Grenzen

Im Dokument Paradigmen des Konflikts (Seite 106-110)

2.3 Kampf um Anerkennung

2.3.3 Grenzen

Nancy Fraser stellt die Frage, ob Gerechtigkeit und Anerkennung zwei unterschiedliche und klar getrennte normative Paradigmen konstruieren, oder ob beide in der Problemstellung des jeweils anderen schlichtweg subsumiert werden können.456 Sie sieht einen Gegensatz

zwischen Anerkennung und Umverteilung, da sie auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt sind und weil nicht klar ist wie gerechte von ungerechten Formen der Anerkennung unterschieden werden unterschieden werden können.457 Es hängt viel davon ab, ob

Ansprüche auf Anerkennung dem Bereich der Gerechtigkeit oder der Selbstverwirklichung zugeordnet werden, so Fraser. Ethik – Moral so die Unterscheidung. Honneth und Taylor dagegen verorten die Anerkennung ausschließlich in den Bereich der Selbstverwirklichung. Beide verstehen das Unrecht aus ethischer Perspektive als dasjenige, was das subjektive Vermögen zum guten Leben beeinträchtigt. Fraser dagegen sieht die Anerkennung im Bereich der Gerechtigkeit begründet. Sie erwidert, dass es ungerecht ist, wenn Individuen oder bestimmten Gruppen der Status eines vollwertigen Partners in der sozialen Interaktion vorenthalten wird, und das nur infolge bestimmter institutionalisierter Muster kultureller Wertschätzung, an deren Zustandekommen sie nicht gleichberechtigt beteiligt waren und ihre besonderen Merkmale oder die ihnen zugeschriebenen Eigenarten verächtlich machen.458 Damit verbindet werde die Anerkennung mit dem Paradigma des persönlichen

Status verbunden. Dadurch untersucht man, so Fraser, automatisch institutionalisierte kulturelle Bewertungsschemata anhand ihrer Auswirkungen auf den relativen Rang der sozialen Akteure.459 Das heißt in der Konsequenz, dass mangelnde Anerkennung in Form

der Herabwürdigung seitens anderer nicht eine beschädigte Identität oder beeinträchtigende Subjektivität bedeutet, sondern das Individuum wird durch institutionalisierte Wertmuster daran gehindert, als Gleichberechtigter am Gesellschaftsleben teilzunehmen. Mangelnde Anerkennung entsteht also genau dann, wenn Institutionen die soziale Interaktion nach Maßgabe kultureller Normen strukturieren, die partizipatorische Parität verhindern.460 Dazu

zählen beispielsweise Heiratsgesetze, die gleichgeschlechtliche Partnerschaften als illegitim ausschließen, oder eine Bildungspolitik, die Kinder mit Migrationshintergrund und aus sozial schwachen Familien systematisch benachteiligt und auch Polizeimethoden, wie das 455 Vgl. Fraser/Honneth (2003), S. 9. 456 Ebd., S. 43 457 Vgl. Fraser/Honneth (2003), S. 5. 458 Ebd., S. 19. 459 Ebd., S. 20. 460 Ebd., S. 22.

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sogenannte »racial profiling«, die überproportional viele Menschen anderer ethnischer Herkunft verdachtsunabhängig kontrollieren.461

Fraser unterscheidet in diesem Zusammenhang den Begriff des Respekts und der Achtung. Ihr zufolge wird Respekt allgemein und jeder Person des gemeinsamen Menschseins halber geschuldet. Achtung hingegen wird entsprechend den persönlichen und je eigentümlichen Merkmalen, Fertigkeiten oder Leistungen in unterschiedlichem Maße verteilt. Daher ist die Vorschrift, jedem den gleichen Respekt zu zollen, vollkommen vernünftig, diejenige aber, jedem die gleiche Achtung zu gewähren ein Oxymoron.462

Stattdessen beinhaltet das Statuskonzept, dass alle Personen das gleiche Recht haben, unter fairen Bedingungen der Chancengleichheit nach gesellschaftlicher Achtung zu streben. Obwohl nun niemand ein Recht auf gleiche gesellschaftliche Achtung im positiven Sinne hat, genießt jeder ein Recht darauf, nicht auf der Grundlage institutionalisierter Gruppenklassifikationen gering geachtet zu werden.463

