4.4 Auswirkungen der Fehlerkorrekturen auf die accounting quality

6.1.1 Ergebnisse der empirischen Studien

Ein Forschungsstrang widmet sich der Frage nach den Folgen von Fehlerkorrekturen für die Unternehmen in der Branche.561 Konkret wird in diesen Studien der Effekt von

555 Vgl. SRINIVASAN, S. (2005), S. 293, 324f; THOMPSON, J. H./MCCOY, T. M. (2008), S. 50, 53;

AGRAWAL, A./COOPER, T. (2015), S. 36; Siehe auch Anhang IX der vorliegenden Arbeit.

556 Vgl. MANDE, V./SON, M. (2013), S. 137f, 141; HENNES, K. M. u. a. (2014), S. 1071ff. 557 Vgl. HE, L.-J./CHIANG, H.-G. (2013), S. 48.

558 Vgl. FELDMANN, D. u. a. (2009), S. 219. 559 Vgl. LASCHEWSKI, C. u. a. (2014), S. 310ff. 560 Vgl. SCHMIDT, J. J. (2012), S. 1035

561 Für einen Überblick der Forschungsmethoden und –fragen und der zentralen Ergebnisse der Studien in

dieser Kategorie siehe Anhang X der vorliegenden Arbeit. Die Studie von KRAVET/SHEVLIN wurde ursprünglich einer anderen Kategorie zugeordnet und ist daher im Anhang VI der vorliegenden Arbeit zu finden.

Restatements auf den Aktienkurs der Peergroup Unternehmen untersucht.562 Ob eine

Fehlerbekanntmachung den Marktwert der Mitbewerber beeinflusst, hängt davon ab, wie die Investoren diese Nachricht interpretieren. In der wissenschaftlichen Literatur, die sich mit dem Informationstransfer563 beschäftigt, wird grundsätzlich zwischen zwei Arten von brancheninternen Effekten– dem Ansteckungs- (contagion) und dem Wettbewerbseffekt

(competitive effect), unterschieden.564 Die Ankündigung einer Fehlerkorrektur, die sich ergebnisschmälernd auswirkt, kann als unternehmensspezifisch betrachtet werden und die Wettbewerbsposition des Unternehmens mit dem Fehler abschwächen und somit die Konkurrenz begünstigen. Das wird als Wettbewerbseffekt bezeichnet.565 Wenn jedoch die Fehlerkorrektur bei einem Unternehmen als ein Indiz für eine umfassendere Proble- matik in der ganzen Industrie wahrgenommen wird, kann sich das negativ auf die Akti- enkurse in der gesamten Branche auswirken. Das stellt der Ansteckungseffekt dar.566

Die erste Studie, die sich mit dieser Thematik auseinandersetzt, stammt aus dem Jahr 2003. GONEN untersucht 34 Fehlerkorrekturen im Zeitraum 1996-2001, die zum Gerichts- prozess führen. Der Grund für die Einschränkung der Stichprobe auf Restatements, die eine Sammelklage zur Folge haben, ist, dass somit sichergestellt wird, dass es sich bei den Fehlern um wesentliche Verstöße gegen die Rechnungslegungsnormen handelt.567

Die durchgeführten Tests ergeben eine negative Überrendite in der Branche von 0,75% einen Tag nach der Fehlerankündigung.568 Eine multivariate Analyse soll die für das Aus-

maß der Überrenditen in der Industrie entscheidenden Faktoren identifizieren. Diese wei- terführende Untersuchung ergibt, dass der Kurseffekt der Fehlerkorrekturen auf die Peer- group Unternehmen umso negativer ausfällt, je höher das Gericht den Entschädigungs- fonds festsetzt. Des Weiteren zeigen die durchgeführten Tests, dass der Ansteckungsef- fekt der Restatements bei Unternehmen, die keine bedeutende Rolle in der Branche ein- nehmen, geringer ist.569

562 Für einen Überblick der Studien und der zentralen Erkenntnisse in dieser Kategorie siehe Anhang X der

vorliegenden Arbeit.

