4. Transformationsphase in Albanien

4.2 Sozioökonomische Umgestaltung: Migration und Urbanisierung

Der Postsozialismus brachte nicht nur Unsicherheiten und Verunsicherungen mit sich, son- dern auch neue Perspektiven und weckte das Bedürfnis, nach 50 Jahren der Isolation und Begrenzung der Bewegungs-und Handlungsfreiheit das eigene Land sowie die ´weite Welt` kennenzulernen. Nach jahrzehntelangen Repressionen durch den sozialistischen Staat er- hielt die albanische Bevölkerung Anfang der 1990er Jahre ihre individuelle Bewegungsfrei- heit zurück, die bis dahin durch ein Verbot ländlicher Abwanderungen eingedämmt war. Je- nem lag die Idee von Albanien als Agrarland zugrunde, nach der die Landbevölkerung mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung stellen sollte. Die erlangte Bewegungsfreiheit verur- sachte mit der hohen Arbeitslosigkeits- und Armutsquote10 massive Migrationsströme in städ- tische Ballungszentren West- und Zentralalbaniens, vor allem nach Tirana, sowie in die Nachbarländer Griechenland und Italien. Bis 2001 verließ fast die Hälfte der Einwohner Al- baniens kurz- oder langfristig ihren Herkunftsort11 (Bardhoshi 2010: 115f., Bërxholi et al. 2003: 69f., Bogdani/Loughlin 2007: 40ff., Doka 2005: 60ff., 73, Göler 2005: 119ff.).

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Albanien war Anfang der 1990er Jahre das ärmste Land Europas. Die Arbeitslosenquote lag damals wegen der Privatisierung und Deindustrialisierung bei 38 Prozent (Bogdani/Loughlin 2007: 26, 77).

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Dieses Land hat trotz positiver natürlicher Wachstumsbilanz wegen der hohen Auswanderung eine leicht abnehmende Bevöl- kerungsentwicklung von 3,2 Millionen im Jahr 1989 auf knapp über drei Millionen im Jahr 2005 (Göler 2005: 122).

51 Die hohe Emigrationsrate von beinahe einem Viertel der Gesamtbevölkerung Albaniens seit 1990 ist negativ wie positiv zu bewerten: Einerseits verliert das Land durch die Abwanderung junger und gebildeter Personen qualifizierte Arbeitskräfte12 (brain-drain-Phänomen), ande- rerseits sind die Rücküberweisungen der Migranten, die im Jahr 2005 ein Fünftel der Wirt- schaftswachstumsrate (GDP)13 ausmachten, für den Aufbau der nationalen Wirtschaft14 ent- scheidend. Doch diese werden in Zukunft wegen der zunehmenden Integration permanenter Migranten in den Residenzländern und der allmählichen Rückmigration temporärer Migran- ten abnehmen. Da aber viele Rückkehrer ihr im Ausland erworbenes Kapital in Albanien in- vestierten, sind sie wiederum ein Gewinn für die Wirtschaft. Die Chance, ein eigenes Unter- nehmen zu gründen, stieg jeweils mit der Dauer der Emigration (Bogdani/Loughlin 2007: 61ff., 79, 183ff., Kilic et al. 2007: 23f., Doka 2003: 50ff.). Auch die internen Migrationsbewe- gungen, die in Albanien zuvor in solchem Ausmaß nicht möglich waren, bewirken gravieren- de gesellschaftliche Umstrukturierungen. Der Anteil der Stadtbevölkerung an der Gesamtbe- völkerung, der während des Sozialismus auf unter 50 Prozent gedrückt wurde, stieg zwi- schen 1991 und 2005 auf über 60 Prozent an. Massive Binnenwanderungsbewegungen aus den nördlichen und südlichen, meist gebirgigen Peripherieregionen führten insbesondere zu einem enormen Wachstum der Hauptstadt, deren Einwohnerzahl sich zwischen 1992 und 2007 auf über eine Million verdreifachte. Tirana gehört mit einer Wachstumsrate von fünf bis sieben Prozent zu den am schnellsten wachsenden Städten weltweit. Eine hohe Bevölke- rungskonzentration in der Hauptstadt ist zwar für Transformationsländer charakteristisch, doch in Albanien ist sie besonders prägnant: In Tirana lebt heute ein Drittel der Gesamtbe- völkerung Albaniens. Damit stieg die Bevölkerungsdichte in der Region Tirana auf 400 Ein- wohner pro km2 an, in der Stadt sogar auf durchschnittlich 8.000 Einwohner pro km2, 80mal höher als die Durchschnittseinwohnerdichte des Landes. Prognosen zufolge soll dort im Jahr 2015 die Hälfte der Bevölkerung Albaniens leben (Deda/Tsenkova 2006: 151ff., Doka 2003: 53ff., 2005: 57ff., 60ff., Göler 2005: 127f, Karagumi/Dumani 2005: 45).

