3. Das Entwicklungsumfeld türkischstämmiger und deutscher Kinder im Vergleich

3.1 Familien mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland

3.1.1 Definition türkischer Migrationshintergrund

Das Statistische Bundesamt (2016) definiert Migrationshintergrund folgendermaßen: „Eine Person hat einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzt.“ (S. 4). Darunter eingeschlossen sind zugewanderte und nicht zugewanderte Ausländer, zugewanderte und nicht zugewanderte Eingebürgerte, (Spät-)Aussiedler sowie die als Deutsche geborenen Nachkommen dieser Gruppen. Der 1. Migrantengeneration sind Personen zuzuordnen, die über eigene Migrationserfahrungen verfügen. Menschen ohne eigene Migrationserfahrung werden der 2. und 3. Migrantengeneration zugeordnet. (ebd., S. 6ff)

Daraus folgernd ist von türkischem Migrationshintergrund dann zu sprechen, wenn die Person selbst oder mindestens ein Elternteil (oder Großelternteil) aus der Türkei eingewandert ist.

3.1.2 Beschreibung türkischstämmiger Familien in Deutschland

Laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (2016) besitzt ein Fünftel der Bevölkerung in Deutschland einen Migrationshintergrund (S. 213). Bei Kindern unter zehn Jahren (oder auch unter fünf Jahren) ist es sogar über ein Drittel der Kinder, welche selbst oder mindestens ein Elternteil nach Deutschland migriert sind (ebd., S. 310).

Menschen mit türkischem Migrationshintergrund stellen dabei mit knapp 2,9 Millionen den größten Anteil innerhalb der Bevölkerung mit Migrationshintergrund dar (16,7% aller Personen mit Migrationshintergrund). Von diesen sind 47,8% selbst zugewandert – und damit der 1. Migrantengeneration zuzuordnen – hingegen 52,2% bereits in Deutschland geboren. (ebd., S. 215f) 76,9% der Menschen mit türkischem Migrationshintergrund weisen dabei eine Aufenthaltsdauer in Deutschland von mindestens 20 Jahren auf (ebd., S. 221). 82,7% der türkischen Staatsangehörigen können eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis nachweisen, so Stand Ende 2015 (ebd., S. 232). Die von türkischen Eltern geborenen Kinder erwerben zu 75% mit Geburt die deutsche Staatsbürgerschaft (ebd., S. 238).

Das schulische Bildungsniveau ist bei Personen mit türkischem Migrationshintergrund im Vergleich zu anderen Migrationsgruppen niedriger. So sind 21% der Männer und Frauen mit türkischem Migrationshintergrund ohne einen schulischen Abschluss, 26,8% verfügen über

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einen Hauptschulabschluss, 12% über den der Realschule und 10% weisen die (Fach-) hochschulreife auf9. Im Vergleich dazu haben Personen ohne Migrationshintergrund nur in 1,6% der Fälle keinen Abschluss, zu 32,7% einen Hauptschulabschluss, zu 27,5% den Abschluss der Realschule und zu 24,2% die (Fach-)hochschulreife. (Statistisches Bundesamt, 2012, Tabelle 5.5)

Das niedrigere schulische Bildungsniveau der Menschen mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland wirkt sich auch auf deren Berufsausbildung und Erwerbssituation aus. So zeigen Analysen des Mikrozensus 2012, dass „die türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten der ersten und zweiten Generation […] in Bezug auf Erwerbslosigkeit und beruflichen Status in einer besonders ungünstigen Lage“ (Höhne, 2016, S. 26) waren. 2013 waren 68,34% der türkischstämmigen Personen der 1. Migrantengeneration ohne einen Berufsabschluss. In der 2. Migrantengeneration waren es hingegen 37,57%. Einen (Fach)hochschulabschluss besaßen in der Gruppe der 1. Migrantengeneration 3,88% und in der Gruppe der 2. Migrantengeneration 7,03%10. (ebd., S. 29)

Die türkischstämmigen Männer gaben im Vergleich zu den Migrantengruppen Polen, Griechen, Italiener und ehemalige Jugoslawen am seltensten (39,5%) an in Vollzeit erwerbstätig zu sein und am häufigsten (17%) arbeitslos gemeldet zu sein.11 Die türkischstämmigen Frauen widmeten sich meist der Haus- und Familienarbeit (43,2%) und waren in 11,9% der Fälle in Teilzeit und zu 10,2% in Vollzeit erwerbstätig.12 (Babka von Gostomski, 2010, S. 125f) Höhne (2016), die die Entwicklung der Erwerbsbeteiligung zwischen 2005 und 2013 untersuchte, konnte zwar darlegen, dass sich die Wahrscheinlichkeit der Erwerbslosigkeit der Männer und Frauen mit türkischem Migrationshintergrund deutlich verringerte, dennoch blieb der Effekt der Bedeutung des türkischen Migrationshintergrundes auf die Erwerbsbeteiligung erhalten (Höhne, 2016, S. 30ff).

