Mutter Natur? – Stimme des Mitleids (Rousseau)

Im Dokument "Die Freiheit reizte mich" (Seite 117-138)

Wie nebenbei gibt Derrida in der Grammatologie seiner quasi- transzendentalen Theorie der Subjektivität eine kulturhistorische Tie- fendimension, indem er anhand einer Lektüre des Mitleidsbegriffs bei Rousseau Partei in der Auseinandersetzung darüber ergreift, welcher Schaffensphase dessen Essay über den Ursprung der Sprachen einzu- gliedern sei. Und gleichermaßen wie nebenbei distanziert sich diese Lektüre von einer psychoanalytischen Deutung Rousseaus, da in jener seiner „irreduzible[n] Originalität“ ebenso Rechnung getragen wer- den müsste wie seiner Zugehörigkeit zur „abendländischen Metaphy- sik“260, in deren Geschichte ihm laut Derrida eine geradezu paradig-

matische Position zuzuweisen ist261. Der Mitleidsbegriff262 steht dabei

in einer Linie mit Rousseaus Begriff des Supplements, und indem Der- rida ausgehend von letzterem einmal mehr auch ein Licht auf die der Dekonstruktion eigene Terminologie wirft, spezifiziert er in histori- scher und systematischer Hinsicht das merkwürdige Draußen in der Innerlichkeit jenes phänomenologischen Bewusstseins, in dem sich

260 Alle Zitate Derrida: Grammatologie, S. 278.

261 Zu einer alternativen Historisierung vgl. das Kapitel „Mit der Aufklärung gegen die Aufklärung: Rousseau und Schiller“ in: Georg Bollenbeck: Eine Geschichte der Kul- turkritik. Von Rousseau bis Günther Anders. München: Beck 2007, S. 22–110. 262 Siehe zum Begriff des Mitleids u. a. Käte Hamburger: Das Mitleid. Stuttgart: Klett-Cot-

ta 1985, darin zu Rousseau und Schopenhauer S. 10–23, sowie Hans-Jürgen Schings: Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch. Poetik des Mitleids von Lessing bis Büch- ner. München: Beck 1980, zu Mandeville und Rousseau S. 22–33.

für die transzendentale Subjektivität die Konstitution idealer Gegen- stände erst zuträgt. Dadurch bestimmt er jene intersubjektive Bezie- hung innerhalb dieser Subjektivität genauer, aus der diese sich über- haupt erst in ihrem Selbstbezug konstituierte.

Derrida beginnt damit, Rousseaus Metaphysik der Präsenz, wie sie hinsichtlich des Schreibens und Sprechens zur Sprache kommt, in ihrer Widersprüchlichkeit zu rekonstruieren: Einerseits drückt sich im Diskurs Rousseaus immer wieder die Sehnsucht nach der sinner- füllten Rede aus, wie sie in der Schrift nur unzulänglich gespeichert werden kann. Andererseits aber herrscht gegenüber dieser Rede im Diskurs Rousseaus eine massive Skepsis, die sich daraus speist, dass der Autor erst in der Schrift den eigenen Worten jene Bedeutung geben zu können meint, die, wenn er spricht, von seinen Gegenübern unverstanden bleibt263. Die Vorbehalte bezüglich der Schrift, in der

sich die irreduzible Originalität Rousseaus erhalten will, schlagen sich nieder im Begriff des Supplements, das die Stellvertreterfunktion der Schrift als zugleich notwendig und absolut destruktiv kennzeichnet für jene Rede, die sie substituiert. Jenes Supplement bestimmt Derrida, wie schon in der Husserl-Lektüre, in der doppelten Hinsicht, dass es sich der Fülle einer Präsenz hinzufügt und diese zugleich ersetzt: Die Repräsentation erzeugt die Fiktion der Präsenz, die sie nur zu reprä- sentieren schien, wobei beide Bedeutungen der Supplementarität, beispielsweise für Rede und Schrift, dergestalt ineinander oszillieren, dass sie sich im Schreiben Rousseaus gegenseitig eine an die Stelle der anderen setzen und umgekehrt – die Differenz zwischen beiden bleibt dabei bestehen264.

