2. Vertrauen und soziale Beziehungen

2.2 Verwandtschaft: Vorgegebene und verhandelbare Beziehungen

2.2.2 Prozesse sozialer Praktiken

Ab Mitte der 1990er Jahre erfährt Verwandtschaft mit einer neuen Richtung der Ver- wandtschaftsethnologie, den so genannten New Kinship Studies, eine Wiederbelebung. Sie wird seitdem nicht mehr als festgelegtes und unveränderbares Gefüge verstanden, sondern

22 als ein fluider und flexibler Prozess, den die Akteure durch ihre Handlungen gestalten (Cars- ten 1997, 2000, 2001). Der Fokus verlagert sich von Strukturen und Biologie als Indikator für Verwandtschaft auf soziale Praktiken der Akteure und deren individuelle Handlungsfreiheit (agency). Dieser Begriff umschreibt die Möglichkeiten einzelner Akteure zur Einflussnahme und Gestaltung von verwandtschaftlichen Beziehungen. Als Gegenpol zu nature (Biologie) gewinnt der Begriff nurture an Bedeutung, der soziale Handlungen wie Zusammenleben, Teilen von Nahrung, Fürsorge und Versorgung umfasst, die nun als verwandtschaftskonstitu- ierende Faktoren behandelt werden. Dabei werden nicht nur biologische, sondern auch strukturelle und normative Aspekte vernachlässigt, denen unterstellt wird, dass sie keinen Einfluss auf die soziale Praxis hätten: Biologie spiele bei Verwandtschaft nicht zwangsläufig die konstituierende Rolle, während der strukturelle Rahmen und Normen keinen Aufschluss über tatsächlich gelebte Erfahrungen von Verwandtschaft geben würden. Dies führt dazu, dass der Untersuchungsgegenstand von einem Extrem (Struktur) in das andere (Handlung) umschlägt. Obwohl dieser polarisierende Ansatz inzwischen als überholt gilt, ist dieses kul- tursensible und flexible Verständnis von Verwandtschaft eine bedeutende Errungenschaft der New Kinship Studies (Carsten 2000: 1ff., Schnegg et al.: 2010: 25, Stone 2006b: 241). Die Ethnologin Carsten ist eine wichtige Vertreterin dieser Richtung. Sie versteht unter Ver- wandtschaft einen Prozess, der durch Handlungen einzelner Akteure ständig geschaffen und umgestaltet wird: “Kinship itself is always being created and transformed“ (Carsten 1997: 27). Um dem flexiblen und fluiden Verständnis von Verwandtschaft gerecht zu werden, er- setzt sie den von westlichen Vorstellungen geprägten Begriff ´kinship` durch ´relatedness` (ebd.: 1), also ´Verbundensein` (Schnegg et al. 2010: 11). ´Verwandtsein` eignet sich meiner Meinung nach weniger als Übersetzung von ´relatedness`, da er allzu schnell mit Verwandt- schaft und Biologie als verwandtschaftsstiftenden Faktor assoziiert werden kann. Gerade diesen Beigeschmack will Carsten verhindern und stattdessen eine Offenheit für lokale Kon- zepte und Bedeutungen ausdrücken. Anhand von relatedness sollen lokale Aussagen, Erfah- rungen und Praktiken von Verbundenheit hinsichtlich ihrer kulturspezifischen Besonderheiten und deren innewohnenden Bedeutungen untersucht werden (ebd.: 1ff.). Zudem sollen der hohe Grad an Gestaltungsreichtum, Wandlungsfähigkeit und Ungebundenheit im Gegensatz zu einem Verwandtschaftsverständnis, das auf einer strikten Trennung von Biologischem und Sozialem gründe, verdeutlicht werden (ebd.: 24).