Frasers Ansicht nach sind die Grenzen der Anerkennung (im Statusmodell) folgende: Im Modell der Selbstverwirklichung (von Honneth) sind Grenzen sehr viel schwieriger zu ziehen, da jeder erst seine Andersartigkeit anerkannt bekommen muss, um damit eine gewisse Selbstachtung zu erlangen, die wiederum (zusammen mit dem Selbstvertrauen und dem Selbstrespekt) einen wesentlichen Bestandteil der unverzerrten Selbstidentität darstellt. Auf der Grundlage dieser Hypothese würde auch eine rassistisch begründete Identität ein gewisses Maß an Anerkennung verdienen, insofern sie einigen ärmeren weißen Europäern oder Amerikanern ihr Selbstwertgefühl dadurch aufrechtzuerhalten erlaubt, dass sie sich den ihnen angeblich Unterlegenen gegenüber profilieren können.464 Antirassistische Ansprüche

wären eher hinderlich, weil sie die Selbstachtung der besagten ärmeren Weißen bedrohen. Frasers Ansatzberuft sich auf das Kriterium der partizipatorischen Parität als Bewertungsstandard. Wie im Verteilungsparadigma müssen die Anspruch Stellenden zeigen, dass bestehende Vorkehrungen sie daran hindern, als Ebenbürtige am Gesellschaftsleben teilnehmen zu können.465

Fraser zieht vor diesem Hintergrund eine aristotelische Position gegenüber einer platonischen prima facie vor, da diese besonders dem Phänomen der Globalisierung durch das Bekenntnis zur Differenz und der Tatsache des Pluralismus entgegenkommt. Die platonische Position nimmt nach Fraser dagegen naiver Weise an bzw. setzt voraus, dass normative Grundsätze ihre eigene Anwendung bestimmen können, und übersehen muss, dass die praktische Umsetzung politische Entscheidungen verlangt.466 Honneths Theorie der

Anerkennung ist eine solche platonische Position inhärent, so Frasers Implikation. 461 Ebd., S. 27. 462 Ebd., S. 49ff. 463 Ebd., S. 50. 464 Ebd., S. 96. 465 Ebd., S. 97. 466 Ebd., S. 98.

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Ohne Vorgriff auf eine Konzeption des Guten Lebens sind aus Sicht Honneths die gegenwärtigen Ungerechtigkeiten gar nicht angemessen kritisierbar.467 Honneth führt aus,

dass mit Beginn der neuen sozialen Bewegungen eine gewisse Unklarheit darüber bestand, worin die Gemeinsamkeit bestehen könnte. Bei der Friedens- und Ökologiebewegung beispielsweise herrschte zunächst die Vorstellung vor, dass wir es mit einer kulturellen Abkehr von materiellen Werten und dementsprechend einem wachsenden Interesse an Fragen der Qualität unserer Lebensform zu tun haben. Gegenwärtig konzentriert man sich eher auf Phänomene des Multikulturalismus und die Idee einer Identitätspolitik, der zufolge Minderheiten in zunehmendem Maße um die Anerkennung ihrer gemeinsamen Wertüberzeugungen kämpfen.468 Honneth fasst diese Phänomene damit zusammen, dass

sich hinter diesen verschiedenen Versionen dieser Bewegungen stets dasselbe verbirgt, nämlich nicht mehr die traditionellen Problemlagen kapitalistischer Gesellschaften, sondern die normativen Zielsetzungen dieser neu entstandenen Sozialbewegungen, welche uns informieren können. Allerdings bemängelt Honneth, dass in der theorieleitenden Zielsetzung nur gilt, was sich in den jeweils neuen sozialen Bewegungen an moralischen Unbehagen artikuliert findet, birgt die Gefahr, allzu leicht von jenen Erfahrungen abstrahiert wird, die aufgrund der Filterwirkung der bürgerlichen Öffentlichkeit die Stufe der politischen Thematisierung und Organisation noch gar nicht erreicht haben.469 Daher

braucht es eine unabhängige Terminologie, als es solche Formen des institutionell verursachten Leidens und Elends zu identifizieren gilt, die auch vor und unabhängig von aller politischen Artikulation in sozialen Bewegungen existieren.470

Honneth geht in diesem Zusammenhang von drei reduktiven Abstraktionen relevanter Formen sozialer Entbehrung und Leidens aus, bevor man von Identitätspolitik der sozialen Bewegungen als zentralen Konflikt unserer Zeit sprechen kann.471 Erstens, angelehnt an

Bourdieu, macht Honneth deutlich, dass der kulturelle Kampf um Anerkennung einen großen Teil alltäglicher Armut und Elends außer Acht lässt.472 Zweitens vernachlässige

Fraser auch aggressive Gruppen wie islamistische und nationalistische Bewegungen. Drittens, werden alle historischen Kontinuitäten ausgeklammert. Auch die Arbeiterbewegung sei in wesentlichen Teilen auf Bestrebungen gerichtet gewesen, innerhalb des kapitalistischen Wertehorizontes für die eigenen Traditionen und Lebensformen Anerkennung zu finden.473 Daher sollte sich eine kritische

Gesellschaftstheorie nicht normativ an den öffentlich wahrnehmbaren Forderungen sozialer Bewegungen orientieren. Fragen der distributiven Gerechtigkeit sind vor diesem Hintergrund nach Honneth besser mit Hilfe normativer Kategorien zu explizieren, die aus 467 Ebd. S. 136. 468 Vgl. Taylor (1993). 469 Vgl. Fraser/Honneth (2003), S. 138ff. 470 Ebd., S. 140. 471 Ebd., S. 142. 472 Vgl. Bourdieu (1997). 473 Vgl. Fraser/Honneth (2003), S 146.