Gründe für die Migration nach Tirana sind so genannte Pull-Faktoren, die in Kombination mit so genannten Push-Faktoren auf Entscheidungsprozesse wirken, die weniger individuell, sondern eher familiär bedingt sind. Ein anziehender Faktor ist die zentrale geographische Lage mit einem relativ gutem Anschluss zu anderen wichtigen Städten des Landes, zum internationalen Flughafen und zum Hafen von Durrës. Ebenso sind natürliche Potentiale die- ser Region wie ein relativ gemäßigtes Klima, fruchtbare Böden, Bodenschätze, Gewässer und Wälder als Faktoren zu nennen. Vor allem sind jedoch das in der Hauptstadt vorhande- ne Humankapital und der umfangreiche Arbeitsmarkt ausschlaggebende Faktoren, da dort etwa die Hälfte aller Industrie- und Dienstleistungsbetriebe des Landes ansässig ist. Neben

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40 Prozent der jungen Bevölkerung und 45 Prozent der Akademiker emigrierten seit 1990 (Bogdani/Loughlin 2007: 79, 186).

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Die Hauptquelle des GDP (40 bis 50 Prozent) stammt vom informellen Sektor (Bogdani/Loughlin 2007: 61ff., 155ff.).

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Die Rücküberweisungen flossen jedoch nicht primär in die nationale Wirtschaft, sondern dienten vielmehr der direkten A r- mutsreduzierung der Bevölkerung (Bogdani/Loughlin 2007: 62).

52 vielen industriellen Kleinbetrieben, die auf die gesamte Stadt verteilt sind, entstanden dort zahlreiche neue Industriestandorte wie entlang der Schnellstraße von Tirana nach Durrës. Für viele Privatunternehmer war der tertiäre Sektor nach der Wende die schnellstmögliche Option, eine ökonomische Grundlage zu schaffen, und so gründeten sie zahlreiche Kleinun- ternehmen im Bereich der Gastronomie, des Tourismus, Transports und Einzelhandels. Er- wähnenswert ist das so genannte Kiosk-Phänomen in Tirana wie auch in anderen Städten Albaniens: Mehr als tausend Kioske wurden ohne Lizenz in Parks und auf Grünflächen an Flussufern aufgestellt. In Tirana gab es bis zu 2.000 solcher Kioske, von denen nur etwa 500 eine provisorische Genehmigung hatten. 1998 ließ die Regierung jedoch auf einer Grünflä- che von nur vier Kilometern entlang des Flusses Lana, der durch das Stadtzentrum fließt, mehr als 500 Kioske und andere Gebäude abreißen. So wurden die Grünflächen der Stadt zwar freigegeben, doch soziale und wirtschaftliche Probleme nahmen damit zu, da die Kios- ke den Lebensunterhalt viele Familien gesichert haben. Einzig Bücherkioske durften legali- siert werden, so dass viele Kioske zu einem kleinen Bücherladen umfunktioniert wurden, die heute noch das Stadtbild prägen. Erfolgreichster Wirtschaftssektor ist jedoch die Bauindust- rie, die im Jahr 2005 20 Prozent der gesamten Landesproduktion ausmachte. Zwischen 1990 und 2003 wurden in ganz Albanien 200.000 Gebäude errichtet, vor allem Büro- und Wohnhäuser, davon zwei Drittel in und um Tirana. Somit erlebte die Hauptstadt seit 1991 einen unvergleichbaren Bauboom: Zwischen 1991 und 2001 entstand dort die Hälfte des gesamten Gebäudebestandes der Stadt, der Großteil davon im suburbanen Raum. Die Landwirtschaft ist zwar weiterhin ein wichtiger Sektor dieser Region, doch sie dient eher der Subsistenz als der Marktversorgung. Weitere Pull-Faktoren von Tirana sind bessere Ausbil- dungsmöglichkeiten und Lebensperspektiven, insbesondere für jüngere Leute – die Mehr- heitsbevölkerung von Tirana ist unter 31 Jahre alt. Mittlerweile sinkt die Anziehungskraft der Hauptstadt wegen zunehmender Übervölkerung, erhöhter Migrationskosten und sich herum- sprechender Enttäuschungen von Migranten über das Leben in der Hauptstadt (De- da/Tsenkova 2006: 157ff., Doka 2003: 50.ff, 2005: 57ff., 73ff., 83, Göler 2005: 127f.).

