Geschlecht als hegemonialer Diskurs und als Existenzweise (Andrea Maihofer)

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2. Dichotomie, Dekonstruktion, Differenz vor dem Hintergrund von

2.3 Geschlecht als hegemonialer Diskurs und als Existenzweise (Andrea Maihofer)

zweise einen Dreischritt zu denken: sie geht vom Konstruktionscharakter der Geschlechter

aus und zeigt auf, dass das Geschlecht unsere gelebte Realität ist indem sie die gesell- schaftlcihen Realitäten in ihren Ansatz mit einbezieht und versucht auf dieser Basis, Gleichheit und Differenz im Sinne eines egalitären Geschlechterverhältnisses zu denken. Für eine Reflexion des hierarchischen Geschlechterverhältnisses bedeutet dies, an den Ka- tegorien Frau bzw. Mann festzuhalten (Geschlecht als Existenzweise), eine Veränderbar- keit von Geschlecht und Geschlechterverhältnis in den Blick nehmen zu können (Kon-

struktionscharakter des Geschlechts) und zu versuchen, zu einem egalitären Geschlechter-

verhältnis beizutragen (Gleichheit und Differenz).

Andrea Maihofer versteht Geschlecht als Existenzweise und hegemonialen Diskurs: „Geschlecht“ als gesellschaftlich-kulturelle Existenzweise zu begreifen, stellt folglich den Versuch dar, erstens gegenüber dem Verständnis von „Geschlecht“ als bloßem Bewusstseinsphänomen, das sich nur in den Köpfen der Leute abspielt, also lediglich als ein Set von Vorstellungen, Bildern, Stereotypen, Verhaltenswartungen etc. über- haupt auf die „materielle Existenz“ des Geschlechts zu verweisen; zweitens gegenüber der Vorstellung von „Geschlecht“ als Effekt von Darstellungen und Wahrnehmungen, Rollen etc. also als etwas , was den Individuen letztlich doch äußerlich bleibt, auf der

>Konsistenz< des Geschlechts als einer historisch entstandenen, aber doch gelebten >körperlichen und seelischen Materialität< zu beharren; und drittens gegenüber der Auffassung von „Geschlecht“ als Geschlechtsidentität,-charakter etc., also als vor- nehmlich psychisches Phänomen. Sowohl die historisch entstandene >körperliche als auch überhaupt die gesellschaftliche-kulturelle Materialität< des Geschlechts zu beto- nen, ohne auf eine natürliche Basis des Geschlechts zurückgreifen zu müssen (Andrea Maihofer: 84).

Geschlecht ist für sie eine Balance zwischen Natur und Kultur, Körper und Geist, Materie und Bewusstsein. Sie präferiert den diskurstheoretischen Blick auf die Kategorie Ge- schlecht im Sinne einer historisch bestimmten „Denk,- Gefühls,- und Körperpraxis“:

„Geschlecht“ ist nun eine komplexe Verbindung verschiedener historisch entstandener Denk- und Gefühlsweisen, Körperpraxen und - formen sowohl gesellschaftlicher Ver- hältnisse und Institutionen, eben eine historisch bestimmte Art und Weise zu existieren (Andrea Maihofer 1995: 85).

Andrea Maihofer knüpft damit an den Diskursbegriff Foucaults an, nach dem Diskurse immer produktive Aspekte haben. Diese produktiven Prozesse sind wirksam durch Nor- mierung und Disziplinierung. Andrea Maihofer versteht diese Prozesse als Hervorbringung - so bringt z.B. Normierung Normalität hervor.

Sie kritisiert eine dekonstruktivistische Perspektive, in der ihrer Ansicht nach Frau oder Mann ausschließlich als Effekt von Wahrnehmungen und Darstellungen gesehen werden. Sie illustriert dies mit einem Vergleich vom „Geschlecht als Bauwerk“: In der konstrukti- vistischen Sicht auf Geschlecht gehe es nur um den Bau und die Wahrnehmung der Fassa- de und nicht um das Gebäude selbst. Um nicht in den Verdacht des Essentialismus zu ge- raten, werde Geschlecht in Darstellungen und Wahrnehmungen aufgelöst. Es wird über die Fassade und nicht über das Gebäude geredet35.

