4.1 Empirische Kapitalmarktforschung zu den Folgen von Restatements

4.1.4 Ergebnisse der empirischen Untersuchungen

4.1.4.2 Ergebnisse aus Studien zu valuation relevance

4.1.4.2.3 Marktreaktionen vor und nach dem Sarbanes Oxley Act

Eine Reihe empirischer Studien beschäftigte sich mit den Marktreaktionen auf Fehlerkor- rekturen nach der Implementierung vom SOX.252 Nach dem dramatischen Anstieg der Anzahl der Restatements nach SOX stellte sich die Frage nach dessen Auswirkungen auf den Marktwert der betroffenen Unternehmen, auf die Markteffizienz und auf das Inves- torenvertrauen. Fehlerkorrekturen per se müssen nicht zwangsläufig negative Folgen ha- ben, sondern können zum Wiederherstellen des Anlegervertrauens und zur besseren Ver- arbeitung finanziellen Informationen seitens der Investoren beitragen.253

247 BARDOS/GOLEC/HARDING führen aus, dass es auch andere Studien gibt, die den Zeitraum vor der

Fehlerbekanntmachung examinieren. Jedoch wird in diesen Untersuchungen diese Zeitspanne nicht se- parat, sondern gemeinsam mit der Periode nach der Fehlerbekanntmachung analysiert. Vgl. BARDOS, K. S. u. a. (2011), S. 1920 FN 6. Als Beispiele für solche Untersuchungen, wo die Untersuchungszeit- räume gemischt betrachtet werden siehe FRIEDER, L./SHANTHIKUMAR, D. (2008), S. 1ff und BA- DERTSCHER, B. A. u. a. (2011), S. 1519ff.

248 Vgl. BARDOS, K. S. u. a. (2011), S. 1944.

249 Die Stichprobe umfasst 73 Fehlerkorrekturen von Quartalsberichten, die im Zeitraum 1976-1985 ver-

öffentlicht wurden. Vgl. KINNEY, W. R./MCDANIEL, L. S. (1989), S. 76ff.

250 KINNEY/MCDANIEL finden jedoch keine signifikanten abnormalen Renditen unmittelbar nach der An-

kündigung der Fehlerkorrektur. Vgl. KINNEY, W. R./MCDANIEL, L. S. (1989), S. 91.

251 Vgl. KINNEY, W. R./MCDANIEL, L. S. (1989), S. 91

252 Vgl. BYERS, S. V./HRANAIOVA, J. (2007), S. 1ff; BURKS, J. J. (2011), S. 507ff; JATEGAONKAR,

S. P. u. a. (2012), S. 81ff; O´KANE, K. (2014), S. 1ff.

Die erste Studie, die sich dieser Thematik widmet und die Auswirkungen der Fehlerkor- rekturen auf die Wertpapierkurse in den Perioden vor und nach SOX untersucht, stammt aus dem Jahr 2007. BYERS/HRANAIOVA examinieren die Entwicklung der Aktienkurse nach 518 Fehlerveröffentlichungen im Zeitraum von 1998 bis 2005.254 Die Autoren kom- men zum Schluss, dass die negative Kursreaktion auf Ankündigungen von Restatements in der Untersuchungsperiode nach SOX um 71% zurückgegangen ist.255

Zwei Jahre nach BYERS/HRANAIOVA erscheint eine zweite Studie, die sich mit den Markt- reaktionen vor und nach der Einführung von SOX beschäftigt. Im Mittelpunkt der Unter- suchung von BURKS steht nicht nur die Frage nach der Kursreaktion auf Ankündigungen von Restatements, sondern auch ob der Anstieg der Fehlerkorrekturen nach SOX zur Ver- wirrung bei den Anlegern geführt hat. Das Interesse an dieser Forschungsfrage wird von der Debatte zwischen Regulierungsbehörden und Anlegergruppen, ob Reformen zur Re- duktion der Anzahl von Fehlerkorrekturen notwendig sind, begründet.256 Seitens der Re- gulierungsbehörden wurden Bedenken geäußert, dass der Anstieg der Fehlerkorrekturen zu höheren Kosten für die Informationsverarbeitung seitens der Investoren führen kann. Im Gegensatz begründen Anlegergruppen, dass Restatements zu einer Erhöhung der Transparenz der Finanzberichte beitragen.257 Um Klarheit über dieses Thema zu ver-

