4. Transformationsphase in Albanien

4.3 Informell gegründete Siedlungen in Tirana

4.3.2 Fünf informelle Siedlungen: Eine Bestandsaufnahme

Im Folgenden werden fünf informell gegründete Siedlungen von Tirana inklusive Bathore vorgestellt. Vier davon sind suburbane Siedlungen am Stadtrand, wobei jeweils zwei physi- sche wie sozioökonomische Gegenpole darstellen. Das Viertel Laprakë gehört als einzige administrativ zu Tirana, wird aber innerhalb dessen als ´periphere Einheit` (njësi periferikë

)

bezeichnet (Karagumi/Dumani 2005: 51, 55).

Für eine Studie des Geographen Doka wurden Laprakë – Bezirk 11 – sowie die daran an- grenzenden Bezirke 8 und 9 der Stadt Tirana ausgewählt. Während letztere von einer ge- mischten Bevölkerung aus Einheimischen und Zugewanderten gekennzeichnet sind, weist Laprakë den höchsten Anteil an Zuwanderern innerhalb der Stadt auf, die vorrangig aus dem

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Die albanisch-sprechende Bevölkerung auf dem Balkan ist in zwei Sprachgruppen unterteilt: in Tosken in Süd- und in Zent- ralalbanien und Ghegen in Nordalbanien, im Kosovo, Makedonien und Montenegro, die jeweils die Dialekte Toskisch und Ghegisch sprechen (Fiedler 2003: 229ff.). Die Begriffe ´Ghegen` und ´Tosken` werden allerdings im Alltagsgebrauch kaum verwendet, stattdessen wird von ´Nord-` und ´Südalbanern` gesprochen.

58 Nordosten Albaniens kommen. Zudem hat dieser Bezirk in Relation zu den anderen eine der höchsten Bevölkerungsdichten und das höchste Bevölkerungswachstum seit 1990 (etwa 28 Prozent). Seine Einwohnerzahl stieg seit 1990 von 14.000 auf 60.000 im Jahr 2005 an, es bildeten sich informelle Ansiedlungen, die sich vom Bahnhof (stacioni i treni) aus in Richtung Westen ausbreiteten. Während des Sozialismus war Laprakë ein Industrieviertel mit Fabrik- anlagen zur Textilverarbeitung sowie Hochöfen und Kühlanlagen, die heute brachliegen. Der alte Kern mit einem Wohnblock aus der italienischen Zeit (1939 bis 1942) mit drei- bis vier- geschossigen Gebäude ist kaum mehr erkennbar, da sich um ihn herum ein neues, informel- les, Wohngebiet ausgebreitet hat. Die meisten Straßen sind nicht asphaltiert und nach Nie- derschlag wegen Pfützen und schlammigem Untergrund kaum begehbar. Auch die Strom- und Wasserversorgung sowie die Müllentsorgung sind problematisch. Da die Regierung die- ses Viertel kaum mit urbaner Infrastruktur versorgte, wurden Kanalisationsanlagen mit Nach- barschaftshilfe gebaut, Strom- und Wasseranschlüsse größtenteils angezapft. Die Trinkwas- ser- und Stromversorgungssituation sowie die Abwasserentsorgung sind nicht nur aufgrund der schlecht ausgebauten Infrastruktur kritisch, sondern auch wegen des hohen Grads an Missbrauch von Strom- und Wasserleitungen. Ebenso sind die mangelhafte medizinische Versorgung und fehlende Bildungsmöglichkeiten eine große Benachteiligung dieses Bezirks (ebd.: 94f.). Ein Ausweg aus der hohen Arbeitslosigkeit von über 34 Prozent gibt es nur in der Tagelohnarbeit im Baugewerbe – meist im informellen Sektor (ebd.: 93ff.). Während viele Zuwanderer davon überzeugt sind, dass sie mit ihren Nachbarn und Einheimischen gut aus- kämen, sehen Einheimische indes eine große Kluft, da ihrer Ansicht jene nach unterschiedli- che Lebensweisen hätten und mit ihnen auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt konkurrieren würden. Zudem geben sie Zuwanderern die Schuld am Anstieg der Kriminalitätsrate in Tira- na. Trotz der als positiv beurteilten Legalisierungsmaßnahmen stehen viele der neuen Be- wohner ihrer Zukunft in Tirana zweifelnd gegenüber und setzen Erwartungen in die jüngere Generation und den Staat, wobei sie auch über eine Rückkehr in ihre Heimat nachdenken (ebd.: 98f.). Die Studie von Doka ergibt insgesamt, das sozioökonomische Entwicklungsni- veau16 von Laprakë an letzter Stelle der Bezirke von Tirana liegt, und die Integration von Zu- wanderern innerhalb der Stadtgrenzen eine Herausforderung bleibt (ebd.: 88ff.).

