1 Allgemeine Annäherung an den Hirten des Hermas

1.9 Quellen

Frage gestellt wird, ohne dass sie die Bedeutung der Allegorie im Hir- ten des Hermas leugnen.63

Was die verwendete Sprache angeht, ist sie das Griechisch der Koine, ähnlich dem, das in der griechischen Bibel und in den jüdi- schen und christlichen Apokryphen verwendet wird.64

1.9 Quellen

Im Gegensatz zu früheren Zeiten, in denen auf mögliche konkrete Quellen des Hirten des Hermas hingewiesen wurde, sind die Autoren heutzutage vorsichtiger. Hinsichtlich dieser Frage gibt es eine Schwie- rigkeit: Hermas zitiert keine anderen Werke mit einer Ausnahme und dort verweist er auf einen verschollenen jüdischen apokalypti- schen Text.65 Die Ähnlichkeiten im Inhalt mit anderen Texten schie-

nen auf direkte Beziehungen der literarischen Abhängigkeit zwischen dem Hirten des Hermas und anderen Werken schließen zu lassen. Die Wahrheit ist jedoch, dass diese Abhängigkeit nicht nachgewiesen wurde, und heutzutage spricht man vorzugsweise von einem gemein- samen Gedankengut von Ideen und kulturellen Traditionen, aus denen der Autor des Hermas und die Schriftsteller jener Zeit schöpfen.66 Her-

tungen, weil sie allegorisch stilisiert sind... Wer dieses Buch aufschlägt, trifft häufiger auf Allegorisches als auf Apokalyptisches… Die Kategorie ‚Allegorie‘ ist darum nicht nur quantitativ repräsentativer und häufiger verwendet, sondern zur Kennzeichnung der Lebens- und Vorstellungswelt und der Schriftstellerei des PH doch noch geeigne- ter als die der ‚Apokalypse‘“. Da der Hirt des Hermas eine große Sammlung und eine Komposition von ganz unterschiedlichen Allegorien ist, ist es besser das Werk als ein „Allegorienbuch“ darzustellen.

63 Vgl. Osiek, Shepherd, 11.

64 Vgl. Brox, Hirt, 43f. Brox zeigt Schwächen in der griechischen Sprache des Hermas in Inhalt und Form auf. Er weist hapax legomena nach und verbindet die vulgäre Natur der Sprache mit der sozialen Herkunft des Hermas. Er beobachtet Semitismen und einige wenige Latinismen. Aber aus der verwendeten Sprache kann man seiner Meinung nach nicht schließen, dass Hermas mit dem Hebräischen, Aramäischen oder Lateinischen vertraut wäre, da die Semitismen in der griechischen Bibel erscheinen und die Latinis- men typische Entlehnungen in der Koine dieser Zeit sind. Nach Zahn, Theodor von, Der Hirt des Hermas, Gotha 1868, 486 hat Hermas die Rede- und Denkweise eines Menschen des Volkes.

65 Vis II 3.4 und das Zitat aus Eldad und Moldad.

66 Brox, Hirt, 45 und Osiek, Shepherd, 24 zeigen, wie die Versuche, die literarischen Quellen des Hirten des Hermas zu bestimmen, gescheitert sind. Heute spricht man eher von allgemeinen Anspielungen oder literarischen Parallelen als von direkten Einflüssen.

mas übernimmt Materialien aus verschiedenen Quellen, aber er über- arbeitet sie so, dass sie oft nicht mehr erkennbar sind und einem ande- ren Zweck dienen, als sie ursprünglich hatten.

Im Text lassen sich Einflüsse der jüdischen Literatur erkennen.67

Abgesehen vom oben genannten einzigen Zitat scheint ein Einfluss von Motiven und Bildern der jüdischen Apokalyptik klar. Es ist auch ein jüdischer Einfluss zu erkennen in einer Ethik der beiden Wege. Darüber hinaus wurden Motive, die im Hirten des Hermas anzutreffen sind, schon in der intertestamentarischen jüdischen Literatur verwen- det.68 Dennoch ist die Existenz von klaren literarischen Abhängigkei-

ten nicht belegt worden. Die Semitismen des Textes können ein Ein- fluss der Septuaginta sein und das jüdische Gepräge im Text bedeutet nicht zwangsläufig, dass der Autor zur jüdischen Tradition gehörte, denn das jüdische Denken hinterließ klare Spuren im ganzen frühen Christentum.69 Trotz des jüdischen Einflusses ist es bemerkenswert,

dass das Judentum im Hirten des Hermas nicht einmal erwähnt wird.70

Klar scheint auch ein heidnischer Einfluss (weder jüdisch noch christlich) bei verschiedenen Motiven wie Arcadia, den Sibyllen, pasto- ral-literarischen Gemeinplätzen und so weiter zu sein. Diese Motive finden sich auch in der Volksliteratur und in der Volksweisheit und möglicherweise übernahm der Autor sie aus diesen Bereichen. Trotz aller Versuche kann keine direkte Verbindung mit konkreten Werken bewiesen werden.71

