4.5 Verhaltensbezogene Prädiktoren von Einstellungen zu Inklusion

4.5.1 Mobbing und Einstellungen zu Inklusion

Kinder und Jugendliche mit Behinderung haben, im Vergleich zu Gleichaltrigen ohne Behin- derung, ein erhöhtes Risiko, Opfer von Mobbing zu werden (Bear, Mantz, Glutting, Yang & Boyer, 2015; Luciano & Savage, 2016; Pinquart, 2017). Martlew und Hodson (1991) eruierten außerdem, dass für Kinder mit Behinderung das Risiko, Mobbingopfer zu werden, in einer integrativen Klasse höher war als in einer Sonderklasse. Auch die World Health Organisation (2011) warnt, dass Menschen mit Behinderung durch Mobbing oder Diskriminierung schlecht behandelt werden könnten. Mobbingopfer werden häufig von ihren Mitschüler*innen abge- lehnt und haben einen niedrigen sozialen Status in der Klasse. Zu dem Ergebnis, dass Kinder

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mit Behinderung beziehungsweise mit einem erhöhten Förderbedarf ein erhöhtes Ausgren- zungsrisiko haben, kommen auch Krull, Wilbert und Hennemann (2014), die soziale Ausgren- zung von Kindern mit Behinderung bereits in der ersten Klasse beobachten konnten. Diese Ergebnisse replizierte auch eine Erhebung von Huber (2009) und Huber und Wilbert (2012): Schüler*innen mit Behinderung hatten demnach ein dreimal höheres Risiko, von ihren Mit- schüler*innen abgelehnt und ausgegrenzt zu werden. Gründe für das erhöhte Ausgrenzungs- risiko waren vor allem leistungsbezogene Aspekte (Huber, 2009).

In Norwegen existieren zur Vorbeugung von Mobbing bereits seit den 1970er Jahren For- schungsarbeiten sowie Präventionsprogramme (Olweus, 1974, 1992, 1994, 1996; Smith, 2010). Nachdem einige lokale Projekte in Bergen und Oslo im Jahr 2001 durchgeführt wurden, wurde eine landesweite Initiative gestartet, um das Mobbingprogramm (Olweus Bullying Pre- vention Program) in den Schulen zu implementieren (Jimerson & Huai, 2010; Olweus & Lim- ber, 2010). Seit 2015 verfolgt die norwegische Regierung eine Nullmobbing-Politik, basierend auf einem Bericht unter der Leitung von Djupedal mit der flächendeckenden Implemen- tierung von Anti-Mobbing-Programmen in den Schulen. Ziel ist es, ein sicheres Umfeld für Kinder und Jugendliche zu schaffen, in dem kein*e Schüler*in mehr gemobbt wird. In Deutschland hingegen fanden Forschung sowie die Implementierung von Interventionspro- grammen bezüglich Mobbing erst später, das heißt ab Mitte der 1990er Jahre, statt (Olweus, 1995). Die Kultusministerkonferenz (2012) legte in ihrer Empfehlung zur Gesundheitsförde- rung und Prävention in der Schule Mobbingprävention und soziales Lernen als zentrale Hand- lungsfelder der Schule fest, was in den einzelnen Bundesländern jedoch unterschiedlich um- gesetzt wurde. Das Olweus-Programm wurde in Baden-Württemberg 2015 im Rahmen eines Modellprojekts an 10 Schulen erprobt (Baden-Württemberg Stiftung, 2017). Obwohl Mob- bing-Programme in Deutschland erst vor kurzem implementiert wurden, zeigte sich hinsicht- lich der PISA-Ergebnisse (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung - OECD, 2015), dass norwegische Schüler*innen trotz langjähriger Erfahrung mit Präventions- programmen etwas häufiger angaben, ein paar Mal im Monat gemobbt zu werden, als deut- sche Schüler*innen (Norwegen: 17.9 Prozent; Deutschland: 15.7 Prozent). Gegenteilige Er- gebnisse zeigte die Metaanalyse von 82 Studien in 22 Ländern von Cook, Williams, Guerra und Kim (2010), bei der ein geringeres Risiko für Mobbing in Norwegen im Vergleich zu Deutschland berichtet wurde.

