2.1 Bildung für Nachhaltige Entwicklung

2.1.4 Die Themen Rohstoffe und Energie als Lerninhalte der BNE und des

2.1.4.2 Die Relevanz der Themen Rohstoffe und Energie für den Geographieunterricht

Mit Blick auf die BNE schlagen Schrüfer & Schockemöhle (2012: 123f.) Selektionskriterien für die Aus- wahl geeigneter Themen für den Geographieunterricht vor, die sich mit den drei Bezugsdimensionen in Tabelle 1 decken. Des Weiteren wird eine dynamische, ethische und handlungsbezogene Ebene als explizit relevant hervorgehoben, die sich teilweise mit den drei Dimensionen sowie v.a. mit den Selek- tionskriterien in Tabelle 2 überschneiden. Bezogen auf den Geographieunterricht hält Bahr (2013a) es für notwendig, neben den Kernproblemen des Globalen Wandels auch jene Wirtschafts-/Lebens- bereiche unterrichtlich zu thematisieren, die ein „Umdenken im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung

erfordern“ (Bahr 2013a: 23). Zu diesen zählt der Autor u.a. das Thema Energie. Haubrich et al. (2007)

benennen für einen nachhaltigkeitsorientierten Geographieunterricht verschiedene zentrale Themen der Gegenwart, darunter die Übernutzung nicht erneuerbarer Rohstoffe sowie Fragen der Energie-

versorgung. Blume & Klein (2013) weisen ihrerseits auf die Bedeutung geographischer Kontexte bzw. von Mensch-Umwelt-Beziehungen als zentralem Untersuchungsgegenstand hin. Eine Betrachtung des Themas Energie aus geographischer Sicht erfordert den Autoren zufolge eine Beschäftigung mit dem Aspekt der Gewinnung/Erzeugung (Exploration von Primärenergieträgern bzw. Umwandlung in Kraft- werken) und der Versorgung/Bereitstellung (Transport über Leitungsnetze bzw. Verbrauch), wobei es um raumbezogene Strukturen (Erzeugungsstandorte etc.), Interaktionen (räumliche Versorgung etc.) und Prozesse (Dynamik des Sektors etc.) geht. In den Bildungsstandards des Faches (DGfG 2012) werden beide Themen exemplarisch für jene Lerninhalte aufgeführt, in deren Kontext die Fachkom- petenz (F4 S17) erworben werden kann, „das funktionale und systemische Zusammenwirken der

natürlichen und anthropogenen Faktoren bei der Nutzung und Gestaltung von Räumen […] beschreiben und analysieren“ (ebd., S. 15) zu können. Des Weiteren lässt sich über Ressourcenkonflikte die syste-

mische Erklärung von Auswirkungen im Bereich der Raumnutzung und -gestaltung (F4 S19) anregen; weitere Bezüge finden sich bei den Kompetenzbereichen Beurteilung/Bewertung (B1 S2 und B4 S8) sowie Handlung (H1 S1). Die grundsätzliche Relevanz beider Themen für den Geographieunterricht zeigt sich auch im baden-württembergischen Bildungsplan für Geographie in der Kursstufe (Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg 2004), in dem die Erfassung von Landschaftsveränderungen durch verschiedene anthropogene Nutzungsformen in der zweistündige Kursstufe u.a. explizit in den Kontext des Rohstoffabbaus gestellt wird. Im Bereich der vierstündigen Kursstufe werden die Bildung von Lagerstätten und die wirtschaftliche Bedeutung (nicht erneuerbarer) Rohstoffe angeführt. In den Umsetzungsbeispielen des Landesinstituts für Schulentwicklung (2011a, 2011b) weisen Unterrichtsinhalte und Basisbegriffe einen direkten (u.a. Kohlelagerstätten, fossile Rohstoffe) bzw. indirekten (u.a. Flächennutzungskonflikt, ökologische Folgen, Rekultivierung bzw. Renaturierung) Bezug zum Thema Rohstoffe auf. Im Kontext von Kohlelagerstätten, Flächennutzungs- konflikten und Rekultivierungs-/Renaturierungsmaßnahmen im Rahmen des Braunkohle-/Stein- kohleabbau erfolgt der Brückenschlag zum Thema Energie.

