Praktiken des Lesens von Literatur in der Hauptschule in komparativer

2. Prozessorientierte Darstellung der Analyseergebnisse

2.3 U1: „Ich male mir den Winter“ ein „Malgedicht“

2.3.2 Analyse der Praktiken – Sequenzanalyse

2.3.2.5 Praktiken in der Phase der Texterarbeitung

- fragend-entwickelndes Gespräch: Textsorten ermitteln - Textsorte begründen am Text (Textform analysieren)

Am Ende der Stunde möchte Frau Rot anhand von Textmerkmalen die Textgattung bestimmt haben. Dies geschieht zwar nicht mehr über einen zusätzlichen Lesevorgang, aber damit die Schülerinnen und Schüler die Merkmale herausarbeiten können, müssen sie sich den Text noch einmal durchlesen. Die Lehrerin geht dann gemeinsam mit den Kindern den Text noch einmal durch (Unterrichtstranskript U1, Teil IX, Zeile 10-54) und möchte über Fragen zu den Merkmalen der Textsorte Gedicht kommen. Ihr wichtigstes Merkmal ist der „Reim“. Unter Reim versteht die Lehrerin Endreim. Diese Vorgehensweise überrascht insofern nicht, als die Lehrerin wahrscheinlich über einen analytischen Zugang Grundkenntnisse des Literarischen, der literarischen Form vermitteln möchte. Sie wählt für diese Analyse das fragend- entwickelnde Unterrichtsgespräch wie am Transkript der Unterrichtsstunde deutlich wird: ┌---

│L [ skifahren ok. schön gemacht setzt euch. so jetzt die 10 └--- ┌---

│L [ frage an euch jetzt haben wir hier diese vier teile .. 11 └--- ┌---

│L [ des textes aber je dieser text hat eine bestimmte art 12 └--- ┌---

│L [ das ist eine bestimmte form eine textes wer hat denn ei 13 └--- ┌---

│L [ ne idee was das für ein text ist? (6s) Antonia │23[ ein ge

14 └--- ┌---

│L [ ein gedicht aha. .. und wie wie kommst du darauf │23[ dicht.

┌---

│L [ dass es ein gedicht ist? es reimt sic │23[ weil es sich reimt

16 └--- ┌---

│L ┌ h kannst du mir mal ein beispiel sagen wo reimt es sic │ └ Lehrerin verlässt Platz am Fenster und geht zu 17 └--- ┌---

│L ┌ h denn sag mir mal │ └ r Tafel

│23[ in dem ganzen text so alles es passt alles zusam 18 └--- ┌---

│L [ ein beispiel les mir mal vor wo du sagst da reimt sic │23[ men

19 └--- ┌---

│L [ hs

│23[ ich male ein bild ein schönes bild das passt so gu 20 └--- ┌---

│L [ das passt schon gut reimt sich da was ich mal ein bil │23[ t

21 └--- ┌---

│L [ d ein schönes bild .. Antonio

│18[ nein da reimt sich eigent 22 └--- ┌---

│L [ bleiben wir mal bei der .. ERSTEN .. st │18[ lich gar nix fast

23 └--- ┌---

│L [ rophe es ist nämlich ein gedicht die Antonia hat äh 24 └--- ┌---

│L [ vollkommen recht /ja/ es ist ein gedicht ein gedicht be 25 └--- ┌---

│L [ steht aus strophen oder dieses gedicht besteht jetzt hie 26 └--- ┌---

│L [ r aus vier strophen /ja Angelo und wenn wir uns dieses erste 27 └--- ┌---

│L [ diese erste strophe angucken die Antonia hat gesagt e 28 └--- ┌---

│L [ in gedicht und im gedicht da reimt sich was was reimt s 29 └--- ┌---

│L ┌ ich denn hier in dieser ersten strophe und da ist ja so │ └ zeigt auf Plakat schw 30 └---

┌--- │L ┌ ein bestimmter rhythmus und dann .. Katrin │ └ ingt mit Hand hin und her

│S4[ die sagen un 31 └--- ┌---

│L [ die strophe sag │S4[ s so was wir machen sollen also wie das aussehen soll 32 └--- ┌---

│L [ t was ihr machen sollen ganz richtig aber sind jetzt 33 └--- ┌---

│L [ die Antonia hat gesagt da muss sich doch beim gedic 34 └--- ┌---

│L [ ht reimt sich was Sabine

│10[ wir haben immer die sachen zu 35 └--- ┌---

│L [ wie meinst du das jetzt │10[ sammen wo sich zusammen reimt

36 └--- ┌---

│L [ Sabine?