563 Der brancheninterne Informationstransfer erfolgt, wenn die Nachrichten eines Unternehmens den Ak-

tienkurs eines anderen Unternehmens in derselben Industrie beeinflussen. Vgl. GLEASON, C. A. u. a. (2008), S. 86 FN 7. 564 Vgl. XU, T. u. a. (2006), S. 697. 565 Vgl. GONEN, I. (2003), S. 2; GLEASON, C. A. u. a. (2008), S. 88 FN 8. 566 Vgl. GONEN, I. (2003), S. 2. 567 Vgl. GONEN, I. (2003), S. 7. 568 Vgl. GONEN, I. (2003), S. 13 569 Vgl. GONEN, I. (2003), S. 4.

Eine spätere Studie von AKHIGBE/MADURA untersucht eine wesentlich umfangreichere Stichprobe von 696 Fehlerkorrekturen im Zeitraum 1991-2002570 undfindet ebenso Be-

funde zur Stützung der Hypothese von GONEN.Die vonAKHIGBE/MADURA durchgeführ- ten Tests ergeben negative durchschnittliche Überrenditen für das Portfolio der Mitbe- werber von 0,64%.571Die Autoren führen ebenso eine multivariate Analyse durch, um feststellen zu können, welche unternehmens- und branchenspezifischen Faktoren sowie Charakteristiken der Fehlerkorrektur die Aktienkurse der Unternehmen in der Industrie beeinflussen. Die empirische Untersuchung zeigt, dass der Brancheneffekt stärker ausge- prägt ist, wenn das Unternehmen mit dem Restatement von kleinerer Größe572 ist.573 Die Autoren erklären dieses Ergebnis mit der Tatsache, dass größere Unternehmen in der Re- gel einer strengeren Überwachung unterliegen, was zum Abbau von Informationsasym- metrien beiträgt. Wenn eine Fehlerkorrektur eines größeren Unternehmens nicht uner- wartet eintritt, ist auch ihre Auswirkung auf die Industrie schwächer ausgeprägt.574 Die brancheninternen Effekte sind ebenfalls negativer für Industrien, die stärker konzentriert sind und deren Ertragsstruktur dem Unternehmen mit der Fehlerkorrektur ähnlicher ist. Weitere branchenspezifische Faktoren, die den negativen Ansteckungseffekt verstärken, sind hohe Rückstellungen und immaterielles Vermögen sowie schwaches Umsatzwachs- tum und starke Aktienvolatilität. Der negative Brancheneffekt ist laut AKHIGBE/MADURA intensiver, wenn die Fehlerkorrektur zur Aufwandsanpassung führt und sie nicht im Zu- sammenhang mit Fraud steht.575 Hingegen führen Korrekturen der Umsatzerlöse in der

Branche zu weniger negativen Kursreaktionen.576 Darüber hinaus zeigen die Ergebnisse, dass das instabile wirtschaftliche Umfeld ebenso einen negativen Einfluss auf den Anste- ckungseffekt der Restatements ausübt.577

570 Vgl. AKHIGBE, A./MADURA, J. (2008), S. 579.

571 Dieses Ergebnis wurde in einem Zeitraum von 12 Tagen (11 Tage vor und ein Tag nach der Bekannt-

machung der Fehlerkorrektur) festgestellt. Die negativen durchschnittlichen Zwei-Tage-Überrenditen betragen 0,07%, sind jedoch nicht statistisch signifikant. Vgl. AKHIGBE, A./MADURA, J. (2008), S. 584.

572 Die Unternehmensgröße wird als der Marktwert im Verhältnis zum durchschnittlichenMarktwert der

Branche 20 Tage vor der Ankündigung der Fehlerkorrektur definiert. Vgl. AKHIGBE, A./MADURA, J. (2008), S. 574.

573 Vgl. AKHIGBE, A./MADURA, J. (2008), S. 570. 574 Vgl. AKHIGBE, A./MADURA, J. (2008), S. 574. 575 Vgl. AKHIGBE, A./MADURA, J. (2008), S. 570. 576 Vgl. AKHIGBE, A./MADURA, J. (2008), S. 586.

