3. Das Entwicklungsumfeld türkischstämmiger und deutscher Kinder im Vergleich

3.4 Familiäre Ressourcen

3.5.4 Türkischstämmige Familien mit einem Kind mit (drohender) Behinderung

Zu Familien mit türkischem Migrationshintergrund, welche ein Kind mit einer Behinderung im Alter von null bis drei Jahren haben, gibt es kaum empirische Studien. Halfmann (2014) liefert in ihrem Buch Migration und Behinderung, das sich unter anderem auf eine empirisch qualitative Studie zu Familien mit Migrationshintergrund in Deutschland gründet, entsprechende Anhaltspunkte. So auch Sarimski (2013b), der in seiner qualitativen Studie 16 Familien mit türkischem Migrationshintergrund befragte. Auf beide Studien wird unter anderen folgend näher eingegangen, um unterschiedliche Sichtweisen auf Behinderung in verschiedenen Kulturkreisen darzulegen und um Migration und Behinderung als mögliche doppelte Problemkonstellation versus positive Ressource zu diskutieren.

3.5.4.1 Migration und Behinderung als doppelte Problemkonstellation

In der Literatur wird im Zusammenhang mit Migration und Behinderung häufig von einer doppelten Problemkonstellation gesprochen. Sowohl dem Personenkreis der Menschen mit Migrationshintergrund als auch dem Personenkreis der Menschen mit Behinderung wird das Stigma der Abweichung vom Norm- und Wertesystem der Mehrheitsgesellschaft zugeschrieben (Lanfranchi, 1998, S. 120). Sind beide Merkmale vorhanden, wird diese Gruppe auch als Minderheit einer Minderheit bezeichnet, welche dem Risiko der doppelten Diskriminierung als auch der doppelten Isolation unterliegt (Krawczyk, 2003, S. 19; Häußler & Pieper, 2003, S. 63, zitiert nach Halfmann, 2014, S. 33).

Die betroffenen Familien können daher, durch Migration und Behinderung, vielfältigen Belastungsfaktoren ausgesetzt sein, die folgend dargestellt werden.

Die Diagnose der Behinderung eines Kindes wird von allen Eltern – auch von Eltern ohne Migrationshintergrund – als Schock erlebt, worauf Trauer und Verzweiflung folgen. Für Eltern mit Migrationshintergrund wird dieser psychosoziale Belastungsprozess möglicherweise durch mangelnde Sprachkenntnisse – vor allem im Hinblick auf die von Ärzten verwendete medizinische Fachsprache – erschwert. (Amirpur, 2015, S. 103; Sarimski, 2009, S. 75; 2013, S. 6) Während es für traditionell türkische Familien als typisch beschrieben wird, dass

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Familien, die in Not geraten sind, auf den Schutz der Gemeinschaft zählen können, fehlt es im Aufnahmeland gegebenenfalls an einem Rückhalt bietenden, familiären Netzwerk. Die vertrauten Sicherheiten wie das bekannte und unterstützende Milieu sind eventuell nicht mehr gegeben, weswegen die Lebenswelt und damit auch das hilfeleistende Netzwerk nach der Geburt eines Kindes mit Behinderung neu organisiert werden müssen. (Halfmann, 2014, S. 84; Sarimski, 2009, S. 72ff; Sarimski, Hintermair & Lang, 2013, S. 126ff) Dies kann zunächst eine zusätzliche Belastungssituation darstellen. Mütter, die erst im Erwachsenenalter nach Deutschland eingewandert sind, leiden vermutlich am meisten unter dem Verlust ihrer direkten Bezugspersonen und sind möglicherweise von verstärkter Isolation und Vereinsamung bedroht (Sarimski, 2013b, S. 7). Solch eine Intensivierung innerfamiliärer Kontakte bei der Diagnose einer Behinderung des Kindes – insofern diese im Aufnahmeland gegeben und möglich ist – stellt Sarimski (2013b) in seiner Befragung fest und hebt deren Bedeutsamkeit hervor. So betonen mehrere Mütter die Wichtigkeit der Unterstützung durch den Partner, durch die älteren Geschwisterkinder (falls der Partner eher nicht als unterstützend beschrieben wurde) oder die Großeltern (insofern diese in Deutschland leben). Zwei Familien loben ausdrücklich die Unterstützung der Verwandten in der Türkei bei Heimatbesuchen. Auch die Frühförderung wird durchweg als unterstützend erlebt, wenn die Familie von dieser betreut wird. (S. 7ff)

