Langfristige Ansatzpunkte für Verbesserungen gibt es sowohl im Bereich der Haltungssysteme und des Managements für Aufzucht und Legephase, als auch in einer entsprechenden Zuchtauswahl geeigneter Legelinien (Staack und Knierim, 2003). Wenn Probleme auftreten, sollte in erster Linie danach getrachtet werden, eine ganzheitliche, systemische Lösung zu finden, anstatt zu versuchen, die Tiere an das System anzupassen (Alrøe et al., 2001). Vor allem die richtige Kombination aller Faktoren ist essentiell für die Optimierung von Wohlbefinden und Produktivität von Legehennen (Lay et al., 2011).

In der Praxis sind jedoch kurzfristige bzw. symptomatische Maßnahmen (Lichtreduktion und Schnabelkupieren) gängig, die im Folgenden erläutert werden.

2.4.1 Lichtreduktion

Die visuelle Wahrnehmung ist bei Vögeln ein essentieller Sinn und dafür wird Licht benötigt (Manser, 1996). D'Eath und Stone (1999) konnten zeigen, dass eine Lichtintensität von 5,5 Lux bei Hennen nicht ausreichend für das gegenseitige, individuelle Erkennen ist. Auch für futterbezogene Aktivitäten bevorzugen Hühner höhere Lichtintensitäten (Prescott und Wathes, 2002), während zum Ruhen Orte mit geringerer Beleuchtung genutzt werden (Davis et al., 1999). Das Level an Bewegung und Aktivität einer Hühnergruppe korreliert daher positiv mit der Intensität der Beleuchtung (Boshouwers und Nicaise, 1987, Boshouwers und Nicaise, 1993; Ruis et al., 2010).

In der Praxis wird dieser Umstand routinemäßig genutzt, um Verhaltensstörungen symptomatisch zu kontrollieren (EFSA - AHAW, 2005), da diese bei hohen Lichtintensitäten verstärkt auftreten (Kjaer und Vestergaard, 1999; Mohammed et al., 2010). Die Hühner verlieren durch das Abdunkeln der Ställe zwar einen wichtigen Teil ihrer Sensorik (Manser, 1996; Schrader, 2008), schädigendes Federpicken und Todesfälle aufgrund von Kannibalismus werden dafür reduziert.

2.4.2 Kupieren der Schnäbel

Beim „Schnabelkupieren“ oder „Schnabelkürzen“ wird bei Hennen ein Drittel bis zur Hälfte des Oberschnabels (und Unterschnabels) entfernt. Zu diesem Zweck stehen verschiedene Methoden, wie der heiße Schnitt (Kauterisierung), die Infrarot- und die Lichtbogen-Methode, zur Verfügung (EFSA - AHAW, 2005).

2.4.2.1 Effekte des Schnabelkupierens

Im Moment ist das Schnabelkürzen bei Küken eine gängige Maßnahme zur symptomatischen Kontrolle von schädigendem Federpicken und Kannibalismus (Schrader, 2008). Verschiedene Studien beschrieben einen reduzierenden Effekt sowohl auf Gefiederschäden (Craig und Lee, 1990), als auch auf die Frequenz von SFP (Staack et al., 2007; Lambton et al., 2010) und die Mortalität durch Kannibalismus (Lee und Craig, 1991; Damme, 1999; Hartini et al., 2002). Durch die abgerundeten Schnäbel entstehen weniger Hautläsionen und Blutungen und somit weniger Anreize für weiterführende Pickattacken und Ausbrüche von Kannibalismus. Bei Hartini et al. (2002) wurde in der frühen Legephase bei schnabelkupierten Hennen eine Mortalitätsrate von 0,77 % festgestellt, während diese bei der Gruppe

mit intakten Schnäbeln bei 37,7 % lag (Hartini et al., 2002). Lambton et al. (2010) beobachteten bei nicht-schnabelkupierten Hennen eine durchschnittliche Anzahl von 0,032 Federpickaktionen/Tier/Minute, die durch das frühzeitige Kupieren der Schnäbel auf 0,017 Aktionen/Tier/Minute gesenkt werden konnte. Dies entspricht in etwa den Ergebnissen von Staack et al. (2007), die Unterschiede anhand des prozentualen Anteils von Hennen mit Gefiederschäden feststellten, wobei bei Herden mit intakten Schnäbeln circa doppelt so viele Tiere betroffen waren.

Nicht bei allen Herden (Genotypen) konnte ein Effekt verzeichnet werden. Craig und Lee (1990) konnten nur bei zwei von drei Herden der Linie White Leghorn deutlich bessere Ergebnisse durch Schnabelkürzen erzielen. Bei der dritten Gruppe gab es keinen Unterschied in Bezug auf Gefiederschäden und Todesfälle aufgrund von Kannibalismus kamen nicht vor (Craig und Lee, 1990). Auch bei Damme (1999) reduzierte sich der Federverlust durch Schnabelkürzen nur bei Shaver-, nicht aber bei Hisex-Hennen.

Obwohl das Kürzen der Schnäbel also in vielen Fällen zumindest symptomatisch die Folgen von schädigenden Verhaltenstörungen bekämpft, ist eine flächendeckende Anwendung dieser Maßnahme aus Tierschutzgründen problematisch. Der Schnabel ist ein wichtiges Organ für die Sensorik von Hühnervögeln (EFSA - AHAW, 2005), als solches stark innerviert und mit verschiedensten sensiblen Rezeptoren ausgestattet (Gentle, 1989). Nach einem Eingriff verheilen die Läsionen an der Schnabelspitze zwar in relativ kurzer Zeit und sogar ohne erkennbares Narbengewebe, Rezeptoren werden aber nicht in gleichem Ausmaß wieder nachgebildet (Gentle et al., 1997).