schaffen, untersucht BURKS neben den Veränderungen der Aktienkurse auch das Han- delsvolumen nach einer Fehlerkorrektur. Das Handelsverhalten der Anleger soll Auf- schluss darüber geben, ob die Investoren verwirrt sind, da sie Schwierigkeiten haben, die Implikationen des Fehlers zu beurteilen.258 Die Grundüberlegung für die Untersuchung des Handelsvolumens ist, dass die Uneinigkeit unter den Anlegern hinsichtlich des Marktwerts eines Unternehmens zu einem regen Handel aber zu keinen Veränderungen der Aktienpreise führt.259 Wenn die Anleger durch die Fehlerkorrekturen nach SOX zu keinem Konsens gelangen, dann sollte das einen Ausdruck in einem erhöhten Handels- volumen finden.260 Die Studie konnte die Ergebnisse von BYERS/HRANAIOVA bestätigen und zeigte, dass die Marktreaktion auf Fehlerkorrekturen nach SOX weniger negativ als

254 Vgl. BYERS, S. V./HRANAIOVA, J. (2007), S. 10. 255 Vgl. BYERS, S. V./HRANAIOVA, J. (2007), S. 24. 256 Vgl. BURKS, J. J. (2011), S. 510; SFAS 154.B7. 257 Vgl. BURKS, J. J. (2011), S. 507ff. 258 Vgl. BURKS, J. J. (2011), S. 507, 514. 259 Vgl. BEAVER, W. H. (1968), S. 69. 260 Vgl. BURKS, J. J. (2011), S. 514.

in der Periode vor seiner Einführung ist. Des Weiteren ergab die Untersuchung des Han- delsvolumens keine Indizien dafür, dass die Investoren durch die erhöhte Anzahl an

Restatements nach SOX verwirrt sind.261

Die umfassende Studie von SCHOLZ aus dem Jahr 2008 liefert weitere empirische Be- funde, die die Ergebnisse von BURKS und BYERS/HRANAIOVA unterstützen. SCHOLZ weist empirisch nach, dass die Marktreaktionen auf Fehlerkorrekturen (gemessen an den ku- mulierten Überrenditen) bereits ab 2001 weniger negativ als in den Jahren davor sind.262 Die Autorin erklärt die veränderte Marktreaktion bereits vor der Inkraftsetzung von SOX im Juli 2002 mit der allgemeinen ökonomischen Situation zu dieser Zeit.263 Eine Studie des U.S. General Accounting Office aus dem Jahr 2006 kann ebenso den Rückgang der negativen Marktreaktion auf Fehlerkorrekturen nach der Implementierung von SOX264 bestätigen.265 Die von HIRSCHEY/SMITH/WILSON durchgeführten Tests kommen auch zum Ergebnis, dass Fehlerkorrekturen weitaus weniger negativen Kursreaktionen nach der Einführung von SOX als in der vorhergehenden Periode hervorrufen.266

