Grundlagen der Anerkennung

Im Dokument Paradigmen des Konflikts (Seite 99-102)

2.3 Kampf um Anerkennung

2.3.1 Grundlagen der Anerkennung

Fichte hatte in seiner Schrift über »die Grundlage des Naturrechts« die Anerkennung als eine dem Rechtsverhältnis zugrundeliegende »Wechselwirkung« zwischen Individuen aufgefasst. Im wechselseitigen Auffordern zum freien Handeln und in der simultanen Begrenzung der eigenen Handlungssphäre zugunsten des Anderen bildet sich zwischen Subjekten das gemeinsame Bewusstsein heraus, dass dann im Rechtsverhältnis dann objektive Geltung bekommt.416 Hegel beschreibt dagegen in seinem Frühwerk der Jenaer

Schriften, die Bewegung der Anerkennung, die einem sittlichen Verhältnis zwischen

Subjekten zugrunde liegt, aus einem Prozess der einander ablösenden Stufen der Versöhnung und des Konfliktes zugleich.417 Axel Honneth bezieht sich in seinen

Ausführungen zur Anerkennung explizit auf Hegels frühe Schriften, welche der sozialen Genese der Ich-Identität und dem Kampf um Anerkennung eine zentrale Entwicklung des Selbst und der Gemeinschaft zuschreibt.418

415 Vgl. Joas/Knöbl (2004).

416 Vgl Honneth (1992), S. 30; Fichte (1793)1971 S. 1ff. S. 17 ff. 417 Vgl. Hegel (1801-1807).

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Wird ein Subjekt in dem Maße, so die These, in dem es sich in bestimmten Fähigkeiten und Eigenschaften durch ein anderes Subjekt anerkannt weiß, und darin mit ihm versöhnt ist, zugleich auch Teile seiner unverwechselbaren Identität kennenlernen und somit dem anderen wieder als ein Besonderes entgegengesetzt sein kann.419 Weil sie aber durch den

anderen stets etwas mehr über ihre besondere Identität erfahren, müssen sie jene Stufe der Sittlichkeit auch auf konflikthafte Weise wieder verlassen, um gewissermaßen zur Anerkennung einer anspruchsvolleren Gestalt ihrer Identität zu gelangen.420 Problematisch

ist, so Honneth, dass Hegels zentraler Gedankengang an metaphysischen Prämissen haftet, die sich mit den theoretischen Bedingungen gegenwärtigen Denkens nicht mehr ohne weiteres vereinbaren lassen.421 Er hat den sittlichen Bildungsprozess der Menschengattung

als einen Vorgang rekonstruiert, in dem über die Stufen eines Konfliktes ein moralisches Potential zur Verwirklichung gelangt, das in den Kommunikationsbeziehungen zwischen Subjekten strukturell angelegt ist.422 Aber diese Konstruktion steht noch unter der

idealistischen Präsupposition, dass das zu untersuchende Konfliktgeschehen von einem objektiven Gang der Vernunft bestimmt ist, der entweder, aristotelisch, die Gemeinschaftsnatur des Menschen, oder bewusstseinsphilosophisch, die Selbstbeziehung des Geistes zur Entfaltung bringt.423

Mit der Übernahmeder sozialen Normen, die den Kooperationszusammenhang des Gemeinwesens regeln, erfährt das heranwachsende Individuum nicht nur, welche Verpflichtungen es den Gesellschaftsmitgliedern gegenüber zu erfüllen hat; es erwirbt darüber hinaus ein Wissen um Rechte, die ihm in der Weise zustehen, dass es auf die Respektierung bestimmter seiner Forderungen legitimer weise rechnen darf.424 Rechte sind

gewissermaßen die individuellen Ansprüche, dass der generalisierte Andere sie erfüllen wird.425 Insofern bemisst sich an der sozialen Gewährung solcher Rechte, ob ein Subjekt

sich als ein vollwertig akzeptiertes Mitglied eines Gemeinwesens begreifen darf. Honneth greift in diesem Zusammenhang auf das Argument von George Herbert Mead zurück:

»Wenn man sein Eigentum in der Gemeinschaft bewahren will, ist es von größter Wichtigkeit, dass man Mitglied dieser Gemeinschaft ist, da die Übernahme der Haltung der Anderen garantiert, dass die eigenen Rechte anerkannt werden […] Dadurch erhält man eine Position, erreich man eine Würde, Mitglied der Gemeinschaft zu sein.«426 419 Vgl. Honneth (1992), S. 30. 420 Ebd., S. 31. 421 Ebd., S. 107. 422 Ebd., S. 108. 423 Ebd., S. 110. 424 Ebd., S. 115. 425 Vgl. Honneth (1992), S 127. 426 Vgl. Mead (1980), S. 242.

