4. Transformationsphase in Albanien

4.1 Politische Umgestaltung: Instabile Strukturen und öffentliches Misstrauen

Allumfassende Unsicherheiten auf der Makroebene und weit verbreitete Verunsicherungen auf der Mikroebene werden seit dem Kollaps des Sozialismus auch in Albanien, eines der ärmsten Länder unter den ehemals sozialistischen, erfahren. Dort sind die Ausgangsbedin- gungen für die Transformationsphase und den Aufbau einer stabilen Vertrauensbeziehung zwischen dem Staat und der Bevölkerung besonders schwierig. Dieses Land erlebte auf- grund der Kombination von kommunistischem und nationalistischem Gedankengut9 unter der fast ein halbes Jahrhundert andauernden Diktatur von Enver Hoxha eine verschärfte Varian- te des Staatssozialismus. Schrittweise politische und wirtschaftliche Selbstisolierung Albani- ens waren für Hoxha folgerichtige Maßnahmen, um seiner Interpretation eines sozialisti- schen Staates mit Rückbesinnung auf ´die albanische Nation` gerecht zu werden. Aufgrund des Kollektivismus und der Militarisierung des gesellschaftlichen Lebens waren individuelle Erfahrungen mit dem Sozialismus von öffentlichem Misstrauen geprägt. Um diesem bedroh- lichen öffentlichen Klima mit einer stabilen Einheit begegnen zu können, erfolgte auf der Mik- roebene tendenziell ein Rückzug in den privaten Bereich sowie ein verstärkter Bezug auf die eigene Ingroup, die vornehmlich aus Verwandten bestand (Ceka 2007: 106ff., De- da/Tsenkova 2006: 151ff., de Soto et al. 2002: 75ff., Doka 2003: 54ff., Göler 2005: 125ff., Luhmann 2009 [1968]: 27ff., 118, Niedermüller 1996: 146, Saltmarshe 2001: 50ff., 210ff., Schmidt 2003: 315ff., 322ff.).

Der Sozialismus brach in Albanien zu Beginn des Jahres 1991 zusammen, die ersten freien Wahlen fanden bereits Ende März 1991 statt. Daraus ging die Sozialistische Partei (SP), die Nachfolgepartei der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), als Sieger hervor, Die zweiten Wahlen ein Jahr später gewann die Demokratische Partei (DP). Der Sozialismus hinterließ unter der Bevölkerung hohe Armut, Arbeits- und Perspektivlosigkeit. Landesweit entlud sich die in den letzten Jahrzehnten aufgestaute Wut auf die ehemalige Nomenklatura, staatliche Institutionen und generell auf den öffentlichen Raum, der weitgehend mit sozialistischen Ide- alen und Werten konnotiert war, woraus die Zerstörung vieler öffentlicher Gebäude, Fabri- ken, Schulen und Bewässerungssysteme resultierte. Dadurch wurde nicht nur der industriel- le, sondern auch der landwirtschaftliche Sektor, der größte Wirtschaftssektor des Landes, lahmgelegt. Nach dieser ersten Phase des gewaltsamen Aufbegehrens gegen Staat und Öffentlichkeit brachen Ende 1996 und Anfang 1997 erneut bürgerkriegsähnliche Unruhen aus, im Zuge derer wieder öffentliche Institutionen zerstört wurden. Diesmal war der Auslö- ser der Kollaps von Pyramidenfirmen, wodurch zehntausende Anleger ihr gesamtes, über fünf Jahre investiertes Vermögen (etwa 1,2 Milliarden US-Dollar) verloren, und mehr als 20.000 neu gegründete Klein- und Mittelunternehmen Konkurs gingen. Die DP, die damalige Regierungspartei, wurde gestürzt, da sie der gewinnbringenden Beteiligung an diesen Fir-

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Hoxha kehrte die marxistisch-stalinistische Gleichung, nach der ein Staat ´sozialistisch im Inhalt` und ´national in der Form` sein sollte, ins Konträre um – ´sozialistisch` die Form, ´national` der Inhalt, bis er schließlich ´national` und ´sozialistisch` gleich- setzte und willkürlich miteinander vertauschte (Ceka 2007: 106ff.).

