Institutionen in Bathore: Etablierung von zivilgesellschaftlichen Strukturen mit

Im Dokument An der Peripherie : Alltag und soziale Beziehungen im Kontext von Migration und Urbanisierung am Beispiel einer informell gegründeten Siedlung in Tirana, Albanien (Seite 75-79)

4. Transformationsphase in Albanien

4.3 Informell gegründete Siedlungen in Tirana

4.3.4 Institutionen in Bathore: Etablierung von zivilgesellschaftlichen Strukturen mit

Im Folgenden wird der Aufbau von Institutionen in Bathore behandelt. Es wird der Frage nachgegangen, ob auf alte informelle soziale Strukturen oder auch auf noch relativ junge Institutionen zurückgegriffen wird, um den Alltag in Bathore bestreiten zu können. Wie be- reits behandelt, sind staatliche wie nicht-staatliche Institutionen in Albanien bis heute schwach ausgeprägt. So ging der Aufbau von zivilgesellschaftlichen Einrichtungen wie loka- len Vereinen und internationalen Organisationen, die während des Sozialismus nicht existent waren, nach der Etablierung der Demokratie langsam voran. Allerdings darf nicht pauschal davon ausgegangen werden, dass in postsozialistischen Staaten generell keine Zivilgesell- schaft vorhanden ist, wenn diese als Ausdruck einer moralbesetzten Gemeinschaft verstan- den wird (Saltmarshe 2001: 14ff.).

Die meisten Informationen zu Institutionen in Bathore erhielt ich durch Expertengespräche und teilnehmende Beobachtung. Schwieriger war es, von Gesprächspartnern aus Bathore Auskünfte darüber zu erhalten, da sie viele Vorbehalte und wenig Interesse daran haben. In der Vergangenheit verankertes Misstrauen gegenüber dem Staat, seinen Institutionen und dem öffentlichen Raum führte zu mangelndem Interesse und Engagement für das Gemein- wohl und öffentliche Angelegenheiten sowie zu fehlendem Verantwortungsbewusstsein. So werden der öffentliche Raum und darin bereit gestellte Infrastruktur weder geschätzt noch gepflegt. Müll wird neben den Mülltonnen liegen gelassen, Bäche werden als Abwasserkanä- le genutzt, und staatliche Stromleitungen angezapft. Heute muss jedoch etwa die Hälfte der Haushalte in Bathore den Stromverbrauch von 2007 bis 2010 in der Höhe von etwa 200.000 Lek (1.440 Euro) nachzahlen (Përparim 16.10.2010). Zudem mag die Skepsis und Zurück- haltung gegenüber formeller Strukturen in Bathore an dem Ausschluss der nordalbanischen Bevölkerung aus politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen vor und während der Zeit des Sozialismus liegen. Generelles Misstrauen bezieht sich jedoch vor allem auf albanische und weniger auf ausländische Institutionen, die eher akzeptiert und aufgesucht werden, da sie westliche Werte und Ideale repräsentieren (Derraj 24.04.2009, Kokana 17.04.2009, Pengu 28.04.2009, Saltmarshe 2001: 214f.).

65 Die Mehrheit der institutionellen Strukturen in Bathore wurde ab 2000 innerhalb weniger Jah- re gegründet. Während der Fokus von Programmen von staatlichen und nicht-staatlichen Institutionen in den ersten Jahren auf der Befriedigung von Grundbedürfnissen lag, zielen sie inzwischen mehr auf die Beteiligung an politischen Entscheidungsprozessen sowie auf sozi- oökonomische und Gender-Aspekte ab. Die Inanspruchnahme von den Einrichtungen ist allerdings trotz hoher Nachfrage nach mehr Entscheidungsfreiheit sowie nach alternativen Freizeitaktivitäten außerhalb des Haushaltes noch relativ niedrig. Saltmarshe stellt zwar fest, dass Mitte der 1990er Jahre im ländlichen Nordalbanien ansatzweise Gemeinschaftsformen, die nicht mehr vorrangig auf verwandtschaftliche Beziehungen beruhen, etabliert wurden (Saltmarshe 2001: 214f.). Diese Tendenz besteht zwar auch in Bathore, scheint sich aber noch nicht gefestigt oder verselbstständigt zu haben. Die schleppende Entwicklung erklärten Mitarbeiter von Behörden und Organisationen dadurch, dass institutionelle Strukturen schnell aufzubauen, ´festgefahrene Mentalitäten` dagegen weniger schnell zu verändern seien (Der- raj 24.04.2009, Kokana 17.04.2009, Pengu 28.04.2009).

