Die Presbyter

Im Dokument Hausgemeinden und kirchliche Ämter im Hirten des Hermas (Seite 53-58)

2 Die Kirche im Hirten des Hermas

2.7 Kirchliche Ämter und Dienste im Hirten des Hermas

2.7.1 Die Presbyter

Im Hirten des Hermas finden sich zwei klare Hinweise auf die Presby- ter in Vis II 4,2–3 und Vis III 1,8 und mögliche Anspielungen auf sie in Vis II 2,6, Vis III 9,7, Sim VIII 7,4 und Sim IX, 31,5–6.

Im Vis II 4,2–3 erscheinen die Presbyter explizit als Gemein- deleiter. Wie Osiek feststellt, ist diese die spezifischste Erwähnung einer bestimmten Organisation der Gemeinde, die im Text zu finden ist.94 Dies kann helfen, das, was im Hirten des Hermas an anderen

Stellen über die Leiter der Gemeinde gesagt wird, auf die Presbyter anzuwenden.

Die Stelle Vis III 1.8 zeigt uns die Szene, in der Hermas den Pres- bytern die vorderen Plätze anbietet und die Greisin des Visionenbuchs sich dagegen ausspricht. Man kann diese Szene in Verbindung mit Vis III 9,7 bringen, eine Stelle, in der von den Vorstehern der Kirche und ihren Vorsitzenden gesprochen wird, und mit Sim VIII 7.4, einer anderen Stelle, wo die Rede ist von Streitenden um Vorrang und Ehre. Außerdem kann das Bild des Hirten in Sim IX 31,4–6 auf diejenigen übertragen werden, die die Gemeinschaft führen und auf die Mög- lichkeit, dass sie für ihr Verhalten zur Rechenschaft gezogen werden.95

Diese Stelle, zusammen mit Vis II 2.6, in der die Vorsteher der Gemeinde aufgerufen werden, ihr Leben anders einzurichten, ver- mittelt uns ein besonderes Bild der Presbyter. Es steht ihr Status als Gemeindeleiter außer Frage, aber die Anspielungen im Text spre- chen eher von einer Beurteilung ihres Verhaltens aus einer morali- schen Perspektive und nicht so sehr vom Anliegen ihre Funktionen zu beschreiben.96

94 Osiek, Shepherd, 22.

95 Brox, Hirt, 534 bemerkt, dass der von Hermas hier verwendete Begriff vom „Hirt“ von dem im ganzen Text verwendeten sich unterscheidet. Wie Mühlsteiger, Johan- nes, Zum Verfassungsrecht der Frühkirche, in: ZKTh 99 (1977) 280 feststellt, ist das Wort „Hirt“ an dieser Stellte eher ein durch die Tradition geprägter Begriff. Er ist me- taphorisch verwendet worden, um die „Funktionen und die Bedeutung der Stellung“ des Gemeindeleiters zum Ausdruck zu bringen.

96 Campenhausen, Hans von, Kirchliches Amt und geistliche Vollmacht in den ersten drei Jahrhunderten (BHTh 14), Tübingen 1953, 104 macht darauf aufmerksam, wie dieses Bild der Presbyter der Enge und Kleinlichkeit des kirchlichen Alltags, mit ihren Eifersüchteleien und Streitigkeiten entspricht.

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Wichtig ist die Tatsache, dass Hermas im Gegensatz zu 1 Clem.

nicht von den gottesdienstlichen Funktionen der Presbyter spricht.97

2.7.2 Die Episkopen

Die Episkopen werden explizit in Vis III 5,1 und Sim IX 27,2 erwähnt. In beiden Fällen wird ein positives Bild vermittelt: im ersten Fall mit dem Hinweis auf diejenigen, die in Heiligkeit ihr Amt ausüben und im zweiten Fall auf ihre Gastfreundschaft. Anscheinend hilft Sim IX 27,2 herauszufinden, dass die Gastfreundschaft und die Fürsorge für Bedürftige und Witwen kennzeichnend für die Episkopen sind. Aber aus dieser Stelle geht hervor, dass es keine ausschließliche Aufgabe der Episkopen war, sondern es werden auch andere gastfreundliche Men- schen erwähnt.98 Auf jeden Fall spricht man im Hirten des Hermas

von Episkopen im Plural, und es ist unklar, welche Art von Beziehung es zwischen Episkopen und Diakonen gibt.