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Mit Hegel stimmt Mead überein, dass das rechtliche Verhältnis der Anerkennung insofern noch unvollkommen ist, als das es nicht die individuellen Differenzen zwischen den Bürgern eines Gemeinwesens positiv zum Ausdruck bringen kann, so Honneth.427 Dem

Begriff der Ich-Identität bei Mead wohnt dabei etwas unscharfes bei, denn er bezeichnet die plötzliche Erfahrung eines Andrangs innerer Impulse, von denen nicht kohärent auszumachen ist, ob sie aus der vorsozialen Triebnatur, der schöpferischen Phantasie oder der moralischen Sensibilität des eignen Selbst entspringen.428 Das Subjekt verspürt in sich

stets den Andrang von Forderungen, die mit den intersubjektiv anerkannten Normen seiner gesellschaftlichen Umwelt unvereinbar sind.429 Die innere Reibung zwischen »Ich« und

»Mich« stellt für Mead den Grundriss des Konfliktes dar, der die sowohl moralische Entwicklung als auch von Gesellschaften erklären soll; das Mich verkörpert in Vertretung des jeweiligen Gemeinwesens die konventionellen Normen, die das Subjekt von sich aus ständig zu erweitern versuchen muss, um der Impulsivität und Kreativität seines Ichs Ausdruck zu verleihen.430 Es besteht also ein Spannungsverhältnis zwischen dem

internalisierten Gesamtwillen und den Ansprüchen der Individuierung, die zu einem moralischen Konflikt zwischen dem Subjekt und seiner gesellschaftlichen Umwelt führen, so Honneth. Innere Ansprüche bzw. deren Umsetzung setzen damit individuelle Rechte in der Gemeinschaft voraus.431

Mead unterscheidet dabei, ob die Einlösung der Ansprüche entweder dem Bereich der individuellen Autonomie oder dem der persönlichen Selbstverwirklichung zugeordnet werden kann. Im ersteren Fall handelt es sich um die Freiheit von Gesetzen, im zweiten Fall um die Verwirklichung von Identität.432 Das Subjekt muss, wenn es der Forderung seines

»Ich« entsprechen möchte, ein Gemeinwesen antizipieren können, in dem ihm ein Anspruch auf Realisierung des entsprechenden Wunsches zusteht. Zu Selbstbehauptung, wie Mead sagt, also zur Verteidigung der Ansprüche seines »Ich« gegenüber der gesellschaftlichen Umwelt, ist das Subjekt nur in der Lage, wenn es sich anstatt in die Perspektive des existierenden Gesamtwillens in diejenige einer erweiterten Rechtsgemeinschaft hineinversetzt.433

Ähnlich wie Hegel den Bildungsprozess des »gemeinsamen Willens« darstellt, so begreift Mead die moralische Entwicklung von Gesellschaften als einen Vorgang der schrittweisen Erweiterung von Gehalten der rechtlichen Anerkennung, so Honneth: beide sind sich einig, dass das Potential der Individualität historisch auf dem Weg einer Zunahme an rechtlich gewährten Freiheitsspielräumen zur Entbindung gelangt.434 Der Motor dieser Entwicklung

ist ein Kampf, durch den Individuen versuchen, den Umfang ihrer intersubjektiv verbürgten Rechte zu erweitern und insofern den Grad ihrer persönlichen Autonomie zu erhöhen. 427 Vgl. Honneth (1992) S. 129. 428 Ebd., S. 131. 429 Ebd., S. 131. 430 Ebd., S. 132. 431 Ebd., S. 134. 432 Vgl. Honneth (1992), S. 135. 433 Ebd. 434 Vgl. Honneth (1992), S. 136.

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Allerdings unterscheide Mead dabei nicht hinreichend zwischen der Verallgemeinerung von sozialen Normen und der Erweiterung von individuellen Freiheitsrechten.435 Die Frage,

inwieweit die soziale Integration von Gesellschaften normativ auf ein gemeinsames Konzept des guten Lebens angewiesen ist, macht die Diskussion zwischen Liberalen und Kommunitaristen aus.

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