In Schulbüchern werden beide Themen in der Kurs-/Oberstufe vielfältig behandelt. Ihre Unterrichts- relevanz sei exemplarisch anhand der Schulbücher TERRA Erdkunde Oberstufe Räume und Strukturen (Ernst Klett Verlag GmbH 2007b), TERRA Wirtschaftsgeographie Berufliche Gymnasien (Ernst Klett Verlag GmbH 2012) und Fundamente Geographie Oberstufe (Ernst Klett Verlag GmbH 2014) aufgezeigt. Ein Blick auf die darin vorgeschlagenen Unterrichtsthemen zeigt die Behandlung des Themas Rohstoffe unter den Gesichtspunkten Rohstofftypen, Rohstoffentstehung/-verbreitung, gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung, Entwicklung der Rohstoffnutzung und Flächennutzungskonflikte sowie Nachhaltigkeitsaspekte von Abbau und Nutzung; im Rahmen letzterer erfolgt eine Verknüpfung zum Thema Energie. Es werden Fragen der Nachhaltigkeit u.a. am Beispiel der ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Auswirkungen des Braunkohleabbaus in Deutschland thematisiert (von der Ruhren 1997; Ernst Klett Verlag GmbH 2007a, 2012, 2014). In verschiedenen, hier exemplarisch ange- führten Schulatlanten werden räumliche Strukturen der Energiewirtschaft/-versorgung kartenbasiert (Ernst Klett Verlag GmbH 2007a; Bildungshaus Schulbuchverlage Westermann Schroedel Diesterweg Schöningh Winklers GmbH 2008a, 2008b) sowie konkrete Raumbeispiele des Rohstoffabbaus mittels Karten bzw. über den Vergleich von Karten mit Satellitenbildern (Georg Westermann Verlag GmbH 2010) behandelt. Weitere Unterrichtsmaterialien finden sich in den Zeitschriften Praxis Geographie (11/1998, 9/2008, 04/2010 und 1/2015), Geographie und Schule (183/2010, 192/2011 und 207/2014),

geographie heute (191/2001, 230/2005, 249/2007 und 313/2013) und Diercke 360° (02/2009) sowie

2.1.4.3 Der Braunkohleabbau im Rheinischen Braunkohlerevier als Beispiel für eine Kombination der Themen Rohstoffe und Energie

Eine Zusammenführung der beiden Themen im Kontext der bergbaulichen Gewinnung fossiler Energie- rohstoffe zum Zweck der Energieerzeugung bietet die Thematik des Braunkohleabbaus. Nachfolgend wird auf den Abbau in Deutschland mit besonderem Blick auf das Rheinische Braunkohlerevier näher eingegangen: Es erfolgt eine Betrachtung der mit dem Abbau und der Energiegewinnung verbundenen Auswirkungen und Folgen in den Nachhaltigkeitsdimensionen, gefolgt von einer Erläuterung zur Bedeutung für die BNE und den nachhaltigkeitsorientierten Geographieunterricht.

Der Braunkohleabbau im Rheinischen Braunkohlerevier

Im Jahr 2014 wurden in Deutschland brutto 614 Mrd. kWh Strom erzeugt, von denen rund 156 Mrd. kWh aus Braunkohlekraftwerken stammten. Der Anteil am Primärenergieverbrauch betrug ca. 12%. Für die Stromerzeugung wurden rund 159 Mio. t weitestgehend aus inländischen Vorkommen ver- feuert, aus denen 34 Petajoule Fernwärme generiert werden konnte. Rund 17 Mio. t wurden in Vered- lungsbetrieben weiterverarbeitet. Im Jahr 2014 stellte Deutschland mit ca. 178 Mio. t den weltweit größten Braunkohleproduzenten dar (DEBRIV 2015). Braunkohle ist hinter Bausanden/-kiesen der am zweitmeisten abgebaute Rohstoff hierzulande (Haas & Schlesinger 2010: 112).

