Hatch und Harnack

Im Dokument Hausgemeinden und kirchliche Ämter im Hirten des Hermas (Seite 75-80)

2 Die Kirche im Hirten des Hermas

3.4 Verschiedene Theorien über die Entwicklung der

3.4.2 Hatch und Harnack

1881 verteidigt Hatch50 einige Ansätze, die vom herrschenden Kon-

sens abweichen. Er studiert die Organisation und die Ämter der anti- ken Genossenschaften, besonders der religiösen Vereine, und ihren Einfluss auf die Entwicklung der christlichen Gemeindeverfassung.51

Er beschäftigt sich hauptsächlich mit den Ämtern der Presbyter, Epis- kopen und Diakone und verteidigt, dass es von Anfang an eine enge Beziehung zwischen Episkopen und Diakonen gab. Das kirchliche Amt im Neuen Testament hat eine leitende und dienende Dimen- sion, und ursprünglich gab es eine Identität zwischen Episkopen und Diakonen. Aber die Arbeitsteilung zwischen diesen beiden Klassen von Ämtern wird in der nachapostolischen Zeit deutlich erkennbar.52

Nach Hatch existiert eine Art Kollegium oder Komitee als leitendes Gremium der Gemeinde, dessen Mitglieder Presbyter oder Episkopen heißen, je nachdem ob ihre Leitungsfunktion oder ihre Verwaltung der kirchlichen Gelder gemeint war.53 Die Funktionen der Episkopen

waren administrativ (Verwaltung des Kirchenvermögens, Schutz von Witwen und Waisen, Gastfreundschaft mit den reisenden Mitchris- ten) und Hatch zeigt die Parallelen zwischen den Episkopen und den Finanzbeamten der griechischen Umwelt.54 Das Verhältnis der Episko-

pen und Diakone untereinander war notwendigerweise das der Unter- ordnung.55 Für die Presbyter sieht dieser Autor zwei Parallelen: in den

judenchristlichen Gemeinden die jüdische Ältestenverfassung der Syn- agogen56; in den heidnischen Gemeinden ist das Presbyteramt spontan

50 Hatch, Edwin, The Organization of the early Christian Churches, London 21882.

51 Vgl. Hatch, Organization, 16f. „The names of Christian institutions and Christian officers are shared by them in common with institutions and officers outside Christi- anity” (16).

52 Vgl. ebd., 48f.

53 Vgl. ebd., 38f. Für Hatch sind Presbyter und Episkopen identisch.

54 Vgl. ebd., 36.39–49.

55 Vgl. ebd., 51.

56 Vgl. Hatch, Organization, 58. „It seems certain … that in these Jewish communities

… there existed a governing body of elders whose functions were partly administrati- ve and partly disciplinary. With worship and with teaching they appear to have had no direct concern. For those purposes, so far as they required officers, another set of officers existed...“ (59). „Consequently, when the majority of the members of a Jewish

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und ohne Einfluss von außen her entstanden.57 Im Laufe des zweiten

Jahrhunderts wurde die jüdische Auffassung des leitenden Kollegiums die herrschende, als die Unterschiede zwischen den judenchristlichen und den heidnischen Gemeinden allmählich verschwanden.58 Die

wichtigsten Funktionen der christlichen Presbyter-Kollegien waren ganz analog denen der jüdischen Synedrien: Ausübung der Diszip- linargewalt und Jurisdiktion in Privatstreitigkeiten zwischen Chris- ten. Die Presbyter mussten nicht notwendig lehren59 und hatten keine

besondere Funktion im Kult der Gemeinden.60

Im Laufe des zweiten Jahrhunderts entwickelt sich die Monepis- kopat. Der Episkopos war anfangs ein ständiger Präsident des Pres- byterkollegiums,61 aber vom dritten Jahrhundert an wird er in einen

monarchischen Episkopat mit Suprematie gewandelt.

Hatch ist der Meinung, dass die Episkopen und die Presbyter im Hirten des Hermas wahrscheinlich identisch sind und dass die Epis- kopen in Vis III 5,1 von den Lehrern unterschieden sind.62

Harnack übersetzte das Werk Hatchs ins Deutsche, fügte aber am Schluss der Übersetzung einige Ausführungen63 hinzu, in denen er

eine besondere Auslegung der Thesen Hatchs unternimmt. Gegenüber dem früheren protestantischen Konsens greift Harnack die Gleich- setzung von Presbytern und Episkopen an. Nach seiner Meinung ist die spätere Gemeindeverfassung mit Episkopen, Presbyterkollegium und Diakonen eine Kombination aus zwei verschiedenen Organisati-

community were convinced that Jesus was the Christ, there was nothing to interrupt the current of their former common life. There was no need for secession, for schism, for a change in the organization. The old form of worship and the old modes of govern- ment could still go on“ (60).

57 Vgl. Hatch, Organization, 66.

58 Vgl. ebd., 67.

59 Vgl. ebd., 77f. „They were not debarred from teaching, but if they taught as well as ru- led they combined two offices“ (78).

