Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit im Spannungsverhältnis von Dekonstruktion und

Im Dokument Dichotomie - Dekonstruktion - Differenz (Seite 119-125)

3. Entwicklung und Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit

3.4 Konzepte außerschulischer Mädchenarbeit im Spannungsverhältnis von Dekonstruktion und

Ausgehend von macht- und herrschaftskritischen Überlegungen und im Rückgriff auf Er- kenntnisse von Postmoderne und Poststrukturalismus wurden vier Konzepte zur Mädchen- arbeit analysiert. Dabei richtete sich der Fokus auf den Umgang der Autorinnen mit der skizzierten Interdependenz von Enthierarchisierung des Geschlechterverhältnisses und einer Reproduktion desselben durch Zementierungen von Zuschreibungen bzw. neuerli- chen Zuschreibungen an die Kategorie Geschlecht. Diesen Widerspruch zwischen Dekon- struktion und Rekonstruktion beschreibt Jacques Derrida als unauflöslich (vgl. Kapitel 3.3:

82). Derrida konstatiert, dass kein Außerhalb von Zuschreibungen existent ist. Der Um- gang mit Widersprüchen ist für ihn von Bedeutung und das Denken in Dichotomien er- scheint ihm vor diesem Hintergrund kontraproduktiv, weil mit ihm versucht wird, Wider- sprüche zu glätten. Er argumentiert für eine Balance von Rekonstruktion und Dekonstruk- tion, von Rückgriffen auf Bestehendes und einer gleichzeitigen Bedeutungsverschiebung (vgl. Kapitel 2.2.2.2).

In Rahmen der Konzeptanalyse wurde deutlich, wie verschieden die Argumentationen der Autorinnen bezogen auf die Zielsetzung ihrer Arbeit, die Veränderung der Geschlechter- hierarchie, sind.

Androgynie wird im Konzept „Mädchenarbeit“ von Renate Klees, Helga Marburger und

Michaela Schumacher als Strategie benannt. Das androgyne Konzept bietet auf einer all- tagspraktischen Ebene des Umgangs der Geschlechter Möglichkeiten, empirische Realitä- ten, bezogen auf die Nutzung so genannter männlicher und weiblicher Fähigkeiten, nicht zu diffamieren, und bedeutet so die Möglichkeit der Öffnung eines Zuschreibungszwanges an die Geschlechter. Gleichzeitig rekurriert die androgyne Utopie auf die Kategorien weiblich/männlich, perpetuiert diese und auch gesellschaftliche Machtverhältnisse finden in diesem Konzept kaum Raum, denn die Symmetrie im Modell der Androgynie erscheint aufgrund der realen asymmetrischen Machtverhältnisse kaum denkbar. Das Modell der Androgynie als Grundlage zur Argumentation für eine parteiliche Mädchenarbeit zu wäh- len, bedeutet eine Gratwanderung: Androgynie behält das polare Ordnungsschema bei, bezieht die Kategorie weiblich allenfalls durch eine Wiederaneignung von abgespaltener Weiblichkeit durch das Männliche ein, greift die substantiellen Bestimmungen von Zu- schreibungen nicht an und verändert als positive Wirkung gleichzeitig den realen Umgang der Geschlechter miteinander.

Auf einer Metaebene wird sich das hierarchische Geschlechterverhältnis durch den Rekurs auf die androgyne Utopie kaum verändern und auch herrschaftskritisches Potenzial lässt dieses Modell vermissen.

Das Denken von Differenz liegt der Konzeption der „Geschlechtsbezogenen Pädagogik“ von Glücks/Ottemeier-Glücks zu Grunde. Der Bezug auf das konsequente Denken der Zweiheit der Geschlechter und der Entwurf einer eigenen symbolischen Ordnung von Frauen stehen im Mittelpunkt dieses Denkens. Mit diesem Ansatz werden Mädchen nicht vordergründig als defizitär angesehen, sondern sie können neue Erfahrungen mit ihrem

Mädchen-Sein machen, indem z.B. ihre Kompetenzen und ihre Fähigkeit in Relation zu anderen Mädchen betrachtet werden. Die Problematik des Ansatzes der Differenz liegt in der potenziellen Verwischung des Maßstabes von Gleichheit und dem biologistisch kon- notierten Bezug von Differenz. Beides wird im Konzept der „Geschlechtsbezogenen Päd- agogik“ nicht thematisiert und auch die Verfahren von Dekonstruktion und Mimesis wer- den nicht genutzt. Somit gerät das Konzept in die Nähe der Propagierung einer „neuen Weiblichkeit“ und bleibt bezogen auf dichotome Zuordnungen und Argumentationen af- firmativ. Das herrschaftskritische Potenzial dieses Denkansatzes läuft so Gefahr in dicho- tomen Denkschemata zu versanden.