Der Abbau erfolgt in zwei großen und zwei kleineren Revieren: Die beiden größeren sind das Rheinische Braunkohlerevier im Städtedreieck Köln – Aachen – Mönchengladbach (2014 ca. 94 Mio. t) und das Lausitzer Revier zwischen Cottbus und Dresden (2014 ca. 62 Mio. t), während das Mitteldeutsche Revier bei Halle/Leipzig (2014 ca. 21 Mio. t) und das Helmstedter Revier (2014 ca. 2 Mio. t) kleinere Fördermengen liefern. Die geologischen Vorräte werden bundesweit auf ca. 77 Mrd. t geschätzt (DEBRIV 2015). Das mit 55 Mrd. t größte Vorkommen findet sich im Rheinischen Revier auf eine Fläche von ca. 2.500 km² und reicht für die nächsten 30 Jahre (Knauff 1998: 19; Haas & Schlesinger 2010: 114; Wagner 2010; DEBRIV 2015). Die Anfänge des rheinischen Braunkohleabbaus liegen im Südrevier bei Köln-Hürth, in dem zunächst oberflächennah und bei einem geringen Abraum-Kohle-Verhältnis geför- dert wurde. In den 1950er Jahren vollzog sich der Übergang zu wenigen Großtagebauen, in denen terrassenartig aus einer Teufe von bis zu 400 m gefördert wird und in denen durch ein wesentlich schlechteres Abraum-Kohle-Verhältnis größere Mengen Ton, Sand und Kies zu bewegen sind. Aktuell existieren drei große Tagebaue, die von der RWE Power AG betrieben werden: der Tagebau Garzweiler (2014: 35 Mio. t) im Norden wurde im Jahr 2006 in sein westlich gelegenes Anschlussfeld mit ca. 1 Mrd. t bis 2045 überführt, der Tagebau Inden (2014: ca. 18 Mio. t) im Südwesten ist bereits ein Jahr zuvor in sein südöstlich gelegenes Anschlussfeld mit 650 Mio. t bis zum Jahr 2030 übergegangen und der Tagebau Hambach (2014: ca. 41 Mio. t) im Südosten wird sich weiter in südöstliche Richtung bewegen und um das Jahr 2045 ausgekohlt sein (Pflug 1998a: 13f.; Henkel 2007; Kreus & von der Ruhren 2007; Haas & Schlesinger 2010: 114; Wagner 2010; RWE Power AG 2014, o.J.a; DEBRIV 2015).

Der Abbau wird von Schaufelradbaggern durchgeführt, die auf der Tagebauvorderseite täglich Braun- kohle bzw. Abraum abtragen. Über ein kilometerlanges Förderbandsystem im Tagebau sind sie ent- weder mit einem Kohlebunker, in dem die Braunkohle zwischengelagert wird, oder mit Absetzbaggern auf der ausgekohlten Tagebaurückseite (Kippe) verbunden, die den nicht verwendbaren Abraum dort wieder zielgenau absetzen. Durch den Abbau auf der Vorder- und das Wiederauffüllen auf der Rück- seite gerät der Tagebau mit der Zeit in Bewegung. Auf den Abbau vorbereitende sowie nachsorgende Maßnahmen sind weitere zentrale Schritte in der Operationskette des rheinischen Braunkohleberg- baus (Abbildung 2) (Knauff 1998: 24; Wagner 2010; RWE Power AG 2013c).

Abbildung 2: Schema eines rheinischen Braunkohletagebaus (DEBRIV 2015)

Vom Kohlebunker am Tagebaurand wird die zwischengelagerte Braunkohle entweder über Förderbän- der oder mit werkseigenen Eisenbahnen zu nahe gelegenen Kraftwerken bzw. Veredlungsbetrieben transportiert. In ersteren werden jährlich rund 90% der Fördermenge für die Stromerzeugung im Grundlastbereich verfeuert: im Jahr 2014 lag der Beitrag zur nordrhein-westfälischen Stromerzeugung bei 40% und zur bundesdeutschen bei 25% (RWE Power AG 2013c; DEBRIV 2015). Die bei der Ver- brennung entstehende Abwärme wird gemäß dem Prinzip der Kraft-Wärme-Koppelung in vergleichs- weise geringen Mengen über ein unterirdisches Rohrsystem an benachbarte Haushalte und Industrie- betriebe weitergeleitet (Wagner 2010; BUND NRW 2015). Rund ein Zehntel der geförderten Braun- kohle wird in regionalen Veredlungsbetrieben zu Braunkohlestaub, Briketts, Wirbelschichtkohle bzw. Filterkoks weiterverarbeitet und v.a. in den Großfeuerungsanlagen energieintensiver Industrien einge- setzt (Westermann Verlag 2008; RWE Power AG 2009; Wagner 2010; DEBRIV 2015).