Darüber hinaus kann ein unsicherer Aufenthaltsstatus zu existenziellen Ängsten führen. Die Entwicklung einer Zukunftsperspektive ist kaum möglich, die Lebensplanung erschwert und entlastende Hilfen können weniger bis kaum in Anspruch genommen werden. (Halfmann, 2014; S. 82f; Sarimski, 2009, S. 72) Bei Flüchtlingen aus Krisengebieten (was im türkischstämmigen Personenkreis eher seltener gegeben ist) kann hinzukommen, dass diese aufgrund der Erlebnisse in ihrem Heimatland oder auf der Flucht traumatisiert sind. So haben sie vielleicht den Tod eines Angehörigen zu verkraften oder waren selbst Gewalt ausgesetzt. (Halfmann, 2014, S. 84; Sarimski, Hintermair & Lang, 2013, S. 131f)

Es soll an dieser Stelle betont werden, dass Familien mit (türkischem) Migrationshintergrund keine homogene Gruppe darstellen und die Stressbelastungsfaktoren sehr variieren können (Sarimski, 2009, S. 72; 2013b, S. 12; Sarimski, Hintermair & Lang, 2013, S. 131). Dennoch ist festzuhalten, dass türkischstämmige Familien, die zusätzlich von Behinderung betroffen sind, einem erhöhten Risiko von Minderheiten-Wirklichkeiten, wie soziale Ungleichheit und Diskriminierungserfahrungen ausgesetzt sind (Halfmann, 2014, S. 91), was zu einer erhöhten Stressbelastung führen kann.

3.5.4.2 Migration und Behinderung als positive Ressource

Sarimski, Hintermair & Lang (2013) betonen, dass Erfahrungen im Zusammenhang mit Migration jedoch auch als Ressource zur Bewältigung der Behinderung des Kindes dienen

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können. Familien, die sich getraut haben die Herausforderungen einer Migration zu wagen, ihr Heimatland zu verlassen und ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, haben Kompetenzen erworben, die sich nun für die neue Lebenssituation nutzen lassen. Sie haben durch die Migration bereits Unsicherheiten ausgehalten, Schicksalsschläge hingenommen, sich an neue (kulturelle) Gegebenheiten angepasst und ihr Leben neu aufgebaut. Die dabei erworbenen Kompetenzen können zur Bewältigung der jetzigen Herausforderung genutzt werden. (S. 137) Halfmann (2014) geht noch weiter und schreibt, dass sich Migration und Behinderung als belastende Lebensumstände gegenseitig positiv unterstützen können. Werden diese erfolgreich gemeistert, dann fördern sie Copingstrategien und Problemlöse- sowie Krisenkompetenzen, die den jeweils anderen Bereich positiv beeinflussen können. (S. 33) Ob die Familien jedoch tatsächlich über ausreichend Resilienz verfügen oder Migration und/oder Behinderung eine Belastung darstellen, ist von vielen individuell verschiedenen Einflussfaktoren – wie bereits vorhergehend beschrieben – abhängig (ebd., S. 87ff).

Zur elterlichen Selbstwirksamkeit (die als Ressource dienen kann), im Speziellen bei türkischstämmigen Müttern eines Kindes mit (drohender) Behinderung, lassen sich keine Studien finden. Diken & Diken (2008) forschen jedoch in der Türkei zur elterlichen Selbstwirksamkeit bei Müttern eines Kindes mit Sprachentwicklungsverzögerung. Ein Vergleich zu Müttern eines altersgemäß entwickelten Kindes wird nicht hergestellt. Sie kommen zu dem Schluss, dass die Mütter generell über eine hohe mütterliche Selbstwirksamkeit verfügen (S. 114). Zudem interagieren Mütter, die sich meistens als sehr selbstwirksam wahrnehmen, mehr auf sprachliche Weise mit ihrem Kind, als Mütter, die sich nur manchmal als selbstwirksam wahrnehmen (S. 115). Dies zeigt den positiven Einfluss der elterlichen Selbstwirksamkeit auf die Mutter-Kind-Interaktion auch bei türkischen Müttern eines Kindes mit Sprachentwicklungsverzögerung.

