Kontakt zu Menschen mit Behinderung und Einstellungen zu Inklusion

Im Dokument Einstellungen zu Inklusion bei Kindern und Jugendlichen – eine komparative Studie in Deutschland und Norwegen (Seite 76-80)

4.4 Soziodemographische Prädiktoren von Einstellungen zu Inklusion

4.4.3 Kontakt zu Menschen mit Behinderung und Einstellungen zu Inklusion

Die ursprüngliche Idee der Kontakthypothese besagt, dass die Einstellungen positiver sind und Vorurteile abnehmen, je häufiger der Kontakt mit einer Fremdgruppe stattfindet (Allport, 1954). Dieser Kontakt ist jedoch nach Allport (1954) von spezifischen Voraussetzungen ab- hängig: ein gleicher Status, gemeinsame und kooperative Ziele, Interaktion zwischen den Gruppen, die ein Kennenlernen ermöglicht sowie eine unterstützende soziale Norm (Jonas et al., 2014). Weitere wichtige Determinanten für die Einstellungen – bezogen auf den Kontakt zu Menschen mit Behinderung – sind u.a. die Qualität und Häufigkeit des Kontakts sowie die vorherigen Einstellungen (Allport, 1954; Cloerkes, 2001; Tröster, 1990; Yuker, 1988).

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Um den Zusammenhang von Vorurteilen und dem Kontakt dezidiert zu untersuchen, führten Pettigrew und Tropp (2006) eine Metaanalyse unter Einbezug von 515 Studien durch. Diese bestätigte, dass der Kontakt zu einer Fremdgruppe mit den Vorurteilen negativ korrelierte, also Vorurteile abbaute. Cloerkes (2001) analysierte – auf der Grundlage von ca. 200 Studien – den Zusammenhang zwischen den Einstellungen zu Menschen mit Behinderung und dem Kontakt zu diesen. Er eruierte, dass in ca. 60 Prozent der Fälle die Kontakthypothese bestätigt werden kann. Yuker (1988) ging sogar davon aus, dass der positive Effekt des Kontakts noch seltener ist: In einer Untersuchung von 274 Studien kam er zu dem Schluss, dass die Kon- takthypothese nur in 51 Prozent der Erhebungen bestätigt werden konnte. In 10 Prozent der Studien gab es einen negativen und in 39 Prozent gar keinen Zusammenhang zwischen den Einstellungen zu Menschen mit Behinderung und dem Kontakt (Yuker, 1988).

In der vorliegenden Arbeit werden zunächst deutsche und im Anschluss daran norwegische Studien hinsichtlich der Kontakthypothese dargestellt und differenziert betrachtet. Dabei wurden nur Erhebungen in die Darstellung aufgenommen, bei denen auch Kinder und Jugend- liche der Sekundarstufe I zu ihren Einstellungen zu Menschen mit Behinderung befragt wur- den.

Seifert und Bergmann (1983) entwickelten eine Skala zur Messung von Einstellungen zu Men- schen mit Körperbehinderung in Deutschland (Stichprobe: 326 Pädagogikstudierende, 240 Gymnasiast*innen der siebten Klasse, 120 Berufstätige). Die Ergebnisse der in diesem Rah- men erhobenen Daten legen einen Zusammenhang zwischen den Einstellungen und dem vor- herigen Kontakt zu Menschen mit Behinderung offen: Der Zusammenhang war bei Pädago- gikstudierenden am stärksten. Es stellte sich ferner heraus, dass weniger die Häufigkeit als mehr die Qualität des Kontakts zu Menschen mit Behinderung für den Einfluss auf die Einstel- lungen zu Menschen mit Körperbehinderung wesentlich zu sein schien (Seifert & Bergmann, 1983). Krahé und Altwasser (2006) verwendeten dieselbe Skala bei einer Interventionsstudie mit 70 Schüler*innen (neunte Klasse, durchschnittliches Alter 14,8 Jahre) und eruierten eben- falls einen positiven Effekt der vorherigen Erfahrung mit Menschen mit Behinderung und den Einstellungen zu ebendiesen. Gosch, Ionescu und Donaubauer (2010) konnten in ihrer Pilo- terhebung die Kontakthypothese (Allport, 1954) ebenfalls bestätigen. Sie untersuchten die Einstellungen von 46 deutschen Hauptschüler*innen (fünfte bis siebte Klasse) zu Menschen mit Behinderung (motorische Beeinträchtigung, Sehschädigung). Die Ergebnisse zeigten, dass