Das feministische Konzept von Möhlke/Reiter bezieht sich neben seiner mädchenpoliti- schen Verortung indirekt auf ein Denken von Differenz. In diesem Konzept werden die Ebenen von quantitativer und qualitativer Differenz berücksichtigt. Mit dem Bezug auf qualitative Differenz besteht die Möglichkeit, die Verschiedenheiten von Mädchen in den Blick zu nehmen ohne neue Hierarchisierungen vorzunehmen, wenn der Maßstab von Dif- ferenz nicht ein Androzentrischer ist. Dies ist jedoch im vorliegenden Konzept von Möhl- ke/Reiter der Fall und der Bezug auf eine qualitative Differenz bleibt im Entwurf einer weiblichen Gegenkultur verstrickt. Das Denken der quantitativen Differenz geht einher mit Hierarchisierungen und ist gefangen im Logos des dichotomen Denkens. Die Autorinnen des Konzepts der feministischen Mädchenarbeit verbleiben in der Orientierung auf den Entwurf eines bürgerlich-männlichen Subjekts und in der Polarisierung von lesbischen und heterosexuellen Pädagoginnen. Die eigene Forderung, ihre Arbeit als Mädchenpolitik zu begreifen, würde in diesem Zusammenhang konterkariert.

Jule Alltag et al. kritisieren in ihrem Konzept zur Arbeit mit lesbischen Mädchen die ge- sellschaftliche Konstruktion der Norm Heterosexualität. Gleichzeitig konstruieren sie les- bische Identitäten durchweg in Abgrenzung zur Heterosexualität. Damit beziehen sie sich auf eine hierarchische Differenz und schmälern so den positiven Anteil dieses Konzeptes, einen Ort für lesbische Mädchen zu bieten, wo sie sich frei von Zumutungen zur heterose- xuellen Norm entfalten können.

Alle analysierten Konzepte haben Potenziale für eine Veränderung sozialer Wirklichkeiten und bezogen auf diese Ebene, das Geschlechterverhältnis irritieren.

Das gesteckte Ziel, darüber hinaus zum Abbau der hierarchischen Zweigeschlechtlichkeit beizutragen, erreichen sie hingegen kaum, denn alle Konzepte bleiben im dichotomen

Denken verstrickt, indem sie die Widersprüche die sich durch die Bezüge auf die verschie- denen Denkansätze und den Umgang mit diesen Denkansätzen ergeben, glätten. Der Bezug auf die Kategorie Geschlecht bedeutet in den vorliegenden Konzepten gleichzeitig eine Zementierung von Zuschreibungen und i.d.R. nicht, von diesen Zuschreibungen abzusehen bzw. die eigenen konzeptionell bedingten Zuschreibungen zu hinterfragen.

Manchmal durchbrechen die Autorinnen ihre Konstruktionen von Vereindeutigungen und gelangen in eine Bewegung der Verflüssigung von Zuschreibungen an Mädchen und Jun- gen.

Würde das Modell der Androgynie in seinem herrschaftsstabilisierenden Potenzial aufge- zeigt, würde deutlich, dass das hierarchische Geschlechterverhältnis damit nicht abgebaut werden kann. Durch dieses Aufzeigen würde jedoch ein Widerspruch transparent: die Au- torinnen beziehen sich auf eine Utopie, die männlich determiniert ist, und versuchen vor diesem Hintergrund Mädchenarbeit zu konzeptionieren. Würde dieser Umstand benannt, könnte versucht werden, diesen Maßstab in seiner Bedeutung aufzuzeigen und zumindest im Kontext von Mädchenarbeit in seiner scheinbaren Naturhaftigkeit zu dekonstruieren.

Das Denken von Differenz büßt sein herrschaftskritisches Potenzial ebenfalls durch ein Glätten von Widersprüchen ein. Würde der Maßstab von Gleichheit transparent gemacht, dann wäre sein Protagonist entlarvt und der Widerspruch zwischen einem assimilatori- schen Gleichheitsverständnis und dem Abbau des hierarchischen Geschlechterverhältnisses würde aufscheinen. Wenn Differenz sich auf Dekonstruktion und Mimesis bezöge, würde die Spannung zwischen der herrschenden symbolischen Ordnung und Etablierung einer symbolischen Ordnung von Frauen offenbart.