48 men beschuldigt wurde. Bis zu den Neuwahlen im März 1997 war das staatliche Gewaltmo- nopol außer Gefecht gesetzt, während organisierte kriminelle Vereinigungen hohen Zulauf fanden. ´Nuk ka shteti`(´es gibt keinen Staat`) umschrieb diesen Zustand des staatlichen Machtvakuums. Daraufhin folgte eine Phase sukzessiver Stabilisierung, wobei Strukturen staatlicher wie auch nicht-staatlicher Institutionen brüchig blieben. Auch Verhandlungen mit der EU seit Beginn dieses Jahrhunderts sowie der Eintritt Albaniens in die NATO im Frühjahr 2009 konnten innenpolitische Wogen kaum glätten und staatliche Institutionen nicht festigen (Ceka 2007: 106ff., de Soto et al. 2002: 75ff.,Doka 2003: 43, Jordan 2003: 82, Kaser 2000: 45ff., Mappes-Niediek 15.05.2010: 201ff., Saltmarshe 2001: 210ff., Schmidt 2003: 315ff., 322ff., Schmidt-Neke 2001: xxxiii, Schwandner-Sievers 1998: 326ff., Vickers/Pettifer 1997: 289f., Voell 2004: 17ff.). Aufgrund dieser negativ geprägten Erfahrungen mit dem sozialisti- schen wie postsozialistischen Staat gab es nach Etablierung der Demokratie wenig Grundla- ge für Vertrauen in den Staat:

“The communist regime had undermined trust in the state. The post-communist government was dis- trusted because of its failure to equitably distribute goods, to provide security and a rule of law” (Saltmarshe 2001: 211).

Wie aktuelle Entwicklungen belegen, ist die derzeitige Regierung unter der DP aufgrund feh- lenden Zuspruchs und Misstrauens durch die Opposition und Bevölkerung labil. Die SP er- kannte das Ergebnis der Wahlen vom Juni 2009 nicht an, boykottierte das Parlament und trat im April 2010 in einen einmonatigen öffentlichen Hungerstreik. Ende Januar 2011 eskalierte die Situation, als bei Demonstrationen gegen die Regierung drei Menschen durch Polizeige- walt ums Leben kamen. Edi Rama, damaliger Bürgermeister von Tirana und Vorsitzender der SP, gab der Regierung unter Sali Berisha die Schuld an den blutigen Unruhen, die diese wiederum als einen Putschversuch der Opposition interpretierte. Die Lokalwahlen Anfang Mai 2011, die in den meisten Städten die oppositionellen Sozialisten gewannen, führten in Tirana erneut zu einem Tauziehen um die Macht: Rama konnte sein Amt als Bürgermeister zunächst mit einem knappen Vorsprung verteidigen, doch Berisha übte solange Druck auf die Wahlkommission aus, bis die Stimmen nochmal ausgezählt wurden. Als Bürgermeister wurde nun der Regierungskandidat Lulzim Basha ermittelt (Anonym 20.05.2011). Der Jour- nalist Robelli beschreibt die angespannte Lage in Albanien wie folgt:

„Es ist ein Albtraum, der in Albanien seit dem Sturz der kommunistischen Diktatur vor fast 20 Jahren an- dauert. Nach jeder Wahl folgt eine Schlacht, die im heutigen Europa nicht mehr vorstellbar ist: Die unter- legene Partei ficht die Resultate an, droht mit Protesten, Klagen und Boykott. Mal begehren die soge- nannten Demokraten auf, mal die Sozialisten […]. Die Demokratie ist in Albanien eine Herausforderung für die politische Klasse“ (Robelli 25.05.2011: 7).

Der demokratische Staat und seine Institutionen sind in Albanien auch 20 Jahre nach der Etablierung nicht in der Lage, stabile Unterstützungs- und Sicherheitsmechanismen für die Bevölkerung zu schaffen. Es gibt keine solide Grundlage für die Bildung von sozialem Ver- trauen: Weder dem Staat, noch der Regierung noch staatlichen wie nicht-staatlichen Institu- tionen wird vertraut. Politiker werden als korrupte Betrüger beschimpft, die von Profit- und

49 Machtgier geleitet seien. Zudem mangelt es generell an einem alternativen Solidaritätsmo- dell jenseits von Verwandtschaft, so dass auch die Entwicklung einer Zivilgesellschaft mit Hindernissen einhergeht. Der Demokratiebegriff wird weitgehend entpolitisiert und stattdes- sen mit individueller Freiheit und Kommerz assoziiert. Und alltägliche Lebenswelten der Mehrheitsbevölkerung von Albanien sind heute noch aufgrund politischer und wirtschaftlicher Labilität tiefgehend verunsichert (Doka 2003: 54ff., Göler 2005: 125ff., Kaser 2000: 45ff., Niedermüller 1996: 146, Saltmarshe 2001: 210ff., 220f., Voell 2004: 20ff., 171ff.).