60 Vgl. ebd., 79. „They probably had no more than the place which the Jewish presbyters had in the synagogue–seats of honor and dignity, but no official part in the service“.

61 Vgl. ebd., 90f. „The early bishop stood to the presbyters in the relation of a dean to the canons of a cathedral“ (91).

62 Vgl. ebd., 78.

63 Harnack, Adolf von, Analecten, in: Hatch, Edwin, Die Gesellschaftsverfassung der christlichen Kirchen im Altertum, Gießen 21883, 229–259.

onen.64 Einerseits gibt es eine presbyteriale Organisation, in welcher

die Presbyter präsidieren, ermahnen, Recht sprechen. Die Menge soll gehorchen. Es handelt sich um eine weltliche, natürliche Organisation, die nicht auf den besonderen christlichen Charismen beruht. Anderer- seits spricht er von einer episkopalen Organisation, in der die Tätigkei- ten der Episkopen und Diakone (Armenpflege, Kult, Korrespondenz, Ökonomie) auf Gottes Gaben der Verwaltung und der Liebespflege beruhen.65 Die Tätigkeit der Episkopen beschränkt sich nicht auf das

rein Administrative, da der Kult ein wesentlicher Bestanteil ihrer Auf- gabe ist.66 Im Rahmen dieser Ansätze stellt Harnack fest, dass man in

Rom in der Gemeinde des Hirten des Hermas die Funktionen der Presbyter und Episkopen auseinandergehalten hat, „obwohl die Epis- kopen aller Wahrscheinlichkeit nach zugleich im Presbyterkollegium

64 Wie Brockhaus, Charisma, 10 bemerkt, beruft Harnack sich „nicht ganz zu Recht auf Hatch“, weil dieser keine doppelte Organisation der Kirche vertritt, sondern ein einziges leitendes Gremium, dessen Mitglieder Presbyter oder Episkopen heißen.

65 Vgl. Harnack, Analecten, 229f.238f. Harnack fragt nach dem Ursprung und Alter zweier verschiedener Organisationen. Nach seiner Meinung besitzen wir für die Exis- tenz von Presbyterkollegien in heidenchristlichen Gemeinden kein so altes Zeugnis wie für die Existenz von Episkopen und Diakonen. Aber die presbyteriale Organisa- tion kann in ihrer primitivsten Form auf die älteste Zeit zurückgehen. Der Erste Cle- mensbrief, die Apostelgeschichte und der Philipperbrief des Polykarp sprechen dafür, dass eine gewisse „Combination zwischen der episkopalen Organisation (das Wort im alten Sinne) und der presbyterialen ungefähr so alt sein muß, wie die Ausbildung der letzteren selber, d.h., daß der leitende Ausschuß aus der Zahl der ‚Alten‘ die Functio- nen der Episkopen gleich anfangs übernommen, resp. die Episkopen in seine Mitte- aufgenommen und den Presbyter-Episkopen die Leitung überlassen hat“ (234). „Es ist daher nicht auffallend daß, wo es in einer christlichen Gemeinde ein Presbytercollegi- um gegeben hat, die Episkopen in demselben Sitz und Stimmen hatten, ja demselben präsidierten“ (230).

66 Rohde, Joachim, Urchristliche und frühkatholische Ämter (Theologische Arbeiten 33), Berlin 1976, 32 stellt fest, dass Harnack die bisherige Auffassung über die Pres- byter- und Episkopentitel umgekehrt hat. „Bisher galt der Presbyterrat mehr als Amt der religiösen Führung, die Episkopen jedoch als mit rein administrativen und Verwal- tungsaufgaben betraut. Harnack dagegen suchte den Episkopat als religiöse Betätigung zu verstehen“.

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saßen“.67 Der Unterschied von Episkopen und Diakonen nach ihren

Funktionen ist „kein merklicher“.68

Nach der Veröffentlichung des neu entdeckten Textes der Didache im Jahre 1883 entwickelte Harnack seine Meinung über die urchrist- liche Organisation der Kirche. 1884 gab Harnack eine zweisprachige Ausgabe mit deutscher Übersetzung69 heraus und diesmal machte er

in Anlehnung an die Didache einen Unterschied zwischen Gemeinde- und Kirchenbeamten. In der Urgemeinde gab es nicht nur der Einzel- gemeinde zugeordnete Episkopen und Diakone, sondern auch die der ganzen Kirche geschenkten Apostel, Propheten und Lehrer.70 Harnack

modifiziert seine These einer doppelten Gemeindeorganisation, und spricht nun für eine drei- bzw. vierfache Organisation.71

1. Die geistliche oder religiöse Organisation. Es handelt sich um den Stand der „Geehrten“: Apostel, Propheten und Lehrer. Sie gehören nicht einer Einzelgemeinde ausschließlich an. Sie sei- en die ἡγούμενοι in den Gemeinden.72

2. Die patriarchalische oder natürliche Organisation. In der Ge- meinde gab es den Unterschied zwischen die πρεσβύτεροι und die νεώτεροι, die Patrone und die Klienten. Die Ältesten waren