2.7.3 Die Diakone

Die Diakone sind explizit in Vis III 5,1 und Sim IX 26,2 erwähnt. In Vis III 5.1 werden sie zusammen mit den Aposteln, Episkopen und Lehrern positiv genannt. Es wird gelobt, dass sie ihren Dienst an den „Auserwählten Gottes“ angemessen erfüllen. In Sim IX 26,2 stehen wir dagegen vor einer harschen Kritik an Diakonen, die ihre Aufgabe

97 Vgl. Campenhausen, Amt, 104.

98 Brox, Hirt, 535 stellt die Position einiger Autoren wie Dibelius bezüglich eines mög- lichen liturgischen Diensts der Episkopen und Diakone in Frage. In der Tat stellt Di- belius, Hirt, 634 fest, dass man vermutlich das Recht der Episkopen zur Leitung des Gottesdienstes aus Sim IX 27,3 erschließen kann. Aber Dibelius selbst bemerkt, dass dies nicht mit Gewissheit aus dem Begriff λειτουργοῦντες an dieser Stelle abgelei- tet werden kann. Er untermauert allerdings seine These durch zwei Zeugen, die „den ‚Hirten‘ der Zeit nach einrahmen und gleichfalls aus Rom stammen“. Justin, der etwas später als Hermas schrieb, „kennt (Just. 1 apol. 67,6) einen Leiter des Gottesdienstes,

der zugleich Fürsorgebeamter für Waisen, Witwen, Kranke, Gefangene und Fremde ist“. Vor dem Hirten des Hermas „sind nach 1 Clem. in Korinth Presbyter, welche die

Gaben im Gottesdiensten darbrachten (1 Clem. 44,4,5), also Kultusleiter“. Brox glaubt

jedoch, dass der „sonstige Gebrauch von λειτουργέω im Hirten des Hermas (Mand V 1,2.3, Sim VII 6) das gar nicht nahe legt und dass dieses Verb an der Stelle Sim IX 27,3 „den Sinn privatistischer Frömmigkeit“ hat.

nicht erfüllen. In diesem Fall gibt es mehr Informationen über ihre möglichen Funktionen: die Verwaltung der Mittel für die Betreuung der Witwen und Waisen. Diese Stelle erinnert uns an die Aufgabe, die den Episkopen in Sim IX 27,2 zugeschrieben wird. Es ist möglich, dass die Diakone in Zusammenarbeit mit den Episkopen diese Auf- gabe erfüllen.

2.7.4 Die Lehrer

Im gesamten Text gibt es mehrere Hinweise auf die Lehrer. Man kann feststellen, dass über die Lehrer nicht immer in gleichem Sinne gespro- chen wird. Deshalb werde ich die verschiedenen Hinweise in Betracht ziehen.

In Vis III 5.1 erscheinen die Lehrer in der Liste der Grundsteine der Kirche zusammen mit Aposteln, Diakonen und Episkopen. Nach Brox gehörten diese Lehrer zu den Erstverkündigern des Christen- tums, „auf die Hermas die Kirche gebaut sieht“.99 Ein Teil von ihnen

ist zu dieser Zeit bereits verstorben, ein anderer lebt noch. Aber im Hirten des Hermas wird der Begriff der Lehrer manchmal im enge- ren Sinne verwendet. In Sim IX 15,4; 16,5 und 25,2 erweist sich das Binom „Apostel und Lehrer“ als ein festes Wortpaar. Hier gehören die Lehrer eindeutig der Vergangenheit an und sie sind nicht von den Aposteln zu unterscheiden.

Man findet in den Hinweisen auf Lehrer, die in der Kirche des Her- mas tätig sind, verschiedene Gruppen.100 In Mand IV 3.1 ist die Rede

von einer Reihe von Lehrern, die eine rigorose Position zur Buße (ohne die Möglichkeit der Buße nach der Taufe) einnehmen. Hermas teilt diese Position, obwohl er sie modifiziert. Eine zweite Gruppe der Hin- weise verweist auf die falschen Lehrer (Sim VIII 6,5, Sim IX 19,2; 22,1–2).

