Alle Materialien wurden speziell für das Design Thinking-Lernsetting neu entwickelt. Dabei sind sie im Rahmen des klimAZUBI Projekts – „Auszubildende begegnen dem Klimawandel - Förderung von Bewusstsein und Handlungskompetenz zur betrieblichen Klimaanpassung in der Metropolregion Rhein-Neckar“ der Abteilung Geographie der Pädagogischen Hochschule Heidelberg unter Leitung von Prof. Dr. Siegmund mit ausgewählten Unternehmen der Metropolregion Rhein-Neckar (ABB, HeidelbergCement, REWE) sowie der Industrie- und Handelskammer Rhein-Neckar Projekts entstanden. Dabei wurden die Materialien in mehreren Runden durch einen Fachaustausch der Abteilung Geographie optimiert. Des Weiteren wurden auch hier externe Design Thinking und Didaktik Experten zu Rate gezogen und gebeten, die entwickelten Materialien kritisch zu betrachten. Das Feedback wurde jeweils in die Materialien eingebracht und die Materialien so weiter verbessert.

Das klimAZUBI Projekt hat das Ziel zu einer Sensibilisierung und Bewusstseinsbildung für den fortschreitenden Klimawandel beizutragen sowie eine nachhaltige Förderung von Gestaltungs- und Handlungskompetenz sowie Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel auf betrieblicher Ebene zu erreichen. Dies erfolgt mittels entsprechenden Lernarrangements zur Förderung von Verständnis, Beurteilung-, Gestaltungs- und Handlungskompetenz im Bereich

der Klimaanpassung. Das Projekt gliedert sich dabei in ein Basis- sowie in ein Vertiefungsmodul, dass von den Teilnehmern absolviert wird.

Im Basismodul wird zuerst ein grundlegendes Verständnis für den Klimawandel und seine Ursachen entwickelt. Darüber hinaus werden Auswirkungen des Klimawandels vor Ort begutachtet. Das Basismodul untergliedert sich dabei in zwei Tage, der erste Tag besteht aus einer Geländeexkursion im Heidelberger Umland, bei der die Teilnehmer verschiedene Aspekte des Klimawandels eigenständig erarbeiten u.a. wurden die Auswirkungen des Klimawandels auf den regionalen Obstanbau bzw. Vermarktung am Beispiel des Apfels analysiert. Darüber hinaus wurde der Einfluss von Starkniederschlägen und / oder Dürreperioden auf die Pegelstände und die damit einhergehende Logistik auf dem Neckar näher betrachtet. Methodisch kamen dabei Kartierungen und Messungen, Recherchen sowie ein Rollenspiel zum Einsatz.

Der zweite Teil des Basismoduls erfolgt in der Abteilung Geographie der PH Heidelberg im Kompetenzzentrum für geoökologische Raumerkundung (Geco-Lab), einem außerschulischen Lernort das der Vermittlung von naturwissenschaftlicher Basiskompetenzen in verschiedenen geoökologischen Anwendungsfeldern und der Förderung des forschenden Lernens zum Verständnis geographischer Phänomene dient. Dabei konnten die Teilnehmer eigenständig an verschiedenen Stationen die Folgen des Klimawandels simulieren, dies erfolgte durch den Einsatz verschiedener Modelle. Zum Einsatz kamen z.B. die Simulation von Bodenerosion nach starker Trockenheit, das Erfassen von Fließgeschwindigkeiten von begradigten vs. nicht- begradigten Flüssen sowie die Simulation von Hochwasserszenarien und Deichbachmodellie- rungen. Dabei wurde auch auf die unterschiedlichen Branchen Rücksicht genommen und die Lern-Stationen angepasst. So bearbeiteten die Teilnehmer von REWE Stationen, die sich mit den Auswirkungen des Klimawandels auf regionale Produkte wie den Apfel beschäftigten. So wurde die Sonneneinstrahlung simuliert und Kaolin-Pulver als Schutz vor Sonnenbrand an der Frucht getestet. Darüber hinaus wurden unterschiedliche Hagelschutznetze wurden getestet, um ein Verständnis für die Auswirkungen von Hagelschlag zu erlangen. In der zweiten Hälfte des Tages erfolgte die standortbezogene Analyse von digitalen Klimafolgenkarten. Ziel des Tages ist es durch die Anwendung von Laborexperimenten und Modellen zu einer Beurteilung von Schutz- und Anpassungsstrategien zu kommen.

