Freiheit und Gleichheit

Im Dokument Paradigmen des Konflikts (Seite 165-168)

Die ethische Theorie Kants geht von zwei zentralen Aspekten aus: erstens Menschen sind zunächst Freiheitswesen, welche sich in ihrem Willen nach selbstgesetzten Maximen frei entscheiden und danach handeln. Dies bedeutet, dass Freiheit als eine Form der individuellen Autonomie zu verstehen ist, insofern, dass gute Gründe Handlungen leiten. Der Mensch als freies Wesen zeichnet sich durch Vernunft aus, welches als das rationale Vermögen zu verstehen ist, das eigene Handeln nach selbsterhobenen Zwecken zu orientieren.739 Das Handeln wird von Gründen geleitet und diesen geht ein

Entscheidungsprozess voraus. Auch wenn gewisse Handlungen sich einer bewussten Deliberation entziehen, wird grundsätzlich ein freier Wille unterstellt, und zwar dann, wenn die Person zum Abwägen von Gründen fähig ist und damit freiwillig handelt.740 Bei

Kleinkindern oder Suchtkranken beispielsweise ist dies nicht, oder nur eingeschränkt der

738 Vgl. Walzer (1983): Sphären der Gerechtigkeit, S. 6. 739 Vgl. Kant [1785], S. 413.

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Fall. Ausschließlich intentionale Kontrolle kann praktisches Handeln überhaupt erst bestimmen und erst in diesem Zusammenhang sprechen wir von Verantwortung.741

Nach Kant ist nur der Mensch dazu fähig, »unabhängig von sinnlichen Antrieben« zu handeln.742 Diese Annahme hat zwei Dimensionen: zunächst eine ontologische, die besagt,

dass der Mensch grundsätzlich als Freiheitswesen verstanden wird, und Freiheit damit ein Wesensmerkmal des Menschen ist. Kant spricht in Bezug auf den Menschen von einem »Recht der Freiheit« als ursprüngliches, nur dem Menschen zukommendes Recht.743

Darüber hinaus hat die Annahme eine moraltheoretische Dimension, in der Hinsicht, dass wir uns selbst und andere als »in ihren Urteilen und Handeln von Gründen geleitete Wesen ansehen«.744 Die Freiheit des Willens ist dabei die Grundvoraussetzung für die

Zuschreibung von Verantwortung. Sollte sich diese apriorische Setzung einmal als unrichtig herausstellen, wäre sämtliche Moralbegründung obsolet:

»Der Wille wird als ein Vermögen gedacht, der Vorstellung gewisser Gesetze gemäß sich selbst zum Handeln zu bestimmen. Und ein solches Vermögen kann nur in vernünftigen Wesen anzutreffen sein. Nun ist das, was dem Willen zum objektiven Grunde seiner Selbstbestimmung dient, der Zweck, und dieser, wenn er durch bloße Vernunft gegeben wird, muß für alle vernünftigen Wesen gleich gelten.«745

An dieser Stelle ist die zweite wichtige Annahme Kants enthalten, welche davon ausgeht, dass alle Menschen gleich sind. »Gleich« bezeichnet dabei die Gleichheit der Eigenschaft als autonomes Vernunftwesen. Dies drückt sich aus in einer spezifischen menschlichen Würde von »unbedingten, unvergleichbaren Wert«. Kant meint damit die Fähigkeit sich selbst achten zu können. Der moralische Status einer Person liegt damit in seiner Würde begründet. Autonomes Leben ist der Grund der Würde und zugleich ihr Gegenstand.746 Sie

gilt absolut, ist unantastbar und beschreibt den Kern moralischer Gleichwertigkeit. Es sind, im Gegensatz zu früheren Denkern, keine Einschränkungen (Sklaven, Frauen) möglich, da sie allen Personen zukommt, die über Selbstachtung verfügen.

Die Frage inwieweit Personen über Menschenwürde verfügen, die nicht über die Fähigkeit der Selbstachtung verfügen ist vor diesem Hintergrund nicht ganz leicht zu beantworten. In der zeitgenössischen Philosophie ist man dabei zu einer extensionistischen Lesart übergegangen, welche sich auf den Gattungsbegriff konzentriert.747 Dieser

Interpretation zufolge kommt Würde allen Mitgliedern der Menschheitsfamilie zu, die sich durch Selbstachtung, Vernunft, Humanität etc. auszeichnet. Aus dieser Perspektive gründet 741 Ebd., S. 31. 742 Vgl. Kant [1787], S. 521. 743 Vgl. Kant [1797], S. 238. 744 Vgl. Nida-Rümelin (2005b), S. 34. 745 Vgl. Kant [1785], S. 427. 746 Vgl. Molina (2016). 747 Vgl. Nida-Rümelin (2005b).

