5. Möglichkeiten und Grenzen der Tätigkeit der Kontaktfrauen

5.2. Qualifikationsanforderungen und Qualifikationserwerb

Wie ausführlich dargestellt wurde, haben Kontaktfrauen sehr viele Aufgaben wahrzunehmen, die einerseits gesetzlich festgelegt sind und die sich andererseits im Rahmen des Gleichstellungs-

162 Vgl Stelle der Gleichbehandlungsbeauftragten, Gleichbehandlungsbericht 2017 bis 2019, 103 ff. 163 Vgl https://www.wien.gv.at/sozialinfo/content/de/10/InstitutionDetail.do?it_1=2098217 (23. 2. 2021). 164 Vgl Stelle der Gleichbehandlungsbeauftragten, Gleichbehandlungsbericht 2017 bis 2019, 14 und 107. 165 Vgl Stelle der Gleichbehandlungsbeauftragten, Gleichbehandlungsbericht 2017 bis 2019, 31.

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programms in der Zusammenarbeit mit den Gleichbehandlungsbeauftragten und Dienststellen- leitungen ergeben. Um die dafür benötigten Kompetenzen zu gewährleisten, ist es notwendig und wichtig, dass Kontaktfrauen umfassend in ihren Aufgaben- und Wirkungsbereichen geschult sind. Es ergeben sich dabei jedoch besondere Herausforderungen: Sie müssen über umfassen- des Wissen hinsichtlich verschiedener Themenbereiche verfügen (Gleichbehandlungsrecht, Dienstrecht), sich aber auch abgrenzen und an die richtigen Stellen weiterleiten können, wenn sie für ein Thema nicht zuständig sind. Das ist zB dann der Fall, wenn sich eine Person aus an- deren Gründen als das Geschlecht benachteiligt fühlt (Diskriminierung aufgrund eines anderen geschützten Merkmals, Mobbing) oder die sich allgemein über Rechte im Zusammenhang mit Elternschaft informieren will.

Wie schon aufgezeigt wurde, gibt es im W-GBG keine Pflicht zur Fort- oder Weiterbildung. Le- gistisch wird das Recht darauf so gelöst, dass die Dienststellenleiter_innen Kontaktfrauen die Teilnahme an wesentlichen Aus- und Weiterbildungsveranstaltungen zu ermöglichen haben, jedoch nur, soweit es die dienstlichen Erfordernisse gestatten. Das Gesetz gibt jedoch keine Auskunft darüber, welche Wissensgebiete für die Ausübung der Funktion als Kontaktfrau we- sentlich, und daher erforderlich, sind. In einer früheren Version des W-GBG166 wurden hierzu

konkrete Themen genannt: Gleichbehandlung und Frauenförderung, Dienstrecht, einschließlich Dienstrechtsverfahren, Organisationsrecht, Reden und Verhandeln. Bei der umfassenden 11. Novellierung wurde dieser konkrete Bildungsauftrag durch die aktuelle Bestimmung ersetzt. Das B-GlBG gibt im ähnlich formulierten § 37 Abs 5 weiterhin diese konkreten Themengebiete vor und erweitert sie um den Bereich Menschenrechte. Diese Themen sollten auch für die Kon- taktfrauen des W-GBG die Mindestanforderung darstellen. Zusätzlich sollte aus psychologischer Sicht eine reflektierende Auseinandersetzung mit selbst erlebter Diskriminierung stattfinden. Denn immerhin haben 74,2 % der österreichischen Frauen sexuelle Belästigung erlebt, 28 % der Frauen fühlen sich im Berufsleben benachteiligt167. Es ist daher davon auszugehen, dass von

den 120 Kontaktfrauen ca 90 schon einmal in ihrem Leben sexuell belästigt wurden und sich ca 30 schon einmal im Berufsleben als Frau benachteiligt fühlten. Psychologisch gesehen ist es notwendig, sich der eigenen Betroffenheit und der eigenen Umgangsstrategien mit (sexueller) Belästigung und Diskriminierung bewusst zu werden, um eine betroffene Person kompetent und urteilsfrei unterstützen zu können. Dann wird es auch möglich sein, den jeweils persönlichen Weg der Betroffenen, mit dieser Situation umzugehen, wertungsfrei zu akzeptieren.168

166 LGBl 2001/21.

167 Vgl Kammer für Arbeiter und Angestellte für Oberösterreich, Arbeitsklima Index 04/2018,

https://ooe.arbeiterkammer.at/beratung/arbeitundgesundheit/arbeitsklima/arbeitsklima_index/Arbeitsklima_Index_201 8_November.html (23. 2. 2021).

168 Auf die Wichtigkeit von Selbsterfahrung in beratender Tätigkeit wird in zahlreicher psychologischer Fachliteratur

hingewiesen, sie findet auch rechtlich bei der Festlegung von Grundsätzen für den Erwerb fachlicher Kompetenz in Gesetzen und Verordnungen ihren Ausdruck: Vgl zB § 8 Abs 1 Z 3 Psychologengesetz 2013 BGBl I 2013/182 oder § 1 Z 1 lit b Lebens- und Sozialberatungs-Verordnung BGBl II 2003/140.