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in allen Jahrgangsstufen die Einstellungen eher positiv waren. Schüler*innen, die bereits Kon- takt zu Menschen mit Behinderung hatten, wiesen zudem positivere Einstellungen auf als Schüler*innen, die noch keinen Kontakt hatten. Des Weiteren konnten sie zeigen, dass die Einstellungen von Schüler*innen, die bereits Kontakt zu Menschen mit Behinderung hatten, durch ein Interventionsprogramm signifikant positiver wurden. Schüler*innen, die jedoch noch keinen Kontakt hatten, erzielten nach dem Interventionsprogramm die gleichen Einstel- lungswerte wie zuvor (Gosch et al., 2010). Zusammenfassend für die deutschen Ergebnisse scheint die Aussage von Avci-Werning und Lanphen (2013) relevant: Sie postulieren mit Ver- weis auf Pettigrew und Tropp (2006), dass „[f]örderlicher Kontakt – z.B. durch kooperatives Lernen in inklusiven Klassen mit Mitschülerinnen und Mitschülern, die sich gegenseitig als ‚anders‘ wahrnehmen – . . . insgesamt zu einer veränderten Haltung gegenüber anderen Gruppen und zu mehr Toleranz von Andersartigkeit zu führen [schien]“ (Avci-Werning & Lan- phen, 2013, S. 159).

Erhebungen in der norwegischen Sekundarstufe I hinsichtlich der Einstellungen zu Mitschü- ler*innen mit Behinderung beziehungsweise Inklusion hingegen sind rar. Die bereits darge- stellte Studie von Gottlieb (1974) verglich die Einstellungen zu Kindern und Jugendlichen mit Lernbehinderung in Norwegen und den USA. Dabei hatten die 231 amerikanischen Schü- ler*innen zwischen 10 und 14 Jahren positivere Einstellungen zu den Kindern mit Behinde- rung als die 285 norwegischen Schüler*innen. Gottlieb (1974) führte diese Ergebnisse primär auf den Kontakt zurück, wobei er jedoch negative Zusammenhänge aufdeckte: Der Kontakt von norwegischen Kindern zu Kindern mit Behinderung war häufiger und intensiver als der Kontakt der amerikanischen Kinder (Gottlieb, 1974). Laut Gottlieb (1974) fand der Kontakt der amerikanischen Schüler*innen mit Kindern mit Behinderung jedoch immer in geeignete- ren Situationen statt als der Kontakt in Norwegen: Die amerikanischen Schüler*innen hatten grundsätzlich in den Pausenzeiten Kontakt mit Kindern mit Behinderung und somit keine ge- meinsamen Unterrichtszeiten, wohingegen die norwegischen Schüler*innen der Hilfsklassen regelmäßig in der regulären Klasse teilnahmen. Er schlussfolgerte weiter – in Konsens mit der Forschung hinsichtlich der Kontakthypothese wie beispielsweise bei Cloerkes (2001) dargestellt –, dass sozialer Kontakt sich nicht zwangsläufig positiv auf den soziometrischen Status der Schüler*innen mit Behinderung auswirkt (Gottlieb, 1974). Die Studie von Bossaert et al. (2015) in Norwegen, Belgien und den Niederlanden (N = 1183, siehe Kapitel 4.3) konnte