577 Um den Einfluss des wirtschaftlichen Umfelds beurteilen zu können, wurden in den Studien die Bran-

cheneffekte vor und nach dem Platzen der Spekulationsblase 1999-2000 und dem Enron-Skandal un- ersucht. Vgl. AKHIGBE, A./MADURA, J. (2008), S. 589.

GLEASON/JENKINS/JOHNSON beobachten 380 Fehlerkorrekturen im Zeitraum 1997- 2002,578 die eine negative Aktienkursreaktion verursachen.579 Die Evaluierung liefert

weitere empirische Befunde zur Stützung der Ergebnisse der beiden oben erläuterten Stu- dien. GLEASON/JENKINS/JOHNSON messen negative durchschnittliche Überrenditen für das Zeitfenster von drei Tagen580 von 0,50%.581 Des Weiteren stellen die Autoren fest, dass der negative Kurseffekt für Peergroup Unternehmen mit hohen industrie-bereinigten Rückstellungen stärker ausgeprägt ist.582 Im Gegensatz zu AKHIGBE/MADURA konstatie- ren GLEASON/JENKINS/JOHNSON,dass der Ansteckungseffekt auf Fehlerkorrekturen, die zur Anpassung der Umsatzerlöse führen, stärker ausgeprägt und wesentlich geringer für Aufwandskorrekturen ist. Zum einen begründen GLEASON/JENKINS/JOHNSON dieses überraschende Ergebnis durch die Heterogenität der korrigierten Aufwandsposten. Zum anderen verweisen die Autoren auf den Befund von PALMROSE/RICHARDSON/SCHOLZ, dass 29% der Fehlerkorrekturen in ihrer Stichprobe keinen negativen Einfluss auf den Marktwert haben, und auf ihre Erklärungen diesbezüglich, dass:

 manche Restatements lediglich zu marginalen Anpassungen führen und somit ei- nen geringen Einfluss auf die Wahrnehmung der Investoren haben;

 der negative Effekt durch andere Informationen in der Fehlerankündigung abge- schwächt oder kompensiert wird;

 die Investoren die Restatements bereits vor ihrer Bekanntmachung voraussehen.

583

Eine weitere Erkenntnis der Studie von GLEASON/JENKINS/JOHNSON ist, dass jene Peer- group Unternehmen, die hohe Erträge und Rückstellungen aufweisen, einen signifikante- ren Marktwertverlust erleiden, wenn sie denselben Abschlussprüfer wie das Unterneh- men mit dem Fehler haben.584

Die Studie von XU/NAJAND/ZIEGENFUSS findet ebenso empirische Befunde zur Stützung der Hypothese für den brancheninternen Ansteckungseffekt von Fehlerkorrekturen. Die

578 GLEASON/JENKINS/JOHNSON nehmen in ihrer Stichprobe nur Fehlerkorrekturen, die signifikante ab-

normale Aktienrenditen von -1% und weniger verursachen, auf. Vgl. GLEASON. C. A. u. a. (2008), S. 89f.

579 Vgl. GLEASON. C. A. u. a. (2008), S. 89ff.

580 Das Zeitfenster umfasst den Tag der Ankündigung der Fehlerkorrektur, sowie einen Tag vor und einen

Tag nach dem Ereignis. Vgl. GLEASON. C. A. u. a. (2008), S. 93.

581 Vgl. GLEASON. C. A. u. a. (2008), S. 93. 582 Vgl. GLEASON, C. A. u. a. (2008), S. 99.

583 Vgl. PALMROSE, Z.-V. u. a. (2004), S. 69; GLEASON, C. A. u. a. (2008), S. 86 FN 6, 106f. 584 Vgl. GLEASON, C. A. u. a. (2008), S. 84.