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Perry, Kusel und Perry (1988) sowie Salmivalli, Lagerspetz, Björkqvist, Österman und Kaukiai- nen (1996) stellten jeweils einen Zusammenhang her zwischen der Ablehnung beziehungs- weise der fehlenden Akzeptanz durch Mitschüler*innen und der Gefahr, Mobbingopfer zu sein. Hinsichtlich der Ablehnung von Kindern mit Behinderung existieren zahlreiche – auch internationale – Studien (Bakker & Bosman, 2003; Frederickson & Furnham, 2001; Huber, 2009; Huber & Wilbert, 2012; Kavale & Forness, 1996). In der Erhebung von Trumpa et al. (2014) wurden unter anderem die Befürchtungen der Eltern hinsichtlich Inklusion erhoben. Eltern, deren Kind auf eine Sonderschule ging, äußersten Bedenken hinsichtlich der sozialen Akzeptanz ihres Kindes, falls es in eine inklusive Klasse wechseln sollte.

Ferner stellt sich die Frage, welche Zusammenhänge zwischen den Einstellungen zu Inklusion und dem Mobbingverhalten existieren. Dabei wurde der Zusammenhang von Mobbing und dem Empathieverhalten bestätigt: Correia und Dalbert (2008) beispielsweise stellten eine sig- nifikant negative Korrelation zwischen dem Empathieverhalten und der Mobbingtendenz fest. Sie befragten dabei 187 Schüler*innen zwischen zwölf und 18 Jahren in Portugal, u.a. mit dem Index for Empathy for Children and Adolescents (Bryant, 1982). Dasselbe Instrument verwendeten Warden und MacKinnon (2003) bei der Befragung von 131 Kindern im Alter von neun und zehn Jahren in Schottland. Die Ergebnisse deuteten ebenfalls darauf hin, dass Mob- bingtäter*innen weniger Empathie aufwiesen als Schüler*innen mit hohem prosozialen Ver- halten (Warden & MacKinnon, 2003). Poteat und Espelage (2005) befragten 191 Jugendliche in der siebten Klasse zum Thema Homophobie, wobei auch Skalen zum Mobbing sowie zum Empathieverhalten zum Einsatz kamen. Sie konnten einen signifikant negativen Zusammen- hang zwischen der Empathie und der Mobbingtendenz identifizieren. Pepler, Craig und O'Connell (2010) proklamierten, dass vor allem für Interventionsprogramme die Schulung des Empathieverhaltens als Basis sinnvoll sein kann, um eine Perspektivübernahme zu ermögli- chen.

In der Erhebung von Armstrong et al. (2015) wurde ein Zusammenhang zwischen der Empa- thiefähigkeit und positiven Einstellungen zu Menschen mit Behinderung postuliert. Dabei wurden 1881 Schüler*innen im Alter von sieben bis 16 Jahren in England mit einem Fragebo- gen zu ihren Einstellungen zu Menschen mit Behinderung (u.a. mit der CATCH-Skala) befragt. Zusätzlich erhoben die Autor*innen Informationen zum Kontakt zu Menschen mit Behinde- rung, soziodemographische Variablen sowie die Angst, mit Menschen mit Behinderung in In- teraktion zu treten, und Empathie (Armstrong et al., 2015). Ergebnis der Studie war, dass die

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Empathiefähigkeit der Schüler*innen als Mediator zwischen dem Kontakt und den Einstellun- gen zu Menschen mit Behinderung anzusehen war. Kinder, die bereits Kontakt zu Menschen mit Behinderung hatten, zeigten mehr Empathie sowie eine positivere Einstellung gegenüber dieser Personengruppe. Im Rahmen einer Metastudie zu Vorurteilen kamen Pettigrew und Tropp (2008) zu ähnlichen Ergebnissen hinsichtlich der Empathie als Mediator zwischen dem Kontakt und den Vorurteilen zu anderen Gruppen. Freundschaften zwischen Personen mit und ohne Behinderung könnten zu einer Perspektivübernahme führen, sodass man sich bes- ser in die andere Person einfühlen kann und die Einstellung positiver wird (Pettigrew & Tropp, 2008).

Zusammenfassend belegen die hier dargelegten Studien einen Zusammenhang zwischen dem Mobbingverhalten und der Empathie. Des Weiteren haben Personen mit einer hohen Empa- thiefähigkeit tendenziell positivere Einstellungen zu Menschen mit Behinderung. Aus diesem Grund wird ein möglicher Zusammenhang zwischen dem Mobbingverhalten und den Einstel- lungen zu inklusiver Unterrichtspraxis in der vorliegenden Studie geprüft.

Im Dokument Einstellungen zu Inklusion bei Kindern und Jugendlichen – eine komparative Studie in Deutschland und Norwegen (Seite 81-84)