Schöne Freiheit – Wider die Ästhetisierung der Vernunft

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Die Suche nach einem objektiven Begriff des Schönen findet ihren prägnantesten Ausdruck in den Kallias-Briefen, in denen sich Schiller mit Körner über seine Kantstudien verständigte. Die Spannung, in der er sich mit seiner grundsätzlichen ästhetischen Fragestellung bewegt, steht Schiller dabei von Beginn an deutlich vor Augen:

Die Schwierigkeit, einen Begriff der Schönheit objektiv aufzustellen und ihn aus der Natur der Vernunft völlig a priori zu legitimieren, so daß die Erfahrung ihn zwar durchaus bestätigt, aber daß er diesen Ausspruch der Erfahrung zu seiner Gültigkeit gar nicht nötig hat, diese Schwierigkeit ist fast unübersehbar. Ich habe wirklich eine Deduktion meines Begriffs vom Schönen versucht, aber es ist ohne das Zeugnis der Erfahrung nicht aus- zukommen. Diese Schwürigkeit bleibt immer, daß man mir meine Erklä- rung bloß darum zugeben wird, weil man findet, daß sie mit den einzelnen Urteilen des Geschmackes zutrifft, und nicht (wie bei einer Erkenntnis aus objektiven Prinzipien doch sein sollte) sein Urteil über das einzelne Schöne in der Erfahrung deswegen richtig findet, weil es mit meiner Erklärung übereinstimmt. Du wirst sagen, daß dies etwas viel gefodert sei, aber solang man es nicht dahin bringt, so wird der Geschmack immer empirisch bleiben, so wie Kant es für unvermeidlich hält.347

347 Schiller: Kallias-Briefe, S. 394. Siehe dort außerdem die folgende Einordnung Schil- lers: „Es ist interessant zu bemerken, daß meine Theorie eine vierte mögliche Form ist, das Schöne zu erklären. Entweder man erklärt es objektiv oder subjektiv; und zwar entweder sinnlich subjektiv (wie Burke u. a.), oder subjektiv rational (wie Kant), oder rational objektiv (wie Baumgarten, Mendelssohn und die ganze Schar der Vollkom- menheitsmänner), oder endlich sinnlich objektiv“ (wie Schiller). Dazu mit Blick auf die Erziehungsthese ausführlicher Muehleck-Müller: Schönheit und Freiheit, S. 15–24.

Kant hatte als Kriterium zur Beurteilung des Schönen eben nicht dieses selbst zugrunde gelegt, sondern das Gefühl der Lust und der Unlust, innerhalb dessen sich das Subjekt selbst bestimmt und sich dabei in seinem Lebensgefühl gesteigert findet, da es Schönheit fühlt. Damit war es nicht mehr die Kategorie der Vollkommenheit348, durch

die ein Gegenstand als schön gelten konnte, sondern der Zustand des Subjekts, für das der Gegenstand als schön erscheint.

Die Heautonomie der Urteilskraft, durch die sich diese selbst ein Gesetz gibt, unterscheidet sich grundlegend von der Autonomie der Vernunft, in der sich der Wille dem moralischen Gesetz unterwirft, nach dem frei zu handeln ihm damit aufgegeben ist. Während bei Kant die Kritik der Urteilskraft in der Systematik ihrer Analytiken des Schönen und des Erhabenen an Kategorien aus der Kritik der reinen Vernunft orientiert ist, rubriziert Schiller das Schöne unter die prak- tische Vernunft:

Ich vermute, Du wirst aufgucken, daß Du die Schönheit unter der Rubrik

der theoretischen Vernunft nicht findest und daß Dir ordentlich dafür bange wird. Aber ich kann Dir einmal nicht helfen, sie ist gewiß nicht bei der theoretischen Vernunft anzutreffen, weil sie von Begriffen schlechter- dings unabhängig ist; und da sie doch zuverlässig in der Familie der Ver- nunft muß gesucht werden und es außer der theoretischen Vernunft keine

andere als die praktische gibt, so werden wir sie wohl hier suchen müssen und auch finden. Auch, denke ich, sollst Du, wenigstens in der Folge, Dich überzeugen, daß ihr diese Verwandtschaft keine Schande macht.349

