Parteilichkeit als Paradigma außerschulischer Mädchenarbeit

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3. Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit

3.2 Parteilichkeit als Paradigma außerschulischer Mädchenarbeit

Allen gegenwärtigen Konzepten außerschulischer Mädchenarbeit liegt neben der Forde- rung nach eigenen Gruppen und Räumen und dem Ziel, an den Kompetenzen von Mäd- chen anzusetzen, in unterschiedlicher Ausprägung das Paradigma Parteilichkeit zu Grunde. Kein anderes Paradigma jedoch bleibt in feministischer Pädagogik, in ihrer Theorie und Praxis, so vage und wird so wenig dezidiert ausgeführt und diskutiert wie dieses. Zwar gibt es unterschiedliche Auffassungen z.B. über die Dauer, die Mädchen in eigenen Räumen und geschlechtshomogenen Gruppen idealerweise verbringen sollten. So sehen Renate Klees et al. diese Räume und Gruppen eher als „Durchlauferhitzer“, als temporäre Ein- richtungen, aus denen Mädchen gestärkt für einen Alltag im hierarchischen System der Zweigeschlechtlichkeit hervorgehen (Renate Klees, Helga Marburger, Michaela Schuma-

cher 1992: 38). In anderen Konzepten werden eigene (Frei)Räume als dauerhaftes Ange- bot, als eine „Insel“ beschrieben, auf die Mädchen und Frauen immer wieder zurückkehren können ( Gabriele Möhlke/Gabi Reiter 1995: 175). Diese Forderungen sind im Gegensatz zu der Forderung nach Parteilichkeit vergleichsweise transparent. Die folgenden Ausfüh- rungen beziehen sich auf die Arbeiten von Barbara Kavemann (1995, 1997), die eine kriti- sche Reflexion des Begriffes der Parteilichkeit geleistet hat.

Barbara Kavemann beschreibt den Parteilichkeitsbegriff in der feministischen Debatte als durchaus umstritten. So ist es für die einen eine unabdingbare Grundvoraussetzung in der Arbeit mit Mädchen und Frauen, für Kritikerinnen jedoch tarnt sich eine einseitige, unpro- fessionelle und konzeptlose Arbeitsweise unter dem Deckmäntelchen der Parteilichkeit (vgl. Barbara Kavemann 1995: 145). Hier wird deutlich gemacht, wie unpräzise der Be- griff der Parteilichkeit gefasst ist, und wie schnell Parteilichkeit in den bloßen Ruch der persönlichen Betroffenheit geraten kann, die sich über Fachliches erhebt.

Die Wandlung und die nicht immer konkret ausgeführte Bedeutung des Begriffes Partei- lichkeit macht ein Blick auf seine Entwicklung deutlich:

Parteilichkeit hat ihre Wurzeln in der historisch-materialistischen Wissenschaftskritik und steht in der Tradition der kritischen Sozialwissenschaft. Zu Beginn der 1970er-Jahre war Parteilichkeit in der sozialarbeiterischen Praxis gekoppelt an eine Kritik der Klassenunter- drückung. Dies war ein Konzept anwaltlicher Parteilichkeit, innerhalb dessen Sozialarbei- terinnen und Sozialarbeiter parteilich für die als „Unterschicht deklassierte Randgruppe“ (Barbara Kavemann 1995: 147) agierten. In den Erziehungswissenschaften wurde das Konzept Parteilichkeit diskutiert und durch Auseinandersetzungen in der StudentenInnen- bewegung entstand, so Barbara Kavemann, das Konzept von Parteilichkeit als Bil-

dungsprinzip.

Parteilichkeit wurde verstanden als das aktive Eintreten für „bessere gesellschaftliche Verhältnisse“ und für eine Erziehung zum bewussten Widerstand. Auf der Grundlage der marxschen Erkenntniskategorien hatte Parteilichkeit zum Ziel, zur Aufklärung der Arbeiterklasse über gesellschaftliche Realität beizutragen, sowie die durch kapitalisti- sche Interessen künstlich aufrechterhaltenen Sozialisationsdefizite und Bildungshinder- nisse der Arbeiterjugend sichtbar und verstehbar werden zu lassen (Barbara Kavemann 1995: 148).

Parteilichkeit war politisches Prinzip und gleichzeitig eine Haltung, mit der pädagogische Verantwortung ausgedrückt werden sollte.

In feministischen Debatten wurde der politisch so konnotierte Begriff übernommen, wei- terentwickelt und mit der Frauenbewegung geriet Parteilichkeit zu einem der zentralen Aspekte feministischer Theorie und Praxis, in deren Rahmen der „Geschlechterwider- spruch“ den Klassenwiderspruch ablöste. Der Parteilichkeitsanspruch galt allen Frauen, weil das hierarchische Geschlechterverhältnis klassenübergreifend verstanden wurde.

Die Parteilichkeit der Feministinnen galt Frauen allgemein, unabhängig von ihrer Klas- senlage, da das Gewaltverhältnis als klassenübergreifend begriffen wurde (Barbara Ka- vemann, 1997: 185).