Carsten ist sich dessen bewusst, dass dieser neue Begriff kritikanfällig ist: Im zu eng gefass- ten Sinne verstanden würde er ausschließlich Beziehungen auf der Basis von Genealogien beschreiben. Damit sei eine Loslösung von der Besetzung mit Biologie nicht gegeben, und ein begrifflicher Austausch fragwürdig. Zu weit aufgefasst würde er andere Typen von sozia- len Beziehungen einschließen, die in lokalen Kontexten unter ´Verbundensein` fallen wür- den. Dann bestünde das Risiko eines zu vagen Arbeitskonzeptes, die analytische Trennung

23 von anderen sozialen Beziehungstypen wie Freundschaft wäre aufgehoben. Darüber hinaus können grundlegende Problematiken wie die Voreingenommenheit von Ethnologen gegen- über einem Themenbereich nicht einfach durch den Austausch von Begrifflichkeiten gelöst werden (Carsten 2000: 1-5, Hauser-Schäublin 2010: 253). Carsten hält dennoch daran fest, um sich von einer westlich geprägten Vorstellung von Verwandtschaft zu lösen und interkul- turelle Vergleiche verschiedener Formen von Verbundensein zu ermöglichen:

“´Relatedness` makes possible comparisons between Iñupiat and English or Nuer ways of being related without relying on arbitrary distinction between biology and culture, and without presupposing what kin- ship constitute” (Carsten 2000: 5).

Sie zweifelt wie Schneider an Biologie als den einzig definierenden Faktor von Verwandt- schaft und lehnt eine Unterscheidung von biologischen und sozialen Beziehungen ab. Ver- schiedene Arten von Verbundensein beruhen nach ihr nicht nur auf genealogischen Verbin- dungen und Heirat, sondern auch auf Adoption und spezifisch lokalen Praktiken, die sich aus verschiedenen Komponenten wie Substanz, Nahrung, Zusammenleben, Teilen von Essen und Wohnraum sowie Emotionen zusammensetzen und im jeweiligen Kontext sehr bedeut- sam sind (ebd.: 1ff., 1997: 27f.). Unterschiedliche ´cultures of relatedness` (Carsten 2001: 31) stellen ein Kontinuum verschiedener Beziehungsarten dar, die permanent neu konstruiert werden, was Arbeit und auch Stress für alle Beteiligten impliziere (Carsten 2000: 26ff.). Im Zusammenhang mit diesem Verwandtschaftsverständnis gewinnt der Begriff ´Substanz` an Bedeutung, da Bildung und Erhaltung von Verbundensein mit Austausch und Inkorporie- rung von Substanz einhergehen kann7 (Carsten 2001: 30). ´Substanz` bezeichnet generell eine einem Phänomen zugrundeliegende essentielle oder reale Sache oder im Gegensatz zu etwas Ungreifbarem wie Gehörtem oder Vorgestelltem eine feste, stabile Materie, Geld oder Eigentum (Wikipedia 31.03.2011). Neue Verwandtschaftsstudien ergeben, dass neben Blut körperliche Substanzen wie Schweiß, Fleisch, Samen und Muttermilch sowie nicht- körperliche Substanzen wichtige Faktoren sein können, die Verwandtschaft konvertibel und übertragbar machen (Carsten 2000: 21f., 32, 2001: 46f., Hauser-Schäublin 2010: 257). Cars- ten stellt fest, dass auf einer malaysischen Insel verwandtschaftsbildende Prozesse unter- schiedliche Substanzen einschließen. Identität wie auch Verwandtschaft sind nicht festge- legt, sondern flexibel und fließend, einerseits durch Geburt gegeben, andererseits werden sie durch gelebte – vorgegebene wie erworbene – Beziehungen ständig verändert:

“Identity is always mutable and fluid; it is both given at birth through ties of procreation, but perhaps more importantly, it is also acquired throughout life by living together in one house and sharing food. Notions about bodily substance, in which blood is central, stress the changeability and fluidity of blood, which is altered through the consumption of different foods. Eating together creates shared blood, that is, kinship“ (Carsten 2001: 4).

Der Begriff ´Substanz` bietet sich zwar an, um Übertragbarkeit und Konvertibilität von Ver- bundensein auszudrücken, ist jedoch gleichzeitig problematisch: Aufgrund seiner Bedeu-

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Bereits Schneider beschäftigt sich damit. Er versteht Blut als grundlegende Substanz von amerikanischer Verwandtschaft, das darüber hinaus auch biogenetische Substanz symbolisiere (Schneider 1980: 23ff.).

24 tungsvielfalt birgt er Unstimmigkeiten und kommt häufig nicht im Sprachwortschatz der un- tersuchten Kultur vor. Carsten warnt vor einer neuen konstruierten Dichotomie zwischen dem Westen und dem ´Rest`, die auf einem festgelegten, unveränderlichen Verständnis von Sub- stanz in westlichen Gesellschaften und einem fluiden, flexiblen in anderen basiert (Carsten 2001: 30, 47ff.).