Mit seiner dritten Kritik hatte Kant den Anspruch verfolgt, eine Brü- cke zu bauen zwischen den Reichen der Natur (Kritik der reinen Ver- nunft) und der Freiheit (Kritik der praktischen Vernunft). Im Gefühl der Lust und der Unlust hatte er neben den Vermögen der Erkenntnis und des Begehrens, also des Willens, ein drittes grundlegendes Ver- mögen ausgemacht, in dem sich die Subjektivität äußert350. Diese Sys-

348 Siehe Kant: Kritik der Urteilskraft, S. 142ff.

349 Schiller: Kallias-Briefe, S. 398, Hervorhebungen im Original, M. P. 350 Vgl. dazu Kant: Kritik der Urteilskraft, S. 81–87.

tematik verlässt Schiller zunächst, um aus durchaus poetologischem Interesse eine Bewertungsgrundlage für das Schöne zu schaffen, wie es gleichsam an und für sich selbst ist.

Bemerkenswert ist nun, wie Schiller zu seiner Bestimmung des objektiv Schönen gelangt351. Denn auch wenn er vorerst nicht ausgehend von

Beispielen arbeitet, sondern den Rahmen von Kants transzendentalen Begrifflichkeiten nicht verlässt, erläutert Schiller das Schöne zunächst anhand eines spezifisch Anderen der praktischen Vernunft: Wenn diese sich auf eine Naturwirkung beziehe, und damit auf einen Gegenstands- bereich, für den sie nicht das Gesetz aufstellt, dann kann die prakti- sche Vernunft diese Wirkung nur dadurch beurteilen, dass sie ihr wis- sentlich unterstellt, sie sei durch einen Willen zustande gekommen, wie er nur im Reich der Freiheit wirksam werden kann. Die Vernunft projiziert352 also sich selbst als gesetzgebende Instanz auf die Natur-

wirkung, wobei sie sich dabei laut Schiller bewusst zu sein hat, dass sie den Willen dieser Wirkung allenfalls wünschen kann, nicht aber for- dern, da jener Wille ansonsten fremdbestimmt würde und damit der Autonomie der praktischen Vernunft widerspräche.

Auf der Suche nach der Alterität des ästhetischen Gegenstandes erläu- tert Schiller diese Verleihung des freien Willens vorderhand am Bei- spiel von Naturerscheinungen: Entdecke die praktische Vernunft an einer solchen Erscheinung, dass sie durch sich selbst bestimmt sei, so schreibe sie ihr „Freiheitähnlichkeit oder kurzweg Freiheit zu“353. Von

hier aus nun gelangt Schiller zu einer ersten Annäherung an seinen Begriff des objektiven Schönen, indem er den Freiheitsbegriff von sei- ner Applikation auf Handlungen entkoppelt und ihn den Naturer- scheinungen anschließt, für deren Kategorisierung adäquaterweise die theoretische Vernunft zuständig wäre, wohingegen sich die prak-

351 Siehe Schiller: Kallias-Briefe, S. 399.

352 Siehe zum größeren Kontext Wolfgang Riedel: „Theorie der Übertragung. Empiri- sche Psychologie und Ästhetik der schönen Natur bei Schiller“, in: Astrid Bauereisen, Stephan Pabst, Achim Vesper (Hgg.): Kunst und Wissen. Beziehungen zwischen Ästhe- tik und Erkenntnistheorie im 18. und 19. Jahrhundert. Würzburg: Königshausen & Neumann 2009, S. 121–138.

tische Vernunft Kant wie auch Schiller zufolge auf Handlungen und deren moralischen Geltungsanspruch wendet. Ebenfalls im Gefolge der Definition Kants, wonach das Schöne ohne Begriffe allgemein gefällt354, müht sich Schiller allerdings konsequent, den Verstand bei

der Beurteilung des Schönen außen vor zu lassen. Damit kann sich ein vernunftgemäßer Begriff des Schönen laut Schiller notwendigerweise nur in Bezug auf die praktische Vernunft bilden. In einer eigentümli- chen Verquickung Kantischer Vorgaben resümiert Schiller vorläufig folgendermaßen:

[D]a es hier bloß darauf ankommt, daß ein Gegenstand frei erscheine, nicht wirklich ist: so ist diese Analogie eines Gegenstandes mit der Form der praktischen Vernunft nicht Freiheit in der Tat, sondern bloß Freiheit in der Erscheinung, Autonomie in der Erscheinung.355

Wenig später gelangt er zu seiner Definition des Schönen, die bekannt geworden ist, obwohl Schiller selbst an dieser Stelle nicht für sie rekla- miert, dass sie die Objektivität des Schönen bereits beweise: „Schön- heit ist also nichts anders als Freiheit in der Erscheinung“356.

Wie auch immer man zu der vieldiskutierten Frage stehen mag, ob es Schiller gelungen ist, einen objektiven Begriff des Schönen zu entwi- ckeln357, so bleibt bei seinen diesbezüglichen Überlegungen neben der

Auseinandersetzung mit Kant durchgängig das poetologische Interesse

354 Siehe dazu Kant: Kritik der Urteilskraft, S. 124f.

355 Schiller: Kallias-Briefe, S. 400, Hervorhebungen im Original, M. P. Jörg Robert hat diese Briefe u. a. auf ihre implizit metapherntheoretische sowie medienästhetische Dis- position hin durchleuchtet, siehe ders.: „Schein und Erscheinung: Kant-Revision und Semiotik des Schönen in Schillers Kallias-Briefen“, in: Bollenbeck, Ehrlich: Der un- terschätzte Theoretiker, S. 159–175, hier S. 162ff. und S. 167.

356 Schiller: Kallias-Briefe, S. 400.

357 Es darf wohl als Konsens der Forschung gelten, dass Schillers Versuch gescheitert ist. Siehe als Beleg dazu nur die ausführliche Kritik an Schillers Beweisgang bei Werner Strube: „Schillers Kallias-Briefe oder über die Objektivität der Schönheit“, in: Litera- turwissenschaftliches Jahrbuch 18 (1977), S. 115–131, sowie Käte Hamburger: „Schillers Fragment ‚Der Menschenfeind‘ und die Idee der Kalokagathie“, in: DVjs 30.4 (1956), S. 367–400, hier S. 379–400. Dass der hier belegte Konsens nicht dazu führen soll- te, Schillers Bewusstsein für die grundlegenden Probleme der Ästhetik seiner Zeit zu übersehen, erörtert Jörg Robert: „Schein und Erscheinung“.

leitend. So überrascht es nicht, dass Schiller nach dieser ersten Defini- tion des Schönen zügig zu Fragen der Darstellung übergeht, die er, wie auch seine primär begriffsbildende ästhetische Grundlagenforschung, an Kantischen Prämissen orientiert. Die Analogie der praktischen Ver- nunft mit frei erscheinenden Naturobjekten weiterführend, wechselt Schiller von der Rezeptionsperspektive auf die Seite des Produktions- ästhetikers, wenn er zu seinem Thema macht, wie sich Freiheit darstel- len lasse: Ebenso wie die praktische Vernunft, angewandt auf Hand- lungen, von deren Inhalt absehe und allein darauf dringe, dass sie frei, da formal durch das sie fordernde Gesetz bestimmt seien, so sei eine Naturerscheinung frei, die rein formal und darin nur durch sich selbst bestimmt erscheine:

Zeigt sich nun ein Objekt in der Sinnenwelt bloß durch sich selbst bestimmt, stellt es sich den Sinnen so dar, daß man an ihm keinen Einfluß des Stoffes oder eines Zweckes bemerkt, so wird es als ein Analogon der rei-

nen Willensbestimmung (ja nicht als Produkt einer Willensbestimmung) beurteilt. Weil nun ein Wille, der sich nach bloßer Form bestimmen kann,

frei heißt, so ist diejenige Form in der Sinnenwelt, die bloß durch sich

selbst bestimmt erscheint, eine Darstellung der Freiheit; denn dargestellt

heißt eine Idee, die mit einer Anschauung so verbunden wird, daß beide

eine Erkenntnisregel miteinander teilen. Die Freiheit in der Erscheinung

ist also nichts anders als die Selbstbestimmung an einem Dinge, insofern sie sich in der Anschauung offenbart.358

In der weiteren Bestimmung der freien Naturerscheinung wendet sich Schiller, seinem literaturtheoretischen Interesse folgend, der Frage zu, wie die Form genauer zu erläutern sei, an der sich die Objektivität des Schönen erweisen soll. Ein deutliches Zeichen für die Schwierigkeit, der sich Schiller in seiner diesbezüglichen Begriffsbildung ausgesetzt sieht, liegt darin, dass er nicht nur die Tätigkeit des Verstandes, Kant gemäß, vom theoretischen Urteilen zu entbinden hat, sondern glei- chermaßen die Selbstbestimmtheit eines Objekts beweisen muss, das, eben gerade weil es Erscheinung ist, doch als selbstbestimmt nur von

denjenigen subjektiven Vermögen beurteilt werden kann, von denen unabhängig es laut Schiller schön sein soll.

Wenn auch die Auseinandersetzung mit Kant also bereits unter durch- aus problematischen Vorzeichen stattfindet, verlässt Schillers dies- bezügliche Argumentation dennoch den durch Kant vorgegebenen transzendentalen Rahmen nicht. Sie schreitet zwar auch anhand von veranschaulichenden Beispielen voran, macht diese aber aus systema- tischen Gründen weniger induktiv nutzbar, als sie sie zur Illustration von Darstellungsfragen verwendet, welche sich aus dem Bemühen um einen objektiven Begriff des Schönen danach fast wie nebenbei zu erge- ben scheinen. Tatsächlich verlieren sich die von Schiller ausgiebig ver- wendeten Beispiele im Laufe der überlieferten Kallias-Briefe mehr und mehr, nachdem Schiller vom Thema der schönen moralischen Hand- lungen dazu gelangt ist, die potenziell schöne Natur der Dinge durch ihre „technische Form“359 zu erläutern:

Ich könnte noch Beispiele genug anhäufen, um zu zeigen, daß alles, was wir schön nennen, sich dieses Prädikat bloß durch die Freiheit in sei- ner Technik erwerbe. Aber an den angeführten Proben mag es vorjetzt genug sein. Weil also Schönheit an keiner Materie haftet, sondern bloß

in der Behandlung besteht; alles aber, was <sich> den Sinnen vorstellt, technisch oder nicht technisch, frei oder nicht frei erscheinen kann, so folgt daraus, daß sich das Gebiet des Schönen sehr weit erstrecke, weil die Vernunft bei allem, was Sinnlichkeit und Verstand ihr unmittelbar vor- stellen, nach der Freiheit fragen kann und muß. Darum ist das Reich des Geschmacks ein Reich der Freiheit – die schöne Sinnenwelt das glückli- che Symbol, wie die moralische sein soll, und jedes schöne Naturwesen außer mir ein glücklicher Bürger, der mir zuruft: Sei frei wie ich.360

Hatte Schiller in einer ersten Reihe von Beispielen361 fünf Fälle aufge-

führt, in denen einem unter die Räuber gefallenen Reisenden geholfen wird, wobei allein einem dieser Fälle von Schiller das Prädikat schön

359 Schiller: Kallias-Briefe, S. 415.

360 Schiller: Kallias-Briefe, S. 424, Hervorhebung im Original, M. P. 361 Siehe dazu Schiller: Kallias-Briefe, S. 405–408.

zugestanden wurde, so ging es ihm in den danach stehenden Beispielen darum, das Schöne der exemplarischen Gegenstände an deren durch ihre jeweilige Natur bestimmte Technik zu binden. Ein Naturding sei dann schön, wenn die ihm widerfahrene technische Zurichtung nicht als Zwang am Material, sondern als Freiheit der Form erscheine, wie sie sich durch das und dann am Material als notwendig bestimmt. Von der ästhetischen Beurteilung moralischer Handlungen in den zuerst genannten Beispielen war Schiller also zu der These gelangt, dass allein die formale Bestimmung eines Materials für die Schönheit des Darge- stellten ausschlaggebend sei. Das Material als solches invisibilisiere sich durch seine ihm notwendige Form.