Ökonomische Aspekte

Die einheimischen Vorkommen besitzen eine große energiewirtschaftliche Bedeutung, da sie die Abhängigkeit Deutschlands bzw. der deutschen Industrie von Importen ausländischer Energieträger (DEBRIV 2015) bzw. von im Ausland produzierter Energie herabsetzen (Kreus & von der Ruhren 2007; RWE Power AG 2009). Die damit gewonnene Sicherheit bei der Energieversorgung hat unmittelbare volkswirtschaftliche Auswirkungen, da sie u.a. die Stabilität wettbewerbsfähiger Strompreise infolge der geringeren Anfälligkeit gegenüber hohen ausländischen Energiepreisen oder Energiepreisschwan- kungen sicherstellt. Außenpolitisch senkt eine hohe inländische Versorgung die Notwendigkeit zu Beziehungen zu politisch instabilen Exportstaaten. Vor dem Hintergrund der von der Bundesregierung veranlassten Beendigung des Steinkohlebergbaus bis zum Jahr 2018 (BMWI 2010) und des Ausstiegs aus der Atomkraft bis zum Jahr 2022 (Bundesregierung 30.05.2011) kommt der Braunkohle eine große energiewirtschaftliche Relevanz zu (Haas & Schlesinger 2010: 121; Wagner 2010; DEBRIV 2015). Hierbei spielt u.a. die i.d.R. als subventionsfrei empfundene Art der Energiegewinnung eine zentrale Rolle, die als ein vorteilhafter energiewirtschaftlicher Faktor für die internationale Wettbewerbsfähig- keit des kostenintensiven Wirtschaftsstandortes Deutschland gesehen wird (Knauff 1998: 19f.; Kreus & von der Ruhren 2007; Westermann Verlag 2008; RWE Power AG 2009; Haas & Schlesinger 2010: 113; Wagner 2010; DEBRIV 2015).

Regional bzw. national ergeben sich des Weiteren (in-)direkt bedeutende volkswirtschaftliche Effekte auf dem Arbeitsmarkt (Kreus & von der Ruhren 2007). Ende 2014 sind 10.146 Personen im Rheinischen Revier angestellt gewesen; bundesweit lag die Zahl bei 21.406 (DEBRIV 2015). Nach Buttermann et al. (2010) betrug die Beschäftigungswirkung im Jahr 2009 in Summe 41.816 Personen im Rheinland bzw. 86.424 Personen im Bundesgebiet, weshalb der Braunkohlebergbau den größten industriellen Arbeit- geber in der Region darstellt (DEBRIV 2015). Aus den Einkommen der Beschäftigten ist eine regionale Konsumnachfrage in Höhe von 321 Mio. Euro generiert worden. Zusammen mit Investitionen in den Produktionsprozess aufrechterhaltende Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe, in die Bewahrung, Vergröße- rung und Modernisierung des gesamten Produktionssystems sowie in den Vollzug von umsiedlungs- bedingten Maßnahmen ist ein regionaler Nachfrageimpuls in Höhe von fast 2 Mrd. Euro generiert worden. Von diesem Beitrag zur Wertschöpfung haben die regionale Wirtschaft und Bevölkerung sowie der Fiskus profitiert (Kreus & von der Ruhren 2007; Buttermann et al. 2010; DEBRIV 2015). Bundesweit trägt die Stromerzeugung aus Braunkohle jährlich mit ca. 6 Mrd. Euro zur Wertschöpfung bei (DEBRIV 2015). Des Weiteren ökonomisch bedeutsam ist die anziehende Wirkung auf energie- intensive Industrien (Haas & Schlesinger 2010: 107). Ein weiterer Effekt betrifft die Neu- bzw. Weiter- entwicklung von exportfähigem technischem Knowhow im Bereich der Förderung und Verstromung (Kreus & von der Ruhren 2007).