263 Siehe dazu auch Jean Starobinski: Rousseau. Eine Welt von Widerständen. Aus dem Frz. von Ulrich Raulff. Frankfurt a. M.: Fischer 2012, S. 183–251, sowie Karl-Heinz Göttert: Kommunikationsideale. Untersuchungen zur europäischen Konversationstheo- rie. München: Iudicium-Verlag 1988, S. 129–135.

264 Aus Gründen, die ‚in der Sache selbst‘ liegen, konnte also gerade Derridas Rousseau-Lek- türe gar nicht unwidersprochen bleiben, vgl. dazu u. a. die folgenden Beiträge: Paul de Man: „Die Rhetorik der Blindheit: Jacques Derridas Rousseauinterpretation“, in: ders.: Die Ideologie des Ästhetischen. Aus dem Amerik. von Jürgen Blasius. Hg. von Christoph Menke. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1993, S. 185–230, und dagegen Dieter Thomä: „‚Das Gefühl der eigenen Existenz‘ und die Situation des Subjekts. Mit Rousseau ge- gen Derrida und de Man denken“, in: Kern, Menke: Philosophie der Dekonstruktion,

Ausgehend davon, dass der erst in dieser Differenz entstehende leben- dige Selbstbezug der von einem Mangel an Selbstpräsenz gezeichneten Subjektivität nur wiederum erst durch deren Bezug zum Tod gewähr- leistet werden kann, erörtert Derrida diesen Mangel als Differenz innerhalb des Subjekts, das sich im schriftlichen Bezug auf andere hin als Subjekt erst konstituiert. Diese

différance widersteht nicht der Aneignung, sie setzt ihr keine äußere

Grenze. Im Anfang leitete sie die Entfremdung ein, am Ende gelingt ihr

die Wiederaneignung nur bruchstückhaft. Bis zum Tod. Der Tod ist die

Bewegung der différance, insofern diese Bewegung notwendig endlich ist. Das besagt, daß die différance den Gegensatz zwischen der Anwesen- heit und der Abwesenheit ermöglicht. Ohne diese Möglichkeit der dif- férance würde das Verlangen nach der Präsenz als solcher nicht zum Leben erweckt werden. Gleichzeitig heißt das, daß dieses Verlangen die Bestim- mung seiner Unstillbarkeit schon in sich trägt. Die différance bringt her- vor, was sie versagt, sie ermöglicht gerade das, was sie unmöglich macht.265

Jene Supplementarität, die als différance das Schreiben Jean-Jacques Rousseaus in Form eines unstillbaren Begehrens prägt, konkretisiert Derrida in zweierlei Hinsicht:

Das impliziert auf seiten [sic!] der Erfahrung einen Rekurs auf die Litera- tur als Wiederaneignung der Präsenz, das heißt aber, wie wir sehen wer- den, der Natur. Auf seiten [sic.] der Theorie eine Anklage der Negativität des Buchstabens, an dem die Entartung der Kultur und der Zerfall der Gemeinschaft ablesbar wird.266

Damit wird Rousseaus Schreiben im Schema eines Geschichtsmodells gedeutet, in dem die Natur zugleich herbeigesehnt wird und als solche unwiederbringlich verloren ist. Aus der Negativität des Buchstabens, S. 311–330, sowie Judith Frömmer: „Derrida liest Rousseau, de Man liest Derrida, Derrida liest de Man, de Man liest Rousseau…“, in: Ralf Klausnitzer, Carlos Spoerhase (Hgg.): Kontroversen in der Literaturtheorie / Literaturtheorie in der Kontroverse. Bern, Berlin, Brüssel u. a.: Peter Lang 2007, S. 341–351.

265 Derrida: Grammatologie, S. 247f., Hervorhebungen im Original, M. P. 266 Derrida: Grammatologie, S. 248f.

der auch die Literatur nicht entrinnt, folgt damit einhergehend der kulturkritische Impetus, die Entfernung von der Natur als Mangel der Gesellschaft zu interpretieren, der allerdings damit vorgehalten wird, was schon in der medialen Struktur der Äußerung liegt – und an ihr beklagt wird –, mittels derer die genannte Kritik artikuliert wird. Ent- faltet wird die Kette der Supplemente, in denen dieser Mangel sich zeigt, am Leitfaden von Rousseaus Erziehungskonzept, das Derrida als „beherrschende[n] Teil des rousseauistischen Denkens“ bezeichnet. Es werde „als Stellvertretungssystem beschrieben oder verordnet […], dem es zukommt, so natürlich wie möglich das Gebäude der Natur wieder aufzubauen“267.