Mit dem in den Basismodulen erworben Grundlagenwissen gingen die Teilnehmer in das Vertiefungsmodul, um ihr Wissen zu intensivieren. Abbildung 7 veranschaulicht diesen

doppelten methodisch-didaktischen Dreiklang, bestehend aus Erkennen, Vertiefen und Beurteilen in Basis- und Vertiefungsmodul.

Abbildung 7: Konzeptioneller Aufbau des klimAZUBI Projekts (Research Group for Earth Observation 2018)

Aufbauend auf dem Basismodul erfolgte die Durchführung des Vertiefungsmoduls. Die Umsetzung der Vertiefungsmodule erfolgte in den jeweiligen Partnerunternehmen. In den Vertiefungsmodulen wurde die Kreativitätsmethode Design Thinking zur Erarbeitung innovativer Anpassungsoptionen an hitzebedingte Unternehmensrisiken genutzt. Dabei nahmen die Teilnehmer an einem speziell entwickelten Design Thinking-Lernsetting zum Thema „Folgen zunehmender Hitzeperioden durch den Klimawandel auf die betriebliche Umwelt“ teil. Wegweisend war dabei das speziell für das Lernsetting entwickelte Design Thinking Workbook, welches schrittweise durch die einzelnen Phasen der Methode leitet. Das Lernmodul fokussiert auf das Thema zunehmender Hitzeperioden, da neben unterschiedlichen betrieblichen Abläufen auch die Auszubildenden und dualen Studenten ganz individuell von bioklimatischen Belastungsfaktoren betroffen sind. Durch den Bezug zu der eigenen Gesundheit und dem Wohlbefinden sowie der Tätigkeit im eigenen Unternehmen konnte jeder Teilnehmer unabhängig von Alter, Ausbildungsberuf, Betrieb und Vorwissen seine Erfahrungen einbringen. Darüber hinaus wurden weitere hitzebedingte, branchen- und unternehmensspezifische Probleme bearbeitet.

Beispiele hierfür sind in allen drei Kooperationspartnerunternehmen zu finden. In der Baustoffindustrie (HeidelbergCement) sind Produkte und Transport von der Hitzebelastung betroffen, so härtet Beton bei höheren Temperaturen schneller aus, dies beeinträchtigt die Verarbeitung und das korrekte Aushärten negativ (HeidelbergCement 2014; Reichel 1976). In dem durch REWE exemplarisch vertretenen Lebensmitteleinzelhandel kommt es zu negativen Auswirkungen auf die Produktionsbedingungen, den Transport und die Lagerung von frischer und schnell verderblicher Ware (Chmielewski 2011). Ein weiterer Aspekt ist unter anderem im verarbeitenden Gewerbe (ABB) zu finden, wo durch hochtechnisierte Produktion Maschinen durch die höheren Temperaturen Probleme mit Ausdehnungseffekten bekommen (Tabatabaei 2008). Weitere Auswirkungen auf die Bereiche Logistik, Gesundheit und unternehmens- spezifische Aspekte sind Tabelle 5 und 6 zu entnehmen. Die Tabellen erheben dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es geht vor allem darum, die Bandbreite an unterschiedlichen Risiken für Unternehmen im Kontext des Klimawandels darzustellen.