9

29,7% befinden sich noch in der Ausbildung bzw. sind noch nicht schulpflichtig (Statistisches Bundesamt, 2012, Tabelle 5.5).

10

Im Vergleich dazu waren 2013 11,01% der Personen ohne Migrationshintergrund ohne einen Berufsabschluss und 19,62% besaßen den (Fach)hochschulabschluss (Höhne, 2016, S. 29).

11

Im Vergleich dazu Vollzeit erwerbstätig: Polen 50,5%, Griechen 45,6%, Italiener 49,2% und ehemalige Jugoslawen 49,8%; arbeitslos gemeldet: Polen 13,7%, Griechen 10,7%, Italiener 11,7% und ehemalige Jugoslawen 12,9% (Babka von Gostomski, 2010, S. 125)

12

Im Vergleich dazu Haus- und Familienarbeit: Polinnen 28,3%, Griechinnen 18,4%, Italienerinnen 22,9% und Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien 24,3%; Teilzeit erwerbstätig: Polinnen 24,7%, Griechinnen 16,3%, Italienerinnen 23,3% und Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien 19,4%; Vollzeit erwerbstätig: Polinnen 16,4%, Griechinnen 26,7%, Italienerinnen 17,4% und Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien 20,5% (Babka von Gostomski, 2010, S. 126)

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Über die Hälfte der türkischstämmigen Männer (55,6%) verdiente monatlich zwischen 1000 und 2000 Euro netto, 19,5% sogar unter 1000 Euro und nur 1,8% über 3000 Euro.13 Die Frauen mit türkischem Migrationshintergrund wiesen zu 64,6% ein Nettoeinkommen von unter 1000 Euro, zu 24,7% zwischen 1000 und 2000 Euro und nur zu 0,4% über 3000 Euro auf.14 Damit lagen die erwerbstätigen türkischstämmigen Männer hinsichtlich ihres Durchschnittsnettoeinkommens von 1420 Euro monatlich hinter dem der griechischstämmigen (1678 Euro), der polnischstämmigen (1603 Euro), der italienischstämmigen Männer (1514 Euro) und der Männer, welche von Ex-Jugoslawien abstammten (1541 Euro). Die erwerbstätigen türkischstämmigen Frauen lagen mit durchschnittlich 824 Euro netto im Mittelfeld, im Vergleich zu den erwerbstätigen polnischstämmigen (797 Euro), italienischstämmigen (804 Euro), griechischstämmigen Frauen (979 Euro) und den Frauen aus Ex-Jugoslawien (939 Euro). (Babka von Gostomski, 2010, S. 138ff)

Berücksichtigt man die Größe der Haushalte und deren gesamtes Haushaltsnettoeinkommen, so zeigt sich, dass den Haushaltsmitgliedern aus türkischstämmigen Haushalten vergleichsweise wenig Geld – nämlich nur ein durchschnittliches Äquivalenzeinkommen von 813 Euro – zur Verfügung steht. Bei den Haushalten mit ehemaliger jugoslawischer, italienischer, griechischer und polnischer Abstammung liegt dieses zwischen 979 und 1032 Euro. (ebd., S. 149f)

So sind türkischstämmige Personen in Deutschland auch mehr als drei Mal so häufig von Armut bedroht als die deutschstämmige Bevölkerung (Armutsgefährdungsquote 2010: Bevölkerung ohne Migrationshintergrund: 11,7%; Türkischstämmig: 35,8%)15 (Fuhr, 2012, S. 559).

Die aufgeführten Faktoren zeigen, dass türkischstämmige Menschen in Deutschland nach wie vor benachteiligt sind – auch wenn sich eine Verbesserung hinsichtlich des Bildungsniveaus und der Erwerbsbeteiligung andeutet. Sie verfügen noch immer über ein geringeres Einkommen und sind häufiger von Armut bedroht. Dies kann sich – wie dies bereits in Kapitel 2.4 aufgezeigt wurde – als belastend auf das Erziehungsverhalten bzw. die familiären Interaktionsformen auswirken und die kindliche Entwicklung beeinträchtigen.

13

13,3% verdiente zwischen 2000 und 3000 Euro Netto und 9,8% machte keine Angabe (Babka von Gostomski, 2010, S. 139).

14

4,1% verdiente zwischen 2000 und 3000 Euro Netto und 6,2% machte keine Angabe (Babka von Gostomski, 2010, S. 139).

15

Noch häufiger von Armut bedroht sind Menschen aus den Herkunftsländern Süd- und Südostasien (36,3%), Ukraine (40,7%) und Afrika (41%) (Fuhr, 2012, S. 559).

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3.2 Der Entwicklungsstand türkischstämmiger und deutscher

Im Dokument Entwicklungsbedingungen von Kindern mit und ohne (drohende) Behinderung im Kontext der Mutter-Kind-Interaktion in Familien mit und ohne türkischen Migrationshintergrund (Seite 44-47)