Ökologische Aspekte

Der Abbau im offenen Tagebau stellt einen schwerwiegenden Eingriff in das Gefüge (Kreus & von der Ruhren 2007) und den Naturhaushalt (Bauer 1998: 171) der über Jahrhunderte gewachsenen rhei- nischen Kulturlandschaft dar, der temporäre Mondlandschaften (vgl. Wagner 2010: 28) entstehen lässt. Der flächenintensive Eingriff geht mit einer Vielzahl von Nutzungskonflikten einher (Haas & Schlesinger 2010: 118). Der weitaus größte Konflikt geht auf die Förderung selbst zurück: Seit den Anfängen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden im Rheinland 322 km² Land in Anspruch genommen; im Dezember 2014 unterlagen rund 95 km² (ca. 29%) der bisher beanspruchten Fläche einer tagebaulichen Nutzung (DEBRIV 2015). Mit einer Betriebsfläche von ca. 42 km² bei einer Teufe von fast 400 m stellt der Tagebau Hambach nach Wagner (2010) gegenwärtig die größte künstliche Eintiefung der Welt dar, während Garzweiler (ca. 31 km²) und Inden (ca. 17 km²) gleichfalls tiefe Ein- schnitte in der Landschaft darstellen (RWE Power AG 2013b, 2014, 2015b, 2015c, 2015d).

Mit dem Abbau im Tagebau sind massive Eingriffe in das Landschaftsbild und den lokalen/regionalen Naturhaushalt verbunden. Vor dem Beginn der Fördertätigkeit wird das kohlehaltige Areal an der Erd- oberfläche vollständig freigeräumt. Dies betrifft u.a. die Entfernung von fruchtbaren Ackerböden mit gewachsenen Bodenprofilen sowie von Wäldern, Wiesen und Weiden, Feuchtgebieten und anderen naturnahen Flächen. Mit dem notwendigen Eingriff in die über Jahrhunderte gewachsene Kulturland- schaft gehen neben agrarisch hochwertigen Flächen ebenso für die lokale Flora und Fauna ökologisch wertvolle und mitunter unverzichtbare Areale (ökologische Nischen) unwiderruflich verloren. Der Braunkohlebergbau steht als invasive Tätigkeit per se in einem Widerspruch zu den gesetzlich fest- gelegten Zielen von Naturschutz und Landschaftspflege (Pflug 1998b: 5f.; Kreus & von der Ruhren 2007; Westermann Verlag 2008). Mit der Förderung im Tagebau Inden ist zudem die Umleitung eines Nebenflusses der Rur notwendig geworden (RWE Power AG 2014).

Neben den oberirdischen Eingriffen ist angesichts der großen Teufen eine Entwässerung der hängen- den Schichten notwendig. Die über eine Vielzahl von Brunnen entlang der Tagebauränder durch- geführte Grundwasserentnahme (Sümpfung) bis unter die Tagebausohle stellt eine erforderliche Maß- nahme dar, um den Abbau im trockenen Zustand durchzuführen. Darüber hinaus dient dies der Stabi-

lisierung von Böschungen (Knauff 1998: 25; Kreus & von der Ruhren 2007; Westermann Verlag 2008; Haas & Schlesinger 2010: 106; BUND NRW 2015). In der Vergangenheit sind auf diese Weise jährlich bis zu 1 Mrd. m³ trinkfähiges Grundwasser künstlich abgepumpt worden (Knauff 1998: 25; Wagner 2010; BUND NRW 2015). Durch die Entnahme kommt es in Abhängigkeit zu den „tektonischen (Verwer-

fungen, Schollenbildung) und stratigraphischen (Schichtung, Durchlässigkeit, Stockwerksgliederung) Strukturen des Untergrundes“ (Westermann Verlag 2008: 81) zu einer trichterförmigen Absenkung des

