Praktiken des Lesens von Literatur in der Hauptschule in komparativer

7. Offene Frage

1.4 Gütekriterien der Untersuchung

Eine empirisch abgesicherte Rekonstruktion des ppk und der den Praktiken zugrunde liegenden Regeln der Konstruktion des Lerninhalts und des Lehr-Lernprozesses im Deutsch- unterricht der Hauptschule gewinnt man durch Triangulation (Woods 1986; Flick 1992; Herrlitz 1998: 177ff; Kroon/Sturm 2002: 103ff). Bei der Auswertung der Daten wurde die Datentriangulation und insbesondere die Investigator-Triangulation (vgl. Flick 1992) vor- genommen. Es wurden unterschiedliche Daten zur Praxis des Deutschunterrichts erhoben (Feldnotizen, Unterrichtstranskripte, Lehrerinneninterviews), und immer mindestens zwei Forscherinnen waren bei der Datenerhebung sowie der Auswertung beteiligt. Als Daten- quellen für eine über die konkrete Fallstudie hinausgehende Triangulation, die zugleich die Generalisierbarkeit des rekonstruierten ppk stützt, sind zudem Dokumente der „didaktischen Rhetorik“ herangezogen worden (vgl. Herrlitz 1998). Außerdem haben wir verschiedene Aus- wertungsmethoden kombiniert (s. o.). Ich möchte nach Steinke folgende Gütekriterien an- führen, denen die empirische Untersuchung genügen muss (Steinke 2005: 12f)1:

„1. Nutzen der Studie: Die Fragestellung sollte relevant sein. Die entwickelte Theorie und der Forschungsbericht sollten in Inhalt und Darstellung zur Problemlösung bzw. Wissens- entwicklung beitragen.

2. Angemessenheit der Methodenwahl: Passend zum Untersuchungsgegenstand und zur Fragestellung sind geeignete Methoden und Samplingstrategien auszuwählen.

3. Dokumentation des methodischen Vorgehens. Dies ist eine Voraussetzung dafür, dass andere Forscher die Untersuchung nachvollziehen und bewerten können.

4. Kritische Prüfungen der im Forschungsprozess generierten Theorie mittels Falsifikation. 5. Absicherung der (externen) Validität, d. h. der Verallgemeinerbarkeit der untersuchten Sachverhalte.

6. Ethisches Vorgehen: Respekt gegenüber den Untersuchungspartnern.“ 1.4.1 Nutzen der Studie

Die besondere Relevanz der hier vorgelegten Untersuchung für die Fachdidaktik Deutsch habe ich bereits deutlich zu machen versucht. Außer dem inhaltlichen habe ich allerdings auch noch ein forschungsmethodisches Interesse. Das komplexe Verfahren zur Generierung von Hypothesen zu den Praktiken des Literaturunterrichts muss zukünftig stark vereinfacht werden. Bevor eine solche Vereinfachung geleistet werden kann, muss zunächst exemplarisch und extensiv rekonstruiert werden. Der Nutzen der qualitativen Untersuchung liegt also nicht allein in den Ergebnissen zum Literaturunterricht in der Hauptschule, über den man fachdidaktisch noch nicht genug weiß, sondern auch in der Erprobung von Untersuchungsmethoden, die angepasst sind an domänspezifische Fragestellungen und Traditionen einer Disziplin.

1.4.2 Angemessenheit der Methodenwahl

Die Erkenntnisse aus der Analyse des erhobenen Datenmaterials und der Komparation der verschiedenen Analyseergebnisse müssen hinsichtlich des Verhältnisses von Einzellfall und regelhaften Strukturen betrachtet werden. Die Untersuchung ist insofern im Kontext der Ethnomethodologie zu sehen. Die Ergebnisse der Analyse der unterschiedlichen Daten müssen nicht deckungsgleich, sondern „komplementär“ sein (vgl. Flick 1992; Lamnek 1995):

„Nach Kleinings Verständnis ist dagegen die Suche nach Gemeinsamkeiten im Material, in denen sich deren Struktur ausdrückt (1982: 237 f) das eigentliche Ziel qualitativer Forschung: ‚Die gesuchte Struktur eines Objekts zu entdecken heißt deswegen, die über einen Gegenstand erstellten, maximal variierten Daten auf ihre Gemeinsamkeit zu untersuchen’.“

