Rechtslage bei ästhetischen Eingriffen § 7 ÄsthOpG 42

Im Dokument Kosmetische Operationen im Spannungsfeld zum Strafrecht / eingereicht von: Claudia Skrabl (Seite 50-54)

IV. Sondersituation Minderjährige 35

5. Rechtslage bei ästhetischen Eingriffen § 7 ÄsthOpG 42

Aus medizinischer Sicht besteht va bei Eingriffen an Minderjährigen ein gewisses Risiko besonders unvorhersehbarer Folgen, da sich Kinder und Jugendliche noch im Wachstum befinden. So wachsen auch Narben mit und können zu Beschwerden führen. Wenn die Brust bei einer Brustvergrößerung noch nicht ausgewachsen ist, kann sich im Gewebe um das Implantat eine Narbe bilden und sich die Brust dadurch verhärten und verformen.168 Kosmetische Operationen führen idR auch zu einer dauerhaften „Veränderung des äußeren Erscheinungsbildes“.169

Demzufolge sind ästhetische Eingriffe als eine „nachhaltige Beeinträchtigung der

körperlichen Unversehrtheit“ iSd § 173 Abs 2 ABGB anzusehen, weil „die Auswirkungen

der Behandlung überhaupt nicht oder nur sehr schwer wieder beseitigt werden können“170 und verlangen neben der Einwilligung des Minderjährigen selbst, die Zustimmung des mit der Pflege und Erziehung betrauten gesetzlichen Vertreters.

§ 7 ÄsthOpG normiert spezielle Schutzvorschriften bzgl der Einwilligung vor Durchführung einer ästhetischen Behandlung oder Operation bei Minderjährigen. Auf die Durchführung von ästhetischen Eingriffen bei psychisch Kranken oder geistig Behinderten, die in Bezug auf medizinische Behandlungen besachwaltet sind, wird im Folgenden nicht eingegangen (siehe aber § 7 Abs 3 ÄsthOpG).

5.1. § 7 Abs 1 ÄsthOpG

In § 7 Abs 1 ÄsthOpG werden „ästhetische Behandlungen oder Operationen an Personen,

die das 16. Lebensjahr noch nicht vollendet haben“, für unzulässig erklärt.

Begründet wird diese Altersgrenze damit, dass sich der Körper noch im Wachstum befindet und derartige Eingriffe vor Abschluss der Pubertät zu Wachstumsstörungen führen können und ggf auch durch weitere Operationen behandelt werden müssen. Grundsätzlich ist das Körperwachstum mit 16 Jahren abgeschlossen.171

167 Angelehnt an Kletečka-Pulker, Checkliste: Neue Formen der Einwilligung, RdM (2009), 67.

168 Driessen, Die Brust wächst – und mit ihr die Narben, http://www.welt.de/gesundheit/article3284405/Die-

Brust-waechst-und-mit-ihr-die-Narben.html,[15.10.2015].

169 Bernat, Autonomie, Kindeswohl und Fremdbestimmung: Die medizinische Behandlung Minderjähriger

nach Inkrafttreten des Kindschaftsrechts-Änderungsgesetzes 2001, in: Kern/Mazal, Die Grenzen der Selbstbestimmung (2003), 66.

170 Hopf/Weitzenböck, Schwerpunkte des Kindschaftsrechts-Änderungsgesetzes 2001 ( Teil II), ÖJZ ( 2001),

530.

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Der Wunsch nach verschönernden Eingriffen kennt aber keine Altersgrenze und betrifft auch unter 16 Jährige. Auch wenn der Minderjährige und seine Eltern einen rein ästhetischen Eingriff wünschen, darf dieser nicht durchgeführt werden. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass dem Jugendlichen womöglich eine Chance, die auf sein Leben einen entscheidenden Einfluss haben könnte, entgeht. Angenommen, ein 13 jähriges Mädchen wird von einer Modellagentur entdeckt und könnte fortan als Laufstegmodell arbeiten. Aufgrund der noch nicht abgeschlossenen körperlichen Entwicklung hat das Mädchen aber noch keine Brust und es wird ihm nahe gelegt eine Brustvergrößerung durchführen zu lassen. Die ehrgeizigen Eltern sprechen sich für eine Brustaugmentation aus und das Mädchen, welches gerne Model sein möchte und seine Eltern nicht enttäuschen will, stimmt dem zu, ohne sich wahrscheinlich über die folgenschweren Konsequenzen völlig bewusst zu sein. Kinder übernehmen zum einen Verhaltensweisen der Eltern und wollen deren Ansprüchen oft gerecht werden. In diesem Alter sind sie daher besonders schutzwürdig, egal von welcher Seite sie beeinflusst werden. Den Eltern ist in diesem hypothetischen Fall, die Mitwirkungskompetenz zum Schutz des Minderjährigen gesetzlich entzogen.

Wäre in derselben Situation das Mädchen bereits 15 Jahre, könnte man zwar aufgrund des Alters vielleicht eher annehmen, dass mögliche Folgen und Risiken verstanden werden können und auch das Wachstum schon weiter fortgeschritten ist, was aber nicht zwingend bedeutet, dass die Komplikationswahrscheinlichkeit dadurch geringer ist. Unter dem Aspekt des Kindeswohles könnte man durchaus argumentieren, dass es durch diesen Berufseinstieg um die Zukunft des Mädchens geht, um ihre gesellschaftlichen Aufstiegschancen und ihre Selbstverwirklichung, aber wohl nicht um den Preis eines invasiven Eingriffs. Eltern sind vielmehr dazu angehalten, Kinder zu leiten und in ihrem Selbstbewusstsein zu stärken, indem sie ihnen ihre Unsicherheit nehmen. Das perfekte, makellose Gesicht fällt in der Masse nicht mehr auf! Letztlich kommt es auf Individualität, Persönlichkeit und auch Makel, die Erkennungswert besitzen, an.