│10[ also dass das jetzt weiß ist das land schwarz 37 └--- ┌---

│10[ ist der baum grau ist der himmel und das reimt sich zus 38 └--- ┌---

│L [ Antonio

│18[ das sind ja die │10[ ammen und deshalb geht es .. ja

39 └--- ┌---

│18[ gehören alles zusammen: weiß ist das land und schwarz is 40 └--- ┌---

│18[ t der baum grau ist der himmel die gehören ja eigentli 41 └--- ┌---

│L [ mhm ok. hier in dieser ersten .. erste │18[ ch auch zusammen

42 └--- ┌---

│L [ n strophe is es zum beispiel winter und dahinter man li 43 └--- ┌---

│L [ est ich male mir ein bild ein schönes bild ich male m 44 └--- ┌---

│L [ ir den WINTER weiß ist das land schwarz der baum grau 45 └---

┌---

│L [ ist der himmel daHINTER winter und dahinter das erken 46 └--- ┌---

│L [ nt man hier sehr schön in den anderen strophen ist es t 47 └--- ┌---

│L [ eilweise etwas schwieriger weil die wörter sich nicht g 48 └--- ┌---

│L ┌ anz SO reimen zum beispiel SPÜREN ist es hier und FRIER │ └ langsam

49 └--- ┌---

│L [ EN die haben alle die strophen haben so die dieselbe ä 50 └--- ┌---

│L [ h melodie: sonst ist da nichts da ist nirgends was da 51 └--- ┌---

│L [ iust weit und breit nichts zu sehen nur auf dem baum a 52 └--- ┌---

│L [ uf dem schwarzen baum hocken zwei schwarzen krähen ja 53 └--- ┌---

│L [ sind immer die gleichen die gleiche melodie eigentlich. 54 └--- (Transkript U1, Teil IX)

Antonia, Katrin, Sabine und Antonio sind ganz offenkundig auf einer interessanten Spur: Sie erkennen, dass „etwas zusammen passt“, dass es sprachliche Markierungen im Text gibt, die zum lauten Lesen anregen, dass „Land“, „schwarz“ und „Baum“ und „grau“ eine (hier nur einsilbige) Assonanz darstellen. Aber sie können diese Spur nicht weiter verfolgen und schon gar nicht benennen, was sie erlesen und verstanden haben. Auch die Lehrerin kann es nicht. Die Anforderungen an das Lesen und Verstehen literarischer Texte sind in diesem Unterricht anspruchslos und anspruchsvoll zugleich. Das Erlesen der Zeilen, das Zusammensetzen der Strophen, das laute Vortragen des Gedichts und die Rekonstruktion des „Inhalts“ des Gedichts in einer Collage dürfte für die Kinder keine großen Schwierigkeiten aufgeworfen haben. Wir konnten keine Schwierigkeiten beobachten und auch die Arbeitsergebnisse deuten nicht daraufhin, dass die Aufgaben über die bisherigen Lese- und Verstehenskompetenzen hinausgingen. Allerdings wurden die literarischen Rezeptionskompetenzen der Schülerinnen und Schüler durch die Vorgehensweise im Unterricht auch nicht erheblich erweitert. Weder allegorische Lesarten, noch die unterschiedlichen Perspektiven auf das Bild, noch die unterschiedlichen lyrischen Verfahren werden thematisiert, obwohl die Schülerinnen und Schüler über die Fragestellung der Lehrerin auf die Sprache des Gedichts achten und wahrscheinlich zu Erkenntnissen über die

sprachliche Strukturiertheit des Gedichtes durchaus in der Lage wären. Wie kommt es aber zu dieser widersprüchlichen Anforderungssituation?

In der folgenden Analyse des praktischen professionellen Handlungswissens der Lehrerin wird besonders auf diesen letzten Aspekt zurückzukommen sein, da die Einschätzung der Lehrerin, die Lese- und Verstehensleistungen ihrer Schülerinnen und Schüler betreffend, besonders deutlich diskrepant sind zu den Lese- und Verstehensleistungen, die sich in dieser Phase des Unterrichts andeuten.

Im Dokument OPUS 4 | Wozu Literatur lesen? Der Beitrag des Literaturunterrichts zur literarischen Sozialisation von Hauptschülerinnen und Hauptschülern (Seite 131-135)