67 Vgl. Brox, Hirt, 49–51 und Osiek, Shepherd, 24f.

68 Vgl. Osiek, Shepherd, 24.

69 Vgl. Brox, Hirt, 50.

70 Vgl. Arnéra, Georges, Du rocher d`Isaïe aux douze montagnes d`Hermas, in: ETR 59 (1984) 218. In diesem Sinne auch Brox, Hirt, 55 („Im PH wird das Judentum igno- riert, verschwiegen und verdrängt. Die Kirche, vor allem erschaffen (Vis II 4,1), erdrückt alles und existiert ohne das jüdische Volk“) und Barnard, Studies, 157 („Hermas is not interested in Judaism as such. The Jewish nation and its privileges are never men- tioned; neither is there anything about the distinction between Jew und Gentile–in- deed an uninitiated reader of The Shepherd would not discover that Jewish nation had

ever existed”).

1.9 Quellen 21

Selbstverständlich kann man im Text große Ähnlichkeiten mit den evangelischen und paulinischen Überlieferungen finden.72 Basierend

auf der Idee, dass die Anwesenheit von bestimmten christlichen Texten im Rom des Hermas garantiert war, wurden viele mögliche Verbindun- gen aufgezählt. Es wird nun angenommen, dass die Ähnlichkeiten zwi- schen dem Hirten des Hermas und den Evangelien auf ein gemeinsa- mes „Gedankengut bzw. tradiertes Formelgut“ zurückzuführen sind.73

Besondere Verbindungen zwischen dem Hirten des Hermas und dem Jakobusbrief sind in zwei Fragen zu beobachten: den Fragen des Miss- trauens gegenüber dem Reichtum und der Beziehung zwischen Glaube und Werken. Aber selbst in diesem Fall ist die Behandlung der beiden Fragen nicht identisch, da Hermas nicht die Radikalität des Jakobus- briefs zeigt.74 Anschlüsse an Texte der frühchristlichen Literatur, wie

die Didache, sind erkennbar, aber eine gegenseitige Abhängigkeit lässt sich nicht beweisen. Es ist auch auffällig, dass es keinen Verweis auf den Ersten Clemensbrief gibt.75

Sobald heidnischer und jüdischer Einfluss anerkannt werden, wird heute debattiert, welcher dieser Einflüsse der vorherrschende ist. Es scheint, dass das frühe Christentum auf der einen Seite vom Juden- tum sehr geprägt war. Aber es ist auch klar, dass die Welt, in der Her- mas lebte, von der heidnischen Kultur beeinflusst wurde. Ohne einen dieser Einflüsse kann man den Hirten des Hermas nicht verstehen.76

72 Zu den christlichen Quellen vgl. Brox, Hirt, 45–49, Osiek, Shepherd, 26f. und Ver- heyden, Joseph, The Shepherd of Hermas and the Writings that later formed the New Testament, in: Gregory, Andrew F. / Tuckett, Christopher M., The Reception of the New Testament in the Apostolic Fathers, Oxford u.a. 2005, 293–329.

73 Vgl. Brox, Hirt, 48f.

74 Vgl. Osiek, Shepherd, 26.

75 Vgl. Brox, Hirt, 49.

76 Ebd., 54. Brox stellt fest: „Durch die wechselnde Thematik bedingt, verteilt sich Hel- lenistisches und Jüdisches unterschiedlich auf die einzelnen Teile, im Prinzip aber ist beides gleichzeitig gegenwärtig im PH. Und dieser Zustand des Buches ist nicht primär das Ergebnis einer literarischen Operation …, sondern Folge des Milieus, in dem H lebt und schreibt“. Die Frage der Quellen wird bei Brox, Hirt, 45–55, Osiek, Shepherd, 4–29 und Dibelius, Hirt, 424 ausführlicher behandelt.

Im Dokument Hausgemeinden und kirchliche Ämter im Hirten des Hermas (Seite 30-33)