Voice Onset Time (VOT)

Im Dokument Akustische Analysen der Sprachproduktion von CI-Trägern (Seite 126-130)

3.2 Vergleich CI-Träger und normal hörende Sprecher

4.2.3 Diskussion

5.2.2.3 Voice Onset Time (VOT)

Der Abbildung 5.5 und Tabelle 5.3 ist zu entnehmen, dass die VOT%-Dauer der CI- Träger mit Ausnahme von Gruppe 1 kürzer ist als die der Kontrollgruppensprecher. In der VOT%-Dauer unterscheiden sich die Gruppen mit den spät versorgten CI-Trägern (= Gruppe 2 (schwach) und Gruppe 4) signifikant von ihren jeweiligen Kontrollgrup- pensprechern. ● ● ● ● ● ● ● ● 1 CI 1 KG 2 CI 2 KG 3 CI 3 KG 4 CI 4 KG 0.00 0.05 0.10 0.15 0.20 0.25 0.30 0.35 V O T%−Dauer CI KG

Abbildung 5.5: Ergebnisse VOT%-Dauern von /t/ in „teilen“.

5.2.3

Diskussion

Die Ergebnisse der Analyse der Zeitstruktur in komplexen Phonemkombinationen wer- den in diesem Kapitel im Hinblick auf die vorhandene Literatur diskutiert. Im ersten Unterkapitel liegt der Fokus auf den Dauerverhältnissen innerhalb des Clusters. Im zweiten werden die S%- und D%-Dauern diskutiert. Darauf folgen die VOT%-Dauern und eine Zusammenfassung. Das letzte Unterkapitel 5.2.3.5 enthält sowohl einen Über- blick über alle Hypothesen als auch einen Vermerk, ob beziehungsweise für welche Gruppen sie angenommen wurden.

5.2.3.1 Dauerverhältnisse innerhalb des Onsetclusters

Die prälingual ertaubten CI-Träger der Gruppe 1, die noch vor dem Spracherwerb mit einem Cochlear Implantat versorgt wurden, unterscheiden sich in den Dauerverhältnis- sen innerhalb eines Clusters nur bei /tr/ schwach signifikant von ihren normal hörenden Kontrollgruppensprechern. Abgesehen davon wurden für diese Gruppe keine signifikan- ten Unterschiede gefunden, auch nicht bei höherer Komplexität des Clusters. Daraus kann geschlossen werden, dass die Zeitstruktur durch Cochlear Implantate sehr gut übertragen wird. Einem CI-Träger, der Sprache nie mit einem gesunden Gehör wahr- nehmen konnte, scheint es möglich zu sein, Zeitstrukturen richtig wahrzunehmen und auch durch das eigene auditorische Feedback so zu kontrollieren, dass Zeitstrukturen richtig produziert werden. Dieses Ergebnis bestätigt für diese Gruppe Hypothese 14. Auch die prälingual ertaubten CI-Träger der Gruppe 2 (nach Spracherwerb versorgt) unterscheiden sich in den internen Dauerverhältnissen der Konsonantencluster nicht von ihren Kontrollgruppensprechern, sofern die Cluster nur aus zwei Konsonanten be- stehen. Bei größerer Komplexität, wie sie mit drei Konsonanten in /str/ von „streiten“ zu finden ist, scheint es der Fall zu sein, dass sich Probleme bei der Artikulation von Einzellauten auf die Zeitstruktur auswirken. Sowohl bei dem Verhältnis von /S/ zu /r/ als auch beim Verhältnis von /t/ zu /r/ in „streiten“ gibt es für diese Gruppe signifi- kante Unterschiede zwischen den CI-Trägern und der Kontrollgruppe. Dadurch konnte Hypothese 14 nur zum Teil bestätigt werden.