(Flick 1992: 23)

Die Sinnstruktur unterrichtlicher Interaktion kann ausschließlich durch teilnehmende Beobachtung gefunden werden, weil nur so der Prozess der Aushandlung, der konstitutiv ist für das Lernen in der Schule, gesehen werden kann. Allerdings muss darauf geachtet werden, dass die Beobachtungssituation nicht zu aufdringlich markiert wird. Man kann dies vermeiden, indem man möglichst in mehreren Stunden und an mehreren Tagen in der Klasse ist und sich Schülerinnen und Schüler wie auch die Lehrerin an die Kameras und die Anwesenheit der Forscherinnen gewöhnen können.

Der Nachweis über die Angemessenheit der gewählten Methoden muss in der Untersuchung noch erbracht werden. Ein Kriterium der Angemessenheit ist, dass im Analyseprozess eine intersubjektiv nachprüfbare und geprüfte Lesart gefunden wird. Gewährleistet wird das mit dem Prinzip, dass die Interpretation des Datenmaterials in unterschiedlichen Phasen der Auswertung in einer Gruppe geleistet wird. Diese Analyse in der Gruppe ist gewissermaßen auch ein Instrument der Triangulation, da hier dasselbe Datenmaterial aus diversen Blick- winkeln betrachtet wird und die Teilnehmer an der Datenauswertung ihre Lesarten am Material begründen müssen. Kleining nennt dies einen „emergentistischen“ Objektivitäts- begriff (Kleining 1982: 246).1 Um einen solchen Nachweis führen zu können, wird das Vor-

gehen in der Untersuchung einmal prozessorientiert und einmal ergebnisorientiert doku- mentiert.

Die im Interview gemachten Äußerungen werden inhaltsanalytisch bzw. mit einem inhaltsanalytisch orientierten Verfahren ausgewertet. Eine solche Variation der Auswertungsmethoden garantiert, dass die Ergebnisse einer Untersuchung nicht von einer Methode selbst induziert werden.

1 Auch im Netz unter:

http://www1.uni-hamburg.de/abu//Archiv/QualitativeMethoden/Kleining/umriss.htm#Heading8 (Zugriff am 9.3.07)

1.4.3 Dokumentation des methodischen Vorgehens

Um zuverlässige Daten zu generieren und zu tragfähigen Ergebnissen zu kommen, sollte nicht allein die Erhebung dokumentiert, sondern auch über eine prozessorientierte Darstellung die Analyse Schritt für Schritt dokumentiert und damit für die Leserin und den Leser nachvollziehbar gemacht werden.

Mithilfe der Triangulation können die einzelnen Schlussfolgerungen mehrfach auf Plausibilität hin geprüft werden.

1.4.4 Kritische Prüfungen

Eine große Gefahr für qualitative Untersuchungen, in denen Interaktionen nicht standardisiert interpretativ betrachtet werden, bringen die Vorurteile der Forscherinnen und Forscher mit sich. Sie können die Sicht auf die Interaktionen und Äußerungen behindern. Allerdings macht es die Methode der rekonstruktionslogischen Datenauswertung möglich, dass eigene Vorurteile im Prozess der Analyse weitgehend expliziert werden. Mithilfe der Analyse in der Gruppe, dem Einbezug von Forscherinnen und Forschern, die entweder über keine eigene Lehrerfahrung in der Schule oder keine Lehrerfahrung in Deutschland verfügen kann die vorschnelle Übertragung der eigenen Vorurteile auf das Untersuchungsmaterial vermieden werden.

1.4.5 Absicherung der (externen) Validität

Für die Überprüfung der Analyse der Unterrichtstranskription galt:

„Die Interpretation eines Gesprächszugs ist dann gültig, wenn gezeigt werden kann, daß diese Interpretation und die Handlungsprinzipien, die ihr zugrunde liegen, für die Inter- aktanten selbst im weiteren Gesprächsverlauf handlungsleitend sind.“

(Deppermann 2001: 70)