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Im Gegensatz zu den Kontaktfrauen, die aus den unterschiedlichsten Berufen kommen, sind die derzeitigen (stellvertretenden) Gleichbehandlungsbeauftragten ein multiprofessionelles Team mit Ausbildungs- bzw Erfahrungshintergrund in den Bereichen Rechtswissenschaften, Kommu- nikationswissenschaft, Psychologie und Pädagogik, Sozialarbeit, Gesundheitswesen und Ver- waltung. Insofern kann zur Beratung der betroffenen Person die zur Frage jeweils kompetentes- te Gleichbehandlungsbeauftragte herangezogen bzw von der zuständigen Gleichbehandlungs- beauftragten zu Rate gezogen werden.

In der Folge werden die laufenden Schulungsmaßnahmen für Kontaktfrauen dargestellt, wie sie in den Gleichbehandlungsberichten vorgestellt werden.

5.2.1. Zertifiziertes Schulungsprogramm für Kontaktfrauen

Seit 2009 bietet die Wien-Akademie ein spezielles Schulungsprogramm für Kontaktfrauen an, das gemeinsam mit der Stelle der Gleichbehandlungsbeauftragten entwickelt wurde. Es umfasst sechs modular aufgebaute Seminare, in deren Rahmen die Grundlagen der Tätigkeit einer Kon- taktfrau sowie Gesprächsführung, Fallarbeit und Umgang mit sexueller Belästigung behandelt werden. Als Vortragende fungieren die Gleichbehandlungsbeauftragten bzw externe Expert_innen. Nach Absolvierung aller Seminare erhalten die Kontaktfrauen ein entsprechendes Zertifikat. Dieses wird im Rahmen eines Vernetzungstreffens überreicht, zu dem die Frauen- stadträtin jedes Jahr anlässlich des Internationalen Frauentages eingeladen hat. Für Absolven- tinnen gibt es weiterführende Follow-up-Schulungen.

Die Gleichbehandlungsberichte geben leider keine Auskunft darüber, welche Inhalte diese Se- minare im Detail haben. Fraglich ist auch, ob die Nicht-Absolvierung des Schulungsprogramms eine Vernachlässigung der Pflichten der Kontaktfrau darstellt und einen Funktionsverlust zur Folge haben kann.

5.2.2. Fachkonferenz „Geschichte der Frauenbewegung“

Bei der Kontaktfrauenkonferenz zur Geschichte der Frauenbewegung im November 2014 fand in einem Mix aus Vortrag, Filmdokumentation und Diskussion mit Expertinnen und Aktivistinnen der Vergangenheit und der Gegenwart eine Auseinandersetzung mit zentralen Themen der neuen Frauenbewegung und deren Errungenschaften statt. Ebenso wurden relevante rechtliche Entwicklungen in verschiedenen Bereichen aufgezeigt.169

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5.2.3. Jubiläumsveranstaltung „20 Jahre Wiener Gleichbehandlungsgesetz“

Im September 2016 fand anlässlich des 20-jährigen Bestehens des W-GBG im Rathaus eine Jubiläums- und Fachveranstaltung statt. Dabei wurde ein zeitlicher Bogen von der Entstehung des W-GBG über die erzielten Erfolge bis hin zur Gegenwart gespannt und zukünftige Visionen diskutiert. In diesem Rahmen wurde eine Vielzahl von engagierten (Vor)Kämpfer_innen auf allen Ebenen, sowie Führungskräfte und deren Engagement gewürdigt. Hervorgehoben wurde auch, dass ohne klares Bekenntnis der Dienstgeberin die großen und kleinen Fortschritte nicht mög- lich gewesen wären. Bei dieser Veranstaltung kamen auch Kontaktfrauen, die seit Einführung des W-GBG diese Funktion innehatten, zu den sich ständig verändernden Tätigkeiten und den damit verbundenen Herausforderungen zu Wort. Die Themen der Beiträge reichten von Gleich- stellung im Recht über die Aufgaben der Wiener Gleichbehandlungskommission bis hin zu se- xueller Belästigung aus der Sicht der Gleichbehandlungsanwaltschaft. Als Vortragende waren ua die Vorsitzende der Wiener Gleichbehandlungskommission sowie die Leiterin der Gleichbe- handlungsanwaltschaft geladen. Durch das Kennenlernen der Personen hinter den Institutionen und der praxisnahen Darstellung wurden diese – oft abstrakten – Themen greifbarer. Abschlie- ßend wurde auch das Thema Männer im Gleichstellungsprozess behandelt. Dabei wurde im Besonderen die Wichtigkeit der partnerschaftlichen Verteilung von Beruf und Familie betont.170

5.2.4. Fachkonferenz „Diskriminierungsfreie Personalauswahl“

Im Dezember 2016 und im November 2017 fanden jeweils Kontaktfrauenkonferenzen zum Thema „Diskriminierungsfreie Personalauswahl der Gemeinde Wien – Meine Rolle als Kontakt- frau“ statt. Dabei wurde einerseits die Rolle der Kontaktfrau im Personalauswahlprozess reflek- tiert und andererseits der Umgang mit möglichen Diskriminierungen thematisiert. In einer Mi- schung aus Vortrag und Workshop sollte eine Sensibilisierung für Themen wie Neutralität, Un- voreingenommenheit, Diskriminierung und persönliche Wahrnehmungsfehler im Auswahlverfah- ren stattfinden. Außerdem wurden anhand von prototypischen Beispielsituationen für diskrimi- nierende Verhaltensweisen konkrete Handlungsoptionen erarbeitet.171

Im Dokument Die Kontaktfrauen als Beratungs- und Betreuungsinstitution des Wiener Gleichbehandlungsgesetzes / eingereicht von Mag. Dr. Ingrid Seczer (Seite 47-50)