4.1 Empirische Kapitalmarktforschung zu den Folgen von Restatements

4.1.4 Ergebnisse der empirischen Untersuchungen

4.1.4.1 Ergebnisse aus Studien zu information content

Die ersten zwei Studien, die sich mit dem Einfluss der Fehlerkorrekturen auf den Infor- mationsgehalt der Finanzberichte beschäftigten, stammen aus dem Jahr 2002. ANDER- SON/YOHN untersuchen 161 Restatements in den Jahren 1997 bis 1999 und überprüfen, ob eine Fehlerkorrektur eine Auswirkung auf die von den Investoren wahrgenommene Zuverlässigkeit der Finanzberichte hat.189 Die Ergebnisse der Studie konnten die Hypo- these bestätigen, dass der Informationsgehalt der Unternehmensergebnisse aufgrund ei- ner Fehlerkorrektur kurzfristig190 sinkt.191

In demselben Jahr erschien eine zweite Studie, die sich unter anderem mit den Auswir- kungen von Restatements auf den Informationsgehalt der Ergebnisse beschäftigt. Ein we- sentlicher Unterschied zwischen den beiden Untersuchungen ist der Stichprobenumfang und der Untersuchungszeitraum. WU beobachtete insgesamt 1.221 Fehlerkorrekturen in einem Zeitraum von 25 Jahren (1977-2001).192 Im Vergleich zu ANDERSON/YOHN, die nur Fehlerkorrekturen in geprüften Jahresabschlüssen in ihrer Studie berücksichtigen, analysiert WU sowohl testierte Jahresabschlüsse als auch ungeprüfte Quartalsab- schlüsse.193 Das von WU ausgewählte Ereignisfenster ist länger als in der parallel durch- geführten Studie und umfasst ein halbes Jahr.194WU liefert weitere empirische Befunde zur Deckung der Hypothese von ANDRESON/YOHN, dass die durch die Investoren wahr- genommene Vertrauenswürdigkeit195 der Finanzberichte nach einer Fehlerveröffentli- chung sinkt.196

188 Für einen Überblick über die Forschungsfragen und –methoden sowie die zentralen Ergebnisse der Stu-

dien in dieser Kategorie siehe Anhang I der vorliegenden Arbeit.

189 Vgl. ANDERSON, K. L./YOHN, T. L. (2002), S. 4ff.

190 Das Ereignisfenster in der Studie umfasst drei Tage – der Tag der Veröffentlichung der Fehlerkor-

rektur, einen Tag davor und einen Tag danach. Vgl. ANDERSON, K. L./YOHN, T. L. (2002), S. 18.

191 Vgl. ANDERSON, K. L./YOHN, T. L. (2002), S. 18ff. 192 Vgl. WU, M. (2002), S. 5, 42.

193 Vgl. ANDERSON, K. L./YOHN, T. L. (2002), S. 2 FN 1. 194 Vgl. WU, M. (2002), S. 29.

195 Das Vertrauen in der Ordnungsmäßigkeit der Rechnungslegung ist keine direkt messbare Größe. Um

es bestimmten zu können, werden die Ergebnisse von Kapitalmarktstudien oder Umfragen herangezo- gen. Das ERC dient beispielsweise als ein Indiz für die Vertrauenswürdigkeit der Unternehmensbe- richte. Vgl. BALLWIESER, W./DOBLER, M. (2003), S. 453.

In einer weiteren Studie von WILSON wird ein viel längeres Ereignisfenster (18 Monate) als in dem Beitrag von WU und ANDERSON/YOHN analysiert. Das wissenschaftliche Inte- resse an den langfristigen Folgen von Fehlerkorrekturen wurde durch die Spekulationen seitens Regulierungsbehörden und Marktanalysten, dass Fehlerkorrekturen das Vertrauen in den Finanzberichten längerfristig beeinträchtigen, geweckt.197 Des Weiteren unter- sucht die Studie, ob die vom Unternehmen nach einer Fehlerkorrektur gesetzten Maßnah- men dazu beitragen können, das Vertrauen der Investoren in den Finanzberichten schnel- ler herzustellen.198 Die Ergebnisse der Studie zeigen tatsächlich, dass Handlungen wie der Abschlussprüferwechsel und der Austausch des Managements unmittelbar nach der Bekanntmachung der Fehlerkorrektur eine Signalwirkung haben und dass sie das Wie- derherstellen des Vertrauens der Anleger begünstigen. Die Studie beweist, dass der In- formationsgehalt der Unternehmensberichte kurzfristig sinkt, aber innerhalb eines Jahres wieder sein ursprüngliches Niveau, das vor der Fehlerkorrektur, erreicht.199

CHEN/CHENG/LO weisen jedoch in ihrer Analyse aus dem Jahr 2014 darauf hin, dass diese Ergebnisse von WILSON im Widerspruch zu anderen Studien zu den Folgen von Fehler- korrekturen stehen. Erstens zeigen frühere Untersuchungen, dass Restatements langfristig den Zugang zum Kapitalmarkt beeinträchtigen.200 Da sowohl der Rückgang des Informa-

tionsgehalts der Unternehmensberichte als auch die Änderung der externen Finanzie- rungsstruktur durch die negative Wahrnehmung der Investoren über die Qualität der Fi- nanzberichte bedingt sind, erscheint es überraschend, warum es in den Studien zu unter- schiedlichen Ergebnissen kommt. Zweitens bewiesen frühere empirische Untersuchun- gen, dass viele der Handlungen, die die betroffenen Unternehmen nach einer Fehlerkor- rektur setzen, um das Vertrauen der Investoren wiederzugewinnen, einen langen Umset- zungszeitraum benötigen.201 Daher ist es nicht nachvollziehbar, warum das Vertrauen der Anleger innerhalb eines Jahres wiedererlangt werden kann, wenn die dazu notwendigen Maßnahmen einen längeren Zeitraum benötigen, um eine Wirkung zu zeigen.202 Aus die- sen Gründen haben CHEN/CHENG/LO erneuteine Studie zu den langfristigen Folgen von