Hinter dieser Sicht auf Parteilichkeit schimmert ein vereindeutigendes Machtverständnis, von „oben und unten“, von „Tätern und Opfern“ durch. Diese Sicht auf Macht stellt immer nur einen Teil von Machtbeziehungen dar und blendet damit die Ebene von Mittäterinnen- schaft41 von Frauen und Mädchen aus.

Barbara Kavemann begreift Parteilichkeit differenzierter, denn sie nimmt in ihrem Ver- ständnis von Parteilichkeit nicht nur vertikale Machtbeziehungen in den Blick, sondern sie versucht, Machtbeziehungen unter Frauen mit einzubeziehen:

Adäquate Parteilichkeit geht davon aus, dass ein Nebeneinander von Gleichheit und Ungleichheit zwischen Frauen und Mädchen existiert. Damit ist nicht die einfache Tat- sache gemeint, dass alle Frauen individuell verschieden sind, sondern dass es diesseits und jenseits der Individualität gesellschaftliche Unterschiede zwischen Frauen gibt. (...)[Auslassung A.S.] So universell die Unterdrückung von Frauen in dieser männlich dominierten Gesellschaft auch ist, so unangemessen ist jede Analyse, die nicht neben der Hervorhebung der Gemeinsamkeiten die Differenzen genau betrachtet (Barbara Kavemann, 1997: 195).

Kavemann spricht sich gegen eine parteiliche Haltung aus, die Machtverhältnisse unter Frauen verwischt. Als weiteres wichtiges Prinzip von Parteilichkeit begreift Barbara Ka- vemann Distanz im Gegensatz zu Identifikation.

41 Christina Thürmer-Rohr entwickelte die These der Mittäterinnenschaft. Hier wendet sich Christina Thür-

mer-Rohr gegen die Auffassung, Frauen einseitig als Opfer zu sehen. Frauen seien nicht pauschal passiv und einflußlos, so Thürmer-Rohr. In vielfältigen sozialen Beziehungen verfügen Frauen über Macht, so in den Beziehungen zu Kindern (vgl. Christina Thürmer-Rohr: 1989). Barbara Kavemann führt in Anlehnung an Thersea Wobbe die Begrifflichkeiten von „verletzungsoffen“ und „verletzungsmächtig“ ein. Wobbe bezeich- net damit das Pendeln zwischen Machtlosigkeit und Mächtigkeit. „Auschlaggebend dafür, ob eine Gruppe „verletzungsoffen“ oder „verletzungsmächtig“ ist, hängt mit der sozialen Konstruktion des Unterschieds zusammen: Männer und Frauen sind also verschiedenen sozialen Gruppen zuzuordnen und können sowohl zu den Verletzungsoffenen wie auch zu den Verletzungsmächtigen zählen, bzw. beides zugleich in verschiede- nen Relationen darstellen. Frauen, das gesellschaftlich machtlosere Geschlecht, partizipieren an der Macht, in Konstellationen, in denen sie der Mehrheit angehören, die die Macht hat, z.B. gegenüber ausländischen Frau- en und Männern, oder wenn sie sich in der Position der Erwachsenen als verletzungsmächtig gegen abhängi- gen und rechtlosen Kindern zeigen“ (Barbara Kavemann 1997: 203).

Das Bedürfnis nach Gleichheit unter Frauen kann zum Wunsch nach Identifikation füh- ren. Dann besteht die Gefahr, dass Parteilichkeit mit Solidarität42 gleichgesetzt wird. Ein wichtiger Bestandteil von Parteilichkeit, der oft außer Acht gelassen wird, ist Di- stanz im Unterschied zu Identifikation. Parteilichkeit stellt sich nicht in der Identifika- tion mit dem konkreten Gegenüber unter Beweis (Barbara Kavemann 1997: 194).

Aussagen wie „Sie ist sicherlich auch missbraucht worden“ oder „Sie ist sicher auch eine Lesbe, sie hat es nur noch nicht gemerkt“, benennt Barbara Kavemann als Beispiele für Identifikationen der Pädagogin mit ihrem Gegenüber (Barbara Kavemann 1997: 226). Verhaftet in solchen Identifikationen besteht die Gefahr, dass Gemeinsamkeiten zwischen Pädagogin und Klientel konstruiert und Differenzen ausgeblendet werden. Aus diesem Grunde, plädiert Barbara Kavemann für Distanz im Prozess der Parteilichkeit.

Das bedeutet, dass im Rahmen von Parteilichkeit das Nebeneinander von Gleichheit und Ungleichheit zwischen Frauen und Mädchen wahrgenommen werden müsse, so Barbara Kavemann. Vielfach jedoch wird in Konzepten zu Mädchenarbeit Parteilichkeit mit Identi- fikation gleichgesetzt und Unterschiede zwischen Mädchen werden kaum in den Blick genommen. Dieses Verhalten blendet eine Realität aus, in der sich auch Mädchen grenz- überschreitend bzw. ausgrenzend verhalten.