99 Brox, Hirt, 535.

100 Leutzsch, Wahrnehmung, 74 erwähnt die merkwürdige Tatsache, dass Hermas nur von solchen lebendigen Lehrern spricht, „die seinen eigenen dogmatischen und mo- ralischen Standards nicht entsprechen“. Deshalb ist es nicht leicht, sich „ein Bild vom christlichen Lehrbetrieb in Rom zu machen“. Leutzsch bemerkt, dass es Konflikte zwi- schen (Gruppen von) Lehrern geben kann, die um die rechte Lehre streiten. Konflikte zwischen Lehren und anderen „Rollenträgern“ der Gemeinde können sich auch erge- ben, wenn „Lehrer Einflussbereiche und -möglichkeiten beanspruchen und benutzen“, die ihnen nicht gehören (74 in fine).

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2.7.5 Die Apostel

Brox stellt fest, dass außer in der Erwähnung Sim IX 17,1 die Apostel entweder zusammen mit den Episkopen, Lehrern und Diakonen (Vis III 5,1) oder im Binom „Apostel und Lehrer“ erscheinen.101 In jedem

Fall stellen sie Größen der Vergangenheit dar, die in der Gegenwart keine kirchliche Funktion mehr erfüllen.102

2.7.6 Die Propheten

Wie bei den Lehrern muss man zwei Fälle unterscheiden. In Sim IX, 15,4 wird auf einige Propheten des Alten Testaments Bezug genom- men. Die anderen Hinweise beziehen sich auf gegenwärtigen Prophe- ten, die im Gemeindeleben eine aktive Rolle übernehmen.

Bemerkenswert ist eine Tatsache: In den Listen, in denen die Grö- ßen der Gemeinde in der Vergangenheit aufgezählt werden, wie in Vis III 5.1, gibt es keinen Verweis auf die Propheten. Offenbar werden sie nicht in die kirchengründenden Gruppe aufgenommen, im Gegensatz zu den Aposteln, Episkopen, Lehrern und Diakonen.103 In der Tat sind

alle Verweise auf die in der Gemeinde tätigen Propheten auf Mand XI beschränkt. Die Gründe für diese Tatsache sind nicht klar.104 Gele-

101 Vgl. Brox, Hirt, 538.

102 Vgl. Dibelius, Hirt, 466.

103 Vgl. Brox, Hirt, 539.

104 Harnack, Adolf von, Die Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten. 1.Band. Die Mission in Wort und Tat, Leipzig 21924, 285 erklärt,

dass Hermas in seiner „Hierarchie“ nicht die Propheten erwähnt, da er sich selbst zu ihnen rechnet. Man „darf diese Nichterwähnung des Propheten in diesem Fall als eine absichtliche“ auffassen. Brox, Hirt, 539 bestreitet, dass Hermas ein Prophet ist. Des- halb sucht er eine andere Erklärung. Die Propheten haben einen dauer-charismatischen Charakter. „Märtyrer und Propheten überbieten die kirchlichen Ämter, indem sie in der Außerordentlichkeit ihrer Rolle ‚jenseits‘ der Ämterordnung und rangmäßig über ihnen stehen. Ihre Position ist unmittelbar von Gott anerkannt bzw. gegeben“. Sie sind „in ihrer Besonderheit zwar der Kirche, aber nicht der Hierarchie zuzuzählen“.Nach Aune, David E., Prophecy in early Christianity and the ancient Mediterranean Wor- ld, Grand Rapids, Michigan 1983, 209f. stellen die Propheten vielleicht nicht eine all- gemeine Kategorie der christlichen Vorsteher wie die Apostel, Episkopen, Lehrer und Diakone dar oder es handelt sich um eine vorsätzliche Unterlassung, denn Hermas will eine Art der falschen Propheten diskreditieren, mit denen er bekannt war (Mand XI).

gentlich wollte man im Hirten des Hermas den Konflikt zwischen Ämtern und Charismen (u.a. die Propheten) herauslesen. Tatsache ist, dass man im Text kein Anzeichen dieses Konflikts erkennen kann.105

