Kirchenbegriff im Hermas

Im Dokument Hausgemeinden und kirchliche Ämter im Hirten des Hermas (Seite 44-48)

2 Die Kirche im Hirten des Hermas

2.5 Kirchenbegriff im Hermas

2.5 Kirchenbegriff im Hermas

Es gibt eine weite Diskussion, welcher Begriff der Kirche aus den ver- schiedenen in Hermas vorliegenden Bildern abzuleiten ist. Die zent- rale Frage lautet, ob wir vor einem einzigen Begriff der Kirche oder vor mehreren stehen.43 Unterschiedliche ekklesiologische Aussagen,

die scheinbar widersprüchlich sind, haben die Debatte über diese ent- scheidende Frage entzündet.44 Man kann unterschiedliche Positionen

feststellen.

Einige Autoren verabsolutieren bestimmte Aspekte der Kirche bei Hermas und befürworten einen einzigen Kirchenbegriff in die- sem Werk. Nach Zahn ist die Kirche des Hermas durch „das Wort vom Namen des Sohnes Gottes und das Wasser der Taufe geschaf- fen“ und „die Gründung der Kirche wird als eine zwischen Schöpfung und Welterneuerung liegende geschichtliche“ Tat aufgefasst.45 Dieser

Autor konzentriert sich auf die Aussagen über „die mit dem geschicht- lichen Christus anhebende und durch die apostolische Predigt gesam- melte Kirche“46 und ignoriert oder relativiert jene Aussagen, die einen

anderen ekklesiologischen Sinn haben.47 Völter dagegen ist ganz ande-

rer Auffassung und bestimmt den Kirchenbegriff bei Hermas unter Zugrundelegung der Aussagen über die Präexistenz der Kirche (beson- ders Vis I 1,6; 3,4).48 Nach Völter identifiziert Hermas die Kirche mit

dem Geist Gottes, der „sich als Kirche auswirken und ausgestalten“

43 Eine umfassende Analyse dieser Frage kann man finden bei Frank, Studien, 133–178 und Schneider, Propter, 74–79.

44 Vgl. Schneider, Propter, 74. Bei der Erscheinung der Greisin (Vis II 4,1) könnte man die Kirche als vorzeitlich (präexistent), kosmisch und transzendent beschreiben, während sich bei der Vorstellung des Turms (Vis III 3, Sim IX 13) die empirische und innerweltliche Dimension der Kirche zeigt. Manchmal finden wir das Bild einer hei- ligen und vollkommenen Kirche (Vis III 3,3.5) und in anderen Fällen findet sich das Bild der Vielschichtigkeit der Mitglieder der Kirche, auch der Sünder (Vis II 4,1; Vis III 3, 3.5; Sim IX 13, 1.3.4.6.7.8.9). Vgl. auch Brox, Hirt, 528f.

45 Zahn, Hirt, 197.

46 Ebd., 238.

47 In Bezug auf die Aussagen über die Präexistenz der Kirche in den ersten zwei Visio- nen, stellte Zahn, Hirt, 198 in diesem Sinne fest, dass die Kirche als „im Rath Gottes zuvorbestehend gedacht wird“. Die Kirche sei intentional präexistent.

48 Vgl. Völter, Daniel, Die Apostolischen Väter. Clemens, Hermas, Barnabas, Leiden 1904,187.

kann.49 Die Kirche ist das erste Geschöpf Gottes, und zu ihr gehören

„alle Auserwählten Gottes von Anfang der Welt an“.50 Völter versteht

die Kirche bei Hermas ausgehend von Vis I als „göttliches Schöpf- erwort“, und was dieser These widerspricht wird als „Zusatz“ oder „Interpolation“ ausgeschieden.51 Dibelius nimmt zu diesem Thema

nicht ausdrücklich Stellung, aber seine Ansätze sind ähnlich der Auf- fassung Völters.52 Tatsächlich sieht Dibelius die Kirche bei Hermas als

eine kosmische Größe, er schreibt ihr die kosmische Prädikate von Vis I 1,6; 3,4 zu und spricht an diesen Stellen von einer „Verchristlichung der jüdischen Anschauung“.53 Nach Joly stellt die Kirche des Hermas

in erster Linie eine transzendente54 und eschatologische55 Wirklich-

keit dar. Die Position Opitz' stimmt auch vornehmlich mit den Ansät- zen Völters überein. Opitz geht von der Verbindung des Hermas mit der Gnosis aus und in den Aussagen von der Präexistenz des Pneu- mas Christi und der Kirche sieht er „direkte Berührungspunkte mit dem gnostischen Zentralanliegen“.56 Die präexistente Kirche ist eine

„Hypostase“ in Verbindung mit dem Heiligen Geist.57

Andere Forscher gehen von einer Vielfalt von Autoren bei Her- mas aus und befürworten einen vielfältigen Kirchenbegriff. In diesem

49 Völter, Väter, 189. „Die Kirche ist nach ihm [dem Autor von Vis III] als der Geist Gottes, der über den Wassern schwebte, das erste Geschöpf Gottes, dessetwegen die Welt erst hergestellt wurde (Vis II 4, 1)“ (219).

