6. Rechtspolitische Vorschläge

6.3. Maßnahmen zur Erlangung der erforderlichen Kompetenzen

Der Gleichbehandlungsbericht zeigt, dass es ein zertifiziertes Schulungsprogramm für Kontakt- frauen und weiterführende Fortbildungen nach Absolvierung des Programms gibt. Die Schwer- punkte liegen dabei auf den Grundlagen der Tätigkeiten einer Kontaktfrau sowie Gesprächsfüh- rung, Fallarbeit und Umgang mit sexueller Belästigung. In den letzten Jahren organisierte die Stelle der Gleichbehandlungsbeauftragten darüber hinaus Konferenzen für Kontaktfrauen, die sich allgemein mit frauenpolitischen Themen befassten, aber auch dem Thema eines Schwer- punkts des Gleichstellungsprogramms gewidmet waren. Gesetzlich fehlt eine Festlegung von bestimmten Themenbereichen, in denen eine Kontaktfrau unbedingt über ein Verständnis und ein Wissen verfügen sollte. Angelehnt an die Bestimmungen, die schon einmal im W-GBG zu finden waren, jedoch 2010 gestrichen wurden, und an die Bestimmungen des B-GlBG sollen im Folgenden diese Themenbereiche näher beschrieben werden. 177

6.3.1. Rechtliche Kompetenz

Die Funktion als Kontaktfrau erfordert nicht nur die Kenntnis des W-GBG, sondern auch der dienstrechtlichen Bestimmungen und, um diese richtig einordnen und verstehen zu können, des Organisationsrechts.

Im Rahmen des Organisationsrechts ist es nötig, Kenntnis über die Grundlagen der österreichi- schen Bundesverfassung zu erlangen, insbesondere über die Gewaltenteilung und die Kompe- tenzverteilung. Nur dann kann auch das Organisationsrecht des Landes und der Gemeinde Wien, samt der vom Bund unabhängigen Gesetzgebung und der drei möglichen Anstellungsver- hältnisse zur Gemeinde, verstanden werden.

Im Rahmen des Dienstrechts ist es von großer Bedeutung, über die Grundzüge des jeweiligen Verfahrensrecht Bescheid zu wissen. Außerdem ist es wichtig, die darin geregelten Bestimmun- gen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Elternschaft, aber auch die Grenzen der dies- bezüglichen Zuständigkeit zu kennen. Kontaktfrauen sollten nicht über diese Rechte informieren, denn dafür ist die Personalvertretung zuständig, sondern nur dann tätig werden, wenn es auf- grund der Inanspruchnahme dieser Rechte zu einer Diskriminierung kommt. Eine Zusammenar- beit und ein Kennenlernen von Personalvertreter_innen im Rahmen der Ausbildung sollte in Er- wägung gezogen werden.

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Im Zentrum der rechtlichen Ausbildung steht das Gleichbehandlungsrecht iSd W-GBG. Im Rah- men dieses Schwerpunkts sollte auch eine Auseinandersetzung mit Menschenrechten im All- gemeinen und mit den anderen geschützten Merkmalen im Besonderen (ethnische Zugehörig- keit, Religion, Weltanschauung, Behinderung, Alter, sexuelle Orientierung) stattfinden. Dies wä- re va deshalb notwendig, um Zuständigkeitsbereiche zu klären und die Anlaufstelle bei vermute- ter Ungleichbehandlung aufgrund eines anderen geschützten Merkmals, nämlich die Stelle zur Bekämpfung von Diskriminierungen beim unabhängigen Bedienstetenschutzbeauftragten178, zu

kennen. Auch hier wäre das Kennenlernen von Mitarbeiter_innen dieser Beratungsstelle wün- schenswert.

6.3.2. Grundkenntnis der Gesprächsführung

Kontaktfrauen sollten Grundkenntnisse in der beratenden Kommunikation erlangen, die es ihr im Einzelgespräch ermöglichen würden, ein vertrauensvolles Setting zu bieten und der möglicher- weise von Diskriminierung betroffenen Person ein wertschätzendes Gefühl zu vermitteln.179 Kon-

taktfrauen halten jedoch auch Informationsveranstaltungen und Schulungen für Mitarbei- ter_innen ab, beraten Dienststellenleiter_innen, die gleichzeitig auch ihre Vorgesetzten sind und sitzen mit einer großen Anzahl von Führungskräften in einem Hearing. Diese Situationen erfor- dern eine ganz andere Kompetenz in der Kommunikation, nämlich die Fähigkeit, sich zu präsen- tieren und einen Standpunkt zu vertreten. Kontaktfrauen werden immer wieder Auseinanderset- zungen mit Menschen führen müssen, die, aus welchen Gründen auch immer, mit dem Thema Gleichbehandlung der Geschlechter nur negative Vorurteile verbinden.

Für jede dieser kommunikativen Situationen ist es wichtig, gute Gesprächstechniken zu entwi- ckeln, um selbstbewusst auftreten zu können, ohne dabei emotional zu sehr belastet zu werden. Aus diesem Grund sollte hier ein weiterer Schwerpunkt in der Ausbildung liegen.

6.3.3. Gesellschaftspolitische Aspekte des Geschlechterverhältnisses

Eine Kontaktfrau braucht als Grundvoraussetzung für ihre Tätigkeit Verständnis von und Enga- gement für die Gleichberechtigung der Geschlechter. Dazu ist es notwendig, sich mit den unter- schiedlichen Aspekten des Geschlechterverhältnisses (Sozialisation, Berufswahl, Familienzu- ständigkeit, Gewalt gegen Frauen etc) auseinanderzusetzen. Es sollte zum einen aufgezeigt werden, wie tief das gegenwärtige Verständnis von stereotypen Geschlechtsrollen in unserer Gesellschaft verankert ist; zum anderen aber auch, wie viel Beharrlichkeit und Kraft es braucht, bis eine Veränderung eintritt und wie lange es dann noch immer dauert, bis eine Änderung für

178 Vgl https://www.wien.gv.at/sozialinfo/content/de/10/InstitutionDetail.do?it_1=2099728 (23. 2. 2021).

179 Vgl Weinberger, Klientenzentrierte Gesprächsführung. Lern- und Praxisanleitung für psychosoziale Berufe14

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die einzelne Frau spürbar wird. Anhand der Geschichte der Frauenbewegung kann diese Ent- wicklung gut beleuchtet und gleichzeitig dargestellt werden, dass die Errungenschaften des Gleichbehandlungsrechts nichts Selbstverständliches sind und immer wieder verteidigt werden müssen.

6.3.4. Selbsterfahrung im Zusammenhang mit erlebter Diskriminierung

Kontaktfrauen sollten sich im Rahmen einer Selbsterfahrung mit erlebter Diskriminierung reflek- tierend auseinandersetzen. Dabei sollten va im Zusammenhang mit sexueller Belästigung eige- ne Emotionen aufgedeckt und eigene Strategien im Umgang damit bewusst gemacht werden. In einer Gruppe von Frauen könnte dabei auch erfahren werden, dass jede Frau unterschiedlich auf Diskriminierung reagiert und eine andere Vorstellung zur Beseitigung dieser hat. Kontakt- frauen sollten erkennen, dass es im persönlichen Umgang mit Ungleichbehandlung kein „richtig“ oder „falsch“ gibt und der individuelle Weg oft erst gefunden werden muss.

Im Dokument Die Kontaktfrauen als Beratungs- und Betreuungsinstitution des Wiener Gleichbehandlungsgesetzes / eingereicht von Mag. Dr. Ingrid Seczer (Seite 55-57)