Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs in Norwegen

Im Dokument Einstellungen zu Inklusion bei Kindern und Jugendlichen – eine komparative Studie in Deutschland und Norwegen (Seite 31-35)

2.3 Schule und Inklusion in Norwegen (Kommune Trondheim)

2.3.2 Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs in Norwegen

In Norwegen gilt es zunächst drei Begriffe zu unterscheiden, die eng mit dem sonderpädago- gischen Förderbedarf verknüpft sind: Das individuell angepasste Lernen (tilpasset opplæring), die sonderpädagogische Förderung (Spesialundervisning) sowie der Entscheid zur Feststellung eines sonderpädagogischen Förderbedarfs (enkeltvedtak).

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Im norwegischen Schulsystem ist das sogenannte individuell angepasste Lernen (tilpasset opp- læring) als Grundprinzip verankert, bei dem die individuellen Kompetenzen aller Schüler*in- nen im Zentrum stehen. Das zentrale Ziel ist es, alle Kinder ausgehend von ihren Fähigkeiten individuell zu fördern. Das Prinzip des individuell angepassten Lernens (tilpasset opplæring) umfasst Schüler*innen mit sowie ohne festgesetzten sonderpädagogischen Förderbedarf (Ut- danningsdirektoratet, 2014b). Es ist Aufgabe der Schule, allen Schüler*innen die notwendige zusätzliche Unterstützung anzubieten, die sie benötigen (Utdanningsdirektoratet, 2014a). Ist diese allgemeine Unterstützung nicht ausreichend, können Kinder mit Lernschwierigkeiten zusätzliche Unterstützung durch sonderpädagogische Förderung (Spesialundervisning) erhal- ten (§5-1., Kunnskapsdepartementet, 1998; Utdanningsdirektoratet, 2014a). Das Recht auf zusätzliche sonderpädagogische Förderung (Spesialundervisning) beinhaltet, dass alle Schü- ler*innen, die nicht durch das vorhandene Bildungsangebot profitieren, unabhängig von ei- nem festgesetzten sonderpädagogischen Förderbedarf zusätzliche Förderung erhalten kön- nen. Dabei bestehen die Kinder und Jugendlichen, die sonderpädagogische Förderung (Spesialundervisning) erhalten, aus zwei Gruppen: Schüler*innen mit oder ohne einen Ent- scheid zur Feststellung eines sonderpädagogischen Förderbedarfs (enkeltvedtak). Die Kinder ohne eine solche Bescheinigung (enkeltvedtak) erhalten sonderpädagogische Förderung (Spesialundervisning) auf Grundlage einer Einschätzung der Lehrkräfte. Kinder mit einem Ent- scheid zur Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs (enkeltvedtak) werden vom Pädagogisch-Psychologischen-Dienst (Pedagogisk-psykologisk teneste – PPT) begutachtet und diagnostiziert und erhalten auf dieser Grundlage sonderpädagogische Förderung (Spesialun- dervisning). Bevor der PPT hinzugezogen wird, sollte zunächst versucht werden, Anpassungen im regulären Schulalltag vorzunehmen, sodass eine Förderung im Rahmen des vorhandenen Lehrangebots möglich wird (§ 5-4. Kunnskapsdepartementet, 1998). Die Feststellung des son- derpädagogischen Förderbedarfs ist im Schulgesetz geregelt. Auf Anregung von den Eltern, den Lernenden selbst oder Lehrkräften kann der sonderpädagogische Förderbedarf überprüft und mit einem Entscheid zur Feststellung eines sonderpädagogischen Förderbedarfs (enkelt- vedtak) bestimmt werden (Abbildung 2).

Es erhalten somit also Kinder beider Gruppen – mit und ohne Entscheid (ekeltvedtak) – son- derpädagogische Förderung (Spesialundervisning). Das führt dazu, dass diese Gruppen in der Praxis und im Schulalltag nur schwer voneinander zu trennen sind. Der Umfang der zusätzli- chen Förderung unterscheidet sich je nach Standort (Frostad, Mjaavatn & Pijl, 2011). Dazu

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werden häufig Kleingruppen, besonders zur Lese- und Mathematikförderung, gebildet, in de- nen Schüler*innen mit und ohne Entscheid zur Feststellung des sonderpädagogischen Förder- bedarfs (enkeltvedtak) teilnehmen (Iversen, Bonesrønning & Nyhus, 2016).

Zur Festsetzung eines Entscheids zur Feststellung eines sonderpädagogischen Förderbedarfs (enkeltvedtak) sind verschiedene Schritte notwendig, wobei die Eltern in fast allen Bereichen ein Mitspracherecht haben (Abbildung 2).