Auch für Gruppe 3 kann Hypothese 14 nur teilweise bestätigt werden. Die CI-Träger dieser Gruppe unterscheiden sich im Verhältnis /t/ zu /r/ sowohl für „streiten“ als auch für „treiben“ signifikant von den Kontrollgruppensprechern. Für das Verhältnis von /S/ zu /r/ wurden keine signifikanten Unterschiede gefunden. Die normalisierte Dauer von /t/ ist dabei bei den CI-Trägern in „streiten“ deutlich länger, aber in „treiben“ viel kürzer als bei den Kontrollgruppensprechern. Die CI-Träger scheinen aber nur mit der Länge der Verschlussphase von /t/ Probleme zu haben. In der zudem untersuchten VOT unterscheiden sie sich nicht von normal hörenden Sprechern.

Die CI-Träger der Gruppe 4 unterscheiden sich in drei von vier Dauerverhältnissen signifikant von den Kontrollgruppensprechern. Das könnte daran liegen, dass diese Sprecher mit größerem Abstand zur Ertaubung mit einem Cochlear Implantat ver- sorgt wurden. Zusätzlich ist die Ertaubung meist progredient, also schleichend, über längere Zeit verlaufen. In dieser Zeit wurde das auditorische Feedback immer einge- schränkter und die eigene Kontrolle über die Sprachproduktion immer schlechter. Ein Effekt dessen ist, dass Hörgeschädigte ihre Sprache verlangsamen (Horga et al. (2002)). Zum anderen verändern sich anscheinend auch die Zeitstrukturen, die dann auf diese

Art und Weise auch nach der Wiedererlangung des auditorischen Feedbacks durch eine Versorgung mit einem Cochlear Implantat beibehalten werden. Die Ergebnisse dieser Gruppe widersprechen Hypothese 14, in der angenommen wurde, dass sich CI-Träger in den Dauerverhältnissen von Konsonanten innerhalb eines Clusters nicht von normal hörenden Sprechern unterscheiden.

5.2.3.2 Relative Dauern

Das Ergebnis der Untersuchung der relativen S%-Dauern ist, dass die normalisierten Dauern der CI-Träger durchgehend länger sind als die der Kontrollgruppensprecher. (Eine Ausnahme bildet S% in „streiten“ von Gruppe 1 und 2.) Das entspricht den Ergebnissen von Liker et al. (2007) und Mildner & Liker (2008), die bei den CI-Trägern längere absolute Dauern der Affrikate maßen. Das ist allerdings nur eine Tendenz und nicht signifikant. Die einzige Ausnahme ist: Für Gruppe 4 mit den postlingual und spät versorgten CI-Trägern wurde ein signifikanter Unterschied gefunden. In diesem Fall trifft die im Zusammenhang mit der Hypothese 15 aufgestellte Vermutung zu: CI-Träger, die bei der Artikulation eines Einzellautes Probleme haben, brauchen für dessen Produktion derart länger, dass sie die Zeitstruktur wie sie von normal Hörenden produziert wird, nicht umsetzen können. Diese Probleme bei der Artikulation wurden für Gruppe 4 in Kapitel 4.2 in der Produktion von Sibilanten nachgewiesen.

Insgesamt wurden die S%-Dauern in Abhängigkeit der Komplexität des Onsets von den CI-Trägern genauso produziert wie von den normal hörenden Sprechern: Die S%- Dauer als Einzellaut in „scheitern“ wurde am längsten produziert und die S%-Dauer im komplexesten Cluster mit drei Konsonanten in „streiten“ am kürzesten. Somit wurde für die S%-Dauern Hypothese 15, die besagt, dass sich CI-Träger (mit Ausnahme von Gruppe 4) in der Dauer des initialen Sibilanten in Clustern steigender Komplexität nicht von normal hörenden Sprechern unterscheiden, bestätigt. Der Grund dafür ist, dass Zeitstrukturen von Cochlear Implantaten sehr präzise übermittelt und somit von CI-Trägern sehr gut wahrgenommen werden.

