Ziel der vorliegenden Arbeit war es, die Entwicklung der Schulleistung und des schuli- schen Selbstkonzepts von Schülern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf im Förderschwerpunkt Lernen an unterschiedlichen Schularten der Sekundarstufe I in Ba- den-Württemberg zu beschreiben. Die empirische Untersuchung ist Teil des Forschungs- projekts „Inklusionsauftrag der Gemeinschaftsschule - Evaluation eines inklusiven Bil- dungsangebotes im Sekundarbereich I“. Der Blick wurde nicht nur auf die neue Schulart Gemeinschaftsschule gerichtet, sondern auch auf die Realschule sowie auf sonderpäda- gogische Bildungs- und Beratungszentren. Dabei wurden Schüler mit und ohne sonder- pädagogischen Förderbedarf einbezogen. Es handelt sich um eine Längsschnittstudie. Die dargestellten Ergebnisse beziehen sich auf die Klassenstufen 5 bis 7.

Aufgrund der kleinen Stichprobe können die Ergebnisse lediglich Tendenzen abbilden und sollten nicht generalisiert werden. Darüber hinaus sei zu beachten, dass mit dem Föderalismus unterschiedliche Schulkonzepte einhergehen. Die Ergebnisse sind darum stets in Bezug mit Baden-Württemberg zu sehen. In der Diskussion des Einsatzes der Erhebungsinstrumente werden weitere Grenzen der Untersuchung und die Notwendig- keit einer vorsichtigen Interpretation der Ergebnisse deutlich.

In der Einleitung wurde der Leitsatz der Gemeinschaftsschule „Vielfalt macht schlauer“22 zitiert. Vielfalt zeigte sich in der Untersuchung tatsächlich an der Gemeinschaftsschule, aber auch an den anderen Schularten konnte innerhalb der Lerngruppen eine Hetero- genität hinsichtlich der Schulleistung und deren Entwicklung sowie im schulischen Selbstkonzept und dessen Entwicklung wahrgenommen werden.

Als zentraler Befund der Arbeit kann demnach zusammengefasst werden, dass eine all- gemeingültige Aussage über die Entwicklung von Schulleistung und schulischem Selbst- konzept bei Schülern mit und ohne SPF an den beteiligten Schularten auf Basis der er- hobenen Daten gruppenbezogen nicht getroffen werden kann. Es wurde deutlich, dass

22 Es sei darauf hingewiesen, dass sicher weitere Formen der Vielfalt an Schulen vorzufinden sind. Es wird

-wie in der Einleitung- darauf verzichtet, diese zu beschreiben, da dies nicht die Fragestellung der vorlie- genden Arbeit ist.

Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse

die Betrachtung von Mittelwerten nicht zufriedenstellend ist. Vielmehr sollte der Blick auf den einzelnen Schüler gerichtet sein. Daraus lässt sich schließen, wie bedeutsam In- dividualisierung an Schulen ist.

Zur Analyse der Schulleistung und deren Entwicklung in den Domänen Mathematik und Deutsch wurden Vergleichsgruppen nach vergleichbarer Lernausgangslage oder ver- gleichbarer kognitiver Grundfähigkeit gebildet. Es zeigt sich anhand der dargestellten Leistungsspannen, dass keine der Lerngruppen hinsichtlich der Schulleistungen und de- ren Entwicklung homogen ist und sich die Leistungsbereiche der Vergleichsgruppen nach Lernausgangslage oder kognitiven Grundfähigkeiten überschneiden. Mit dem Be- griff Gemeinschaftsschule wird eine vielfältige Lerngruppe suggeriert. Mit der Real- schule wurde in der Vergangenheit eine eher homogene Lerngruppe verbunden, wenn- gleich frühere Studien bereits auf Überlappungen der Leistungsspektren von Schülern an unterschiedlichen Schularten aufzeigten (Wacker & Bohl 2016). Die vorliegende Un- tersuchung bestätigt diese Befunde. Es sei an dieser Stelle ergänzend angemerkt, dass an Realschulen seit der Einführung des neuen Bildungsplans im Jahr 2016 auch an dieser Schulart das Leistungsspektrum der Schüler durch Niveaustufen deutlich abgebildet wird.

Auch Schüler mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf entwickeln sich unter- schiedlich, sowohl am SBBZ als auch im inklusiven Setting. Es ist davon abzusehen, Schul- leistungsentwicklungen an Schularten zu generalisieren und davon ausgehend Schular- ten zu bewerten oder in der pädagogischen Praxis eine Schulwahl zu treffen. Der Blick sollte stets auf den einzelnen Schüler gerichtet sein.

In der Studie wird deutlich, dass sich das schulische Selbstkonzept der Schüler innerhalb einer Lerngruppe unterscheidet und es an jeder Schulart Schüler mit hohem und Schüler mit niedrigem schulischen Selbstkonzept gibt. Die Mittelwerte weisen insgesamt auf eine Stabilität und ein positives schulisches Selbstkonzept der Schüler hin. Bei genauerer Betrachtung zeigen sich Tendenzen bei Schülern mit SPF an der GMS dahingehend, dass das schulische Selbstkonzept im Laufe Schulzeit in der Sekundarstufe I sinkt. Vor dem

Hintergrund der Bedeutsamkeit des schulischen Selbstkonzepts sollte dieses sozial-emo- tionale Element für die Persönlichkeitsentwicklung gestärkt werden. Dazu gehört zum einen eine realistische Einschätzung eigener Fähigkeiten, zum anderen aber auch eine positive Bewertung der eigenen Leistung.

