, eine vielfach geäußerte Kritik an dieser Lektüre zurückzuweisen, die lautet, Derrida habe

Husserls transzendentale Phänomenologie mit einem cartesianischen Dualismus verwechselt bzw., was überzeugender ist, alle wesentlichen (oder transzendentalen) Unterscheidungen, die bei Husserl auftau- chen, unter die Unterscheidung zwischen Ausdruck und Anzeichen subsumiert.225

nen muss. Im Rückbezug noch auf seinen Text Der Schauplatz der Schrift hat Derrida sein Verhältnis zu Freud und später Lacan nachgezeichnet in Jacques Derrida: „Aus Liebe zu Lacan“, in: ders.: Psychoanalyse, S. 15–58, der Hinweis auf Der Schauplatz der Schrift steht auf S. 39.

220 Bernet: „Spur“, S. 100. 221 Bernet: „Spur“, S. 100. 222 Siehe Bernet: „Spur“, S. 100. 223 Bernet: „Spur“, S. 100. 224 Bernet: „Spur“, S. 100. 225 Bernet: „Spur“, S. 102.

Diese Kritik aber sei schon deshalb nicht zutreffend, da sie nur auf einen Teil von Derridas Argument ziele. Dieses aber betrifft, wie im vorigen Abschnitt dieser Arbeit gezeigt, Husserls zentrale These, wonach das Bewusstsein für es selbst einen Gegenstand konstituie- ren könne, ohne dabei auf Zeichen angewiesen zu sein. Derrida aber bestreitet eben dies, indem er nachweist, dass Ausdruck und Anzeichen nicht allein in der ausdrückenden Rede ineinander verflochten sind. Vielmehr ist, wie gesehen, deren Verflechtung bereits für jenen inneren Monolog anzunehmen, in dem der Subjektivität im eigentümlichen Draußen einer konstitutiven intersubjektiven Beziehung Gegenstände erscheinen. Um für sich selbst transparent zu werden, ist das Bewusst- sein auf Zeichen angewiesen, da ja die genannte Verflechtung auch und gerade dann anzunehmen ist, wenn das Bewusstsein sich in einer transzendentalen Reflexion selbst zum Gegenstand macht; dies resü- miert Rudolf Bernet folgendermaßen:

Die Gegenwart eines „transzendentalen Signifikats“ wird ebenso zweifel- haft wie die Gegenwart des Signifikanten. Transzendentales Bewußtsein ist niemals völlig gegenwärtig weder in sich noch in seiner Vergegenwär- tigung mittels eines Zeichens, und das Zeichen ist gegenwärtig, indem es in andere Zeichen übergeht und sich selbst dabei ausstreicht. Derrida gebraucht die Worte „Spur“, „(Ur)Schrift“ und „différance“, wenn er die

flackernde Vergegenwärtigung einer Gegenwart zu erklären versucht, die unendlich aufgeschoben wird. Er lädt uns auf diese Weise ein, Gegenwart als eine Form von Versprechen zu denken, das im selben Zug, in dem es aus der Vergegenwärtigung hervorgeht, dadurch aufgehoben und aufge-

Im Dokument "Die Freiheit reizte mich" (Seite 90-117)