Autoren untersuchen 561 Fehlerkorrekturen für den Zeitraum von 1997 bis 2002585 und

kommen zum Ergebnis, dass die Überrenditen der Mitbewerber, die ähnliche Cashflow- Charakteristiken586 wie das Unternehmen mit dem Restatement aufweisen, -0,76% bzw. 0,89% betragen, wenn die Fehlerkorrektur den Aktienkurs des betroffenen Unternehmens reduziert bzw. erhöht. Die multivariate Analyse ergibt auch, dass der Ansteckungseffekt der Fehlerkorrekturen stärker für jene Mitbewerber ausgeprägt ist, die einen vergleichbar hohen Verschuldungsgrad wie das Unternehmen mit dem Restatement aufweisen.587

Eine weiterführende Untersuchung von XU/NAJAND/ZIEGENFUSS gibt Aufschluss dar- über, worauf der Marktwertverlust der Unternehmen in der Branche zurückzuführen ist. Sofern Investoren die Ergebnishistorie der Unternehmen nutzen, um die künftigen Ergeb- nisse in der Industrie zu prognostizieren, kann eine ergebnisschmälernde Fehlerkorrektur eines Unternehmens die Ertragserwartungen in der gesamten Branche senken. Somit kann der Ansteckungseffekt der Veränderung der künftigen Erträge zugeschrieben werden. Es wäre jedoch auch denkbar, dass der Marktwertverlust nach einer Fehlerkorrektur aus dem Anstieg der Eigenkapitalkosten resultiert. Wenn ein Restatement die Vertrauenswürdig- keit der Finanzberichte der Mitbewerber in Frage stellt, kann sich das auf das wahrge- nommene Risikoprofil der Unternehmen auswirken. Das erhöhte Unternehmensrisiko kann seinerseits einen Einfluss auf den Abzinsungssatz der künftigen Zahlungsströme und somit auf die Eigenkapitalkosten ausüben.588 Die von XU/NAJAND/ZIEGENFUSS

durchgeführten Tests liefern Befunde zur Stützung der ersten Hypothese, dass der Anste- ckungseffekt von Fehlerkorrekturen aus den veränderten Erwartungen über die zukünfti- gen Erträge resultiert.589 Im Gegensatz zu HRIBAR/JENKINS, die die gleichen drei Modelle zur Messung der impliziten Eigenkapitalkosten anwenden590 und einen Anstieg der costs

of equity capital für das Unternehmen mit der Fehlerkorrektur feststellen, können

XU/NAJAND/ZIEGENFUSS keine Erhöhung der Eigenkapitalkosten der Mitbewerber nach einem Restatement in der Branche messen.591XU/NAJAND/ZIEGENFUSS erklären die un-

585 Vgl. XU, T. u. a. (2006), S. 699.

586 Als Näherungsvariable für Cashflow-Ähnlichkeit zwischen dem Unternehmen mit Fehlerkorrekturen

und seinen Mitbewerbern wird die Korrelation der Aktienrenditen herangezogen. Vgl. XU, T. u. a. (2006), S. 700.

587 Vgl. XU, T. u. a. (2006), 712f. 588 Vgl. XU, T. u. a. (2006), S. 698f. 589 Vgl. XU, T. u. a. (2006), S. 711ff.

590 Vgl. XU, T. u. a. (2006), S. 699. Für die drei Methoden zur Messung der impliziten Eigenkapitalkosten

von HRIBAR/JENKINS siehe nochmals Kapitel 4.2.1 der vorliegenden Arbeit.

terschiedlichen Ergebnisse folgendermaßen: die Unsicherheiten hinsichtlich der Ergeb- nisqualität der Peergroup Unternehmen lassen sich in einem effizienten Markt leicht ab- klären. Hingegen kann die Ungewissheit beim Unternehmen mit der Fehlerkorrektur län- gere Zeit anhalten, wenn das Unternehmen beispielsweise Ziel einer SEC-Ermittlung o- der eines Gerichtsprozesses ist.592 Im Gegensatz zu XU/NAJAND/ZIEGENFUSS stellen KRAVET/SHEVLIN einen Anstieg der Eigenkapitalkosten in der Branche nach einer we- sentlichen593 Fehlerkorrektur eines Unternehmens fest und zeigen, dass dieser Effekt aus dem erhöhten Informationsrisiko resultiert.594 Eine mögliche Erklärung für die divergie- renden Befunde der beiden Studien können die unterschiedlichen Forschungsmethoden zur Bestimmung der Eigenkapitalkosten sein. Während XU/NAJAND/ZIEGENFUSS drei verschiedene Modelle zur Messung der impliziten Eigenkapitalkosten heranziehen,595 wenden KRAVET/SHEVLIN das FAMA/FRENCH-Dreifaktorenmodell an und erweitern es um die Informationsrisikofaktoren.596