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Abbildung 2. Vorgehensweise zur Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs (SPF); Eigene Darstellung in Anlehnung an Nilsen (2012) sowie das Utdanningsdirektoratet (2017). Gesetzlich verankert sind die Erstellung eines individuellen Lernplans (individuell opplærings- plan – IOP) und die Begleitung durch den PPT, der die Schule organisatorisch und schulent- wicklungstechnisch beratend unterstützt (Kunnskapsdepartementet, 1998). Dazu gehören beispielsweise die Analyse besonderer Lernschwierigkeiten der Lernenden sowie realistische Zielsetzungen im Unterricht (Tangen, 2012). In der Praxis liegt der Fokus des PPT häufig auf der Beratung und Diagnostik der Schüler*innen und weniger auf der Organisationsentwick- lung der Schulen insgesamt (Iversen et al., 2016).

Sorge der Eltern/ Schule

•Schüler*innen nehmen am allgemeinen Unterricht teil

•Eltern oder Lehrkräfte beobachten, dass der/die Schüler*in Schwierigkeiten im Schulalltag hat und sonderpädagogische Förderung benötigt

Kontakt- aufnahme

zum PPT

•Antrag der Schule an den Pädagogisch-Psychologischen-Dienst (Pedagogisk- psykologisk teneste – PPT)

Gutachten- erstellung

•Der PPT erstellt ein Gutachten über den/die Schüler*in mit einem Bericht über den sonderpädagogischen Förderbedarf

Entscheid zur Feststellung

eines SPF

•Der Schulträger beziehungsweise die Schule entscheidet auf Grundlage des Gutachtens, ob der/die Schüler*in einen Entscheid zur Feststellung eines sonderpädagogischen Förderbedarfs (enkeltvedtak) erhält

Durchführung

•Die Schule erstellt einen individuellen Ausbildungsplan (Individuell Opplæringsplan - IOP) und sorgt für die sonderpädagogische Förderung des Kindes

Evaluation

•Die Schule schreibt einen Jahresbericht, der die Entwicklung des Kindes beschreibt. •Die Schule wägt ab, ob der/die Schüler*in weiterhin einen Entscheid zur Feststellung

eines sonderpädagogischen Förderbedarfs (enkeltvedtak) benötigt oder ob eine erneute Zuweisung zum PPT notwendig ist.

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Zusätzlich zum PPT existiert Statped, der staatliche sonderpädagogische Dienst. Statped teilt sich landesweit in vier Regionen auf (Mitte, Westen, Südosten, Nord), wobei Trondheim zur Statped Mitte gehört (Statlig spesialpedagogisk tjeneste, o.J.). Der sonderpädagogische Dienst hat zum Ziel, die Kommunen bei der Umsetzung sonderpädagogischer Förderung zu unter- stützen und zu beraten sowie Fachkräfte weiter auszubilden. Dieser bietet je nach Förder- schwerpunkt zusätzliche Angebote für Kinder und Erwachsene an, wie beispielsweise Gebär- denkurse für Eltern oder Punktschriftkurse für Kinder und Jugendliche. Dabei liegt der Fokus auf den Förderschwerpunkten Seh-, Hör- sowie Sprachbeeinträchtigungen, erworbenen Hirn- schädigungen, mehrfachen Lernbeeinträchtigungen sowie Taubblindheit (Statlig spesialpeda- gogisk tjeneste, 2016). Eine Besonderheit des Schulgesetzes im Kontext von Blindheit und Ge- hörlosigkeit ist, dass die spezifischen Bildungsinhalte (z.B. Gebärdensprache, Punktschrift, …) nicht als Teil der sonderpädagogischen Förderung (Spesialundervisning) gelten, sondern viel- mehr im allgemeinen Bereich des Schulgesetzes verankert sind (Kunnskapsdepartementet, 1998; Tangen, 2012). Gehörlose Schüler*innen in Norwegen haben einen Rechtsanspruch auf Unterricht in und auf Gebärdensprache (§ 2-6. Kunnskapsdepartementet, 1998). Neben ge- bärdensprachlichen Kompetenzen kommt auch dem muttersprachlichen Unterricht von Min- derheiten im norwegischen Bildungssystem eine besondere Rolle zu. Bis zum Ende der Schul- zeit haben die Kinder der samischen Minderheit das Recht auf samischen Unterricht (§ 6-2. Kunnskapsdepartementet, 1998). Auf gesonderten Antrag kann auch Kvenisch (die Sprache einer finnischen Minderheit in Nord-Norwegen) – zusätzlich zu Norwegisch oder Samisch – unterrichtet werden. Des Weiteren haben Schüler*innen ohne ausreichende Norwegisch- kenntnisse übergangsweise das Recht auf muttersprachlichen Unterricht, der jedoch außer- halb der Klasse stattfinden kann (§ 2-8. Kunnskapsdepartementet, 1998).

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