50 Ebd., 219. „Es gibt für unsern Verfasser keine spezifisch christliche Kirche und keine spezifisch christliche Religion. Vom Beginn der Schöpfung an gibt es nur eine Kirche und eine Religion … die Bedingungen der Zugehörigkeit zur Kirche sind zu allen Zei- ten dieselben: Glaube an Gott und das Thun seines Willens“.

51 Vgl. Frank, Studien, 137. Nach Völter, Väter, 314f. ist in Vis III die ideale Kirche und in Sim IX die empirische Kirche betrachtet. Sim IX und Vis III 5,1 erscheinen als spezifisch christlich und als nachträglicher Zusatz.

52 Vgl. Frank, Studien, 137 und Schneider, Propter, 74.

53 Dibelius, Hirt, 433.

54 Vgl. Joly, Hermas, 34.

55 Vgl. ebd., 35.

56 Opitz, Pneumatologie, 70f.

57 Ebd., 75f. Nach Frank, Studien, 143 bleiben bei Opitz „die eigentlichen Kirchen- darstellungen des ‚Hirten‘ in den Turmallegorien der III.Vision und der IX.Parabel“ zwangsläufig unberücksichtigt, „weil sie sich einer gnostizierenden Interpretation allzu sehr widersetzen“.

2.5 Kirchenbegriff im Hermas 35

Sinne spricht Giet einerseits von der Kirche des Visionenbuchs58 und

andererseits von der Kirche in Sim IX.59 Frank spricht sogar von fünf

Kirchenbegriffen im Hermas.60

Heute ist die Mehrheit der Meinung, dass die verschiedenen ver- wendeten Bilder keinen unterschiedlichen Begriff der Kirche vermit- teln, sondern verschiedene Aspekte und Zustände derselben Kirche: himmlisch und irdisch, heilig und sündig, Geheimnis und Gemein- schaft der Gläubigen. Pernveden z.B. lehnt die Existenz einer Vielfalt von Kirchenbegriffen im Hermas ab.61 Man findet eher einen homo-

genen und kontinuierlichen Kirchenbegriff,62 der dem Werk Zusam-

menhalt gibt. Pernveden spricht lieber von einer Kirche in drei Sta- dien: Präexistenz, Existenz und Eschatologie.63 Folgado beschreibt die

Kirche im Hermas als eine komplexe Realität mit unterschiedlichen Niveaus und Aspekten.64 Die Bilder der Kirche in Vis III und Sim IX

58 Vgl. Giet, Stanislas, Hermas et les Pasteurs. Les trois Auteurs du Pasteurs D`Hermas, Paris 1963, 110. Man findet die Quelle der Ekklesiologie des Visionenbuches in der jü- dischen Tradition, nicht in der Gnosis. Aber die Kirche im Visionenbuch ist auch eine Gesellschaft mit einer Organisation (112) und Sündern. Zwei Aspekte einer einzigen kirchlichen Realität sind zu finden: „L‘Eglise dont il leur parle est avant tout celle du ciel; mais elle est aussi celle de la terre“ (120).

59 Vgl. Giet, Hermas, 169. Sim IX hat einen anderen Autor und die Kirche erscheint weniger transzendent und engagierter in der Welt als die Kirche in Visionenbuch.

60 Vgl. Frank, Studien, 148–174. In dem Visionenbuch kann man drei Kirchenbegriffe finden: a) Der apologetische Begriff in Vis I 1,6 und 3,4; b) Der allegorische Begriff in Vis II 4,1; c) Der theologische Begriff in Vis III (man kann nicht in Vis III von einer reinen transzendenten und idealen Kirche sprechen, weil Vis III auch die irdi- sche Kirche impliziert). Hinzu kommen der Kirchenbegriff der neuen Parabel und der Kirchenbegriff in Sim V und VIII. Er geht von der Drei-Verfasserschaft des „Hirten“ aus (174). Das Visionenbuch stellt eine christliche, überarbeitete, jüdische Schrift dar (175). Trotz der unterschiedlichen Ekklesiologie des Hermas spricht Frank von einer historisch-christologischen Kausalität der Kirche, die das Gemeinsame aller Kirchen- begriffe im Hermas bildet (177).