Eine „Frau“ oder ein „Mann“ zu sein, bleibt auf diese Weise den Individuen letztlich äußerlich. Sie sind „das“ nicht selbst, es ist bloß die Art, wie sie sich darstellen und von anderen wahrgenommen werden (Andrea Maihofer 1995: 83).

Geschlecht ist aber das Gebäude mit der Fassade, Geschlecht ist demnach eine gesell- schaftlich - kulturelle Existenzweise, so Andrea Maihofer. Sie versteht Geschlecht als Selbstkonstituierungsprozess: das hierarchische Geschlechterverhältnis könne nicht nur als

35 Hier geraten die Begriffe Dekonstruktion und Konstruktion bei Maihofer durcheinander. Um in der Meta-

phorik zu bleiben, bedeutet eine dekonstruktivistische Sichtweise eben auch das Gebäude selbst in Frage zustellen. Im Denken des Konstruktivismus wird hingegen nur die Fassade zum Gegenstand der Analyse. (Vgl. zum Unterschied zwischen Konstrukivismus und Dekonstruktivismus auch Birgit Wartenpfuhl 1996: 192).

hegemonial hergestellt begriffen werden, sondern gehe einher mit den Selbststilisierungen der Mittelschicht im Sinne einer Selbstkonstituierung des bürgerlichen Mannes und der bürgerlichen Frau. Das heißt, der herrschende Geschlechterdiskurs und die Kategorien „Frau“ und „Mann“ sind nicht ausschließlich von außen oktroyiert, sondern ebenso von den Individuen selbst hergestellt. Dies geschieht in der Regel in Übereinstimmung mit dem biologischen Körper und entsprechend der Vorgabe des herrschenden Geschlechterdiskur- ses. Der hegemoniale Geschlechterdiskurs wird zwar in einem Individuum dominieren, wird aber z.B. je nach Schicht und Ethnie verändert. Für die Kategorie Frau sind in ver- schiedenen Ländern bzw. in verschiedenen gesellschaftlichen Schichten andere Merkmale signifikant. Diese Vielfalt, die Kategorie Frau auszugestalten, bewegt sich jedoch inner- halb des hegemonialen Geschlechterdiskurses. Dieser Geschlechterdiskurs kann demzufol- ge nur so weit verallgemeinert werden, wie er das jeweilige Subjekt dominiert. Es kann z.B. nicht mehr einfach von den Frauen die Rede sein, sondern die Differenzen zwischen Männern und Frauen, die Differenzen unter Frauen und die Differenzen in Frauen müssen in den Blick genommen werden. Die Kategorie Geschlecht und die Geschlechterdifferenz können, so Andrea Maihofer, als gesellschaftlich-kulturelles Phänomen begriffen werden, sowohl was den scheinbar natürlichen Geschlechtskörper betrifft, als auch was die Ge- schlechtsnormen angeht. Gerade aber weil wir zu Geschlechtern gemacht werden und uns selbst herstellen und als solche existieren, plädiert Maihofer dafür, die Kategorie Ge- schlecht mit all ihren Verwerfungen und Verschiedenheiten zum Ausgangspunkt feministi- scher Politik zu machen und spricht sich für eine Anerkennung und Gleichberechtigung von grundlegenden Differenzen aus. Dabei bezieht sich Andrea Maihofer nicht auf eine bloße Anerkennung der Verschiedenheit pluraler Lebensformen, sondern plädiert für die Anerkennung der Geschlechterdifferenz.

Auf den ersten Blick scheinen die Differenzen zwischen Frauen und Männern eher ge- ringfügiger Art zu sein. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass es sich dabei teilweise um ganz grundlegende epistemologische, psychische, moralische, rechtliche politische oder lebensweltliche Differenzen handelt, die sich (derzeit jedenfalls) unter Umständen nicht einmal sprachlich vermitteln, sich alle Mal jedoch in ihrer jeweiligen >Wahrheit< gerade nicht aufeinander reduzieren lassen [Hervorhebung im Original] (Andrea Maihofer: 171).