Einige Autoren sind der Meinung, dass es im zweiten Jahrhundert einen Rückgang des Phänomens der Prophetie gab, der sich irgendwie im Hirten des Hermas widerspiegelt.106 Hingegen verteidigt Brox die

Relevanz der Prophetie in dieser Gemeinschaft und beobachtet eher die Ablehnung divinatorischer Praktiken.107 Manche Autoren haben

in Hintergrund von Mand IX einen Konflikt zwischen zwei christli- chen prophetischen Traditionen in der Gemeinde des Hermas in Rom erkannt: die Prophetie, die Hermas vertritt, und eine christliche Man- tik, die mit der griechisch-römischen Wahrsagung zu tun hat.108

In Mand XI werden uns Kriterien für die Unterscheidung zwischen wahren und falschen Propheten angeboten. Es gibt aber keine Infor-

105 Vgl. Campenhausen, Amt, 103f. „Zwischen Geistesmännern und Amtsträgern scheint … das beste Einvernehmen zu bestehen“. Im ganzen Buch gibt es „keine Spur einer Kon- kurrenz zwischen prophetischen und amtlichen Instanzen“ (104). Reiling, Prophecy, 12 stellt fest, dass es im Hirten des Hermas eine Art von Prophet gibt, die mit den Ge- meindeleitern zu kooperieren scheint. Brox, Hirt, 540 registriert „Ehrgeiz, Rivalität und Machtgelüste im Klerus, weiter wahrscheinlich nichts“.

106 Dibelius, Hirt, 538–540 spricht vom Verfall der urchristlichen Prophetie des zweiten Jahrhunderts. Seiner Meinung nach ist die Didache ein deutlicher Beweis dafür, dass die Prophetie in den Gemeinden „im Ansehen sinkt. Der Verfall hängt einmal mit dem Missbrauch zusammen, den einzelne mit der prophetischen Autorität getrieben haben (Did. 11 8–12); sodann damit, dass der Geltungsbereich des wandernden Propheten gegenüber dem im Wachsen begriffenen Ansehen der seßhaften Funktionäre immer beschränkter wird“ (539). Auch bei Hermas tritt das prophetische Selbstbewusstsein zurück. In der Religionsgeschichte ist die Entwicklung von Pneumatikertum zur Zau- berei seiner Meinung nach nachweisbar. In diesem Sinne auch Joly, Hermas, 40.

107 Vgl. Brox, Hirt, 265. Im zweiten Jahrhundert gebe es einen starken Synkretismus im Christentum, „unter dessen Einfluss pagane Mantik in die Kirche wie anderswo … ein- geschleust wurde und auf viel Sympathie … traf. Die Prophetie musste sich durchsetzen und die Mantik als Heidentum eliminieren, was seine Schwierigkeiten hatte, weil die Mantik in den unzähligen privaten Belangen hilfreicher war und an diesen bei vielen Christen ein vitaleres Interesse bestand als an der Prophetie in der Gemeinde“.

108 In diesem Sinne Reiling, Prophecy, 44–48.73–95. Reiling beschreibt die Verbindun- gen zwischen der griechisch-römischen und der christlichen μάντις. In Mand XI kann man nach seiner Meinung ein Bild dieser christlichen Wahrsagung finden. „One would almost forget that he [the Christian μάντις] operates within the church and that his following consists of church members. Yet this is unmistakably the case. The writer is clearly intent on bringing out how deeply this form of paganism had made its way into the Christian community“ (95). In diesem Sinne auch Aune, Prophecy, 226f.

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mationen über den Inhalt der orthodoxen und falschen Prophetie. Die Unterschiede zwischen wahren und falschen Propheten beziehen sich auf die Lebensweise, die beide Prophetenarten führen, ihre morali- schen Haltungen und das Verhältnis zur Gemeinde (z.B. die Geldan- nahme für die Prophetie, Privatanliegen und Zukunftshoffnungen als Gegenstand der Fragen und Antworten, die Suche nach den ersten Plätzen in der Versammlung, die Nichtteilnahme an Hauptversamm- lungen der Gemeinde etc.).109

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