Zivilgesellschaftlichen Strukturen in Bathore haben vor allem zwei Aspekte auf der Agenda: Einerseits sollten sie die zivilgesellschaftliche Entwicklung in Bathore vorantreiben, indem sie die soziale Kohäsion der Gemeinde fördern und ihre Beteiligung als eine repräsentative Gruppe an politischen Entscheidungsprozessen erreichen. Andererseits sollten sie der (Wei- ter-)Bildung und Freizeitgestaltung dienen. Spezielle Förderprogramme sprechen insbeson- dere als verwundbar identifizierte Gruppen – Kinder, Jugendliche und Frauen – an. Sie be- fassen sich mit der Gender-Problematik in Bathore, die sich auf die untergeordnete soziale Stellung von Frauen bezieht, die wenig Entscheidungsmacht sowie keinen Anspruch auf Besitz und Erbe haben. Die Organisation Co-Plan rief 2003 das Bathore- Nachbarschaftsentwicklungsprojekt ins Leben, das zu 80% von der Weltbank und zu 20% von der Gemeinde selbst finanziert wurde und für einen Zeitraum von drei Jahren angesetzt war. Im Mittelpunkt standen der Aufbau von Grundinfrastruktur (wie Straßenbau, Müll- und Abwasserentsorgung, Stromversorgung, einer weiterführenden Schule) und die Entwicklung einer Zivilgesellschaft (Derraj 24.04.2009, Kokana 17.04.2009, Pengu 28.04.2009).

66 Im Rahmen dieses Projekts wurde ein öffentlicher Raum mit Schulen und einem Gemeinde- zentrum, das einen Kindergarten, eine Bibliothek und Fläche für Freizeit- und Vereinsaktivitä- ten umfasste, etabliert. Das Gemeindezentrum sollte auch einen Raum für Gemeindetreffen bieten, damit Bewohner von Bathore ein Gemeinschaftsgefühl aufbauen und sich durch Re- präsentanten in politische Prozesse einbringen könnten. Dieses Gebäude ist von zwei acht- jährigen Elementarschulen (shkolla 8-vjeçare) und einer High School (shkolla e mesme) um- geben. Vor dem Bau der Mittelschule im Jahr 2005 gab es in Bathore nur eine Schule für Schüler bis 14 Jahren. So durften viele über 15-jährige Mädchen aus Bathore im Gegensatz zu den Jungen bis 2005 keine weiterführenden Schulen besuchen, da der Weg bis zu der nächsten High School in Kamza als zu weit und zu gefährlich galt. Heute gehen viele Mäd- chen aus Bathore in die High School (Kokana 17.04.2009). Für Kleinkinder von drei bis sechs Jahren gibt es außer einem staatlichen Kindergarten private Kindergärten, die etwa 1.000 Lek pro Monat (acht Euro) kosten.

Co-Plan rief, wie erwähnt, die so genannten CBOs (Community based Organisations) in Ba- thore ins Leben, die als Grundlage der Entwicklung einer Zivilgesellschaft vorgesehen wa- ren. Dadurch sollten die soziale Kohäsion und das Selbstbewusstsein der Gemeinde ge- stärkt werden – mit dem Ziel der Integration in die einheimische Gesellschaft von Tirana (Ko- kana 17.04.2009). Die erste CBO in Bathore war die im Jahr 2000 gegründete Organisation

Rilindja (´Wiedergeburt`), die bis zu 500 Männer umfasste und beim Aufbau der Infrastruktur

in Bathore beteiligt war. Eine weitere CBO ist der 2002 formierte Frauenverein Gruajat e së

ardhmes (´Frauen der Zukunft`), der Frauentreffen, Fest- und Schulaktivitäten organisierte

und auch seinen Beitrag zur Infrastrukturentwicklung leistete. Der 2004 gegründete Jugend- verein Me zërin e të rinjve (´Mit der Stimme der Jugend`) setzte sich für die Weiterbildung der Jugendlichen an weiterführenden Schulen und Universitäten ein. Außerdem wurden in Bathore ein Verein für Lehrer und Shoqata Shqiptare (´Albanischer Verein`) gegründet, der sozial schwachen Familien Hilfestellung beim Aufbau von Kleinunternehmen leistete. Darü- ber hinaus gab es die Frauenvereine Shoqata gruaja veprim globale (´Frauenverein für glo- bale Handlung`) und Shoqata për grat e stallave (´Verein für Frauen der Stallstraße`). Heute sind diese Vereine und CBOs trotz gut gemeinter Ansätze nicht mehr aktiv, auch wenn sie formell noch existieren mögen. Zwar erinnern sich viele Bewohner mit Wohlwollen an Co- Plan und schätzen deren Einsatz und Errungenschaften, sehen sie sich aber weder dafür verantwortlich noch fähig, diese Strukturen in Eigeninitiative aufrechtzuerhalten. Der Entwick- lungsdirektor von Kamza hielt es für schwierig, extern etablierte Gemeindevereine zu reakti- vieren, da zu wenig Geld, Zeit und Raum verfügbar seien (Pengu 28.04.2009).