197 Vgl. WILSON, W. M. (2008), S. 521. 198 Vgl. WILSON, W. M. (2008), S. 524. 199 Vgl. WILSON, W. M. (2008), S. 546.

200 Vgl. CHEN, X. u. a. (2014), S. 178. Beispielsweise stellen CHEN/CHENG/LO fest, dass der Einfluss ei-

ner Fehlerkorrektur auf die Finanzierungsstruktur des betroffenen Unternehmens drei Jahre anhält. Vgl. CHEN, X. u. a. (2013), S. 770.

201 Vgl. CHEN, X. u. a. (2014), S. 178. Beispielsweise weisen CHENG/FARBER nach, dass der Anteil der

aktienbasierten Vergütung der CEO in den zwei Jahren nach der Fehlerkorrektur wesentlich reduziert wird. Vgl. CHENG, Q./FARBER, D. B. (2008), S. 1217.

Fehlerkorrekturen für den Informationsgehalt der Finanzberichte durchgeführt, in der eine aktuellere (1997-2006) und umfassendere Stichprobe (N=1.208) als in der Vorgän- gerstudie von WILSON herangezogen wird.203 Im Unterschied zu den Ergebnissen von WILSON weisen CHEN/CHENG/LO nach, dass das Vertrauen der Investoren nach einer we- sentlichen Fehlerkorrektur nachhaltig beeinträchtigt wird. Der Rückgang des Informati- onsgehalts für wesentliche Fehler ist signifikant negativ für 11 Quartale nach der Fehler- korrektur. Im Gegensatz sinkt der information content der Unternehmensberichte für nicht wesentliche Fehlerkorrekturen nur für ein Quartal.204 CHEN/CHENG/LO kommen zum Entschluss, dass die Ursache für die große Diskrepanz zwischen den Ergebnissen der beiden Studien auf zwei Aspekte im Untersuchungsdesign zurückzuführen ist. Zum einen wird im Beitrag von WILSON eine sehr restriktive Methodik für die Stichproben- auswahl angewendet, die zu einer signifikanten Reduktion des Stichprobenumfangs führt.205 Zum anderen unterscheiden sich die Kriterien für schwerwiegende Restatements, die in den beiden Studien verwendet werden. WILSON stuft eine Fehlerkorrektur als we- sentlich ein, wenn diese entweder die Umsatzrealisierung betrifft oder einen starken Ak- tienkursrückgang verursacht hat.206 CHEN/CHENG/LO benutzen die von HENNES/LE- ONE/MILLER entwickelte Methode zur Unterscheidung von Fehlerkorrekturen aufgrund von beabsichtigen (accounting irregularities) und unbeabsichtigten Fehlern (errors). Da Verstöße gegen Rechnungslegungsnormen (accounting irregularities) schwerwiegender als unbeabsichtigte Fehler (errors) betrachtet werden, richtet sich die Beurteilung, ob eine Fehlerkorrektur wesentlich ist, nach denselben Kriterien wie für die Einstufung als ac-

counting irregularity nach HENNES/LEONE/MILLER.207 Die Ergebnisse der Studie von CHEN/CHENG/LO halten auch stand, wenn andere Kriterien für wesentliche Fehlerkorrek- turen208 eingesetzt wurden und eine getrennte Analyse von Fehlerkorrekturen vor und nach der Einführung von SOX erfolgte.209

Im Beitrag von WILSON wird auf eine weiterführende Forschungsfrage, die im Zusam- menhang mit dem Sarbanes Oxley Act steht, hingewiesen. Da das US-Bundesgesetz mit

203 Vgl. CHEN, X. u. a. (2014), S. 177, 201ff. 204 Vgl. CHEN, X. u. a. (2014), S. 205. 205 Vgl. CHEN, X. u. a. (2014), S. 180. 206 Vgl. WILSON, W. M. (2008), S. 523. 207 Vgl. CHEN, X. u. a. (2014), S.179 FN 3.

208 Für den Robustheitstest werden Fehlerkorrekturen als wesentlich klassifiziert, wenn sie das Ergebnis

eines Enforcement-Verfahrens sind. Vgl. CHEN, X. u. a. (2014), S. 193.

dem primären Ziel verabschiedet wurde, das Vertrauen der Investoren in die Finanzbe- richte zu stärken, soll eine künftige Studie untersuchen, ob der SOX tatsächlich dazu bei- getragen hat, den Verlust des Informationsgehalts der Unternehmensberichte zu minimie- ren.210 Diese Fragestellung stellt die Ausgangsbasis für die Untersuchung von HIRSCHEY/SMITH/WILSON dar. Die Autoren überprüfen, ob der Rückgang des Informati- onsgehalts nach SOX kurzfristiger als in den Perioden davor ist.211 Die Untersuchungs- ergebnisse lassen daraus schließen, dass das Vertrauen der Investoren durch den SOX tatsächlich gestärkt wurde, da der Rückgang des information content nach SOX von kür- zerer Dauer und von geringerem Ausmaß als in den vorangehenden Perioden ist.212

Im Dokument Konsequenzen von Restatements: ein Literaturüberblick über die Ergebnisse und den aktuellen Stand der empirischen Forschung / von: Maier Denitsa (Seite 33-36)