61 Vgl. Pernveden, Church, 294f.

62 Vgl. ebd., 293. „As a result of this approach we gain a more homogeneous picture of the Church than scholarship usually has claimed to find. Although we cannot look away from the fact that in different contexts in Hermas differing features in the concept of the Church are stressed, it still seems possible and justified for us to claim the continu- ity and the identity of the Church throughout the whole of The Shepherd“.

63 Vgl. ebd., 295. „Then we only have to bear in mind that these stages are not to be seen as periods of time that follow upon each other. In any case one must say that the post-exis- tent stage enters into the existent one“.

sind nicht unvereinbare, sondern ergänzende Vorstellungen.65 Im glei-

chen Sinne stellt Goldhahn-Müller fest, dass zwei unterschiedliche ekklesiologische Konzeptionen in Vis III und Sim IX nicht zu finden sind, sondern zwei ergänzende Schilderungen des Turmbaus.66 Smith

hebt die Vorstellung der Kirche des Hermas als „Locus of Salvation“ in den unterschiedlichen kirchlichen Bildern hervor.67 Brox spricht von

verschiedenen Seiten desselben Kirchenbegriffs und betont, dass Her- mas kein Interesse zeigt, diese „Seiten“ zusammenzubringen.68 Obwohl

wir vor mehreren Bildern der Kirche stehen, kann man aus ihnen keine unterschiedlichen Kirchenbegriffe ableiten.69 Die zwei Dimensionen

der Kirche, auf der einen Seite himmlisch und perfekt und auf der anderen Seite irdisch und unvollkommen, werden nach Osiek nicht separat in verschiedenen Stellen des Hermas beschrieben, sondern sie zeigen sich in den unterschiedlichen Bildern im Laufe des gesamten Textes.70 Nach Schneider kann man im Hermas nicht von zwei ekk-

lesiologischen Entitäten sprechen.71 Trotz der verschiedenen präexis-

tenten, geschichtlichen und eschatologischen Aspekte der Kirche lässt

65 Vgl. Folgado, Sentido, 21.

66 Vgl. Goldhahn-Müller, Ingrid, Die Grenze der Gemeinde. Studien zum Problem der Zweiten Buße in Neuen Testament unter Berücksichtigung der Entwicklung im zweiten Jahrhundert bis Tertullian, Göttingen 1989, 278f.

67 Vgl. Smith, Martha Montague, Femenine Images in the Shepherd of Hermas, Diss. theol.(1979), Duke University 1979, 178–180.

68 Vgl. Brox, Hirt, 525. „Die vorweltliche Gestalt Kirche, die Hermas ‚jetzt und früher erschienen ist‘ (Vis III 3,3) … wird im ganzen Buch nicht wirklich vermittelt mit der konkreten Kirche, zu der H mit seiner moralisch hoch verschuldeten Familie, alle Sün- der und ein ethisch unzulänglicher Klerus gehören“.

69 Gegen die Tendenz zwei unterschiedliche Kirchenbegriffe in Vis III (ideale Kirche) und in Sim IX (sündige Kirche) abzuleiten, stellt Brox, Hirt, 529f. fest, dass die Dif- ferenzen, die wir zwischen Vis III und Sim IX betrachten, nicht ausreichend sind für einen doppelten Kirchenbegriff. Auch in Vis III handelt es sich schließlich um die Kir- che der Sünder und auch hier ist Bußpredigt in der Kirche nötig, weil das Vorkommen von Sünde unter den Getauften also innerhalb der Kirche geschieht. „Die Altersbe- schreibung der greisen … Frau, die doch die Kirche ist (Vis III 11,2–4), meint … die empirische Kirche in ihrem desolaten Zustand der Sünde in vielen Christen“.

70 Vgl. Osiek, Shepherd, 36. „The church is both ideal and real at the same time; this is exactly the point and the particular insight of Hermas. At the same time that the church is an eschatological mystery, it is also a community of people, both living and dead (Vis. 3.5.1), of mixed spiritual quality, with need for improvement“.

Im Dokument Hausgemeinden und kirchliche Ämter im Hirten des Hermas (Seite 44-48)