Das Gedicht „Ich male mir den Winter“ von Josef Guggenmos Ich male mir den Winter Ich male mir den Winter

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Praktiken des Lesens von Literatur in der Hauptschule in komparativer

2. Prozessorientierte Darstellung der Analyseergebnisse

2.3 U1: „Ich male mir den Winter“ ein „Malgedicht“

2.3.1.3 Das Gedicht „Ich male mir den Winter“ von Josef Guggenmos Ich male mir den Winter Ich male mir den Winter

1 Ich male ein Bild,

2 ein schönes Bild, ich male mir den Winter. 3 Weiß ist das Land,

4 schwarz ist der Baum, 5 grau ist der Himmel dahinter. 1 Ich male ein Bild, ein schönes Bild,

2 ich male mir den Winter.

3 Weiß ist das Land, schwarz ist der Baum, 4 grau ist der Himmel dahinter.

5 Sonst ist da nichts, da ist nirgends was, 6 da ist weit und breit nichts zu sehen.

7 Nur auf dem Baum, auf dem schwarzen Baum

8 hocken zwei schwarze Krähen. 1 Sonst ist da nichts, 2 da ist nirgends was,

3 da ist weit und breit nichts zu sehen. 4 Nur auf dem Baum,

5 auf dem schwarzen Baum 6 hocken zwei schwarze Krähen. 1 Aber die Krähen, was tun die zwei,

2 was tun die zwei auf den Zweigen? 3 Sie sitzen dort und fliegen nicht fort. 4 Sie frieren nur und schweigen.

1 Aber die Krähen, 2 was tun die zwei,

3 was tun die zwei auf den Zweigen? 4 Sie sitzen dort

5 und fliegen nicht fort.

6 Sie frieren nur und schweigen. 1 Wer mein Bild besieht,

2 wie’s Winter ist,

3 wird den Winter durch und durch spüren. 4 Der zieht einen dicken Pullover an 5 vor lauter Zittern und Frieren.

1 Wer mein Bild besieht, 2 wie’s da Winter ist,

3 wird den Winter durch und durch spüren. 4 Der zieht einen dicken Pullover an 5 vor lauter Zittern und Frieren.

Der Erstabdruck (rechts) (Sonne, Mond und Luftballon, Beltz & Gelberg 1984: 40) des Gedichts von Guggenmos unterscheidet sich in Zeilensetzung und Stropheneinteilung erheblich von der hier durch die Lehrerin ausgesuchten Variante (links).

Meiner Kurzanalyse lege ich die Version, die die Lehrerin benutzt hat, zugrunde.

In dem Gedicht wird beschrieben, wie das lyrische Ich ein Bild malt: eine karge Winterlandschaft. Auffällig ist der Aufbau der Strophen oder Versblöcke und die damit zusammenhängende Konzentration auf drei verschiedene Perspektiven. Die erste Strophe hat acht Zeilen und beginnt mit dem malenden „Ich“. Die zweite Strophe hat vier Zeilen und beschreibt, wie die Krähen auf den Zweigen sitzen: „frieren nur und schweigen“. Die dritte Strophe besteht aus fünf Zeilen und spricht nun den Betrachter des Bildes an, nur sie ist identisch mit dem Originalabdruck von 1984. Wenn man die erste Strophe in zwei vierzeilige Abschnitte teilt, erkennt man, dass das Reimschema: immer zweite Zeile und die letzte reimen sich in zweisilbigen Wörtern (Endreimen), deren erste Silbe betont ist („weiblich“), auch hier durchgehalten ist. In der ersten Strophe ist es die Zeile zwei und vier und sechs