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hinsichtlich des vorherigen Kontakts ebenfalls keine Unterschiede in der Akzeptanz von Kin- dern mit Behinderung aufdecken, obwohl die Autor*innen davon ausgingen, dass norwegi- sche Schüler*innen – aufgrund der flächendeckenden inklusiven Beschulung – bereits häufi- ger Kontakt zu Menschen mit Behinderung hatten als die Kinder aus Belgien oder den Nieder- landen. Frostad et al. (2011) untersuchten zusätzlich zur sozialen Akzeptanz auch die Stabilität von Freundschaften in inklusiven Klassen von 114 Schüler*innen in der Sekundarstufe I in Norwegen. Dabei eruierten sie, dass die Freundschaften von Kindern mit Behinderung sowie deren Position im sozialen Netzwerk der Klasse vom ersten (neunten Klasse) bis zum zweiten (zehnte Klasse) Messzeitpunkt abnahmen (Frostad et al., 2011). Einfach nur die gemeinsame Beschulung – und damit auch der Kontakt zu Kindern mit Behinderung – hatte in dieser Erhe- bung also keine höhere soziale Akzeptanz von Schüler*innen mit Behinderung zur Folge (Frostad et al., 2011). Auch wenn in dieser Erhebung die Einstellungen zu Menschen mit Be- hinderung nicht direkt erfasst wurden, geben die Ergebnisse der Studie trotzdem Hinweise darauf, dass der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung – zumindest in den höheren Klassen – nicht dazu führte, dass sich die Einstellungen beziehungsweise die Akzeptanz von Kindern mit Behinderung zum Positiven veränderten.

Zusammenfassend bestätigen die hier dargestellten deutschen Studien die Kontakthypo- these, falls der Kontakt unter geeigneten Bedingungen stattfindet beziehungsweise stattfand. Schüler*innen, die bereits Kontakt zu Menschen mit Behinderung hatten, zeigten somit posi- tivere Einstellungen zu letztgenanntem Personenkreis. In den norwegischen Studien hingegen finden sich keine Belege für die Kontakthypothese. Die Studie von Gottlieb wurde jedoch be- reits 1974 veröffentlicht, und es stellt sich die Frage, inwiefern die Ergebnisse noch auf die heutige Zeit übertragbar sind. Zu diesem Zeitpunkt existierten auch in Norwegen noch weit- gehend Sonderschulen (Tangen, 2012). Erst 1975 wurde durch eine Änderung im Grundschul- gesetz (lov om grunnskolen) das Recht auf eine wohnortnahe Beschulung auch für Kinder mit Behinderung und somit der Zugang zu Regelschulen möglich (Tangen, 2012). In den Studien von Bossaert et al. (2015) sowie Frostad et al. (2011) sind die Sonderschulen in Norwegen jedoch seit mehreren Jahrzehnten aufgelöst. Es konnte ebenfalls nicht bestätigt werden, dass die Akzeptanz sowie die Freundschaften von Kindern mit Behinderung in Norwegen – trotz häufigerem Kontakt durch den gemeinsamen Unterricht – besser war, als die Akzeptanz in

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anderen Ländern (Bossaert et al., 2015) beziehungsweise in höheren Klassenstufen (Frostad et al., 2011).

Insgesamt – die Metaanalyse von Cloerkes (2001) sowie Yuker (1988) berücksichtigend – sind die Ergebnisse hinsichtlich der Kontakthypothese inkonsistent. Ein positiver Effekt des vorhe- rigen Kontakts zu Menschen mit Behinderung auf die Einstellungen liegt nur in 50 – 60 Prozent der Fälle vor (Cloerkes, 2001). Die hier dargestellten länderspezifischen Ergebnisse in der Se- kundarstufe I deuten jedoch darauf hin, dass in der deutschen Stichprobe ein positiver Effekt des Kontakts, hingegen in der norwegischen Stichprobe tendenziell kein Effekt des Kontakts zu erwarten ist.

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