Irdische Kirche

Im Dokument Hausgemeinden und kirchliche Ämter im Hirten des Hermas (Seite 41-44)

2 Die Kirche im Hirten des Hermas

2.4 Irdische Kirche

Während Hermas besonders in den ersten Visionen an der himmli- schen, präexistenten Kirche großes Interesse zeigt, ist in den anderen Teiles des Buches die Rede von der sündigen und reinigungsbedürfti- gen Kirche,26 vor allem in der Allegorie vom Turm in Sim IX. In Bezug

auf diese Kirche stellt sich die Frage, ob man im Hermas von einem Vorgang der Buße sprechen kann und ob es darin irgendeine Art von kirchlicher Vermittlung gibt.27

In der Frage nach der Gestaltung der Kirchenbuße war die katho- lische Dogmengeschichte der Meinung, dass die Exkommunikation und die Wiederaufnahme der Sünder Bestandteil des Bußprozesses waren und darum beide kirchliche Akte.28 Ein wichtiger Verfechter

dieser These war Poschmann.29 Bezüglich des Hirten des Hermas

räumt Poschmann ein, dass Hermas „direkt weder etwas über ein kirchliches Bußverfahren noch über den Minister der Buße“ sagt.30

26 Vgl. Brox, Hirt, 525.

27 Wie Poschmann, Bernhard, Paenitentia secunda (Theoph.1), Bonn 1940, 482 fest- stellt, schließt sich an die Frage nach der Existenz der kirchlichen Buße „die Frage nach ihrer Wesensstruktur oder nach den Faktoren, welche die Vergebung der Sünden bewirken“.

28 Rahner, Karl, Die Bußlehre im Hirten des Hermas, in: ZKTh 77 (1955) 386 bemerkt, dass es unter den katholischen Dogmenhistorikern zwar eine Meinungsverschiedenheit über die Frage gab, „ob neben der paenitentia publica, die allgemein seit einigen Jahr- zehnten als die normale Grundform der alten Bußdisziplin betrachtet wurde, noch eine ‚private‘ sakramentale Buße bestanden habe und von welchem Zeitpunkt an eine solche nachzuweisen sei. Aber abgesehen davon war man sich doch ziemlich einig darüber, dass die Buße öffentlicher Art, die man als Exkommunikationsbuße bezeichnen kann, die normale Grundform der alten Buße war, dass sie in einem mit der Rekonziliation des Sünders mit der Kirche und mit Gott am Ende des ganzen Verfahrens abschloss...“.

29 Poschmann, Paenitentia, 481 stellt fest, dass eine Kontinuität in der Geschichte der Buße zu finden ist. „Die Grundelemente des kirchlichen Bußverfahrens sind in Mt 18,15–18 vorgezeichnet und bleiben immer dieselben: Zurechtweisung des Sünders und Bemühung um seine Besserung, in schweren Fällen Ausschluss aus der Gemein- schaft, Wiederaufnahme und Verzeihung auf Grund der Buße (‚Binden und Lösen‘)…“ „Hiernach könnte es scheinen, als ob die Buße tatsächlich eine Angelegenheit wäre, die sich allein zwischen Gott und dem Sünder abspielte und eine Vermittlung der Kirche ausschlösse oder doch wenigsten überflüssig machte. Dieses Urteil wäre indes voreilig und unberechtigt“ (483).

30 Ebd., 189f. Aus diesem Schweigen lässt sich nicht folgern, dass Hermas keine kirchli- che Vermittlung der Buße kennt. Eher hatte Hermas keinen Anlass über dieses Thema zu reden, denn sein Anliegen ist nicht über eine Form der Buße zu belehren, sondern die Sünder zur Umkehr aufzurufen.

2.4 Irdische Kirche 31

Aber dieser Forscher stellt mehrere Indizien des kirchlichen Charak- ters der Buße im Hermas fest. Besonders betont er die Pflicht, die den kirchlichen Vorstehern obliegt, „die Sünder zur Buße zu bewegen und die Bußzucht durchzuführen“.31 Die Bußdisziplin gehörte zu den

Aufgaben der Vorsteher der Gemeinde, weil sie Teil des Hirtenamtes war.32 Rahner vertritt diese Ansicht und betont, dass nach Hermas

alle schweren Tatsünden den Sünder aus dem Turm ausschlossen und „darum … von der Kirche mit einer ‚Exkommunikation‘ beantwortet wurden“.33 Auch er stellt fest, dass die Gemeindevorsteher eine Rolle

in dem Bußvorgang spielten.34

Diese Position wurde von der Grundthese Grotzs35 in Frage gestellt.

Nach seiner Meinung ist die Auffassung des Hermas über die Buße ein-

31 Poschmann, Paenitentia, 191. So erhält Hermas den Auftrag, die Bußoffenbarung den Presbytern und Vorstehern der Kirche vorzulesen (Vis II 4,3). In Vis III 9,7–10 richtet die Greisin eine besondere Mahnung an die Gemeindeleiter alle Streitigkeiten zu begraben. Sie können nicht die Auserwählten erziehen, wenn sie keine Zucht haben. Besonders wichtig findet Poschmann die Mahnung des Hirten in Sim IX 31 5–6: (Auch ich bin Hirt [et ego sum pastor] und muss über euch strenge Rechenschaft geben).