Außer der Hauptstadt sind Durrës und Elbasan beliebte Zuwanderungsziele, auch die Küs- tenregion mit den Zentren Vlora, Fier und Lushnia verzeichnet eine minimal steigende Ein- wohnerzahl. Die anderen Regionen, vor allem der Nordosten (Tropoja, Kukës und Dibër), die ärmste und am wenigsten entwickelte Region des Landes, sind indes von Bevölkerungsab- nahme geprägt, in denen fehlende Lebensperspektiven und hohe Arbeitslosigkeit eine hohe Abwanderung nach sich zogen. Die Mehrheit der Migranten aus Nordostalbanien war unter 40 Jahre alt, wohingegen die ältere Bevölkerung, die vom Einkommen der Abgewanderten abhängig war, in der Herkunftsregion zurückblieb. Unter den Zurückgebliebenen ist der An- teil potentieller Migranten noch relativ hoch, in Tropoja machen sie mehr als die Hälfte aus. Auch die südlichen und südöstlichen Regionen Korça und Gjirokastër büßten viele Einwoh- ner ein, von dort migrierte eher die ältere Generation nach Tirana, die jüngere Generation

53 aufgrund der Nähe vorzugsweise nach Griechenland. Insgesamt ging die Bevölkerungszahl zwischen 1989 und 2001 in 27 der 36 Distrikte Albaniens zurück, wodurch enorme regionale Disparitäten entstanden. Der Hyperurbanisierung von Tirana steht die Entleerung der ländli- chen, überwiegend gebirgigen Regionen gegenüber, wodurch eine nachhaltige Entwicklung Albaniens gehemmt ist. In den Abwanderungsregionen verfallen Dörfer, während Tiranas Wohnungs- und Arbeitsmarkt die Zuwanderer nicht adäquat auffangen kann (Bardhoshi 2010: 116ff., Bogdani/Loughlin 2007: 70ff., Deda/Tsenkova 2006: 151ff., Doka 2003: 50ff., 2005: 18, 57ff., Göler 2005: 119ff., INSTAT 02.06.2009: 24, 39).

Foto 10: Zentrum von Tirana mit der Villa von Hoxha rechts unten im Bild (Foto: Haas)

Als Folge davon kristallisierten sich in der postsozialistischen Stadtentwicklung von Tirana drei Phänomene heraus: Zum einen erfolgte eine rasante bauliche Verdichtung der Innen- stadt durch Errichtung von Büro- und Wohngebäuden, insbesondere in dem zur sozialisti- schen Zeit abgeschirmten so genannten Block, der damals ausschließlich der Nomenklatura vorbehalten war. Dort wurden seit der Wende zahlreiche zwölf bis 15-stöckige Gebäude er- richtet, wobei die unteren Stockwerke als Dienstleistungsfläche, die oberen als Wohnfläche genutzt werden. Zum anderen entstanden als Folge der hohen Zuwanderung zwei informell gegründete Siedlungstypen im Stadtkern und am Stadtrand (Doka 2005: 56, 62ff., Göler 2005: 127f.). Erstens errichteten Migranten durch Aneignung ehemaliger Industriekombinate an vier Standorten in Tirana so genannte Industriesquatter. Zweitens nahmen sie aufgrund der zunehmenden Flächenknappheit im Stadtkern ehemals landwirtschaftlich genutzte Frei- flächen am Stadtrand und im Umland von Tirana, besiedelten diese sukzessiv, und formier- ten auf informelle Weise suburbane Siedlungen. Dadurch wurde die Gesamtfläche von Tira- na um 1.500 Hektar, das Fünffache, erweitert, so dass bald eine Freiflächenkrise erwartet wird. Auf diese Flächen wurde zunächst kein Nutzungsanspruch erhoben, da sie offiziell Ei- gentum des Staates waren, der mit dem hohen Ausmaß an Zuwanderung überfordert war. Tendenziell ließen sich Migranten aus Nordalbanien am nördlichen Stadtrand in Richtung Flughafen und Kamza, aus Südalbanien südlich in Richtung Petrelë und Elbasan nieder. Bathore ist in Tirana die älteste und größte dieser Siedlungen, die heute der Munizipalität Kamza angehört. Die landesweit größte ist jedoch Këneta (Sumpf), die östlich von Durrës

54 entlang der Tirana-Durrës-Autobahn auf sumpfigem Untergrund entstand. Diese Siedlungen sind generell von einer mangelhaften bis fehlenden infrastrukturellen Anbindung und Versor- gung (Straßen, Strom-, Wasserversorgung), von ungenügenden Bildungsmöglichkeiten und von hoher Arbeitslosigkeit gekennzeichnet (Bardhoshi 2010: 115ff., Deda/Tsenkova 2006: 151ff., Derraj 24.04.2009, Doka 2005: 56, 62ff., Göler 2005: 127ff., INSTAT 02.06.2009: 25ff., Kokana 17.04.2009).