Ist von Individualisierung die Rede, so bezieht sich dies nicht allein auf Bildungsangebote auf unterschiedlichen Niveaustufen. Individuelle Ziele, eine persönliche Begleitung, Rückmeldungen und Reflexionsphasen sowie positive Bestärkung könnten das schuli- sche Selbstkonzept positiv beeinflussen. Es sei dabei insbesondere auch auf die Ein- schätzung der eigenen Fähigkeiten im intraindividuellen Vergleich bzw. bei individueller Bezugsnorm gedacht. Unter Berücksichtigung des Wissens über die unterschiedlichen Bezugsrahmen, scheint darüber hinaus im zieldifferenten Lernen eine Transparenz über unterschiedliche Leistungsniveaus, die curricularen Ansprüche und Leistungsbewertung sinnvoll. Auf diese Weise könnte mindestens bei kriterialer Bezugsnorm ermöglicht wer- den, dass schulische Fähigkeiten realistisch und gleichzeitig positiv eingeschätzt werden. Am Ende der Studie bleibt offen, welche pädagogisch-didaktischen Maßnahmen bisher getroffen wurden.

Im Rahmen der Untersuchung wurde nicht analysiert, wie die Schulleistungen und das schulische Selbstkonzept beeinflusst werden. Eine genauere Analyse von schulischen Rahmenbedingungen, pädagogisch-didaktischen Aspekten und des persönlichen Hinter- grunds der Schüler in einem weiteren Forschungsvorhaben könnte hemmende und stär- kende Faktoren aufzeigen und eine Möglichkeit geben Implementationen für die Praxis zu operationalisieren. Um die Effektivität unterschiedlicher Maßnahmen in diesem Be- reich zu überprüfen, ist vorstellbar, eine vergleichende Analyse in unterschiedlichen Lerngruppen durchzuführen. Die Ausführungen im vorherigen Abschnitt machen deut- lich, dass dabei auch eine Betrachtung des schulischen Selbstkonzepts bei individueller Bezugsnorm lohnenswert sein könnte.

Im Forschungsprojekt wurden die Schulleistungen und das schulische Selbstkonzept fo- kussiert. Andere Facetten des Bildungs- und Erziehungsauftrags insbesondere auch für

Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse

Schüler mit einem SPF wurden nicht in den Blick genommen. Eine vergleichende Studie hinsichtlich angestrebter Kompetenzen und Ziele im Förderschwerpunkt Lernen, wie Selbstständigkeit und Lebensführung, Teilhabe in der Gesellschaft und Übergang in den Beruf könnte diese Forschungslücke schließen. In den Empfehlungen der KMK (2019) wird als Ziel der Beschulung im Förderschwerpunkt unter anderen formuliert, dass die Schüler ihre Fähigkeiten anwenden und erweitern können. Die in der Untersuchung ein- gesetzten Schulleistungstests bilden dies nicht ab. Eine Erhebung hinsichtlich dieser Kompetenzen, die grundlegend sind für eine selbstständige Lebensführung, würde wei- tere Erkenntnisse über die Fähigkeiten der Schüler mit einem sonderpädagogischen För- derbedarf im Förderschwerpunkt Lernen geben. Pädagogische Implikationen könnten folgen. Das methodische Vorgehen stellt in diesem Forschungsfeld eine Herausforde- rung dar.

Von persönlichem Forschungsinteresse wäre es, weiterführend das (schulische) Selbst- konzept auch über einen längeren Zeitraum zu erfassen – nach dem Schulabschluss, während einer Berufsausbildung und im Übergang in den Beruf. Von besonderem Inte- resse wären dabei die Schüler mit einem sonderpädagogischem Förderbedarf, wobei sowohl Schüler eines SBBZ als auch solche aus inklusiven Settings in die Studie einge- bunden werden könnten. Wie entwickelt sich das Selbstkonzept der ehemaligen Schüler mit einem SPF über einen längeren Zeitraum? Welchen Einfluss hat das schulische Selbstkonzept auf die Berufswahl? Gibt es Zusammenhänge zwischen dem schulischen Selbstkonzept in der Sekundarstufe und der Einschätzung der eigenen Fähigkeiten im Beruf?

Die vorliegende Arbeit unterstreicht damit den Ansatz der Individualisierung und macht ihre Relevanz auch für unterschiedliche Schularten der Sekundarstufe I deutlich.

Weitere Untersuchungen zu den Effekten pädagogisch-didaktischer Maßnahmen, eine inhaltliche Erweiterung über Schulleistungen und das schulische Selbstkonzept hinaus sowie eine Erweiterung des Zeitrahmens, die auch die nachschulische Zeit einschließt, sind erwünscht.

Im Dokument Entwicklung der Schulleistung und des schulischen Selbstkonzepts von Schülerinnen und Schülern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf im Förderschwerpunkt Lernen in der Sekundarstufe I (Seite 174-178)