Dieses Verhalten von Mädchen gerät u.a. dann nicht in den Blick, wenn Mädchenarbeit als herrschaftsfreier Ort verstanden wird.

Wenn in Ausführungen zu den „Grundsätzen feministischer Mädchenpolitik“ eine „herrschaftsfreie Gesellschaft“ allein dadurch charakterisiert wird, dass sie ohne Se- xismen und Zwangsheterosexualität auskommt (Anita Heiliger/Tina Kuhne 1993), dann wird deutlich, dass die Kritik an Herrschaftsformen, an denen Frauen durchaus als Un- terdrückende bzw. Gewalttätige beteiligt sind, aus der Formulierung von Zielen partei- licher Arbeit ausgeklammert werden (Barbara Kavemann 1995: 169).

Patriarchatskritik als Kritik am hierarchischen Geschlechterverhältnis zu begreifen, ist demnach nicht ausreichend. Vielmehr sollten jegliche Herrschaftsausübungen, die eigene Beteiligung als Pädagogin und die Beteiligung von Mädchen und das repressive Einfügen in Strukturen aufgedeckt und kritisiert werden, auch und gerade wenn Frauen und Mäd- chen beteiligt sind.

42 Fraglich bleibt der Solidaritätsbegriff bei Kavemann. So scheint es, als setze sie Solidarität mit Identifika-

tin gleich. Eine kritische Distanz zum Gegenstand der Solidarität wäre im Solidaritätsbegriff Kavemanns nicht gegeben. Wenn an Solidarität als einer intergrationspolitischen Kraft festgehalten wird, dann muss der Tatsache Rechnung getragen werden, das Solidarität nicht einfach nur auf Gleichheit bzw. Gleichartigkeit beruhen kann, sondern die Vielfalt gesellschaflicher Möglichkeiten anerkannt werden muss. Solidarität wür- de so nicht Distanz ausschliessen, sondern einschliessen.

Das Interesse an dem Aufdecken der Mittäterschaft geht von einer Parteinahme für Frauen aus und ist kein Widerspruch, wenn die These der Mittäterschaft als „Angriff auf die Frau“ zu verstehen ist, denn wer von uns ist denn rundherum einverstanden mit dem wie Frauen sind, bzw. geworden sind (Barbara Kavemann 1995: 172)?

Ein Verständnis von Parteilichkeit, welches auf einem generalisierten Täter/Opfer-Schema basiert, greift nach Barbara Kavemann zu kurz und wird der Verwobenheit von Macht- strukturen in pädagogischen Prozessen i.d.R. nicht gerecht. Parteilichkeit sollte demnach aus dieser Perspektive von Machtbeziehungen weiter ausdifferenziert werden.

Eine solch aufgefächerte Sicht zeigt Anja Wolf ( 1997) auf. Parteilichkeit gliedert sich in ihrem Verständnis in drei Ebenen (vgl. Anja Wolf 1997: 25f.): einer politischen, einer päd- agogisch-fachlichen und einer persönlichen Ebene. Auf der politischen Ebene bedeutet Parteilichkeit zum einen, dazu beizutragen, die Benachteiligung von Mädchen abzubauen und darüber hinaus, jegliche Herrschaftsausübung, auch die von Mädchen, in den Blick zu nehmen. Zum anderen meint dies für die Pädagogin „Sprachrohr für die Belange von Mäd- chen zu sein“ ( Gabriele Möhlke/Gabi Reiter 1995: 30).

Auf einer pädagogisch-fachlichen Ebene steht die wertschätzende Haltung der Pädagogin im Mittelpunkt, mit der sie sich den Mädchen und der Arbeit mit ihnen nähert, in der Ver- zahnung mit einer Reflexion des eigenen pädagogischen Handelns. Auf einer persönlichen Ebene heißt dies schließlich für die Pädagogin, Unterschiede zwischen den Mädchen zu akzeptieren, die womöglich existierende Diskrepanz zwischen ihren eigenen feministi- schen Ansprüchen und dem Wollen von Mädchen auszuhalten und gleichzeitig emphatisch zu sein und die eigenen Gefühle sichtbar machen zu können (Anja Wolf 1997: 26).

Der herrschaftskritische Impetus von Parteilichkeit, die Verwobenheit von Machtbezie- hungen, das Wahrnehmen von Differenzen unter Mädchen, Emphatie und gleichzeitige Distanz zu den Mädchen und die Reflexion des eigenen Handelns bündeln sich in einem Verständnis von Parteilichkeit, das prozesshaft und wandelbar erscheint. Parteilichkeit so begriffen ermöglicht in Pädagogischen Interaktionen eine Bewegung des „Sowohl als auch“ und bleibt nicht beschränkt auf eine Logik des „entweder/oder“. Diese Grundpfeiler einer feministischen Parteilichkeit sind unabdingbar, soll Parteilichkeit nicht im Gestus eines von eigener Betroffenheit gezeichneten Beziehens auf Frauen versanden.

Im Dokument Dichotomie - Dekonstruktion - Differenz (Seite 76-81)