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einer hinreichend differenzierten Anerkennungstheorie stammen wie Liebe, Recht und Leistung.474

Um Honneths Strategie der Immanenz und Transzendenz gerecht zu werden, müsse man die Kritische Theorie auf eine Moralpsychologie des vorpolitischen Leidens gründen, so Fraser. Indem Honneth Immanenz mit subjektiver Erfahrung gleichsetzt, kann die Kritik nur dadurch mit dem gesellschaftlichen Kontext verbinden, das ihre normativen Begriffe von den Leiden, Motivationen und Erwartungen gesellschaftlicher Subjekte ableitet.475 Er

bewegt den Interessensschwerpunkt von der Gesellschaft hin zum Ich. Deliberation bzw. demokratische Beurteilung fehlt an dieser Stelle. Es ist kaum möglich, alle Motivationen für Leid zu subsumieren (etwa Unmut über unverdiente Privilegien, Abscheu vor Grausamkeit, Antipathie gegen Ausbeutung, Aversion gegen Überwachung etc.) unter dem Begriff der Anerkennung zu subsumieren. Fraser spricht daher lieber zunächst von Fairness.476

Auch Martin Seel sieht Probleme in Honneths Thesen:

»In intersubjektiver, subjektiver und objektiver Hinsicht erhebt Honneth seinen Leitbegriff zu einer anthropologischen, ethischen und epistemischen Grundlagenkategorie. Die Fähigkeit der Anerkennung scheint als ein schlechthin basales Vermögen, das gerade auch die kognitiven Leistungen des Menschen trägt.«477

Sell nennt diese Position eine Provokation.478 Vor allem in der Durchführung von Honneths

Leitmotiv sieht er Probleme. Zunächst gilt dies in Bezug auf dem Vorrang der Anerkennung gegenüber aller anderen distanzierten Erkenntnis. So behauptet Honneth einen Vorrang von Intersubjektivität vor Objektivität. Mit dem Erwerb der Intersubjektivität werden Personen zu Subjekten ihres Lebens. Durch intersubjektives Anerkennen haben sie Teil an einer historisch gewachsenen Wirklichkeit. Um darin auftretende Konflikte und Probleme lösen zu können, sind sie auf die Hilfe durch gegenseitigen Respekt angewiesen.479 Auf

epistemischer Ebene bedeutet dies, sich in einer Einbettung intersubjektiver Bindungen zu bewegen, innerhalb dessen Ansprüche auf Wissen erhoben und unter Umständen gerechtfertigt werden müssen.480 Dies ist eine wichtige Quelle sozialer Kritik, denn auf

dieser Basis richtet sie sich gegen Formen der in erster Linie organisierten Ungerechtigkeit. Um solche Phänomene anprangern zu können, braucht es grundlegende praktische Richtlinien bzw. eine gemeinsame Ethik, die normativ klären, was es bedeutet, sozial anerkannt zu sein. 474 Ebd., S. 150. 475 Ebd., S. 232. 476 Ebd., S. 234. 477 Vgl. Seel (2009), S. 157ff. 478 Ebd., S. 158. 479 Ebd., S. 160. 480 Ebd., S. 161.

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Insgesamt scheint, dass für Honneth der Kampf um Anerkennung vor allem ein historischer Prozess ist, der sich auf die schon genannten Formen der Liebe, des Rechts und der Solidarität gründet. Diese Formen sind für sich allein genommen noch nicht notwendigerweise konflikthaft. Lediglich Spannungen im Falle der frühkindlichen Liebe. Sie werden aber grundsätzlich in Konflikten errungen und gegen Widerstand behauptet. Sollte dies zutreffen, argumentiert Ludwig Sieb, wäre der Kampf jedoch kein notwendiges Moment der Anerkennungsbeziehung, sondern nur die Form, wie Anerkennung individuell und sozial errungen wird.481 Meines Erachtens ist es nicht möglich alle Formen der

Umverteilung und generell alle Formen gesellschaftlicher und menschlicher Konflikte unter ein Prinzip zu subsumieren. Weder bestimmt Honneth die drei Formen der Anerkennung substantiell, noch ist klar, warum die drei genannten Formen die einzigen sein sollen, die in einer jeden Gesellschaft relevant sind.482 Es ist auch nicht klar, wie angesichts eines

Wertepluralismus eine objektive Konzeption der Anerkennungsformen begründbar ist, die, wie Honneth sagt, auf das Gute Leben abzielt.

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