Karte 4: Großraum Tirana mit informellen Siedlungen (gelb markiert) (Urbaplan & Co-Plan 20.06.2009: 12)

Heute umgibt ein unstrukturiert gewachsener Kranz informell gebildeter suburbaner Siedlun- gen, in denen 2005 die Hälfte ihrer Einwohner ansässig war, die Verwaltungseinheit, die Mu- nizipalität Tirana, die seit 1992 elf administrative Einheiten von 41,8 km2 umfasst. Zu dem Großraum Tirana wird der innere und äußere Bereich inklusive der suburbanen Siedlungen gezählt. Mittlerweile wird von einer Hauptstadtregion gesprochen, da Tirana durch Zersiede- lung des Umlands mit den umliegenden Dörfern und Kleinstädten verschmilzt. Dieser Raum mit einer Fläche von etwa 800 km2 umfasst administrativ sechs Städte (Tirana, Durrës, Fushë-Krujë, Shijaku, Kamëz und Vorë) und einige Dörfer wie Gemeinden. Die Fläche der Präfektur Tirana und Durrës zusammen beträgt 2.418 km2 (die Gesamtfläche Albaniens 28.748 km2) (Doka 2005: 56, 61f., Göler 2005: 127f., Karagumi/Dumani 2005: 45).

Durch die Zuwanderung findet im Zentrum von Tirana zumindest physisch eine Vermischung der einheimischen und der zugewanderten Bevölkerung statt. Anknüpfungspunkte sind bei- spielsweise die Buslinien, die zwischen dem Zentrum und den Vororten zirkulieren. In den Vororten hingegen bleiben Zuwanderer derselben Herkunftsregion meist unter sich, sie ver- netzen sich kaum mit Zuwanderern aus anderen Regionen. Nach Santner-Schriebel bestand mehr als zehn Jahre zuvor noch keine Verbindung zwischen den Bewohnern der Peripherie und des Zentrums. Trotz erster Anzeichen im Zentrum bleibt heute noch die Integration von Zuwanderern in die Gesellschaft von Tirana ein schwieriger und langwieriger Prozess. So

55 sind einer Umfrage zufolge eher sie als Einheimische davon überzeugt, sich zu integrieren. Ein Schwierigkeitsfaktor ist die negative Stereotypisierung der Zuwanderer, denen ein hohes kriminelles Potential nachgesagt wird. Dies wird durch eine Kriminalitätsstatistik bekräftigt, nach der 80 Prozent der registrierten Kriminalität in Tirana von jenen ausgeübt würde. Eng mit der Urbanisierung ging die Verstärkung der sozialen Hierarchie einher, da sich die Kluft zwischen vielen Armen und wenigen Reichen deutlich vergrößerte. 60 Prozent der Einwoh- ner Tiranas lebten im Jahr 2005 unter unterdurchschnittlichen Lebensbedingungen, während die reiche und mittlere Schicht jeweils 20 Prozent ausmachten. In allen Bereichen (von Le- bensmitteln über Strom, Wasser und Telefon bis hin zu Luxusgütern) explodierten die Le- benshaltungskosten, für die im Durchschnitt etwa 80 Prozent des gesamten Einkommens benötigt wird. Die Situation auf dem lokalen Arbeitsmarkt wurde seit der Wende immer kriti- scher. Das für Albanien zwar relativ hohe Angebot an Arbeitsplätzen konnte der stetig wach- senden Nachfrage nicht nachkommen. Von Arbeitslosigkeit sind insbesondere Zuwanderer betroffen, so dass sie auf die geringe Sozialhilfe (etwa 50 Euro im Monat), auf Gelegenheits- jobs im Baugewerbe, Handels- und Dienstleistungssektor sowie auf Rücküberweisungen von Emigranten angewiesen sind. Viele Zuwanderer geben inzwischen die Hoffnung auf ein bes- seres Leben in der Hauptstadt auf, bis auf die Ressourcennähe stellten sich kaum Verbesse- rungen ein (Deda/Tsenkova 2006: 151ff., Doka 2005: 63f., Santner-Schriebel 2002: 120).

Im Dokument An der Peripherie : Alltag und soziale Beziehungen im Kontext von Migration und Urbanisierung am Beispiel einer informell gegründeten Siedlung in Tirana, Albanien (Seite 61-66)