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die Würde dann auf der potentiellen Fähigkeit zu autonomer Selbstbestimmung.748

Grundsätzlich ist diese Fähigkeit allen Menschen gleichermaßen gegeben, allerdings in gegebenen Fällen nicht unbedingt in gleichem Maße. Wo hier eine klare Grenze gezogen werden kann, ist nicht unumstritten beispielsweise in Bezug auf ungeborenes Leben. Entscheidend ist in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass Selbstachtung auch immer die Achtung für die Mitmenschen impliziert. Die kantisch begründete Autonomie als eine Moral der Achtung ist damit allen Menschen gleichermaßen geschuldet.749 Das

bedeutet allerdings auch, dass die Achtung der eigenen Würde niemals der Achtung der Würde der Mitmenschen nachgeordnet sein kann. Ein moralisches Recht auf Achtung begründet gleichzeitig auch eine moralische Pflicht der gegenseitigen Achtung. Nach Gosepath ist dabei jedoch ein aufgeklärtes Eigeninteresse an Autonomie notwendig.750 Die

Achtung vor der Würde der Person bedeutet dann, in genau der Weise behandelt zu werden, der man im Prinzip zustimmen kann bzw. vernünftigerweise zustimmen könnte. Daraus folgt, dass nur solche moralischen Maximen gerechtfertigt sein können, die allgemein Zustimmung finden (könnten), welche die Würde und Autonomie jeder Person gleichermaßen achtet. Damit ist jegliche Täuschung und Manipulation bzw. jeder Zwang allgemein nicht zulässig, da niemand für einen anderen Menschen entscheiden kann. Der kategorische Imperativ bezeichnet damit die Allgemeingültigkeit von Maximen, welche mit der eigenen Lebensführung und gleichzeitig der Lebensführung der anderen vereinbar sind. Demzufolge sei nur nach Maximen zu handeln, durch die man zugleich wollen kann, dass sie allgemeines Gesetz werden.751 Man kann im kategorischen Imperativ deutlich die

universelle Maxime der Unparteilichkeit ausmachen. Diese besteht darin, dass allen Personen zunächst einmal gleiche moralische Ansprüche und damit Pflichten zugewiesen werden. Wenn es nach der Kantischen Vernunft rational ist, andere so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden will, dass ist Handeln auf Grundlage allgemein zustimmungsfähiger Gründe vernünftiges Handeln in einem universellen Sinne.752

Aus dem kategorischen Imperativ mit der universellen Forderung nach Unparteilichkeit folgt auch die Gewährung gleicher Freiheit. Diese ist nur möglich, wenn sich autonome Personen als solche wechselseitig anerkennen und achten.753 Die Freiheit besteht weiterhin

darin, dass moralische Maximen nicht durch Zwang oder eine göttliche Autorität von außen auferlegt wurden, sondern von Menschen ein selbst auferlegtes und damit autonomes Prinzip ist. Der kategorische Imperativ ist damit gleichzeitig eine Überprüfungsinstanz, die dafür Sorge trägt, dass subjektive Handlungsgründe sozial verträglich sind. Widersprüchlichkeit kann in diesem Zusammenhang auf eine moralische falsche Handlung

748 Vgl. Molina (2016). 749 Vgl. Kant [1797], S. 462. 750 Vgl. Gosepath (1992). 751 Vgl. Kant [1785], S. 440.

752 Vgl. Barry (1995), I. Impartiality, S. 3-27, siehe auch Nagel (1991). 753 Vgl. Molina (2016).

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hindeuten. Kant spricht vor diesem Hintergrund davon, dass Moralität im Handeln sich durch Vollziehung der Pflicht aufzeichnet.

»Aber nicht jeder Zweck ist moralisch, sondern dieser muss uneigennützig sein«754

Pflichten sind damit ein Akt der Selbstbindung, welche von dem subjektiven Standpunkt auf die Allgemeinheit abstrahieren.755 Aus diesen allgemeinverbindlichen Schranken

erwächst eine deontologische Ethik, die die eigenen Zielvorstellungen zu verfolgen erlaubt, ohne dabei jedoch die Lebenspläne anderer zu beschränken. Ein selbstbestimmtes Leben in Würde ist somit nur in diesen selbstauferlegten Schranken möglich, die auf einem deontologischen Verständnis von Freiheit und Gleichheit gründen. Konflikte zwischen Menschen sind vor diesem Hintergrund nicht ohne Rückgriff auf eine deontologische Ethik verhandelbar, ohne dabei die Würde der Person zu verletzen.

Im Gegensatz zu den Philosophien John Locks und Jean-Jacques Rousseaus stehen bei Kant Freiheit und Gleichheit durch ihre logische Verknüpfung in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis. Sie sind die tragenden Komponenten eines humanistischen Ideals. Nida-Rümelin formuliert diesen Gedanken folgendermaßen:

»Es gibt nur gleiche Freiheit oder keine Freiheit. Eine Gruppe von Menschen, die die Freiheitsansprüche auch nur einer einzigen Person verletzt, um alle übrigen besser zu stellen, handelt in toto heteronom, verletzt das Gebot gleicher individueller Würde, gleicher Autonomie und gleicher Freiheit und verliert damit gänzlich den Status einer moralischen Gemeinschaft. Die Gleichheit des Freiheitsanspruches hängt mit der Kantischen Logik der Autonomie zusammen«756

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