Für Schillers poetologisch-literaturtheoretisches Interesse entschei- dend ist die Wende, die sein Interesse an der Natur der Dinge in dem Moment nimmt, da Schiller deren Schönheit davon abhängig macht, dass sich die Natur des Darstellenden vor der Natur des Dargestellten verflüchtige, ja restlos verberge. Zur Natur des Darstellenden, die mit der Natur des Dargestellten im Streit liegt, zählen laut Schiller „die Natur des darstellenden Stoffes und die Natur des Künstlers“, wobei der letztere das Darzustellende mit dem Medium „in Übereinstim- mung bringen soll“362, in dem das erstere zum Ausdruck kommt363.

Zutage treten soll allein die in sich bestimmte Form, an der sich Frei- heit in der Erscheinung deswegen zeigt, weil jene Form zwar aus sich heraus an einer Regel orientiert, aber nicht durch eine solche Regel von außen bestimmt sein soll.

362 Alle Zitate Schiller: Kallias-Briefe, S. 428.

363 Siehe dazu Jörg Robert: „Schein und Erscheinung“, S. 167. Robert weist darauf hin, dass Schillers Interesse zwar zunächst dem Begriff der Erscheinung, dann aber – nach- haltiger – dem des ästhetischen Scheins gilt. Dadurch verschiebt sich Schillers Fokus von einer „Objekt- zu einer Medienästhetik“. Schillers Überlegungen gehen damit über den von Kant vorgegebenen Rahmen hinaus: „Die Kallias-Briefe durchlaufen so eine Bahn von der Theorie der Urteilskraft zu Fragen der Mimesis (in ihrem diffizilen Ver- hältnis zur enargeia [sic!]), zum Problem der Täuschung und der Illusion. Die semio- tische Transformation des Autonomiegedankens in den Kallias-Briefen, auf die in der Forschung verschiedentlich hingewiesen wurde, hat in dieser unterschätzten Genealo- gie ihren Ursprung: Sie verweist nicht nur voraus auf Charles Sanders Peirce, sondern auch und vor allem zurück auf die Semiotik des 18. Jahrhunderts“, Hervorhebungen im Original, M. P.

Freiheit allein ist der Grund des Schönen, Technik ist nur der Grund

unserer Vorstellung von der Freiheit, jene also der unmittelbare Grund, diese nur mittelbar die Bedingung der Schönheit. Technik nämlich trägt nur insofern zur Schönheit bei, als sie dazu dient, die Vorstellung der Freiheit zu erregen.364

Auch die Technik also darf in der durch sie gleichwohl erst ermöglich- ten Form nicht sichtbar werden, wenn die Form schön sein soll. Ist auch Technik aufseiten des Produzenten als notwendige Bedingung des Schönen anzunehmen oder vielmehr vorzustellen, so erscheint die- ses Schöne laut Schiller aufseiten des Betrachters nur dann als schön, wenn die Technik sich gerade verbirgt, da erst dadurch Freiheit als „Nichtvonaußenbestimmtsein“365 der Form hervortreten kann.