32 Vgl. ebd., 192.

33 Rahner, Bußlehre, 418. Das stellt die große Verschiedenheit des Bußverfahrens trotz des gemeinsamen Nenners in den Einzelfällen nicht in Frage.

34 Vgl. ebd., 420f. Doskocil, Walter, Der Bann in der Urkirche. Eine rechtsgeschichtli- che Untersuchung (MThS III 11), München 1958, 177 ist dieser Meinung mit einigen Nuancen. „Die theologische Leitidee des Bannes, dass schwere Sünde von Gott trennt und dass dies adäquaten Ausdruck im äußeren und sichtbaren Verhältnis zur Kirche erfährt, ist zwar nicht in leicht eingängiger Allegorese unmittelbar ausgedrückt, leuch- tet aber in der bildhaften Darstellung durch... Die hierarchischen Vorsteher sind mit eingeschaltet (Vis II 4,2.3), wobei nicht gesagt werden kann, wie weit dies geht“.

35 Grotz, Josef, Die Entwicklung des Bußstufenswesens in der vornicänischen Kirche, Freiburg 1955. Rahner, Bußlehre, 386f. fasst die These Grotzs folgendermaßen zusam- men: „Die eigentliche Grundform der sakramentalen kirchlichen Buße hat von Anfang an nichts mit einer solchen Exkommunikation zu tun gehabt. Diese Exkommunikation ist erst im zweiten Jahrhundert vor das eigentliche Bußverfahren geschoben worden, und zwar nur in bestimmten, besonders qualifizierten Fällen; sie ist kein inneres Ele- ment der eigentlich sakramentalen Buße, sondern eine äußerliche kirchendisziplinäre Maßnahme. Sie wird nicht zusammen mit der eigentlichen Rekonziliation am Ende der ganzen Bußzeit aufgehoben, sondern schon früher, so daß die Wiederaufnahme in die kirchliche communio und die Gewährung der göttlichen pax nicht nur sachlich,

sondern auch zeitlich zwei verschiedene Akte der Kirche sind, die miteinander jedoch in keinem inneren Zusammenhang stehen“. Rahner kritisiert mehrere Aspekte der Me- thode Grotzs: Grotz berücksichtigt nicht die Wirkungen jeder schwere Sünde in dem Verhältnis des Sünders zur Kirche (und nicht nur zu Gott); er geht stillschweigend von dem modernen Begriff der Exkommunikation aus (nicht von den Begriff der Exkom- munikation in der Alten Kirche); er beginnt seine Forschung beim Pastor Hermae und nicht beim Neuen Testament (388f.).

heitlich und widerspruchlos.36 Man kann in allen Teilen dieses Wer-

kes Hinweise auf die Existenz einer kirchlichen Buße entdecken, die mit Exkommunikation nichts zu tun hatte. „Diese Buße steht allen Sündern außer den Apostaten, Lästerern und Verrätern offen“.37 Bei

besonderen schweren Tatsünden sind aber sonstige Sünder zur Buße verpflichtet und sie können nicht mehr an den Kirchenversammlun- gen teilnehmen, „ohne vorher Buße getan zu haben. Wenn sie keine Buße tun, sind sie praktisch exkommuniziert“.38 Vorgrimler analysiert

später den Stand der Forschung über dieses Thema und stellt fest, dass bei Hermas die Rede „weder von der (rein juristisch verstandenen) Exkommunikation noch vom (kanonischen) Bußinstitut explizit (und auch nicht klar implizit)“ ist.39 Im Fall schwerer Tatsünden musste der

Sünder aber eine längere Bußzeit durchstehen, um danach wieder in die Kirche (voll) eingegliedert zu werden (gleichgültig ob man von Exkommunikationsbuße spricht oder nicht).40 Der Hirt des Hermas

enthält fragmentarische Auskünfte über das Bußwesen, und man kann nach diesem Autor die Funktionen der kirchlichen Vorsteher in Ver- bindung mit der Buße und die Heilsbedeutung der kirchlichen Rekon- ziliation entdecken.41 Brox bemerkt, dass die Kirchenleitung im Her-

mas grundsätzlich „keine Schlüsselrolle für die Buße“ hat,42 aber dieser

Autor lässt in gewisser Weise die oben genannten Verbindungen zwi- schen der Buße und den Gemeindeleitern außer Acht.

36 Vgl. Grotz, Entwicklung, 438.

37 Ebd., 69. „Die Kirche hat … mit diesen Letzteren vollständig gebrochen“.

38 Ebd. „Die Exkommunikation der Apostaten hatte mit kirchlicher Buße überhaupt nichts zu tun, sondern war das natürliche Verhalten der jungen, in der Verfolgung ste- henden Kirche gegenüber allen jenen, die ihr den Rücken gekehrt und sie endgültig verraten haben“.

39 Vorgrimler, Herbert, Buße und Krankensalbung (HDG 4/3), Freiburg – Basel – Wien 21978, 33.

40 Vgl. Vorgrimler, Buße, 36.

41 Vgl. ebd. „Die dem Hirten zuteil gewordene Bußoffenbarung soll den Presbytern und Vorstehern der Kirche mitgeteilt werden; diesen wird die Pflicht eingeschärft, ‚die Aus- erwählten des Herrn in Zucht zu nehmen‘ (παιδεύειν) und den verirrten Schafen nach- zugehen (Sim IX 31,5).“

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