Dem „gefährlich[en]“268 Supplement der Schrift fügt sich alsbald ein

weiteres dieser Supplemente bei, das als Masturbation für die Form sexueller Selbstaffizierung des zu erziehenden Kindes steht und damit für die Selbstaffizierung überhaupt. Pikant, dass Derrida dieser Facette von Rousseaus Schreiben ausdrücklich einen paradigmatischen Wert beimisst? Tatsächlich verwahrt sich Derrida in den diesbezüglichen Passagen der Grammatologie gegen einfache psychoanalytische Deu- tungsmuster ebenso, wie er nicht in moralische Wertungsschemata abgleitet269. Der systematische Wert der Entscheidung, Rousseaus

Thema der Masturbation als derart bedeutsam für dessen gesamtes Schreiben zu werten, begründet sich daraus, dass in der sexuellen Selbstaffizierung die Einbildungskraft spielt und im gleichen Atem- zug darauf aufmerksam macht, dass sie in ihrer Funktion, Abwesendes zu vergegenwärtigen, nicht in der Masturbation allein wirkt270. Mehr

noch:

267 Beide Zitate Derrida: Grammatologie, S. 251.

268 Derrida: Grammatologie, S. 249. Siehe dazu auch Dreisholtkamp: Derrida, S. 149–154. 269 Eine kommentierte Textsammlung zum Thema bietet Ludger Lütkehaus (Hg.): „O Wollust, o Hölle“. Die Onanie – Stationen einer Inquisition. Gießen: Psychosozial-Ver- lag 2003. Siehe außerdem die Dissertation von Anja Christine Belemann-Smit: Wenn schnöde Wollust dich erfüllt...: Geschlechtsspezifische Aspekte in der Anti-Onanie-Debatte des 18. Jahrhunderts. Bern, Berlin, Brüssel u. a.: Peter Lang 2003.

270 Vgl. dazu etwa Jacques Derrida: Psyche. Erfindung des Anderen. Hg. von Peter Engel- mann. Wien: Passagen 2011, darin z. B. die Passagen über die produktive Einbildungs- kraft bei Kant, Schelling und Hegel auf S. 74f.

Die sexuelle Selbstaffektion, das heißt die Selbstaffektion überhaupt, beginnt und endigt nicht mit dem, was man mit dem Wort Masturba- tion glaubt umschreiben zu können. Der Ersatz ist nicht nur die Macht, eine abwesende Anwesenheit durch ihr eigenes Bild hindurch zu verschaf- fen: indem er uns diese durch Besorgung von Zeichen verschafft, hält er

die Anwesenheit auf Distanz und beherrscht sie. Denn diese Anwesen- heit wird ebenso stark herbeigesehnt wie gefürchtet. Das Supplement überschreitet und respektiert zugleich die Versagung. Das ist es auch, was die Schrift als Supplement der Rede, aber auch die Rede als Supple- ment der Schrift im allgemeinen ermöglicht hat: eine Ökonomie, die uns zugleich bloßstellt und beschützt, entsprechend dem Kräftespiel und dem Kräfteunterschied.271

An der Masturbation wird demnach die ökonomische Struktur eines Begehrens deutlich, das sich dadurch am Leben hält, dass es die Dif- ferenz zum begehrten Bild durch das Bild erst schafft und es in der Distanz in Schach hält; zwiespältig im affektiven Bezug zum Begehr- ten verbleibt es auch und gerade durch die Überschreitung in der Dif- ferenz zum inneren Bild. Beinahe müßig zu ergänzen, dass Derrida in der oszillierenden Supplementarität von Rede und Schrift eine ähnlich zwiegespaltene Affektstruktur ausmacht wie in der sexuellen Selbstaffizierung.