Insgesamt greift Carsten Schneiders kultursensiblen Verwandtschaftsansatz auf, ordnet je- doch Verwandtschaft dem sozialen Kontext zu und spricht sich für einen vergleichenden An- satz aus. Sie schließt sich Needham sowie Barnard und Good an, insofern sie sich nicht auf starren Verwandtschaftsmodellen ausruht, die als Produkt ethnologischer Konzepte nicht unbedingt realen Beziehungen entsprechen. So sollte etwa in patrilinearen Gesellschaften unvoreingenommen untersucht werden, wie sehr gelebte Beziehungen tatsächlich durch die Regeln der Sozialorganisation in patrilinearen Abstammungsgruppen festgelegt sind. Insbe- sondere Barnard und Good plädieren dafür, nicht zu sehr an solchen Konzepten festzuhal- ten, die nicht zwangsläufig mit den Besonderheiten lokaler sozialer Institution und Organisa- tion übereinstimmen müssten (Barnard/Good 1984: ix, 3, Carsten 2000: 14f., Needham 2006: 207ff., 217ff.). Ein bewusster Umgang mit Voreingenommenheit gegenüber in der Eth- nologie gängigen Konzepten – mag es sich allgemein um ´Verwandtschaft` oder speziell um ´patrilineare Abstammungsgruppen` handeln – ermöglicht einen offenen Blick auf tatsächli- che Beziehungen im lokalen Kontext. Dieser ist auch bei einer Untersuchung einer nordalba- nischen Bevölkerungsgruppe von Nutzen, um sich nicht von patrilinearen Strukturen als strukturellen handlungsdeterminierenden Rahmen blenden zu lassen.

Nach der Wiederaufnahme von Verwandtschaft in der Ethnologie seit Mitte der 1990er Jahre werden zwar lokale Konzeptionen berücksichtigt, wie von Schneider verlangt, doch die New

Kinship Studies erfüllen seine Forderung nach einer Untersuchung von Verwandtschaft auf

rein kultureller Ebene nicht. Stattdessen wird der sozialen Handlungsebene eine hohe Ge- wichtung beigemessen. Letztlich hat Schneiders destruktiver Beitrag doch positive Folgen: Ethnologen – auf ihre eurozentristische, emische Perspektive auf Verwandtschaft aufmerk- sam gemacht – wenden heute kultursensiblere Ansätze an und legen auf lokale und kontext- spezifische Praktiken und Bedeutungen von Verwandtschaft oder Verbundensein Wert (Sto- ne 2006c: 331-339). Mittlerweile wird Biologie in ethnologischen Verwandtschaftsstudien aufgrund neuer sozialer Entwicklungen in Europa und Amerika wieder mehr berücksichtigt. Neue reproduktive Technologien, die eine essentielle Rolle in der Destabilisierung von Natur im menschlichen Fortpflanzungsprozess einnehmen, sowie vom traditionellen Modell abwei- chende Familienkonstellationen wie Adoption, Scheidung, Wiederheirat oder homosexuelle Ehen sind Beispiele für gegenwärtige Veränderungsprozesse verwandtschaftlicher Bezie- hungen, die heute in der Verwandtschaftsethnologie reflektiert werden. Biologie wird als ver- wandtschaftskonstituierender Faktor hinterfragt und herausgefordert, gleichzeitig aber auch

25 als ein potentieller Faktor berücksichtigt, indem ihr eine hohe Gewichtung beim Aushandeln von Verwandtsein eingeräumt wird. Blut als verwandtschaftskonstituierende Substanz mit symbolischer Wirkkraft wird durch den technologischen Fortschritt depersonalisiert, neutrali- siert und auch kommerzialisiert. Zudem werden heute strukturelle Rahmenbedingungen und formelle Grundlagen von Verwandtschaft wieder als grundlegende Aspekte von Verwandt- schaft verstanden und untersucht – wenn auch mit einer anderen Gewichtung und auf neue Weise (Carsten 2000: 11f., Hauser-Schäublin 2010, Miller 2007, Schnegg et al. 2010: 10ff., Stone 2006c: 331-339).

Im Dokument An der Peripherie : Alltag und soziale Beziehungen im Kontext von Migration und Urbanisierung am Beispiel einer informell gegründeten Siedlung in Tirana, Albanien (Seite 32-36)