Die Studie von DURNEV/MANGEN aus dem Jahr 2007 bietet eine andere Erklärung für den Aktienkursrückgang der Peergroup Unternehmen, wenn ein Unternehmen in der Branche eine Fehlerkorrektur ankündigt. Die Autoren stellen die Behauptung auf, dass das Restatement eines Unternehmens Informationen über die Ineffizienz der vergangenen Investitionsentscheidungen der Mitbewerber aufdeckt. Die Ineffizienz der Anlageent- scheidungen wird als die Abweichung des marginalen Tobin`s q von seinem optimalen Niveau gemessen. Die Untersuchung von 785 Fehlerkorrekturen im Zeitraum von 1997 bis 2002 bestätigt ihre Hypothesen. Denn der Marktwertverlust der Mitbewerber steigt nach einer Fehlerbekanntmachung in der Branche umso mehr, je weiter der marginale Wert des Tobin`s q im vergangen Jahr von seinem optimalen Niveau entfernt liegt. 597 Eine spätere Studie von DURNEV/MANGEN aus dem Jahr 2009setzt sich erneut mit dem Thema Investitionsentscheidungen im Kontext zu Fehlerkorrekturen auseinander, jedoch wird dieses aus einem anderen Blickwinkel betrachtet. Die Autoren untersuchen, ob die

592 Vgl. XU, T. u. a. (2006), S. 712

593 Analog zu GLEASON/JENKINS/JOHNSON werden in der Studie von KRAVET/SHEVLIN nur Fehlerkorrek-

turen, die zu abnormalen Aktienrenditen von -1% und weniger führen, berücksichtigt. Vgl. GLEASON. C. A. u. a. (2008), S. 89f; KRAVET, T./SHEVLIN, T. (2010), S. 276f.

594 Vgl. KRAVET, T./SHEVLIN, T. (2010), S. 288ff. Zur genaueren Vorgehensweise bei der Untersu-

chung siehe nochmals Kapitel 4.2.1 der vorliegenden Arbeit.

595 Vgl. HRIBAR, P./JENKINS, N. T. (2004), S. 343f. Siehe hierzu nochmals Kapitel 4.2.1 der vorliegen-

den Arbeit.

596 Vgl. KRAVET, T./SHEVLIN, T. (2009), S. 273f. Siehe hierzu nochmals Kapitel 4.2.1 der vorliegen-

den Arbeit.

künftigen Anlageentscheidungen der Mitbewerber von der Fehlerkorrektur eines Unter- nehmens in der Industrie beeinflusst werden.598 DURNEV/MANGEN verwenden die Stich-

probe aus ihrer Studie aus dem Jahr 2007599 und stellen einen Rückgang der getätigten Investitionen der Unternehmen in der Branche nach einer Fehlerkorrektur fest.600

6.1.2 Zusammenfassung der Ergebnisse

In allen vier Studien konnte nachgewiesen werden, dass die Fehlerkorrektur eines Unter- nehmens einen Ansteckungseffekt auf die Mitbewerber hat. In den Studien wurden nega- tive Überrenditen zwischen 0,50% und 0,76% in der Branche nach der Ankündigung ei- nes Restatements nachgewiesen.601 Des Weiteren zeigen die Ergebnisse der multivariaten Analysen, dass der negative Aktienkurseffekt in stärker konzentrierten Branchen602 und