Diese Analogisierung hat, wie sich in den anschließenden Passagen zeigt, einen methodologischen Wert. Denn in dem, was anhand des Themas der Masturbation erläutert wird, scheint eine Kette von Sup- plementen auf, die im Bild der abwesenden Frau nicht beginnt, mittels dessen Rousseau sich, von diesem berührt, selbst berührt: Madame de Warens, die Rousseau auch und gerade als Mutter begehrt, ist nicht einfach ein Ersatz für die bei Rousseaus Geburt gestorbene Mut- ter. Ebenso wenig substituiert Thérèse im Anschluss die Madame de Warens. Ihre volle kulturhistorische Tiefendimension erhält Derridas Dekonstruktion der Subjektivität, wenn man die Instanz der Mutter als mütterliche Stimme versteht, bezüglich derer sich die Natur der

(männlichen) Subjektivität zu denken gibt. Jene signifikante Struktur, in die Rousseau sich als männliches Subjekt hineinbegibt, ist gekenn- zeichnet als Spiel von Anwesenheit und Abwesenheit, das sich nicht in einer rein empirischen Dimension zuträgt.

Wenn Derrida im Anschluss an seine Lektüre der Rousseauschen Sze- nerien der Selbstaffizierung seine „Methodenfrage“272 am Begriff des

Exorbitanten273 entwickelt, so hat dies seinen Grund eben darin, dass

in diesem Begriff das Problem der Empirizität aufgeworfen ist, wie es sich auch hinsichtlich der Selbstaffizierung im Allgemeinen stellt. Die Masturbationsszenen als paradigmatische Momente im Schreiben Rousseaus beleuchtend, erklärt Derrida, dessen Schreibweise mittels einer Lektüre zu erhellen, die sich, so verführerisch dies sein mag, nicht thematistisch den Anschauungen beugt, die Rousseau zugleich herauf- beschwört und als verderblich zeichnet. In dem allem Rousseau treu muss die Lektüre laut Derrida dennoch

ein bestimmtes, vom Schriftsteller selbst unbemerktes Verhältnis zwi- schen dem, was er an verwendeten Sprachschemata beherrscht, und dem, was er nicht beherrscht, im Auge behalten. Dieses Verhältnis ist jedoch nicht durch eine bestimmte quantitative Verteilung von Schatten und Licht, Schwäche oder Stärke gekennzeichnet, sondern durch eine signifi- kante Struktur, die von der Lektüre erst produziert werden muss.274

Die Lektüre hält sich also in der Einbildungskraft, die das Rousseau- sche Schema – es nicht einfach kommentierend – verdoppelt, ohne deswegen allerdings dessen Text auf irgendein Signifikat hin zu über- schreiten, welches auch immer es sei. Wie auch bereits in seinen Lek- türen der Semiologien Hegels und Husserls interessiert sich Derrida aus systematischen Gründen nicht für diese Überschreitung, sondern für die Gesetze der Bedeutung, die sich als supplementäre erst anstelle dessen erzeugt, was sich als Bedeutung buchstäblich nur vorstellt. Das gefährliche Supplement der Masturbation ist allenfalls ein pikanter

272 Derrida: Grammatologie, S. 272.

273 Siehe dazu Derrida: Grammatologie, S. 272ff.

Prolog in der Kette der Supplemente275, um die es Derrida zu tun ist.

Indem er ausgerechnet anhand dieses Themas die Grundlagen derje- nigen Kultur der Präsenz untersucht, die sich in ihm insgesamt als in sich zwiegespalten ankündigt, legt Derrida zumindest nahe, die dort wirksamen affektiven Besetzungen auch da am Werk zu sehen, wo sie in dieser Form zunächst nicht erwartet würden, im Sprechen zum Bei- spiel, im Schreiben, in der historischen Verbundenheit der Subjektivi- tät mit der Natur und mit dem Gesetz der mütterlichen Stimme, die zugleich die Stimme des Gewissens repräsentiert.

Das Text-Äußere, auf das hin sich Rousseaus Schreiben Derridas Ver- nehmen nach nie transzendiert, wird von Derrida in einem ersten Schritt als ein rein Empirisches spezifiziert, dem eben kein Signifikat entspricht, sei es etwa die Psychobiographie Rousseaus oder etwa sei- nes Lesers Jacques Derrida. Und gerade wegen dieser infrastrukturellen Logik276 hat sich die Lektüre Rousseaus, sofern dies möglich ist, über

die Grenze von dessen Schreiben hinauszubegeben, da einerseits des- sen Text von seinem Inneren her entfaltet, und andererseits die metho- dischen Strukturen der Lektüre aus ihr selbst heraus produziert wer- den sollen. Diese gemäß den eigenen Prämissen der Dekonstruktion nicht zu erfüllende Anforderung an das Schreiben hat Derrida in der Grammatologie in einem zweiten Schritt folgendermaßen formuliert:

Das Hinaustreten ist auf radikale Weise empiristisch. Es schreitet voran

in der Weise eines Denkens, das sich über die Möglichkeit des Weges und der Methode im unklaren ist. Es wird vom Nicht-Wissen als seiner eige- nen Zukunft affiziert und setzt bewußt sein eigenes Geschick aufs Spiel. Die

Form und die Verwundbarkeit dieses Empirismus wurde von uns selbst bestimmt. Doch hier zerstört sich der Begriff des Empirismus selbst.277

Die Passage respezifiziert das Postulat Derridas, das er der Dekonst- ruktion bereits an früherer Stelle der Grammatologie auferlegte: Die Dekonstruktion habe

275 Siehe dazu auch Lüdemann: Derrida, S. 85–96.

276 Siehe dazu Gasché: Tain of the mirror, S. 142–154 sowie 185–224. 277 Derrida: Grammatologie, S. 279, Hervorhebungen im Original, M. P.

notwendigerweise von innen her zu operieren, sich aller subversiven, strategischen und ökonomischen Mittel der alten Struktur zu bedienen, sich ihrer strukturell zu bedienen, daß [sic!] heißt, ohne Atome und Ele- mente von ihr absondern zu können. Die Dekonstruktion wird immer auf bestimmte Weise durch ihre eigene Arbeit vorangetrieben.278

Obgleich der Text von seiner Lektüre empiristisch transzendiert wird, wenn sie nicht von vornherein, ihn als Kommentar verdoppelnd, mit ihm verschmelzen will, verbleibt die Lektüre insofern im Text, als sie, von innen her – quasi identifikatorisch – operierend, sich seiner eige- nen Strukturen bedient, die sie gleichwohl durch und in sich selbst erst erzeugt. Daraus erst, dass die Lektüre sich in ihrer Praxis selbst aufs Spiel setzt, schöpft sie die Bedingung ihrer eigenen Möglichkeit – die sie allerdings unabdingbar deshalb immer schon zerstört weiß, weil sie, als transzendentale Praxis, der Unmöglichkeit eines reinen Empirismus ebenso gewahr ist, wie sie sich notwendigerweise, unter Vorgabe jenes Empirismus’, selbst aufs Spiel zu setzen und sich ihm auszusetzen hat, wenn sie in die Dimension einer Erfahrung reichen will, in der sich die davon geschiedene Dimension des Empirischen erst erschließt. Die so beschriebene Autoperformativität der Dekonstruktion inner- halb der „Strukturalität der Struktur“279 der von ihr gelesenen Texte

wiederum wird verständlich, wenn man sie in transzendentaler und damit methodologischer Hinsicht erläutert, wie dies durch Überle- gungen möglich ist, die Derrida schon in vorangegangenen Passagen seiner Grammatologie bezüglich des Begriffs der Erfahrung entfaltet hat: Derrida zufolge habe man in der Geschichte der Metaphysik den Erfahrungsbegriff stets auf eine Präsenz bezogen, wobei diese nicht zwingend „die Form des Bewußtseins“280 auspräge. Dagegen Erfahrung

als Urschrift281 interpretierend, klammert Derrida die Dimensionen

empirischer Erfahrung aus, um zu einem „Bereich[] transzendenta-

278 Derrida: Grammatologie, S. 45.

279 Jacques Derrida: „Die Struktur, das Zeichen und das Spiel im Diskurs der Wissenschaf- ten vom Menschen“, in: ders.: Die Schrift und die Differenz, S. 422–442, hier S. 424. 280 Derrida: Grammatologie, S. 106.