Vor diesem Hintergrund plädiert Andrea Maihofer für die Möglichkeit einer nicht- hierar- chischen Geschlechterdifferenz. Es wird ihres Erachtens zu wenig auf eine qualitative Ge- schlechterdifferenz bestanden, so Andrea Maihofer. Hierin sieht sie beispielsweise das

Scheitern von Frauenpolitik begründet. Sie spricht sich für eine Definition von Differenzen aus, deren Inhalte von Frauen bestimmt werden sollen:

Die inhaltliche Bestimmung der Differenzen muss dabei allerdings ausschließlich von Frauen ausgehen (...)[Auslassung A.S.] Die Forderung nach Anerkennung der Ge- schlechterdifferenz tritt also nicht an die Stelle der Forderung nach Gleichheit bzw. Gleichberechtigung. Sie stellt vielmehr deren Weiterentwicklung dar. Sowohl die An- erkennung als gleichberechtigte Menschen an sich im Sinne der herkömmlichen Men- schenrechte als auch die Anerkennung als gleichberechtigte Staatsbürgerinnen und – bürger im Sinne der herkömmlichen Staatsbürgerrechte bleiben notwendige

Voraussetzungen. Die Forderung nach Anerkennung der Geschlechterdifferenz soll- gleichsam als nächster Schritt – die Gleichberechtigung der Frau nun auch als „Frau“ garantieren [Hervorhebung im Original] (Andrea Maihofer 1995: 172).

Diese inhaltlichen Vorgaben betrachtet Andrea Maihofer nicht als statisch, sondern be- greift die Herstellung solcher Selbstzuschreibungen als prozesshaft. Dabei muss, so Andrea Maihofer, die Gefahr der Funktionalisierung dieser Selbstzuschreibungen für jegliche ge- sellschaftliche Hierarchisierungen immer präsent sein.

In diesem Sinne verweist die Forderung nach einer nicht-hierarchischen Anerkennung der Geschlechterdifferenz auf die Notwendigkeit, normative Kriterien und gesell- schaftliche Praxen zu finden zu ermöglichen, in der `man ohne jede Angst verschieden sein kann´, und richtet sich so gegen jede Form gesellschaftlicher Herrschaft (Andrea Maihofer 1995: 173).

Mit diesen Überlegungen greift Andrea Maihofer den Entwurf einer Gleichheit in der Dif-

ferenz, wie sie die italienischen Differenztheoretikerinnen entwickeln und die Utopie einer egalitären Differenz, wie sie Annedore Prengel entwirft, auf, ohne jedoch auf diese zu

verweisen.

Dieses von Andrea Maihofer aufgezeigte Modell des Geschlechts als Existenzweise ver- mag sowohl auf einer alltagspraktischen Ebene als auch auf einer Ebene der symbolischen Ordnung, hegemoniale Zuschreibungen an die Geschlechter und damit das Modell der hierarchischen Zweigeschlechtlichkeit ins Wanken zu bringen. Dabei bezieht sie, teilweise ohne explizite Benennung, verschiedene feministische Denkansätze ein und denkt sie zu- sammen. Jeder Denkansatz ist für sich genommen relevant und birgt herrschaftskritisches Potenzial, jedoch erst zusammengedacht entfalten sie ihre ganze Sprengkraft und führen in dieser Bündelung vor, das nicht ein Denken in Dichotomien Wege aus der Dominanzkultur weist. Und auch Dekonstruktion allein ist wenig wirksam. Indem jedoch auf erkennt- nistheoretischer Ebene feministische Denkansätze einander nicht hierarchisierend entge-

gengesetzt werden, also nicht Gleichheit versus Differenz, nicht Differenz versus Dekon- struktion, sondern in ihrer Verschiedenheit anerkannt und zusammengedacht werden36, können sie einen Beitrag zum Abbau des hierarchischen Geschlechterverhältnisses leisten.

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