und acht, in der zweiten zwei und vier, in der dritten sind es die Zeilen drei und fünf, die sich reimen – bei dem letzten handelt es sich um einen so genannten Schüttelreim. Die Zeilen sind teilweise durch einen Binnenreim, „weit und breit“ oder „sie sitzen dort und fliegen nicht fort“, zusätzlich lyrisch codiert. Eine Melodie ergibt sich aber nicht allein durch diese Binnen- und Endreime, sondern auch die Assonanz (starke Präsenz des Stammvokals „i“) in der letzten Strophe, die Überkreuzvertauschung von „frieren“ und „schweigen“ oder die Alliteration „zwei auf den Zweigen“ in der vorletzten Strophe bzw. den ersten drei Zeilen in der letzten Strophe („wer“, „wie’s“, „wird“). Im Original sind die Zeilen so gesetzt, dass in der dritten Strophe Zeile drei und sechs und vier und fünf einen Endreim tragen, die Zeilen sind insgesamt deutlich kürzer und die Strophen haben entsprechend mehr Zeilen (fünf, sechs, sechs, fünf). Mithilfe von Farbabstufungen in der dritten und vierten Zeile und dem syntaktisch parallelen Bau der Sätze: „Weiß ist das Land, schwarz ist der Baum, grau ist der Himmel dahinter“ wird die Bildfläche beschrieben. Die sprachliche Kargheit unterstreicht die Flächenhaftigkeit. Erst in den beiden letzten Zeilen der ersten Strophe (im Original die zweite Strophe), wie in einem Nachsatz, werden die schwarzen Krähen auf dem schwarzen Baum genannt. Die Kargheit der Landschaft auf dem Bild wird durch ein sprachliches Verfahren zusätzlich unterstützt. Im zweiten Teil der ersten Strophe wiederholt sich jeweils der erste Teil der ersten und der dritten Zeile: „Sonst ist da nichts, da ist nirgends was“ und „Nur auf dem Baum, auf dem schwarzen Baum“. Dieses Schema der Wiederholung findet sich auch in der zweiten Strophe: „Aber die Krähen, was tun die zwei, was tun die zwei auf den Zweigen?“ Wenn diese Wiederholungen auch leichte Varianten sind, keine Wort-für-Wort- Wiederholungen, und mit (in beiden letzten beiden Beispielen) unterschiedlichen Ergänzungen arbeiten, so wirken sie doch wie ein Echo, das durch den Anfangsreim noch verstärkt wird: „zwei“ „Zweigen“ und verlangsamen das Tempo der Beschreibung des Bildes und damit auch der Rezeption erheblich. Die Landschaft wird von Komma zu Komma, von Zeile zu Zeile sukzessive aufgebaut, die Komposition des Bildes wird so sprachlich eingefangen. Dieser Aufbau hat insofern etwas Poetologisches, als der Prozess des Schreibens eines Gedichts selbst zum Thema gemacht wird. Dieser Verweis des Gedichts auf seine eigene Herkunft und den Prozess seiner Entstehung ist auch durch ein anderes sprachliches Mittel der Rückbezüglichkeit noch besonders betont. Durch das Reflexivpronomen im Dativ im Titel „Ich male mir den Winter“ (Hervorhebung durch S.G.) wird das Bild auch zum Reflexionsmedium, in dem der Akt des Ausdrucks (das Malen) als subjektiver markiert wird. Das Gedicht kann allegorisch gelesen werden. Die Ähnlichkeit zwischen dem, was gesagt ist und dem was gemeint ist, besteht nicht nur in einem Aspekt oder zwei Aspekten, sondern vielmehr in einem ganzen System. Die Bildlichkeit der Sprache verstehen, hieße im Falle dieses Gedichtes in der konkreten Schilderung des Malens der kargen Winterlandschaft durch ein unbekanntes „Ich“ (für sich selbst) das „Allgemeine“ des

subjektiven Blicks auszumachen. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Bewegung von außen nach innen, die über die Isotopie „Winterkälte“ = Einsamkeit/Verlassenheit geführt wird. Zunächst wird „Winter“, „weiß“, „schwarz“, „grau“ einander zugeordnet. Die „schwarzen Krähen“ sind die belebte Wiederholung der Farbabstufung aus dem ersten evozierten Bild. Mit ihnen wird das Bild aber bereits überschritten, wenn auch noch im Wortfeld „Winter“ verblieben wird: die Krähen „frieren“. Deutlich wird gesagt, dass in der Landschaft/auf dem Bild sonst nichts ist. In der Strophe drei wird zwar immer noch mit dem Winter gearbeitet, nun aber verändert sich der Blick gänzlich. Nicht mehr die Winterlandschaft, sondern der Anblick der Winterlandschaft lässt zum „Pulli“ greifen, soll „frierend“ machen. Die Einsamkeit ist gewissermaßen so vom Bild in den Betrachter/Leser gerutscht.

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