I Allgemeine bilanzpolitische Maßnahmen

Im Dokument Die Krise im EKEG unter dem Aspekt des Gläubigerschutzes / eingereicht von: Astrid Elisabeth Krempl (Seite 71-75)

Im Rahmen der gesetzlich vorgeschriebenen Reglementierungen können bilanzpolitische Maßnahmen die EKEG-Kennzahlengrenzwerte beeinflussen. Das angestrebte Ziel ist eine Erfolgsmaximierung, die im Ergebnis zu einer Erhöhung der Eigenkapitalquote und zu einer Senkung der fiktiven Schuldentilgungsdauer führt. Bilanzpolitik174 ist der zweck- orientierte Einsatz der gesetzlich vorgeschriebenen GoB, entweder in Form der realen

Bilanzpolitik (vermögens- und erfolgswirksame Sachverhaltsgestaltungen) oder der buchmäßigen Bilanzpolitik (Bilanzansatz- und Bewertungswahlrechte sowie Ermessens-

spielräume). Mithilfe einer geplanten Normanwendung wird einerseits der finanzielle Un- ternehmensbereich optimal strukturiert, andererseits werden die am publizierten Jahres- abschluss interessierten Personengruppen zu bestimmten Reaktionen veranlasst, sodass die innerbetrieblichen Zielsetzungen optimal erreicht werden.175

174 In der L werden anstatt des Begriffes Bilanzpolitik auch die Begriffe Bilanzkosmetik oder window-

dressing verwendet. Beide Begriffe drücken jedoch mE vielmehr einen Graubereich der Bilanzpolitik aus, der die Grenzen der unrichtigen Bilanz, der Bilanzverschleierung und der Bilanzmanipulation zu- mindest berührt, sodass in der vorliegenden Diplomarbeit ausschließlich der Begriff Bilanzpolitik ver- wendet wird.

175 Bertl, Bilanzpolitische Spielräume in IFRS, UGB und in der Steuerbilanz, in Bertl (Hrsg), Bilanzpoli-

tik, Wiener Bilanzrechtstage 2012, 13; Kalss/Kunz, Handbuch für den Aussichtsrat, 1211ff; Küting/We-

Abbildung 2: Bilanzpolitik176

Handlungen der realen Bilanzpolitik verlangen nach einer sehr konsequenten und zeitlich stringenten Buchhaltung und Kalkulation, denn die einzelnen Sachverhaltsgestaltungen bedürfen einer notwendigen Vorausplanung und müssen bereits im aktuellen Wirtschafts- jahr bedacht werden. Die Maßnahmen zeigen jedoch größtmögliche Wirkungen in er- tragsschwachen Perioden. Die Sachverhaltsgestaltungen haben überdies den Vorteil, dass die meisten wirtschaftlichen Verfügungen für externe Bilanzleser in der Regel nur mit entsprechenden Zusatzinformationen erkennbar werden wie:

-die zeitliche Vor- oder Nachverlegungen gewinnwirksamer Handlungen, die ohnehin

stattgefunden hätten (bewusstes Fertigstellen eines Auftrages, Reparaturen oder In- standhaltungen erst im Folgejahr ausführen, Ankauf von Vorräten nach dem Bilanz- stichtag, Durchführen von Umgründungen etc),

-betriebliche gewinnerhöhende Maßnahmen vor dem Bilanzstichtag, die nach Bilanz-

stichtag umkehrbar sind (Rückzahlung von Bankkrediten sowie deren erneute Wieder- aufnahme nach dem Bilanzstichtag, Verkauf von Vorräten an Tochterunternehmen, etc) oder

-gewinnerhöhende Tätigkeiten vor dem Bilanzstichtag, die nach dem Bilanzstichtag

nicht einfach rückgängig zu machen sind (Sale-and-lease-back-Transaktionen, Lebens- versicherungen kündigen, Auslagerung von Tätigkeiten an die Tochtergesellschaft, Aufdeckung stRv durch Verkauf nicht betriebsnotwendiger Güter, Gründungen von

Joint Ventures, Ausgliederungen und Verkauf von Teilbetrieben etc).177

176 Bertl, Bilanzpolitische Spielräume in IFRS, UGB und in der Steuerbilanz, in Bertl/Eberhartinger/Eg-

ger/Kalss/Lang/Nowotny/Riegler/Schuch/Staringer (Hrsg), Bilanzpolitik, Wiener Bilanzrechtstage

2012, 13; Küting/Weber, Die Bilanzanalyse10, 40; Siller, Bilanzdelikte, CFOaktuell 2012, 14.

177 Bertl, Bilanzpolitische Spielräume, in Bertl (Hrsg), Bilanzpolitik, Wiener Bilanzrechtstage 2012, 14f;

Demgegenüber steht die buchmäßige Bilanzpolitik mit ihren formalen und materiellen Einflussmaßnahmen.

Instrumente der formalen Bilanzpolitik verändern die außenwirksame Informationspolitik des Unternehmens. Darunter fallen einerseits die Gestaltung und Darstellung der einzel- nen Bilanzposten in Kombination mit den verbalen Erläuterungen im Anhang bzw Lage- bericht, andererseits auch die freiwilligen Veröffentlichungen durch Unternehmensbro- schüren oder Pressemitteilungen.178

Im Rahmen der formellen Bilanzpolitik kann die Berücksichtigung des eigenkapitalerset- zenden Darlehens in der Bilanz mit einer allfälligen verbalen Erläuterung im Anhang un- terbleiben und wird dadurch nicht erkennbar.