Dieses von Deppermann hier eingeführte Gültigkeitskriterium beruht auf der Annahme, dass soziale Interaktion und soziales Handeln nicht nur als Produkte intentionaler Akte oder als Koordination von Einzelhandlungen zu begreifen sind (Sutter 2002: 93). Vielmehr wird in Interaktions- oder Handlungssequenzen die soziale Struktur des Handelns herausgebildet. In diesen Sequenzen werden Bedeutungen festgelegt und wieder revidiert. Deshalb ist es wichtig, eine längere Unterrichtssequenz zu analysieren und die Strukturhypothesen entlang des Interaktionsverlaufs zu überprüfen. Dieser Gültigkeitsbegriff bezieht sich also nicht auf ein diffuses Kriterium wie Übertragbarkeit oder Verallgemeinerbarkeit. Der Anspruch an Verallgemeinerbarkeit nach Steinke kann an diese Untersuchung nicht gestellt werden, weil es hier um eine exemplarische Fallanalyse zum Zwecke der Komparation geht. Die Komparation geschieht sowohl intern als auch extern: Es werden einerseits verschiedene Sequenzen aus demselben Unterricht miteinander verglichen und andererseits Schlüsse, die aus der Analyse gezogen werden, mit Schlüssen aus der Analyse des Interviews oder der Unterrichtssequenzen aus anderen Klassen verglichen. Es geht insgesamt um die Auf-

deckung bzw. Rekonstruktion von Zusammenhängen: „Ziel ist das Auffinden von ‚Faktoren’, die Handlungen beeinflussen“ (Lamnek mit Rekurs auf Barton/Lazarsfeld 1995: 203), die nicht subsumtionslogisch angenommen, sondern vielmehr aus der Handlungssequenzierung Zug um Zug geschlossen werden. Ein solcher Zusammenhang ist strukturbildend oder als strukturgenerierend zu bezeichnen, wenn gezeigt werden kann, welche Logik er hat. Von einer Struktur ist also nur dann zu sprechen, wenn die Logik oder die „Gesetze“ ihres Zu- standekommens rekonstruiert werden können.

„Von einer Struktur solcher Gebilde, so die hier zu verteidigende These, kann in einem theoretisch erheblichen Sinne erst dann gesprochen werden, wenn mindestens eine Pha- se ihrer Reproduktion vollständig rekonstruiert und expliziert worden ist. Vorher kann immer nur eine Struktur dieser Art vermutet werden. Diese Fassung des Strukturbegriffs, die sich in unserer Forschungspraxis aus der Logik der Sequenzanalyse von Interaktions- protokollen ergeben hat, impliziert, daß die Rede von einer sozialen Struktur in der Sozio- logie (und wahrscheinlich auch in der Psychologie und der Biologie) erst dann sinnvoll ist, wenn die Gesetze ihrer Reproduktion und – wenn möglich – auch ihrer Transformation bekannt sind.

Der abstrakte Gebrauch dieses Strukturbegriffs verweist also immer auf die Notwendig- keit, die Reproduktion der Struktur des konkret gemeinten Gebildes angeben können zu müssen.“

(Oevermann 1981: 8)

Deshalb ist das Verfahren der Sequenzanalyse auch relativ zeitaufwendig, weil hier alle möglichen Bedeutungskontexte in der Forschergruppe dargelegt werden sollten. In diesem Verfahren wird auch das intuitive Wissen der Forscherinnen und Forscher zur Sprache gebracht und einer kritischen Prüfung unterzogen.

Eine Einschätzung, inwieweit die herausgearbeitete Fallstruktur einer Unterrichtssequenz typisch ist für den Literaturunterricht in der Hauptschule, kann nach dem Vergleich diverser Äußerungseinheiten aus den verschiedenen Daten abgegeben werden. Inwieweit also im Unterricht der beobachteten Klassen Praktiken des Lesens von Literatur offenbar werden, die unter den gegebenen Bedingungen typisch für den Literaturunterricht der Hauptschule im fünften und sechsten Schuljahr sind, ist dann erst zu beurteilen. Das Kriterium einer solchen Einschätzung ist letztlich ein Alltagsverständnis, das im Kontext anderer Forschungs- ergebnisse betrachtet werden kann. Ein entsprechender Abgleich führt in einem zweiten Schritt durchaus auch zu einer verlässlichen Einschätzung der Validität.

Die Datenauswertung geschah schrittweise; die Durchführung wird im Folgenden erläutert.

Im Dokument OPUS 4 | Wozu Literatur lesen? Der Beitrag des Literaturunterrichts zur literarischen Sozialisation von Hauptschülerinnen und Hauptschülern (Seite 93-96)