Wenn eine quantitative Differenz, die sich durch eine Abgrenzung zu Bestehendem be- greift, eben jenen Umstand aufzeigt, macht sie ihren Bezugsrahmen deutlich. Mit diesem Bezugsrahmen kann dann gearbeitet und er kann gleichzeitig hinterfragt werden. Wird der Bezugsrahmen verschwiegen bzw. nicht transparent gemacht, besteht die die Gefahr, hier- archische Verhältnisse zu zementieren.

Es scheint vor dem Hintergrund postmoderner und poststrukturalistischer Überlegungen sinnvoll, Widersprüche nicht zu glätten, sondern die „doppelte Geste“ zu vollziehen, die Jacques Derrida beschreibt. Es geht in diesem Zusammenhang nicht um eine augenblickli- che Veränderung von Verhältnissen, sondern um den Rückgriff auf Bestehendes und Ein-

leitung von etwas Neuem. Dabei muss der Bezug auf Bestehendes deutlich gemacht wer- den, sonst wird das, was kritisiert bzw. verändert werden soll, perpetuiert, so Jacques Der- rida. Im Rückgriff auf die Kategorie Geschlecht und im Bezug auf Denkansätze wie An- drogynie und Differenz könnte diese doppelte Geste durch ein Aufdecken von Zuschrei- bungen, Maßstäben und Herstellungsmechanismen geleistet werden, um etwas Neues, wie die Zielsetzung von Mädchenarbeit, ein enthierarchisiertes Verhältnis der Geschlechter, zu verwirklichen.

In den analysierten Konzepten zur Mädchenarbeit wird neben einem androzentrischen Maßstab, noch ein weiteres Ideal konstruiert, das feministische Mädchenideal (vgl. Maria Bitzan 1993; Anja Wolf 1997). Mädchen sollen ihr „Geworden- und Zugerichtet-Sein“ aufarbeiten und ihre „Benachteiligungs- und Unterdrückungserfahrungen“ analysieren (vgl. Klees et al. 1992: 37). Sie sollen ihre „eigenen Bedürfnisse entdecken, zu sich selbst kommen“ (vgl. Klees et al. 1992: 36). Mädchen sollen ihre „eigenständige Persönlichkeit“ entwickeln und „Widerstand gegen Funktionalisierung von Gewalt im patriarchalen Sy- stem“ leisten (vgl. Möhlke/Reiter 1995: 25 ff.). Mädchen sollen „gängige Weiblichkeits- bilder“ hinterfragen, „ihre Handlungsmöglichkeiten erweitern“ und in „öffentlichen Räu- men als eigenständig agierende Persönlichkeit präsent zu sein“ (vgl. Glücks/ Ottemeier- Glücks 1994: 118 ff.). Lesbische Mädchen müssen sich fragen, ob sie ihre „eigentliche Identität leben wollen“ und trotz „Diskriminierung ein lesbisches Selbstbewusstsein fin- den“ (vgl. Alltag 1996: 28). Natürlich braucht Pädagogik Zielsetzungen, ohne diese wäre Pädagogik keine Pädagogik. In Konzepten zur Mädchenarbeit findet sich jedoch ein über- höhtes Ideal: Mädchen sollen sich gegen geschlechtsstereotype Sozialisation wehren und sich widerständig zu gesellschaftlichen Anforderungen verhalten. Sie sollen Mechanismen einer geschlechtshierarchisch organisierten Gesellschaft durchschauen und selbstbestimmt ihren eigenen Weg gehen lernen. Sie sollen die weibliche Sozialisation wertschätzen und ihren Körper anerkennen usf.. Neben einem bereits kritisierten androzentrischen Maßstab, existiert in Konzepten zur Mädchenarbeit demnach ein feministischer. Dieses neue femini- stische Mädchenideal ist so komplex und so unerreichbar, dass reale Mädchen gemessen an ihm wider defizitär erscheinen. Ein feministisches Referenzsystem hat ein androzentri- sches Referenzsystem abgelöst bzw. speist sich aus eben jenem und Mädchen bleiben ge- messen an beiden defizitär. Problematisch ist an diesem feministischen Mädchendeal dar-

über hinaus, dass Mädchen mit ihren Wünschen und Bedürfnissen nicht in den Blick gera- ten, weil die Möglichkeit des Erkennens der Bedürfnisse von Mädchen für die Pädagogin- nen womöglich verstellt ist, durch die Orientierung auf das feministische Mädchenideal.

Im Dokument Dichotomie - Dekonstruktion - Differenz (Seite 119-125)