Die relativen D%-Dauern sind mit Ausnahme von „schreiten“ und „reiten“ von Gruppe 3 durchgehend kürzer als die der normal hörenden Sprecher. Das widerspricht den Ergebnissen von Liker et al. (2007) und Mildner & Liker (2008). Bei den Ergebnissen der Dauerverhältnisse war zu beobachten, dass die Gesamtdauer des /Str/-Clusters (Summer der normalisierten Dauern von /S/, /t/ und /r/) bei den CI-Trägern einen größeren Anteil an der Wortdauer einnimmt als bei den normal Hörenden. Gruppe 3 bildet eine Ausnahme. Die kürzeren D%-Dauern der Gruppen 1, 2 und 4 könnten darauf zurückzuführen sein, dass die Dauer des Diphthongs kürzer ist, wenn die Produktion

des Clusters mehr Zeit in Anspruch nimmt. Signifikante Unterschiede in der D%-Dauer wurden nur für die zwei Gruppen mit prälingual ertaubten Sprechern (Gruppe 1 und 2) gefunden.

Insgesamt ist festzuhalten, dass die normal hörenden Sprecher die D%-Dauer des auf den Cluster folgenden Diphthongs umso kürzer produzierten, je komplexer der Onset ist. Dieses Muster ist auch bei den CI-Trägern zu finden (Ausnahme: „schreiten“ von Gruppe 1).

Bei den postlingual ertaubten CI-Trägern der Gruppen 3 und 4 trifft also Hypothese 16, nach der sich die Dauern eines Diphthongs nach Konsonantenclustern unterschiedlicher Komplexität nicht von denen normal Hörender unterscheiden, zu. Bei den CI-Gruppen mit prälingual ertaubten Sprechern ist dies nicht der Fall. Auch hier scheint die im Zusammenhang mit der Hypothese aufgestellte Vermutung zuzutreffen: Die Artikula- tion von Phonemen, die für die CI-Träger aufgrund der eingeschränkten Wahrnehmung diffiziler umzusetzen sind, kann eine richtige Realisierung der Zeitstruktur einer kom- plexen Phonemkombination beziehungsweise des darauf folgenden Diphthongs beein- trächtigen. Für die Sprecher von Gruppe 1 wurden bereits bei den V%-Dauern in der Vokalanalyse (Kapitel 3) im Vergleich zur Kontrollgruppe viel kürzere Dauern gemes- sen. Das spiegelt sich in den Ergebnissen dieser Studie wider. Für die CI-Träger der Gruppe 2 wurden in der Vokalanalyse allgemein Probleme in der Produktion von Vo- kalen gefunden, die sich vor allem in signifikanten Unterschieden in F2 und der Größe des Vokalraumes zeigen.

5.2.3.3 Voice Onset Time (VOT)

Die VOT%-Dauern der CI-Träger sind mit Ausnahme von Gruppe 1 kürzer als die der normal hörenden Kontrollgruppensprecher. Das entspricht den Ergebnissen von La- ne et al. (1994) und Horga & Liker (2006). Die Gruppen mit CI-Trägern, die kurz nach der Ertaubung mit einem CI versorgt wurden (Gruppe 1 und 3), bestätigen Hypothese 13, nach der sich CI-Träger, die seit mindestens einem Jahr mit einem CI versorgt sind, in normalisierten VOT-Dauern nicht von normal hörenden Sprechern unterschei- den. Stabile VOT-Dauern von stimmlosen Plosiven werden auch durch die Studie von Lane et al. (1995) bestätigt. Die Gruppen der später versorgten CI-Träger (Gruppe 2 und 4) unterscheiden sich in der VOT%-Dauer signifikant von ihren jeweiligen Kon- trollgruppen, Gruppe 2 jedoch nur schwach. Daher konnte für diese beiden Gruppen Hypothese 13 nicht bestätigt werden.

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