Heute aktiv sind indes christliche Einrichtungen wie die evangelischen Organisationen World

Vision und Christian Action for Children Worldwide - Global Care aus England, die sich

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Qendra ´Eja`, in dem sich einmal die Woche die Mitarbeiter von World Vision treffen. Dieses

Zentrum bietet diverse Freizeitgestaltungen sowie Englischkurse und Bibelstunden für Kinder und Jugendliche an. Außerdem organisiert es für Jugendliche und Frauen in regelmäßigen Abständen Ausflüge und einmal im Jahr für Kinder und Jugendliche ein Sommercamp. Die Organisation World Vision mit Sitz in Tirana führt verschiedene Alphabetisierungs- und Bil- dungsprojekte durch. Seit dem Frühjahr 2009 arrangieren sieben Vertreterinnen in Bathore neben anderen Projekten Brieffreundschaften zwischen Kindern aus Bathore und den USA. Eine katholische Einrichtung in Bathore ist Caritas, die dort die Kirchengemeinde Qendra

Roberto e Antonio aufgebaut hat. Die Teilnahme an diesen Angeboten ist nicht primär religi-

ös bedingt, sondern eher pragmatisch ausgerichtet. So nehmen einige der von mir befragten Frauen, die alle dem muslimischen Glauben angehören, Koch- oder Nähkurse sowie Frau- engruppen wahr, um sich weiterzubilden und andere Frauen zu treffen.

Hinsichtlich der Funktion und Nutzung von institutionellen Strukturen in Bathore sind zwei entgegengesetzte Entwicklungen festzustellen: Einerseits werden Angebote von Einrichtun- gen für Kinder und Jugendliche weitgehend angenommen: Kinder aus Bathore besuchen ab dem vierten Lebensjahr einen Kindergarten und viele bis zum 18. Lebensjahr die Schule. Einige nutzen zudem Angebote für Freizeitaktivitäten sowie außerschulische Sprachkurse. Andererseits nehmen Frauen Gruppentreffen und Freizeitangebote wenig wahr, da sie ent- weder wegen der Hausarbeit und der Kinderbetreuung keine freie Zeit dafür hätten, oder ihr Ehemänner dies nicht erlauben würde. Mir gegenüber taten viele kund, dass sie sich gern regelmäßig mit anderen Frauen treffen, außerhalb des Hauses Aktivitäten unternehmen und weiterbildende Kurse besuchen würden. Sie beklagten sich über ihre mühsame Hausarbeit, gesundheitliche Probleme und über die strenge Kontrolle durch ihren Ehemann oder Schwiegereltern. Die Unzufriedenheit über die eigene Situation führt zu einer gewissen Le- thargie, die in der ständig wiederholten Phrase, „Çfarë të bësh?“ (´Was kann man tun?`), ausgedrückt wird. Wie noch dargelegt wird, durchbrechen dennoch einige Frauen diesen Kreislauf durch aktive Teilnahme an diversen Kursen. Dies ist allerdings ein relativ neues Phänomen in Bathore, das erst gegen Ende der Forschung zu beobachten war.

Insgesamt wurde die von Co-Plan intendierte soziale Kohäsion der Gemeinde und Beteili- gung an politischen Entscheidungen in Bathore nicht erreicht. Das Gemeindezentrum wurde umfunktioniert, Strukturen einst etablierter Vereinen liegen brach. Aktive Teilnahme an dem Gemeindeleben und Engagement ist zum einen aufgrund von mangelndem Interesse daran und fehlendem Bewusstsein für ein Gemeinwohl gering. Zum anderen können die meisten Familien keine Zeit und Energien dafür aufwenden, da sie überwiegend mit der Bestreitung ihres Alltags beschäftigt sind. Sie müssen heute nicht mehr um das reine Überleben kämp- fen, wie in den ersten Jahren nach der Ankunft, doch die Bestreitung des alltäglichen Le- bensunterhalts stellt sie vor Herausforderungen, die viel Arbeit, Zeit und Stress implizieren.

68 Zudem wird deutlich, dass Bewohner von Bathore noch kein ausgeprägtes übergeordnetes Gemeinschaftsgefühl als Bewohner von Bathore und Zugehörigkeitsgefühl mit ihrem neuen Heimatort haben. Die schwach ausgeprägte lokale Identität mag auch an den ungeregelten Grundstücks- und Eigentumsverhältnissen liegen. Ebenso kann der in Tirana kursierende schlechte Ruf von Bathore, dessen sich die Einwohner bewusst sind, ein Grund für eine feh- lende Identifikation mit Bathore sein. Bewohner von Bathore sehen sich selbst auch nicht als Einheimische von Tirana, da sie mit der Stadt und seinen Bewohnern kaum Berührungs- punkte haben. Vorrangig identifizieren sie sich noch über ihre Familie, ihrer Abstammungs- gruppe und Herkunftsregion, auch wenn sie dorthin nicht zurückkehren wollen.

Im Dokument An der Peripherie : Alltag und soziale Beziehungen im Kontext von Migration und Urbanisierung am Beispiel einer informell gegründeten Siedlung in Tirana, Albanien (Seite 75-79)