für die Mitbewerber, die eine ähnliche Ertragsstruktur603 und einen vergleichbar hohen Verschuldungsgrad604 wie das Unternehmen mit der Fehlerkorrektur aufweisen, stärker

ausgeprägt ist.605 Die Untersuchung des Ansteckungseffekts von Fehlerkorrekturen, die

die Umsatzerlöse und die Aufwendungen betreffen, konnte keine einheitlichen Befunde liefern. Während AKHIGBE/MADURA für Fehlerkorrekturen im Bereich der Umsatzreali- sierung einen weniger negativen Aktienkurseffekt als Berichtigungen von Aufwandspo- sen feststellen, zeigt die Studie von GLEASON/JENKINS/JOHNSON ein umgekehrtes Ergeb- nis.606 GLEASON/JENKINS/JOHNSON können keine Erklärung für die divergierenden Be- funde geben und weisen lediglich auf die Notwendigkeit einer detaillierteren Analyse der Fehlerkorrekturen von Umsatzerlösen und Aufwendungen hin, da somit weitere Erkennt- nisse über die Bedingungen für das Auftreten des Ansteckungseffekts von Restatements gewonnen werden.607

Drei weiterführende Studien geben Aufschluss darüber, worauf der Marktwertverlust der Unternehmen in der Branche zurückgeführt werden kann. Die beiden Studien, die den Zusammenhang zwischen dem Ansteckungseffekt und den Eigenkapitalkosten examinie-

598 Vgl. DURNEV, A./MANGEN, C. (2007), S. 679. 599 Vgl. DURNEV, A./MANGEN, C. (2007), S. 692. 600 Vgl. DURNEV, A./MANGEN, C. (2007), S. 712. 601 Siehe dazu Anhang X der vorliegenden Arbeit.

602 Vgl. GONEN, I. (2003), S. 4; AKHIGBE, A./MADURA, J. (2008), S. 570. 603 Vgl. AKHIGBE, A./MADURA, J. (2008), S. 570.

604 Vgl. XU, T. u. a. (2006), 712f.

605 Siehe dazu Anhang X der vorliegenden Arbeit.

606 Vgl, AKHIGBE, A./MADURA, J. (2008), S. 570, 586; GLEASON, C. A. u. a. (2008), S. 86. 607 Vgl. GLEASON, C. A. u. a. (2008), S. 107.

ren, liefern divergierende Befunde, die möglichweise aus den unterschiedlichen Metho- den zur Bestimmung der costs of equity capital resultieren.608 Während XU/NAJAND/ZIE-

GENFUSS keinen Anstieg der Eigenkapitalkosten für die Mitbewerber nach einer Fehler- korrektur in der Branche nachweisen können,609 stellen KRAVET/SHEVLIN eine Erhöhung der costs of equity capital fest.610 DURNEV/MANGEN bieten eine alternative Erklärung für den Marktwertverlust, den die Mitbewerber nach der Ankündigung einer Fehlerkorrektur in der Branche erleiden. Die Autoren stellen einen empirisch messbaren Zusammenhang zwischen dem Aktienkursrückgang und der Ineffizienz vergangener Investitionsentschei- dung der Peergroup Unternehmen dar.611 Eine spätere Studie von DURNEV/MANGEN zeigt, dass auch die künftigen Anlageentscheidungen der Industrie von einer Fehlerkor- rektur in der Branche betroffen sind. Die Autoren finden einen Rückgang der Investitio- nen in der gesamten Industrie infolge einer Fehlerkorrektur eines Unternehmens.612