Die Siedlungen Kombinat im Westen und Kinostudio im Osten der Stadt liegen jeweils an den entgegengesetzten Endstationen der Buslinie Kombinat-Marubi außerhalb der Stadt- grenzen. Das ehemalige Textilkombinat Kombinat an der westlichen Endstation, dessen Be- wohner vor allem aus dem nordalbanischen Distrikt Tropojë kommen, hat nach Bathore den schlechtesten Ruf in Tirana, ein Indiz für die sehr schlechte infrastrukturelle Versorgung. Ein besonderes Merkmal dieser Siedlung ist die Umfunktionierung eines ehemaligen Fabrikkom- plexes (Kombinat) zu Wohnhäusern, wofür Steine und Stahl aus dem Komplexinneren abge-

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Kriterien der sozioökonomischen Entwicklung sind nach dieser Studie demographische Faktoren (Zahl der Familienmitglieder, räumliche Bewegung), ökonomische Faktoren (Konsum pro Einwohner, Einkommen, Arbeitslosigkeit) und soziale Faktoren (Ausbildung, Abschluss, Arzt pro Einwohner) (Doka 2005: 90).

59 tragen wurden. Die informelle Ansiedlung am Kombinat beschränkte breitete sich auch au- ßerhalb von diesem Komplex aus. Dort wurden Flächen besetzt und mit Häusern bebaut, deren Bandbreite von provisorischen Hütten bis zu gut ausgestatteten Villen reicht. Vorhan- dene Stromanschlüsse werden meist ohne Genehmigung genutzt, die Straßen sind in einem desolaten Zustand, es gibt weder Trinkwasserversorgung noch ein Abwassersystem. Die östlich gelegene Siedlung Kinostudio, deren Namen von der Filmakademie Marubi abgeleitet ist, gehört zu der Kommune Dajti. Sie hat mit den mehrstöckigen Apartmentgebäuden kein typisches Erscheinungsbild einer informellen Siedlung. Diese wurden von Großbaufirmen informell errichtet, während Grundbesitzer entschädigt oder vertrieben wurden. Die Straßen sind ebenfalls in einem schlechten Zustand, die Stromversorgung wird über Anzapfen von Stromleitungen, die Wasserversorgung durch Wasserkanister auf den Dächern sicherge- stellt. Daher ist die infrastrukturelle Versorgung dort trotz zunächst positiver Erscheinungs- merkmale problematisch.

Foto 11 und 12: Kombinat-Komplex und Kinostudio (Fotos: Haas)

Foto 13: Hauptstraße in Sauk (Foto: Haas)

In der im Südosten von Tirana gelegenen Siedlung Sauk leben aufgrund der Lage haupt- sächlich Zuwanderer aus Südalbanien, die von Tiranas Einheimischen eher akzeptiert und besser integriert werden als Migranten aus Nordalbanien. Südalbaner sind wie auch Einhei- mische der Hauptstadt Tosken, während Nordalbaner Ghegs sind. Sauk wurde am Stadtrand auf einer Anhöhe auf ehemaliger landwirtschaftlicher Fläche errichtet und ist im Norden und Osten von einer grünen Hügellandschaft umgeben. So erinnert diese Siedlung an die von

60 Esen geprägte Bezeichnung ´Gartenstadt, als Schwelle zwischen Stadt und Land` (Esen 09.11.2008: 3). Sie weist auch deswegen eine günstige Lage auf, da sie relativ zentrumsnah liegt und durch eine Busverbindung vom Bahnhof über den Stadtring gut angebunden ist. Zudem ist sie nahe der Studentenstadt (qyteti i studentit), heute eines der teuersten Viertel in Tirana. Die Häuser in Sauk sind relativ gut ausgebaut, die Gärten gepflegt und einige Stra- ßen asphaltiert. Außerdem ist die Luft dort wegen der Höhenlage besser als in anderen in- formellen Siedlungen und im Zentrum.