Auf verschärfte Weise betrifft dies die Landbevölkerung nord- und nordostalbanischer Dörfer, die bereits während des Sozialismus von beschneidenden Maßnahmen und damit allumfas- senden Verunsicherungen gekennzeichnet war. Im Gegensatz zu der Bevölkerung Süd- und Zentralalbaniens identifizierten sich Nordalbaner nicht mit dem sozialistischen Regime und wehrten sich vehement gegen dessen ´Modernisierungsmaßnahmen`, die darauf abzielten, sie in ihren gewohnten Handlungsmuster wie der Sozialorganisationsform in komplexen, patrilinear strukturierten Haushalten zu beschneiden. Zudem führte die sozialistische Man- gelwirtschaft in den ressourcenarm peripheren und gebirgigen Regionen Nordalbaniens zu einer erheblichen Güterknappheit, so dass der Erwerb aus den landwirtschaftlichen Kollekti- ven häufig nicht ausreichte, um die Lebensgrundlage zu sichern. Aufgrund zentral kontrollier- ter Land-Stadt-Wanderung konnten sich Bewohner nordalbanischer Dörfer dem beschwerli- chen Landleben nicht eigenmächtig entziehen. Sie waren daher auf Subsistenzwirtschaft und auf privat organisierte Tauschwirtschaft, die auf Vertrauensbeziehungen unter Verwandten und auch Freunden beruhte, angewiesen. Dieses alternatives Handlungsmuster, das sich jahrzehntelang bewährt hat, festigte gegenseitiges Vertrauen unter diesen (Kaser 2000: 45ff., Saltmarshe 2001: 50ff., 210ff.).

Dagegen brannten sich negative historische Erfahrungen mit der sozialistischen Regierung in das kollektive Gedächtnis der nordalbanischen Landbevölkerung ein, die ihr öffentliches Misstrauen festigten. So erhofften sich viele Nordalbaner gerade von der neu gegründeten DP erhebliche Verbesserungen ihrer alltäglichen Lebensbedingungen und setzten relativ vorschnell Vertrauen in sie, die ihnen eine doppelte Identifikationsfläche bot: Zum einen war sie der rechte Gegenpol der SP, der Nachfolgerpartei der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), zum anderen sahen sie deren Vorsitzenden Berisha als einen von ihnen, da er auch Nordalbaner ist. Soziales Vertrauen war jedoch nur ansatzweise vorhanden und konnte bei jeder kleinsten Erschütterung in Misstrauen umschlagen. Nach Luhmann ist es schwer, auf Misstrauen Vertrauen aufzubauen, dagegen wesentlich einfacher, Vertrauen in Misstrauen umzuwandeln. Genau dies geschah, als 1996/97 die von der DP geförderten Pyramidenfir- men zusammenbrachen (Deda/Tsenkova 2006: 157ff., de Soto et al. 2002: 11ff., 39ff., 75ff., Luhmann 2009 [1968]: 27ff., 31, 36, 118, Niedermüller 1996: 146, Saltmarshe 2001: 210ff.).

50 Insgesamt blieb nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus die Landbevölkerung Nordalbaniens eine benachteiligte und marginalisierte Bevölkerungsgruppe mit hoher Ar- muts- und Arbeitslosigkeitsrate sowie mit geringem Bildungsniveau. Die Auflösung der land- wirtschaftlichen Kollektive, die während des Sozialismus eine niedrige, aber stabile Einkom- mensquelle waren und Subsistenzwirtschaft erlaubten, trug zum rasanten Anstieg der Ar- beitslosigkeit und der wirtschaftlichen Not in ruralen Regionen bei. Die abgelegenen Dörfer boten zudem kaum Zukunftsperspektiven für die heranwachsende Generation, da es dort außer der Elementarschule keine weiterführenden Schulen gab. Auch heute sind sie infrast- rukturell schlecht ausgebaut und angebunden, wodurch der Bewegungs- und Handlungs- rahmen eingeschränkt bleibt. Darüber hinaus erschweren kalte und schneereiche Wintermo- nate den Alltag in den höher gelegenen Dörfern, in denen bis zu sechs Monate Schnee liegt. Ganze Dörfer sind wegen zugeschneiter Straßen nicht mehr passierbar, deren Bewohner von der Außenwelt isoliert. So muss während der Sommer- und Herbstmonate für den Win- ter vorgesorgt und genug Essensvorräte angelegt werden. Angesichts der beschwerlichen Bedingungen der Bestreitung der alltäglichen Lebensgrundlage und allgemeiner Verunsiche- rungen beriefen sich viele Landbewohner wieder verstärkt auf ihre Vertrauensstrukturen un- ter Verwandten sowie auf Regeln und Normen des kanun, die ihnen eine Orientierung boten. Letztlich schien Migration für viele die einzige Option zu sein, die das Zurücklassen all dieser Probleme versprach (Doka 2003: 54ff., Göler 2005: 125ff., Kaser 2000: 45ff., Saltmarshe 2001: 210ff., Schmidt-Neke 2001: xxxiif., Voell 2004: 20ff., 171ff.).

Im Dokument An der Peripherie : Alltag und soziale Beziehungen im Kontext von Migration und Urbanisierung am Beispiel einer informell gegründeten Siedlung in Tirana, Albanien (Seite 58-61)