7 Sonstige empirische Befunde

Die Studie von AMEL-ZAEH/ZHANG untersucht, welche Konsequenzen Fehlerkorrekturen für den Markt für Unternehmenskontrolle haben. Konkret examinieren die Autoren die Wahrscheinlichkeit, dass die Unternehmen nach der Berichtigung eines Fehlers in ihren Finanzberichten zu Zielgesellschaften werden.613 Die durchgeführten Tests zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Unternehmen ein Übernahmeangebot im ersten Jahr nach dem Restatement bekommt, 3,8% beträgt und wesentlich geringer im Vergleich zu Unternehmen ohne Fehlerkorrekturen (6,7%) ist.614 Sogar wenn ein Übernahmeangebot zustande kommt, ergeben sich aufgrund der Fehlerkorrektur Nachteile für die Unterneh- men. AMEL-ZAEH/ZHANG stellen fest, dass die Wahrscheinlichkeit des Rücktritts vom Angebot sowie die Dauer der Abwicklung der Übernahme nach einem Restatement er- höht werden und die vereinbarten Multiplikatoren wesentlich geringer als jene der Ver- gleichsunternehmen sind.615

608 Siehe Anhang X der vorliegenden Arbeit. 609 Vgl. XU, T. u. a. (2006), S. 711ff. 610 Vgl. KRAVET, T./SHEVLIN, T. (2010), S. 288ff. 611 Vgl. DURNEV, A./MANGEN, J. (2007), S. 1f. 612 Vgl. DURNEV, A./MANGEN, J. (2009), S. 712. 613 Vgl. AMEL-ZADEH, A./ZHANG, Y. (2015), S. 1. 614 Vgl. AMEL-ZADEH, A./ZHANG, Y. (2015), S. 8. 615 Vgl. AMEL-ZADEH, A./ZHANG, Y. (2015), S. 25.

Die Studie von CHAKRAVARTHY/HAAN/RAJGOPAL ist die erste und bis dato einzige, die die Reputationsmaßnahmen nach einer wesentlichen616 Fehlerkorrektur für andere nicht-

kapitalgebenden Stakeholder wie beispielsweise Kunden, Mitarbeiter und Gemeinden untersucht. Die Autoren überprüfen die Pressemitteilungen von 94 Unternehmen einen Monat vor und einen Monat nach dem Restatement und identifizieren 1.765 Maßnah- men,617 die die Unternehmen ergreifen, um das Vertrauen der Anleger wiederzuerlangen. Anschließend wird der unmittelbare Effekt dieser Handlungen mit Hilfe der Zwei-Tages- Aktienüberrenditen beurteilt. Zuletzt untersuchen die Autoren, ob diese Maßnahmen zur Verbesserung der Glaubwürdigkeit der Finanzberichterstattung führen, indem sie die quartalsweisen ERC messen.618 Die Ergebnisse zeigen, dass die Unternehmen mehr Re- putations-Handlungen nach der Fehlerkorrektur im Vergleich zur Periode davor sowie im Verhältnis zu Unternehmen ohne Fehlerkorrekturen setzen und dass diese positiv von den Investoren aufgenommen werden. Des Weiteren ergeben die ERC-Tests, dass alle Maß- nahmen, die die Unternehmen nach einer Fehlerkorrektur setzten, zur Verbesserung der Vertrauenswürdigkeit ihrer Finanzberichte beitragen.619

BADERTSCHER/BURKS untersuchen den Zeitraum zwischen der ersten Ankündigung der Fehlerkorrektur und der Veröffentlichung der Auswirkungen der Berichtigung auf Unter- nehmensergebnisse. Das Forschungsinteresse an diesem Thema wird dadurch begründet, dass ein langer Berichtigungsprozess hohe Kosten für das betroffene Unternehmen und für die Investoren verursachen kann. Die durchgeführten Analysen zeigen, dass die über- mäßig langen Zeitfenster von einigen Wochen bis Monaten zwischen der Bekanntma- chung des Fehlers und der Veröffentlichung seiner Implikationen nur für Fraud-Fälle immanent sind. Wenn der Fehler nicht im Zusammenhang mit betrügerischen Handlun- gen steht, werden die korrigierten Informationen in der Regel einen Tag nach der ersten Ankündigung präsentiert.620

616 Als wesentlich werden Fehlerkorrekturen, die die Kriterien für „accounting irregularities“ laut HEN-

NES/LEONE/MILLEr erfüllen, bezeichnet. Siehe HENNES, K. M. u. a. (2008), S. 1495 sowie nochmals Kapitel 4.1.4 der vorliegenden Arbeit.