3.5.4.3 Kulturspezifische Sichtweise auf Behinderung

Die Wahrnehmung von Behinderung kann in verschiedenen Kulturen sehr unterschiedlich sein. Auch existieren interkulturell variierende Erklärungsmuster sowie Umgangsformen mit Behinderung. Behinderung geht als „Phänomen aus der jeweiligen Kultur [hervor] und [beinhaltet] somit historisch gewachsene, kulturspezifische Annahmen über den Personenkreis sowie den Gegenstandsbereich im Allgemeinen“ (Halfmann, 2014, S. 43). Bezogen auf den türkischen Kulturkreis stellt Merz-Atalik (2001) dar, dass traditionell- muslimische Familien in der Türkei oftmals übernatürliche bzw. religiös-spirituelle Erklärungsansätze für eine Behinderung heranziehen. So wird die Behinderung des Kindes als „ein von Allah gegebenes Schicksal“ (S. 75) gesehen. Dieses gilt es als Prüfung anzunehmen und ihm mit aufopferungsvoller Geduld und ohne Klagen zu begegnen. Als

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Ursache der Behinderung werden magische Deutungsmuster wie der böse Blick eines eifersüchtigen oder neidischen Menschen angenommen. Zur Behandlung werden daher auch magische Heilmittel verwendet bzw. ein Heiler besucht und zurate gezogen, wenn als Ursache der Behinderung oder Krankheit ein böser Fluch gesehen wird. (S. 75f, zitiert nach Halfmann, 2014, S. 50)

Diese kulturspezifische Einstellung zur Ursache der Behinderung des Kindes konnte Sarimski (2013b) in seiner Studie mit türkischstämmigen Familien in Deutschland nicht feststellen. So zeigten sich in seinen Ergebnissen keine Hinweise auf traditionelle Deutungsmuster oder Heilungserwartungen. (S. 6) Jedoch beschreibt er bei einigen gläubigen Muslimen die Annahme der Behinderung als Aufgabe von Gott, welche im Verarbeitungsprozess vor allem als Entlastung von Schuldgefühlen und Vorwürfen dient (S. 7), weshalb der Glaube und die Religion in dieser Hinsicht als positive Ressource angesehen werden kann. Halfmann (2014) weist jedoch darauf hin, dass durch diese Annahme der Behinderung als von Gott gegeben eventuell auch jede Behandlung abgelehnt werden könnte, da diese als Gotteslästerung empfunden werden könnte (S. 52).

Die türkischstämmigen Familien in Deutschland, eingebunden in das deutsche medizinische System und Hilfesystem, werden allerdings auch beeinflusst durch die deutsche Sicht auf Behinderung (bikulturelle Perspektive) (ebd., S. 71). Dies kann zu einem kulturellen Transformationsprozess führen, bei welchem die Familien in ihrer Einstellung zu Behinderung sowie den daraus resultierenden Verhaltensweisen an den kulturell geprägten Sichtweisen ihres Herkunftslandes festhalten, bis hin zu einer vollkommenen Transformation ihrer Einstellungen angepasst an das Aufnahmeland (ebd., S. 55f). Darüber hinaus weisen Halfmann (2014) und Sarimski, Hintermair & Lang (2013) darauf hin, dass keine Pauschalisierungen oder Generalisierungen hinsichtlich eines bestimmten Kulturkreises getroffen werden sollten (S. 49; S. 127), da die Wahrnehmung von Behinderung von multiplen Faktoren, wie Alter und Geschlecht, Bildungsstand, Zeitpunkt des Beginns der Behinderung, sozialer Stellung, Sozialstruktur und finanzieller Situation der Familie (Halfmann, 2014, S. 53) abhängig ist. So kann auch innerhalb einer Kultur die Sichtweise auf Behinderung sehr unterschiedlich sein.

Daraus lässt sich zusammenfassend schließen, dass die Wahrnehmung von und der Umgang mit Behinderung zwischen deutschen und türkischstämmigen Familien unterschiedlich sein kann, dies jedoch von verschiedenen Faktoren abhängig ist. Daher lässt sich keine zu verallgemeinernde kulturspezifische Sichtweise ausmachen.

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Im Dokument Entwicklungsbedingungen von Kindern mit und ohne (drohende) Behinderung im Kontext der Mutter-Kind-Interaktion in Familien mit und ohne türkischen Migrationshintergrund (Seite 61-65)