Die Studie von JATEGAONKAR/LOVATA/SIERRA aus dem Jahr 2012 soll zum Stand der Forschung beitragen, indem sie überprüft, ob der Markteffekt der Restatements nach SOX von den Unsicherheiten während seiner Implementierungsphase beeinflusst wird. Die ersten Jahre nach der Einführung von SOX wurden von vielen Managern dazu genutzt, um über wesentliche Schwächen, die schon seit längerer Zeit bestanden haben, zu berich- ten. Der Grund dafür ist, dass viele Führungskräfte aufgrund der allgemein angestiegenen Anzahl an Fehlerkorrekturen nach der Implementierung von SOX mit einer weniger ne- gativen Marktreaktion gerechnet haben.267 Des Weiteren können Restatements in der Ein- führungsphase von SOX von den Anlegern als positiv wahrgenommen werden, da sie als ein Indiz dafür interpretiert werden können, dass das Management und der Abschlussprü- fer die Schwächen im Unternehmen erkannt und beseitigt haben und somit ein getreueres

261 Vgl. BURSK, J. J. (2009), S. 534. 262 Vgl. SCHOLZ, S. (2008), S. 29f.

263 Enron hat seine Fehlerkorrektur im November 2001 bekanntgegeben und löste somit eine Phase, die

durch einen sehr starken Fokus auf Rechnungslegungsfragen und Turbulenzen im Berufsstand der Ab- schlussprüfer gekennzeichnet ist, aus. Vgl. SCHOLZ, S. (2008), S. 11, 29f.

264 Der Untersuchungszeitraum in der Studie ist Juli 2002 - September 2005. Siehe GAO (2006), S. 3. 265 Vgl. GAO (2006), S. 24, 30f.

266 Vgl. HIRSCHEY, M. u. a. (2010), S. 20ff. 267 Vgl. JATEGAONKAR, S. P. u. a. (2012), S. 83.

Bild der Unternehmensfinanzen in Zukunft gewährleistet wird. Aus diesen Gründen for- mulieren JATEGAONKAR/LOVATA/SIERRA die Hypothese, dass die Marktreaktionen auf Fehlerkorrekturen in der Implementierungsphase (2002-2003) des US-amerikanischen Bundesgesetzes weniger negativ als die Reaktion in der Post-Implementierungsphase (2004-2009) sein wird.268 Die Untersuchung der kumulierten Überrenditen kann die Hy- pothese tatsächlich bestätigen und die Ergebnisse zeigen eine weniger negative Marktre- aktion in den ersten Jahren nach der Einführung von SOX als in der Periode danach. Aus diesem Grund empfehlen die Autoren, dass in künftigen Studien die Jahre unimittelbar nach der Einführung von SOX isoliert analysiert werden sollen, um die Auswirkungen von SOX korrekt zu beurteilen.269

Eine weitere Studie beschäftigt sich mit der Frage, ob die Marktreaktionen auf Restate-

ments nach der Weltwirtschaftskrise von 2008 stärker oder schwächer ausgeprägt als die

Reaktionen nach der Einführung von SOX (2005-2007) sind. Die Studie kommt zum Re- sultat, dass die Marktreaktionen nach der Weltwirtschaftskrise stärker (negativ) als in der Periode nach der Implementierung von SOX sind. Dennoch sind diese Ergebnisse nicht statistisch signifikant. Aus diesem Grund wird vom Autor empfohlen, die Nachforschung erneut durchzuführen und dabei einen größeren Stichprobenumfang zu wählen270 sowie

die Methode der kumulierten Überrenditen statt der kumulierten Veränderung der Ak- tienpreise anzuwenden.271

268 Vgl. JATEGAONKAR, S. P. u. a. (2012), S. 81ff. 269 Vgl. JATEGAONKAR, S. P. u. a. (2012), S. 90f.

270 Der Stichprobenumfang in der Studie umfasst lediglich 100 Fehlerkorrekturen - 50 für die Periode nach

SOX und bevor der Weltwirtschaftskrise und 50 für den Untersuchungszeitraum nach der Weltwirt- schaftskrise. Vgl. O`KANE, K. (2014), S. 9.

Im Dokument Konsequenzen von Restatements: ein Literaturüberblick über die Ergebnisse und den aktuellen Stand der empirischen Forschung / von: Maier Denitsa (Seite 41-45)