617 Für einige Beispiele der identifizierten Maßnahmen siehe CHAKRAVARTHY, J. u. a. (2014), S.

1357ff.

618 Vgl. CHAKRAVARTHY, J. u. a. (2014), S. 1329f. 619 Vgl. CHAKRAVARTHY, J. u. a. (2014), S. 1353.

Zwei Studien setzten sich mit den Auswirkungen von Restatements auf die freiwilligen Managementprognosen auseinander. ETTREDGE/HUANG/ZHANG stellen fest, dass die An- zahl, der Präzision621 und der Grad an Optimismus der management forecasts nach einer Fehlerkorrektur im Vergleich zu Unternehmen ohne Restatements reduziert werden. Im Gegensatz zu ETTREDGE/HUANG/ZHANG kommen GORDON/HENRY/LI/SUN zum Resul- tat, dass die Managementprognosen nach Fehlerkorrekturen im Vergleich zu den ma-

nagement forecasts von Unternehmen ohne Restements weniger präzise sind und eine

geringere Verzerrung nach unten aufweisen. Die Autoren erklären ihr Ergebnis mit der Veränderung des internen Kontrollsystems (IKS) infolge einer Fehlerkorrektur. IKS- Schwächen vor dem Restatement lassen zu, dass die Unternehmensführung die Ergeb- nisse an die Prognosen anpasst. Strengere interne Kontrollen, die nach der Berichtigung des Fehlers eingeführt werden, schränken hingegen ein solches opportunistisches Verhal- ten ein.622 Die divergierenden Ergebnisse der beiden Studien können zum Teil auf die unterschiedliche Vorgehensweise bei der Bestimmung der Genauigkeit der Management- prognosen zurückgeführt werden. ETTREDGE/HUANG/ZHANG beurteilen die Präzision da- nach, ob es sich um eine Punktprognose (sehr präzise) oder um einen Prognosebereich (weniger präzise) handelt. Im Unterschied definieren GORDON/HENRY/LI/SUN die Genau- igkeitder forecasts als die absolute und relative Differenz zwischen den vorhergesagten und tatsächlichen Ergebnissen.623

Nachdem die Erkenntnisse des bisherigen Standes der empirischen Forschung zu den Folgen von Fehlerkorrekturen vorgestellt wurden, wird im nächsten Kapitel der Versuch unternommen, Implikationen für zukünftige Arbeiten aufzuzeigen.

8 Forschungslücken zu den Konsequenzen von Fehlerkorrekturen

Eine deutlich erkennbare Forschungslücke im Rahmen der empirischen Kapitalmarktfor- schung zu den Folgen von Fehlerkorrekturen stellt die wesentlich geringere Anzahl der

event studies dar, die sich mit den langfristigen Konsequenzen von Restatements beschäf-

tigen, im Gegensatz zu den zahlreichen kurzfristigen Studien.624 Ein möglicher Grund

dafür kann in den methodischen Schwierigkeiten bei den langfristigen Untersuchungen

621 Vgl. ETTREDGE, M. u. a. (2013), S. 348. 622 Vgl. GORDON, E. A. u. a. (2014), S. 867.

623 Vgl. GORDON, E. A. u. a. (2014), S. 869. Für weitere Unterschiede zwischen den beiden Studien siehe

GORDON, E. A. u. a. (2014), S. 869 FN 3.

gesehen werden. Neben der Problematik der zeitlichen Überscheidung von Ereignissen stellt das Fehlen eines vollkommenen Modells zur Abbildung der langfristigen abnorma- len Renditen eine weitere Herausforderung für die Wissenschaftler dar.625 Die Notwen- digkeit zusätzlicher Studien zu den langfristigen Folgen von Fehlerkorrekturen für den Aktienmarkt kann zum einen mit den sehr divergierenden Ergebnissen zu diesem Thema

Im Dokument Konsequenzen von Restatements: ein Literaturüberblick über die Ergebnisse und den aktuellen Stand der empirischen Forschung / von: Maier Denitsa (Seite 83-156)