Der Gesetzgeber hat bei dieser Bestimmung ganz klar zum Ausdruck gebracht, dass der körperliche Schutz von Minderjährigen absolute Priorität genießt.

„Aus einem Verbot, einen Eingriff vor Erreichen eines bestimmten Alters vorzunehmen,

resultiert keine Verschlechterung der Lage des gesunden Minderjährigen“. Ganz im

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persönliches Umfeld und ändern ihre Präferenzen auch sehr schnell wieder ab, ohne dass ihnen die langfristigen Konsequenzen einer derartigen Operation immer bewusst sind.172

Mit Erreichen des 16. Lebensjahres sind derartige Eingriffe unter weiteren Voraussetzungen prinzipiell durchführbar.

5.2. § 7 Abs 2 ÄsthOpG

Gem Abs 2 leg cit „darf eine ästhetische Behandlung oder Operation an Personen, die das

16. Lebensjahr vollendet und das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, nur durchgeführt werden“, sofern die Einwilligung der Erziehungsberechtigten und des

Patienten, entsprechende Aufklärung und Einsichtsfähigkeit vorausgesetzt, schriftlich erteilt wurde und „eine Abklärung allfälliger psychischer Störungen samt Beratung durch einen klinischen Psychologen, einen FA für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin oder einen FA für Kinder- und Jugendpsychiatrie“ vorliegt. Das ÄsthOpG verlangt damit abweichend von § 173 ABGB die Zustimmung beider Elternteile.

Die zwingend vorgesehene psychische Abklärung in dieser Altersgruppe soll davor schützen, dass Eingriffe aufgrund eines gestörten Selbst- oder Körperbildes des Patienten angestrebt werden oder aus sonstigen Beweggründen, die nicht der Realität entsprechen, durchgeführt werden. Gerade diese Phase des Erwachsenenwerdens ist geprägt durch Identitätsfindung und Veränderungen. Selbst- und Körperkonzept sind noch in Entwicklung und sind durch eine „Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und dem Versuch, einen eigenen Stil zu finden“, gekennzeichnet. Vorausschauende Entscheidungen treffen zu können, die mit einer nachhaltigen Veränderung des Körpers einhergehen, Konsequenzen und Risiken richtig einschätzen zu können, ist in der Adoleszenz häufig noch nicht in einem realistischen Maß möglich. Auch können Gespräche mit den Erziehungsberechtigten oder mit sonstigen Bezugspersonen im Vorfeld angebracht sein. Das psychologische Ergebnis ist dem behandelnden Arzt in schriftlicher Form zu übermitteln und in einer Befundbesprechung zu erörtern.173

Hinsichtlich der geistigen Reife sei auf das aktive Wahlrecht zum Nationalrat hingewiesen, das Minderjährigen ab Vollendung des 16. Lebensjahres zusteht. Der Gesetzgeber hat damit Minderjährigen Selbstbestimmtheit und Eigenverantwortlichkeit zuerkannt.174

172Joost, Schönheitsoperationen und Einwilligung Minderjähriger: Plädoyer für Altersgrenzen und

Ausschluss der Stellvertretung bei der Einwilligung in bedeutende kosmetische Eingriffe, in: Roxin/Schroth, Handbuch des Medizinstrafrechts4 (2010), 439.

173 ErlRV 1807 BlgNR 24. GP, Besonderer Teil, 10. 174 ErlRV 1807 BlgNR 24. GP, Besonderer Teil, 10.

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An diesem Beispiel ist zu erkennen, das Jugendlichen bereits vor Erreichen der Volljährigkeit zugetraut wird, an wichtigen innerstaatlichen Prozessen teil zu nehmen und iSe Willensfreiheit für sich eine Entscheidung zu treffen. Im Gegensatz dazu reicht der Wille der jungen Patienten für sich alleine nicht aus, um eine ästhetische Behandlung oder Operation durchführen zu lassen.

Wenn also eine Patientin bereits 16 Jahre alt ist, um das vorherige Beispiel fortzusetzen, bedarf es vor Durchführung einer Brustvergrößerung neben der Einwilligung der Patientin der Zustimmung ihrer Eltern und eines psychologischen Attests. Wenn die Eltern aber gegen einen derartigen Eingriff sind und die Tochter die Brustvergrößerung unbedingt vornehmen lassen will, darf der Arzt ohne beider Zustimmung nicht tätig werden. Ob mit einer solchen ablehnenden Entscheidung der Eltern das Wohl des Kindes gefährdet wäre, ist mE zu verneinen, da die psychische Gesundheit nicht darauf basieren sollte, sich unters „Messer zu legen“, um Anerkennung zu finden. Somit ist auch das Erfordernis der Zustimmung beider gesetzlicher Vertreter durchaus lobenswert.

Damit liegt es in der Verantwortung des behandelnden Arztes, aufgrund der vorliegenden psychologischen Ergebnisse zu entscheiden, ob er einen Eingriff durchführt. Gegen den Willen des Jugendlichen ist eine Behandlung wiederum nicht zulässig.

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Im Dokument Kosmetische Operationen im Spannungsfeld zum Strafrecht / eingereicht von: Claudia Skrabl (Seite 50-54)