Die Einreichung des Jahresabschlusses zum Firmenbuchgericht gem § 277 UGB kann bis zum Ende der gesetzlich vorgeschriebenen neunmonatigen Veröffentlichungsfrist hinaus- geschoben werden. Die Drittgläubiger erkennen somit eine allfällig negative Unterneh- mensentwicklung erst mit Offenlegung, sodass sich auch deren nachteilige Reaktionen verzögern. Ergibt der darauf folgende Jahresabschluss ein positiveres Ergebnis, erfolgt eine zeitigere Firmenbucheinreichung; somit können zumindest kurzfristige negative Entwicklungen entkräftet werden.

Ferner realisieren auch Maßnahmen der materiellen Bilanzpolitik die unternehmens- und finanzpolitischen Ziele. In Bezug auf eine Ergebnisverbesserung bestehen sie vor allem in der Inanspruchnahme der gesetzlich festgelegten Bilanzansatz- und Bewertungswahl- rechte. Ziel ist es, die Bewertungen im Höchstausmaß der Aktiva und im Mindestausmaß der Passiva anzusetzen.

Die Ermessensspielräume in Bilanzansatz und Bewertungen lassen sich nicht für jeden Fall einheitlich normieren, da sich zukünftige Unternehmensentwicklungen und Risiken nicht vorhersehen lassen. Der vermeintlich voraussehbare Wertansatz ist zusätzlich ab- hängig vom subjektiven Charakter der Geschäftsführung und kann im Einzelfall oftmals nur im Nachhinein kontrolliert werden. In der Regel ist es für externe Bilanzleser nicht

178 Bertl, Bilanzpolitische Spielräume in IFRS, UGB und in der Steuerbilanz in Bertl/Eberhartinger/Eg-

ger/Kalss/Lang/Nowotny/Riegler/Schuch/Staringer (Hrsg), Bilanzpolitik, Wiener Bilanzrechtstage

2012, 16; Barborka/Rab, Das Gutachten gemäß § 26 URG, RdW 2000/41; Baumüller/Kreuzer, Bi- lanzanalyse, 139f; Dokalik, RÄG 2014, 29ff; Knopper, RÄG 2014, 16ff; Küting/Weber, Die Bilanzana- lyse10, 39f.

erkennbar, ob ein in Anspruch genommenes Wahlrecht oder ein in Anspruch genomme-

ner Ermessensspielraum positive Gewinnauswirkungen hat.179

Auf Grund der Fülle der Möglichkeiten können im Folgenden nur beispielhaft einige Maßnahmen der materiellen Bilanzpolitik angeführt werden, welche zu einer Ergebnis- verbesserung und Kennzahlenbeeinflussung führen können.

Bilanzansatz

-Aktivierungswahlrecht kleiner Gesellschaften für aktive latente Steuern

(§ 198 [9] UGB) bei entsprechenden Ergänzungen im Anhang,

-Ansatzwahlrecht für Verlustvorträge (§ 198 [9] UGB),

-Aktivierungswahlrecht für Buchverluste iZm Umgründungen (§ 202 [2] UGB),

-Passivierungswahlrecht für Aufwandsrückstellungen, soweit sie nicht nach GoB ver- pflichtend sind,

-Unterlassung von Rückstellungsbildung, soweit es sich um nicht wesentliche Beträge

handelt (§ 198 [8] Z 2 und 3 UGB),

-Saldierung von Forderungen und Verbindlichkeiten, sofern sie privatrechtlich zulässig

sind,

-Wahl der Abschreibungsmethode (§ 204 [1] UGB),

-Abgrenzung von Herstellungs- und Erhaltungsaufwand sowieAktivierung des Herstel-

lungsaufwandes mit Abschreibung auf die Restnutzungsdauer des Gebäudes und

-Einzelwertberichtigungen zu Forderungen minimieren durch Mahnklagen.

Bewertung

-des Grundsatzes des wirtschaftlichen Gehalts (§ 196a [2] UGB),

-Grundsatz der verlässlichen Schätzung (§ 201 [2] Z 7 UGB),

-Wahl höheren Abschreibungsdauer im Anlagevermögen (§ 204 [1] UGB),

-keine außerplanmäßige Abschreibung bei Finanzanlagen, da keine vorübergehende

Wertminderung vorliegt (§ 204 [2] UGB),

-Aktivierung der Anschaffungs- oder Herstellungskosten von GWGs (§ 204 [1a] UGB),

-Bewertungsvereinfachungsverfahren (§ 209 UGB) sowie

179 Bertl, Bilanzpolitische Spielräume in IFRS, UGB und in der Steuerbilanz, in Bertl/Eberhartinger/Eg-

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-Bewertungen der aktivierten Herstellkosten mit dem Höchstansatz.180

Die unternehmensrechtlichen Grenzen der materiellen Bilanzpolitik lassen sich, neben der Generalnorm der §§ 195 und 222 (2) UGB und den GoB, vor allem aus der Bewer- tungsstetigkeit gem § 201 (2) Z 1 UGB ableiten. Die Beibehaltung der bereits einmal gewählten Methode schränkt den Bilanzansatz- und die Bewertungswahlrechte sowie die Ermessenspielräume für zukünftige Maßnahmen ein. Ziel des Gesetzgebers ist es, das subjektive Ermessen und die Willkür in der jährlich wechselnden Anwendung der Be- wertungsmethoden auszuschalten, um die Vergleichbarkeit der einzelnen Jahresab- schlüsse sicherzustellen. Wenn sich jedoch die zentralen Rahmenbedingungen ändern, kann auch eine Unterbrechung der Bewertungsstetigkeit erfolgen, wobei die Einleitung von Sanierungsmaßnahmen nach hA eine wesentliche Änderung der Rahmenbedingun- gen darstellt.181

Im Dokument Die Krise im EKEG unter dem Aspekt des Gläubigerschutzes / eingereicht von: Astrid Elisabeth Krempl (Seite 71-75)