regionalen Grundwasserspiegels auf einer Fläche von ca. 3.000 km² (Knauff 1998: 25; BUND NRW 2015). Ohne Gegenmaßnahmen würde dies zu einer Gefährdung der grundwassergespeisten Trink-/ Brauchwasserversorgung in der Niederrheinischen Bucht und zu gravierenden ökologischen Folgen bei grundwasserabhängigen Feuchtgebieten/-biotopen und fließgewässerbegleitenden Auen führen, die durch temporäres Austrocknen gefährdet wären. Im Bereich der Flora und Fauna kann eine Absenkung um wenige Meter besonders bei an die regulären hydrologischen Bedingungen sehr stark angepassten Arten bereits spürbare Auswirkungen in der Artenzusammensetzung zur Folge haben und die Biodi- versität der betroffenen Habitate erheblich beeinträchtigen (Knauff 1998: 25; Kreus & von der Ruhren 2007; Westermann Verlag 2008; Haas & Schlesinger 2010: 106; BUND NRW 2015). Um die ökono- mischen (Trink-/Brauchwasserversorgung) wie ökologischen Konsequenzen zu minimieren, wird das entnommene Grundwasser gezielt durch Versickerung/Direkteinleitung in natürliche oder künstliche Vorfluter dem regionalen Wasserhaushalt wieder zugeführt (Knauff 1998: 25; Kreus & von der Ruhren 2007; Westermann Verlag 2008; Wagner 2010; BUND NRW 2015). Fechtgebiete/-biotope sind auf diese Weise über Jahrzehnte hinweg von einer künstlichen Wasserzufuhr abhängig (BUND NRW 2015). Der Eingriff in den Wasserhaushalt hat Auswirkungen auf die Grundwasserqualität, u.a. durch Versau- erung, Mineralienanreicherung und ungehindertes Eindringen von Nitraten und Pestiziden in tiefere Grundwasserschichten. Ein weiteres Problem sind mit dem Abraum an die Erdoberfläche gebrachte Sulfide, die durch Oxidationsprozesse zu einer Versauerung der Böden und des Grundwassers führen können (BUND NRW 2015). Gewässertrübungen durch bergbaulich eingetragene Schwebstoffe werden kontinuierlich überprüft (Kreus & von der Ruhren 2007; Haas & Schlesinger 2010: 106). Der Abbau ist besonders an trockenen, windigen Tagen mit der Aufwirbelung größerer Staubmengen verbunden, deren Volumen angesichts fehlender Messmethoden bis heute nicht ermittelt wurden. Lange Zeit gelangten daher möglicherweise große Mengen an gesundheitsschädlichem Feinstaub ungeachtet in die Atmosphäre (BUND NRW 2015). Als Immissionsschutzmaßnahmen dienen Erdwälle, um den Staub in höhere Atmosphärenschichten zu dirigieren, die Begrünung von Flächen/Böschungen und Beregnungsmaschinen/Sprühgalerien zur Benässung. Durch die technischen Großgeräte verur- sachte Lärmemissionen werden mittels Dämpfungsmaßnahmen abgemildert (Westermann Verlag 2008; RWE Power AG 2008a, 2013b, 2013c).

Weltweit gilt der rheinische Braunkohlebergbau in Bezug auf den Umgang mit ausgekohlten Arealen unter Fachexpert/innen als vorbildlich (RWE Power AG 2009). Grund hierfür ist eine nach dem Verur- sacherprinzip (Pflug 1998b: 6; Haas & Schlesinger 2010: 108) seit vielen Jahrzehnten betriebene Rekultivierungspraxis, bei der die Landschaft nicht wie zuvor wiederhergestellt, sondern „die in

Anspruch genommene Oberfläche wieder so herzurichten [versucht wird; Anm. des Autors], dass eine Landschaft entsteht, die sich zu einem stabilen, in einem Gleichgewicht stehenden Ökosystem entwickelt, die sich in das umliegende Gelände einpasst und gleichzeitig den Bedürfnissen der hier wohnenden und wirtschaftenden Menschen gerecht wird.“ (Kreus & von der Ruhren 2007: 9). Der

nutzungsorientierten Rekultivierung steht die Renaturierung gegenüber, deren Ziel es ist, „Rohböden