67 Harnack, Analecten, 230. „Die Gemeinde wird geleitet von einem Ausschuß der ‚Al- ten‘ (τῶν πρεσβυτέρων τῶν προϊσταμένων τῆς ἐκκλησίας -Vis II, 4,3), denen das πρῶτον καθίσαι (Vis III 1,8) gebührt, dieselben heißen auch προηγουμένοι (Vis II 2,6) und πρωτοκαθεδρίται (Vis III 9,7) und ohne Zweifel sind sie auch die Sim IX 31,5 sq. ge- warnten ποιμένες“. Wo die Presbyter im Hirten erwähnt werden, werden niemals Epis- kopen und Diakone erwähnt. Wo Hermas von Leitenden redet, denkt er überhaupt nicht an die Episkopen und Diakone. Wo er die besonderen Wohltäter der Gemeinde nennt, kommen die Episkopen und Diakone vor. Die Episkopen haben die Gabe der Verwaltung und der Liebespflege (231). „So sieht der Hermas in der grundlegenden Vision als die Fundamente der Kirche nicht etwa die Presbyter … , sondern (Vis III 4,5) die Apostel, die Episkopen, die Lehrer und die Diakone“ (231).

68 Ebd., 232.

69 Harnack, Adolf von, Die Lehre der Zwölf Apostel (Texte und Untersuchungen zur Geschichte der altchristlichen Literatur 212), Leipzig 1884.

70 Vgl. Rohde, Urchristliche, 32. Bisher waren Hatch und Harnack der Ansicht gewe- sen, dass es am Anfang nur eine Verfassung der Einzelgemeinde gegeben habe, „keine gesamtkirchliche Organisation“. Diese gesamtkirchliche Organisation hatte Hatch frü- hestens im dritten Jahrhundert angesetzt.

71 Vgl. Harnack, Lehre,146.

die natürlichen Respektpersonen. In größeren Gemeinden ent- standen leitende Ausschüsse (οἱ πρεσβύτεροι, οἱ προϊστάμενοι, οἱ προεστῶτες). Das Ansehen und Autorität der Presbyter wurde in disziplinarischen und gerichtlichen Angelegenheiten offenbar.73

3. Die administrative Organisation. Die Gemeinde brauchte ein Amt der Verwaltung. Die Natur einiger Funktionen brachte eine Art von Aufsicht über die Gemeinde mit sich. Deshalb wurden diese Funktionen entweder „Alten“ übertragen oder die mit ihrer Versehung betrauten „Jüngeren“ in den Ausschuss der Alten hineingenommen. So entstehen die Episkopen und die Diakone (die „Alten“ und die „Jüngeren“ mit dem Amt der Verwaltung). Zwischen ihnen besteht am Anfang ein Unter- schied im Alter, aber die beiden Ämter sind im Wesentlichen identisch.74

4. Die aristokratische Organisation. In der Gemeinde kann man die „vollkommeneren“ Christen finden: die Märtyrer, Ehelose, Confessores u.a. Sie hatten eine besondere Bedeutung in den Gemeinden.75

Harnack ist der Ansicht, dass der Hirt des Hermas mit Klarheit diese vierfache Organisation bezeugt.76 Im Unterschied zu seiner vorigen

These bezieht Harnack jetzt die Apostel, Propheten und Lehrer in die frühchristliche Kirchenorganisation ein, und bei den Episkopen und Diakonen tritt die charismatische Natur etwas zurück.77

73 Vgl. Harnack, Lehre, 147f.

74 Vgl. ebd., 148. „Die Funktionen der Episkopen und Diakone haben aller Wahrschein- lichkeit nach von Anfang an soweit gereicht als das System von Functionen reichte, welches die Gemeinde umfasste (Armenpflege, Cult, Correspondenz, Ökonomie). Alle diese Functionen sind in ihrem Vollzuge nicht ohne Verwaltungsbeamte denkbar“ (144). „Die Verwaltungsbeamten der Einzelgemeinde haben die hohe Stellung, zu der sie schliesslich gelangt sind, nicht nur ihrer Aufnahme in das Presbyterkollegium zu verdanken [...], sondern in noch weit höherem Masse dem Umstande, dass“ Apostel, Propheten und Lehrer in Laufe der Zeit ausstarben und ihre Funktionen auf Episko- pen und Diakone übertragen worden sind (145f.).

75 Vgl. Harnack, Lehre, 149.

76 Vgl. ebd., 150. „Hermas bezeugt 1) die Apostel, (Propheten) und Lehrer in ihrer ein- zigartigen Stellung, er nennt 2) die πρεσβύτεροι οἱ προϊσταμένoi τῆς ἐκκλησίας als den leitenden Ausschuss der Gemeinde, er unterscheidet 3) von diesem die ἐπίσκοποι und die διάκονοι, und er kennt 4) bereits die heroischen, vollkommenen Christen (Märty- rer, Enthaltsame) und räumt ihnen einen hohen Rang ein“.

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