Tabelle 5: Übersicht möglicher Risiken der Risiken durch den Klimawandel für Unternehmen (eigener Entwurf)

Logistik

Befahrbarkeit von Transportwegen kann durch Wetterextreme beeinträchtigt werden • Bei Wasserwegen Schiffbarkeit aufgrund

von Dürre oder Sturmereignissen unmöglich

• Straßen sind bei Erdrutschen oder Starkniederschlägen eingeschränkt

• Schienen können durch Hitzewellen deformiert werden

• Überhitzung von Fahrinnenräumen aufgrund von Extremtemperaturen, daher erschwerter Transport von Personen (inkl. Fahrer) und Gütern (Ott & Richter 2008)

Gesundheit

• Gesundheitliche Belastung für Mitarbeiter durch hohe Temperaturen über langanhaltenden Zeitraum

• Geringere Konzentration und Leistungsfähigkeit

• Möglichkeit für höheres Unfallrisiko • Ausfälle durch Allergien durch

verlängerte und früher beginnende Pollensaison

• Ausfälle durch neu eingewanderte Krankheitsüberträger und allergene Pflanzen (Eis et al. 2010;

Tabelle 6: Übersicht möglicher Risiken der Risiken durch den Klimawandel für ausgewählte Unternehmen (eigener Entwurf)

Diese Bandbreite an Faktoren soll die Auszubildenden anregen, in ihrem eigenen Arbeitsbereich sowie darüber hinaus einen ganzheitlichen Blick auf ihr Unternehmen zu entwickeln (gesamtbetriebliche Vulnerabilität) und die gesamte Wertschöpfungskette unter der Belastung von zunehmenden direkten und indirekten Hitzefolgen für den eigenen Einsatzort im Unternehmen zu analysieren und kreative sowie innovative Lösungsvorschläge im Rahmen des Design Thinking-Lernsettings zu entwickeln. Die Lernenden sind dabei gezwungen, sich auf der Suche nach Lösungsmöglichkeiten aktiv mit der geographischen Fragestellung auseinanderzusetzen. Dabei steht neben dem Erwerb geographischer Handlungskompetenzen auch der Zuwachs an naturwissenschaftlichen Denk- und Arbeitsweisen im Vordergrund. Im Sinne einer binnendifferenzierten Konzeption der Lernangebote beschäftigten sich die Teilnehmer mit einer gemeinsamen zentralen Fragestellung. Die Lösungswege und der Tiefgang der jeweiligen Auseinandersetzung fielen jedoch gemäß den divergierenden individuellen Voraussetzungen und Interessen unterschiedlich aus.

Das Vertiefungsmodul besteht aus zwei Tagen, an dem Ersten erfolgt die Durchführung des Design Thinking-Lernsettings und am Zweiten erfolgte ein „Realitäts-Check“. Mittels der Szenario-Technik wurden verschiedene Optionen für das jeweilige Unternehmen besprochen. Anhand eines Zeitungsartikels aus der Zukunft konnte ein Worst-Case-Szenario (schlechtmöglichste Lösung) für das Unternehmen identifiziert werden. Dabei hatten die

ABB

• Problem mit

Ausdehnungseffekten des Materials der Roboter durch extreme Hitzebelastung in den Werkshallen (Tabatabaei 2008) HeidelbergCement • Erhöhte Staubbelastung im Steinbruch gesundheitliche Belastung für Mitarbeiter • Notwendigkeit der Zugabe von erstarrungsverzöger- nden Zusatzmitteln • Auftragen von Nachbehandlungs- mitteln zur korrekten Betonaushärtung von Nöten (HeidelbergCement 2014; Reichel 1976) REWE • Extremwetterereig- nisse wie Hagelschlag beschädigen Pflanzen • Gesteigerte Hitzebelastung: höhere Sonneneinstrahlung und Sonnenbrand z.B. bei Äpfeln • Auftreten von Schaderregern und Pflanzenkrankheiten daraus resultierend geringere Ernteerträge (Chmielewski 2011)

Teilnehmer die Aufgabe das Wissen, was sie aus den vorherigen Tagen mit genommen haben aktiv einzubringen und so ein Best-Case-Szenario (bestmögliche Lösung) für das Unternehmen zu erarbeiten. So wurden konkrete Handlungsempfehlungen für die einzelnen Unternehmen erarbeitet.

Im Dokument Design Thinking und die Veränderung von Kreativität – im Kontext betrieblicher Anpassung an den Klimawandel (Seite 49-54)