281 Vgl. dazu Sebastian Rödl: „Schrift als Form menschlicher Erfahrung“, in: Kern, Men- ke: Philosophie der Dekonstruktion, S. 127–142.

ler Erfahrung“282 zu gelangen, den Derrida allerdings seinerseits noch

einmal problematisiert:

Nur um nicht wieder in […] [einen] naiven Objektivismus zurückzufal- len, beziehen wir uns hier auf eine Transzendentalität, die wir andernorts in Frage stellen. Und auch weil wir glauben, daß es ein Diesseits und ein Jenseits der transzendentalen Kritik gibt. Die Rückkehr des Jenseits ins Diesseits verhindern heißt, in der Verzerrung (des Diskurses) die Notwen- digkeit eines Parcours anzuerkennen. Dieser Parcours muß im Text eine

Furche hinterlassen. Ohne diese Furche und dem bloßen Inhalt seiner Schlussfolgerungen überlassen, wird der ultra-transzendentale Text dem vorkritischen Text zum Verwechseln ähnlich sein.283

Im von der Differenzierung des Transzendentalen und des Empiri- schen gestifteten Rahmen lässt sich die Form der Fragestellung und der Methode konturieren, die sich Derrida bezüglich seiner Rous- seau-Lektüre verordnete, als er diese methodologisch dem Begriff des Exorbitanten verschrieben hat. Der vorgestellte Rahmen vervollstän- digt sich allerdings erst, wenn man berücksichtigt, dass Derrida bei Rousseau „eine entscheidende Artikulierung der logozentrischen Epo- che“284 ausmachen möchte, die Derrida für deren Untersuchung als

besonders geeignet scheint. Die Prämissen dieser Untersuchung und deren Konsequenzen für die Fragestellung, in der die Untersuchung durchgeführt wird, hat Derrida folgendermaßen erläutert:

Das setzt natürlich voraus, daß wir diesem Ausgang bereits einen Durch- bruch verschafft, die Unterdrückung der Schrift als fundamentale Wirk- kraft der Epoche bestimmt und eine Anzahl von Texten, wenn auch nicht sämtliche Texte Rousseaus gelesen haben. Dieses empirische Zuge- ständnis kann nur durch die Aufrichtigkeit der Frage gestützt werden. Die Erschließung der Frage, das Hinaustreten aus der Geschlossenheit einer Evidenz, die Erschütterung eines Systems von Gegensätzen, all diese Bewegungen verlaufen notwendig in der Gestalt des Empirismus und

282 Derrida: Grammatologie, S. 107.

283 Derrida: Grammatologie, S. 107, Hervorhebung im Original, M. P. 284 Derrida: Grammatologie, S. 280.

der Irrung. Zumindest können sie in bezug [sic!] auf vergangene Normen

nur in dieser Gestalt beschrieben werden. Keine andere Spur steht zur Verfügung. Und da diese irrenden Fragen keine absoluten, jenseits des Durchbruchs gelegenen Anfänge sind, lassen sie sich tatsächlich auf einer Oberfläche ihrer selbst mit Hilfe dieser Beschreibung, die sich zugleich als Kritik versteht, erfassen. Wir müssen irgendwo, wo immer wir sind, begin-

nen, und das Denken der Spur, das sich des Spürsinns nicht entschlagen kann, hat uns bereits gezeigt, daß es unmöglich wäre, einen bestimmten Ausgangspunkt vor allen anderen zu rechtfertigen. Irgendwo, wo immer wir sind: schon in einem Text, in dem wir zu sein glauben.285

Konkretisiert man nun – und dies ist eine ihrerseits methodologisch ausgreifende Entscheidung – den Bezug auf vergangene Normen im Hinblick auf Derridas Husserl-Lektüre in Die Stimme und das Phä- nomen, so lassen sich die dekonstruktiven Grundbegriffe der Spur, der différance und der Supplementarität in ihrer kulturhistorischen Tiefen- dimension hinsichtlich jener intersubjektiven Beziehung schärfen, die sich in Derridas Dekonstruktion der transzendentalen Subjektivität als konstitutiv für ebendiese Subjektivität hervorgekehrt hatte. Der Schlüsselbegriff, an dem sich dies plausibilisieren und erläutern lässt, ist Rousseaus Begriff des Mitleids, wie Derrida ihn in seiner Lektüre konturiert. Es ist ein Begriff, an dem sich das Verhältnis der Subjekte zueinander in historischer wie systematischer Perspektive, und dabei durchaus normbildend, konkreter fassen lässt, als dies mittels Derridas Husserl-Lektüre alleine möglich wäre. Darüber hinaus wird in dieser Interpretation die differenzielle Affektstruktur deutlich, die die abso-

Im Dokument "Die Freiheit reizte mich" (Seite 117-138)