Damit wird deutlich, dass sich Schillers Terminus der Form nicht in bloßer Opposition zum durch sie dargestellten Inhalt erschöpft. Indem vielmehr an der durch sich selbst bestimmten Form des je konkreten Kunstwerks die Freiheit vom Material offenkundig wird, mittels des- sen sich das Kunstwerk ausdrückt, wird gleichermaßen erst die Natur dessen sichtbar, was durch die in sich selbst bestimmte – autonome – Form zur Darstellung kommt. Damit schafft Schiller die Grund- lagen einer gegenstandstheoretischen Beschreibungssprache für das Schöne, in der dieses nur allein denjenigen Kunstwerken zukommt, die die Natur der dargestellten Gegenstände so zum Vorschein bringen, dass jene Natur sich endlich siegreich behauptet:

Die Natur des Repräsentierten erleidet von dem Repräsentierenden Gewalt, sobald dieses seine Natur dabei geltend macht. Ein Gegenstand kann also nur dann frei dargestellt heißen, wenn die Natur des Darge-

stellten von der Natur des Darstellenden nichts gelitten hat. Die Natur des Mediums oder des Stoffs muß also von der Natur des Nachgeahmten völlig besiegt erscheinen.366

364 Schiller: Kallias-Briefe, S. 418, Hervorhebung im Original, M. P. 365 Schiller: Kallias-Briefe, S. 409.

366 Schiller: Kallias-Briefe, S. 428, Hervorhebungen im Original, M. P., siehe dazu wei- ter: „Frei wäre also die Darstellung, wenn die Natur des Mediums durch die Natur des

Die Natur des durch Repräsentation Dargestellten interessiert Schiller dabei bloß in zweiter Linie, da seiner Ansicht nach zuerst die repräsen- tierende Natur der Darstellung in den Blick genommen werden muss, um entscheiden zu können, ob der darstellende Künstler, der hier kei- nesfalls mit dem Schauspieler gleichzusetzen ist, überhaupt als Künst- ler gelten könne. Der Künstler, sofern er einer ist, wird zum Künstler dadurch, dass er die „Freiheit in der Erscheinung“, von der Schiller zuvor gehandelt hatte, so zur Darstellung bringt, dass mittels der Tech- nik die Darstellung dadurch frei erscheint, dass in ihr das Medium der Darstellung ebenso wie die Person des in diesem Medium Darstel- lenden vor der Natur des gewählten Stoffes verschwindet. Ist dieser letztere zugleich ein schöner Stoff, so ist der, der den Stoff wählte, laut Schiller ein großer Künstler.

Am Ende der Kallias-Briefe, dem diese Überlegungen entnommen sind, entwickelt Schiller eine Theorie der literarischen Sprache367, die

die obigen Darlegungen im Hinblick auf Schillers eigenes ästhetisches Medium konkretisiert. Schon bevor er sich aber ausdrücklich darauf konzentriert, betont er einmal mehr, dass das Medium der Darstellung sich vor dem Stoff soweit zurückzuziehen habe, dass der dargestellte Gegenstand unmittelbar vor die Sinne gestellt wird:

Man beschreibt einen Gegenstand, wenn man die Merkmale, die ihn

kenntlich machen, in Begriffe verwandelt und zur Einheit der Erkennt- nis verbindet. Man stellt ihn dar, wenn man die verbundenen Merkmale

unmittelbar in der Anschauung vorlegt. Das Vermögen der Anschauun- gen ist die Einbildungskraft. Ein Gegenstand heißt also dargestellt, wenn die Vorstellung desselben unmittelbar vor die Einbildungskraft gebracht wird. Frei ist ein Ding, das durch sich selbst bestimmt ist oder so erscheint.

Nachgeahmten völlig vertilgt erscheint, wenn das Nachgeahmte seine reine Persön- lichkeit auch in seinem Repräsentanten behauptet, wenn das Repräsentierende durch völlige Ablegung oder vielmehr Verleugnung seiner Natur sich mit dem Repräsentier- ten vollkommen ausgetauscht zu haben scheint – kurz – wenn nichts durch den Stoff, sondern alles durch die Form ist“, Schiller: Kallias-Briefe, S. 429, Hervorhebungen im Original, M. P.

Frei dargestellt heißt also ein Gegenstand, wenn er der Einbildungskraft

Im Dokument "Die Freiheit reizte mich" (Seite 161-186)