oder Vegetationsbestände sich weitgehend ohne Zutun des Menschen möglichst naturnah entwickeln zu lassen.“ (Pflug 1998b: 3). Letztere ist für den Naturschutz bedeutsam, da sie u.a. Rückzugsräume

und Sukzessionsflächen bereitstellt und Biotopvielfalt ermöglicht (Bauer 1998: 174ff.). Angesichts des anthropogenen Charakters der geschaffenen Kunstlandschaften (Wagner 2010) setzt die anvisierte Renaturierung jedoch tatsächlich erst nach mehreren Jahrzehnten ein, wenn ausgeglichene natürliche Prozesse wieder vorherrschen. Unter der Zielsetzung von Rekultivierung/Renaturierung sind von den 322 km² bis Ende 2014 bereits 227 km² (ca. 70%) wieder rekultiviert worden, v.a. landwirt- und forst- wirtschaftlich; etwa 25 km² sind zu Naturschutzgebieten geworden (Wagner 2010; DEBRIV 2015). Der Rekultivierungsprozess setzt unmittelbar nach Abbauende auf der ausgekohlten Tagebaurückseite ein und ist das Resultat eines langwierigen und von unterschiedlichen Akteuren vielfach kontrovers disku- tierten Genehmigungsverfahrens. Heutzutage wird bevorzugt eine gemischte Rekultivierung prakti- ziert (Kreus & von der Ruhren 2007; Haas & Schlesinger 2010: 108; Wagner 2010; RWE Power AG 2013a). Landschaftlich markantestes Zeichen der Abbau-/Rekultivierungstätigkeiten ist eine aus rund 1 Mrd. m³ Abraum aus dem Tagebau Hambach auf etwa 300 m Höhe aufgeschüttete und großflächig mit künstlichen Forsten besetzte anthropogene Vollform (Sophienhöhe). Ihr folgen zahlreiche Rest- seen, die u.a. im Naherholungsgebiet des Naturparks Kottenforst-Ville am Rande des Köln-Bonner Verdichtungsraums zu finden sind (Westermann Verlag 2008): Das durch Auskohlung hervorgerufene Massendefizit bedingt riesige Restlöcher, die entweder entsorgungswirtschaftlich genutzt werden (Kippflächen/Deponien) oder aus denen durch eine künstlich beschleunigte Befüllung dauerhaft große, funktional genutzte Seen, z.B. als Speicher für den Hochwasserschutz oder für die Versorgung mit Brauchwasser, hervorgehen (Knauff 1998: 26; Westermann Verlag 2008; Haas & Schlesinger 2010: 109; Wagner 2010; BUND NRW 2015). Nach der Auskohlung der drei noch aktiven Tagebaue werden diese gleichfalls zu Seen aufgestaut (RWE Power AG 2013b, 2013c, 2014). Vom Tagebau Garzweiler wird dann ein großer See übrigbleiben, dem voraussichtlich in den nächsten 300 – 400 Jahren künstlich Wasser zugeführt werden muss (Henkel 2007; BUND NRW 2015).

Die Verbrennung der Braunkohle ist mit dem massiven Ausstoß von Treibhausgasen verbunden. Dies betrifft v.a. klimaschädliches Kohlendioxid (CO2), dessen Emissionsfaktor größer als bei Steinkohle oder Erdgas ist (DEBRIV 2015). Im Jahr 2014 sind bundesweit 175 Mio. t CO2 (DEBRIV 2015), davon rund 90 Mio. t CO2 im Rheinland (BUND NRW 2015), in die Atmosphäre freigesetzt worden. Dies entspricht etwa einem Fünftel bzw. einem Zehntel der bundesdeutschen Emissionen in CO2-Äquivalenten (UBA 2015). Bezogen auf die Emissionen der Energiewirtschaft verbucht Braunkohle hinter Mineralöl und vor Erdgas/Steinkohle den zweithöchsten Anteil (DEBRIV 2015). Diese Emissionen stellen die Energie- erzeugung aus Braunkohle in Zeiten des globalen Klimawandels in der Öffentlichkeit vor die grund- sätzliche Frage der Daseinsberechtigung. Während es der Braunkohleindustrie gelungen ist, Luftverun- reinigungen durch Entstaubungs-, Entschwefelungs- und Entstickungsmaßnahmen bis unter gesetzlich festgelegte Grenzwerte zu senken (RWE Power AG 2009; Haas & Schlesinger 2010: 121; DEBRIV 2015), ist die CO2-Thematik nicht nur ökologisch, sondern angesichts des notwendigen Ankaufs von Emis- sionszertifikaten zunehmend auch ökonomisch problematisch für die Branche. Auf diese Entwicklung wird verstärkt mit technologischen Lösungen reagiert, die sich u.a. auf die Kraftwerkseffizienz, die Nachrüstung älterer Anlagen und spezielle Emissionsminderungsverfahren abzielen (RWE Power AG 2008b, 2008c, 2009, 2015a; Haas & Schlesinger 2010: 121; Wagner 2010; DEBRIV 2015). Die reali- sierten Maßnahmen und Ansätze reichen allerdings aktuell angesichts der weiterhin hohen Emissionen nicht aus, um den politisch beschlossenen Emissionsminderungszielen Deutschlands gerecht zu werden (UBA 2013).