Es gibt Untersuchungen, die bestätigen, dass das Schnabelkürzen akute (und möglicherweise chronische) Schmerzen verursacht (Gentle et al., 1991; Gentle, 1992) und die Tiere in ihrem normalen Pickverhalten (inklusive Futteraufnahme) einschränkt (Kuo et al., 1991; Lee und Craig, 1991; Gentle et al., 1997; Marchant- Forde et al., 2008). Im Gegensatz zu Untersuchungen von Gentle et al. (1997) wurden bei Gentle et al. (1990) noch drei Wochen nach der vollständigen Heilung des Schnabels Hinweise auf eine Überempfindlichkeit gefunden, die auf chronische Schmerzen hindeuten könnte. Auch die Ausbildung von Neuromen nach Schnabelamputationen lässt im Hinblick auf die Tiergerechtheit stark an der Vertretbarkeit dieser Methode zweifeln (Breward und Gentle, 1985; Gentle, 1986).

Mehrere Autoren beschrieben außerdem reduzierte Aktivitätslevel (Kuo et al., 1991; Lee und Craig, 1991) und van Liere (1995) konnte nachweisen, dass schnabelkupierte Hennen mit 42 Lebenswochen weniger schnell und stark auf einen Stimulus im Federkleid (hier ein Sticker aus Papier) mit Federputzverhalten reagierten als Hennen mit intakten Schnäbeln.

Bei anderen Untersuchungen konnten jedoch keine Veränderungen im Verhalten festgestellt werden (Sandilands und Savory, 2002; Gentle und McKeegan, 2007). Das Ausmaß der Folgen der Schnabelbehandlung ist vermutlich in hohem Grade von der verwendeten Technik, dem Alter der Küken (Gentle et al., 1997) und dem Schnabelanteil, der entfernt wird (van Rooijen und van de Haar, 1990; Kuo et al., 1991), abhängig. Generell gilt, je früher der Eingriff vorgenommen wird, desto besser kommen die Tiere damit zurecht (Glatz, 2000). Histopathologische Untersuchungen von Haider (2013) zur Schnabelbehandlung mit Infrarot (Nova- Tech) am ersten Lebenstag zeigten nach fünf Wochen eine vollständige Hornschicht und Reepithelisierung, sowie weitgehende Reorganisation des Knochengewebes im Bereich der Schnabelspitze. Obwohl es zu einem deutlichen Verlust an Nervenfasern und Rezeptoren in diesem Bereich gekommen war, wurden keine Hinweise auf die Ausbildung von Neuromen gefunden (Haider, 2013).

2.4.2.2 Rechtlicher Hintergrund

Laut EU Richtlinie 1999/74/EG ist jede Art von Verstümmelung bei Legehennen verboten, das Stutzen der Schnabelspitze kann aber von den einzelnen Mitgliedsstaaten zur Prävention von starken Schäden aufgrund von SFP und Kannibalismus erlaubt werden, sofern der Eingriff von entsprechendem Fachpersonal und bei Hühnern bis zu einem Alter von 10 Tagen durchgeführt wird (RL1999/74/EG, 1999). In Deutschland ist das Kupieren der Schnäbel bei Legehennen prinzipiell verboten und kann nur mit behördlicher Erlaubnis laut der Ausnahmeregelung gemäß § 6 Abs. 3 des Tierschutzgesetzes (2006) vorgenommen werden. Sowohl in Deutschland wie auch in anderen europäischen Ländern (Vereinigtes Königreich und Niederlande) wird ein endgültiges Verbot diskutiert bzw. ist bereits geplant. In Österreich ist das Kupieren der Schnäbel gesetzlich nicht verboten, wird aber von den Qualitätsprogrammen AMA-Gütesiegel/KAT und „tierschutzgeprüft“, in dessen Rahmen ein Großteil der Herden (ca. 80 %) gehalten werden, nicht erlaubt. Inzwischen sind nur noch vereinzelt kupierte Herden

vorhanden, im Jahr 2012 waren es 0,09 % (Niebuhr, 2013). In der Schweiz ist laut Tierschutzverordnung (TSchV, 2008) das Touchieren, nicht aber das Kupieren, der Schnäbel durch fachkundige Personen erlaubt. Dabei wird der Haken am Oberschnabel mittels heisser Platte oder Lichtbogen entfernt, ein vollständiger Schnabelschluss muss möglich bleiben.

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3.1 Forschungsprojekt

Das Forschungsprojekt „Maßnahmen zur Verbesserung des Tierschutzes bei Legehennen in Praxisbetrieben“ wurde vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz über das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) sowie dem Bayerischen Staatsministerium für Landwirtschaft gefördert.

Im Rahmen des Projekts wurden seit dem Frühjahr 2012 insgesamt 16 freiwillig teilnehmende Legehennenbetriebe (und die dazugehörigen Aufzuchtbetriebe) in ganz Bayern regelmäßig besucht (zwei Besuche während der Aufzucht und drei Besuche während der Legeperiode). Bei diesen Besuchen wurden vor Ort und mittels Fragebögen Daten zu Haltung, Management, Stallklima und Tiergesundheit erhoben. Parallel zu der vorliegenden Arbeit werden im Rahmen dieses Projektes Dissertationen von Frau Alice Lenz zu Management und Haltung von unkupierten Legehennen in alternativen Haltungssystemen und Frau Adriane Hammes zur Haltung unkupierter Legehennen in alternativen Systemen mit dem Schwerpunkt Tiergesundheit und Stallklima angefertigt.

Im Dokument Verhalten nicht-schnabelgekürzter Legehennen in Boden- und Freilandhaltung mit Fokus auf das Pickverhalten, Behaviour of non-beak-trimmed laying hens in alternative housing systems with a special focus on the pecking behaviour (Seite 40-45)