Die Vorortsiedlung Bathore, die zwölf Kilometer nordwestlich von Tirana liegt, ist die älteste und größte informell gegründete Siedlung der Hauptstadt. Dort leben mehrheitlich Nordalba- ner. Bathore wurde als Untersuchungsfeld ausgewählt, da sie charakteristische Kriterien einer informellen Siedlung aufweist, wie ein hohes Bevölkerungswachstum seit 1990, einen hohen Anteil an Zuwanderern unter den Einwohnern, eine mangelhafte infrastrukturelle Ver- sorgung sowie hohe Arbeitslosigkeit und Armut der Bewohner. Mit einem Anstieg auf 30.000 Einwohner von 1991 bis 2009 hat Bathore ein Bevölkerungswachstum von nahezu 100 Pro- zent. Der Großteil des Gebäudebestandes wurde informell errichtet, die öffentliche Infra- struktur wie asphaltierte Straßen, Wasser- und Stromversorgung sowie Abwasser- und Müll- entsorgung ist schlecht bis gar nicht ausgebaut. Wegen der hohen Arbeitslosenrate haben fast alle Familien Schwierigkeiten bei der Bestreitung ihrer Lebensgrundlage. Weniger als ein Viertel der Männer im erwerbsfähigen Alter hat eine feste Arbeit, mehr als die Hälfte ist nur unregelmäßig und meist als Lohnarbeiter im informellen Sektor bechäftigt, während ein Vier- tel der Männer arbeitslos ist. Frauen aus Bathore gehen bis auf wenige Ausnahmen keiner bezahlten Tätigkeit nach (Deda/Tsenkova 2006: 157ff., Co-Plan 2001: 3, 8, 17, Doka 2003: 54ff., Doka/Göler 2008: 58, Göler 2005: 65ff.).

Foto 14: Zentrum von Bathore (April 2009) (Foto: Haas)

Die Studie der Ethnologin Santner-Schriebel, die Migranten aus Dukagjin, einer Gebirgsregi- on Nordalbaniens, in einen Vorort von Shkodër (Golem) und nach Bathore folgte, ist die ein- zige, die bereits im Jahr 1997 informelle Siedlungen in Albanien behandelt. Golem liegt wei- ter als Bathore vom Stadtzentrum entfernt, so dass dort Mitte der 1990er Jahre mehr Freiflä- chen verfügbar waren. So konnten sich dort Mitglieder einer Verwandtschaftsgruppe in einer

61 Nachbarschaft niederlassen und auf Verwandtschaft basierende Nachbarschaftsnetzwerke aufbauen. Dagegen mussten sich Migranten in Bathore auf das gesamte, dichter besiedelte Areal verteilen, wodurch Verwandtschaftsgruppen auseinandergerissen wurden (Santner- Schriebel 2002: 106). Santner-Schriebel beschreibt das Leben von Familien und Nachbar- schaften in den Vororten von Shkodër und Tirana als isoliert, da kaum Verbindungen zu an- deren Vierteln oder zu dem Zentrum vorhanden waren. Die von ihr untersuchten Migranten befanden sich in einem inneren Konflikt um die eigene Identität und um Anerkennung von der einheimischen Gesellschaft wie auch wegen der hohen Arbeitslosigkeit in einem äußeren Konflikt um die Existenzgrundlage (ebd.: 116ff.). Sie hatten damals kaum Gemeinsamkeiten und Anknüpfungspunkte mit Einheimischen, und Gruppenidentitäten wurden durch Aus- schluss von und Abwertung der jeweils anderen Gruppe gefestigt:

“Bathorë and Golem can be taken as examples of the fact that the majority of the urban population in Shkodra or Tirana and the inhabitants of the ghetto don [sic] not share any aspects of life: both groups live side by side, each one trying to maintain its identity. With a longer stay the migrated Dukagjins gain their identity neither from home region nor their urban new region, there rather develops a social logic of its own with values in-between tradition and modern times” (Santner-Schriebel 2002: 120).

Wie bereits erwähnt wurde, erfolgt unter den unsicheren Bedingungen des Postsozialismus ein ´Wir`-Gefühl nicht nur durch Bezug auf die eigene Gruppe und deren kulturelle Marker, sondern auch durch den Ausschluss anderer Gesellschaftsgruppen (Niedermüller 1996: 146ff.). Doch heute müssen Bewohner von Bathore nicht mehr um ihre nacktes Überleben bangen, wie der Entwicklungsdirektor von Kamza betonte. So liegt die die Frage nahe, ob andere Elemente in den Vordergrund alltäglicher Lebenswelten gerückt sein könnten, wie Beziehungen nach Tirana oder der Aufbau eines Gemeindelebens, um eine positiv besetzte lokale Identität als Bewohner von Bathore zu entwickeln (Pengu 28.04.2009). Dies gilt mehr als zehn Jahre nach dieser Forschung auch zu untersuchen.

Im Dokument An der Peripherie : Alltag und soziale Beziehungen im Kontext von Migration und Urbanisierung am Beispiel einer informell gegründeten Siedlung in Tirana, Albanien (Seite 68-72)