Gesellschaftliche Aspekte

Die Freiräumung des Tagebauvorfeldes ist mit tiefen Eingriffen in die gewachsenen Siedlungsstruk- turen und das Leben der Bevölkerung im dicht besiedelten Rheinland verbunden (Knauff 1998: 26; Pflug 1998b: 1; Henkel 2007; Kreus & von der Ruhren 2007; Westermann Verlag 2008; Wagner 2010; RWE Power AG o.J.b). Die tiefgreifendsten und schwerwiegendsten Auswirkungen gehen aus Umsied- lungen hervor, die neben Siedlungen weitere raumnutzende Akteure wie Landwirtschafts-, Gewerbe- und Industriebetriebe betreffen (Knauff 1998: 26; Kreus & von der Ruhren 2007; RWE Power AG o.J.b; Haas & Schlesinger 2010: 106). Seit 1945 sind in der dicht besiedelten Niederrheinischen Bucht 35.000 Menschen umgesiedelt worden (Kreus & von der Ruhren 2007; RWE Power AG 2013b, o.J.b; BUND NRW 2015). Nach aktuell genehmigten Abbauplänen kann bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts von einem Anstieg auf ca. 45.000 Personen ausgegangen werden (Wagner 2010; BUND NRW 2015). Die Umsiedlung einer Ortschaft mit bis zu mehreren Tausend Einwohnern folgt einem langwierigen Planungs-/Umsetzungsprozess. Die ersten Jahre dienen dabei der Findung eines neuen Standortes (RWE Power AG o.J.b; DEBRIV 2015). In diesem Zusammenhang kommt es häufig zu einer Zusammen- fassung der in der Siedlungsstruktur verbreiteten Ortschaften, Weiler und Einzelhöfe zu zentralen Orten und es erfolgt ein Anschluss an bereits existierende Siedlungen (Westermann Verlag 2008). Das Ziel besteht in dem Versuch einer möglichst sozialverträglichen Umsiedlung, bei der Gemeinschaften als Ganzes umgesiedelt werden (Knauff 1998: 26; DEBRIV 2015; RWE Power AG o.J.b). In der Praxis gelingt dieser Ansatz nach Wagner (2010) und BUND NRW (2015) nur selten und endet vielfach in der Auflösung bestehender Sozialstrukturen (Dorfgemeinschaft, Nachbarschaft, Vereinsleben etc.). Die Umsiedlung bezieht sich für die betroffenen Anwohner zum einen auf materielle Gesichtspunkte wie die Frage nach einer (gemäß dem geschätzten Verkehrswert) angemessenen finanziellen Entschä- digung des Alteigentums und den eigenen finanziellen Aufwendungen für ein neues Eigentum; für die Betroffenen bietet sich hierbei die Gelegenheit, das Altanwesen gegen ein oftmals attraktiveres

Im Dokument Digitale Luft- und Satellitenbilder in der Bildung für Nachhaltige Entwicklung - Eine empirische Untersuchung mit Kursstufenschüler/innen zur Wirksamkeit für die systemische Erschließung von Erdräumen am Beispiel des Braunkohleabbaus im Rheinland (Seite 42-53)