3. Feldforschung in Bathore

3.2 Eintritt und Aufenthalt: Herausforderungen und Chancen

Die erste Fahrt von Tiranas Zentrum nach Bathore zu Beginn der Forschung stellte sich als eine große Hürde heraus, so endete der erste Versuch in einem Zug nach Durrës. Doch statt eines Zuges führen Busse nach Bathore: Der erste Bus der Linie Qendër-Kamëz fährt am Skanderbegplatz in Tirana ab, kurz vor der Endstation in Kamza muss an der Abzweigung

37 nach Bathore in den zweiten Bus der Linie Bathore-Zallherr umgestiegen werden. Eine Fahrt dauert je nach Verkehr 40 bis 70 Minuten und kostet 60 Lek (etwa 50 Cent).

Die Busfahrt ist insgesamt sehr eindrucksvoll, da sich das Erscheinungsbild am Straßenrand sehr verändert. Zu sehen sind zunächst alte, sozialistische Prachtbauten und Villen in Tira- na, die allmählich von weiterverarbeitenden Gewerbegebäuden sowie alten und neuen Wohnsiedlungen abgelöst werden. Die zweite Busfahrt nach Bathore führt an Autowaschan- lagen (lavazh), Brautgeschäften, Schönheitssalons, Friseurläden und Läden mit Baumateria- lien vorbei. Im Zentrum von Bathore – 2009 die einzige asphaltierte Kreuzung von Bathore – befinden sich Friseurläden, Gemüsestände, Reisebüros, ein Taxistand, ein Blumenladen und Cafés sowie auch das Rathaus (minibashkia).

Karte 2: Tirana inklusive Kamza und Bathore (Haas in Anlehnung an Open Street Map 20.03.2011)

Bei einem Rundgang durch Seitenwege wird der Umfang der Siedlung ersichtlich. Sie er- streckt sich nicht nur entlang der Hauptstraße von Kamza nach Zallherr von West nach Ost, sondern auch in südliche und nördliche Richtung. Die urbane Infrastruktur ist offensichtlich nicht gut erschlossen: Auf den Häuserdächern sind Wassertanks befestigt, die der privaten Wasserversorgung dienen. Stromleitungen sind durcheinander gespannt, was darauf hindeu- tet, dass sie angezapft sind. Zudem gibt es keine funktionierende Abwasser- und Müllentsor- gungssysteme, Bäche werden als Abwasserkanal benutzt, Müllberge sammeln sich neben den Straßen. Die meisten Straßen und Wege waren im Jahr 2009 weder asphaltiert noch kanalisiert, so dass nach Niederschlag Pfützen und schlammige Untergrundverhältnisse ent- standen und kaum begehbar waren.

38 Foto 3 und 4: Zentrum von Bathore im April 2009 und Oktober 2010 (Fotos: Haas)

Um einen Einstieg in das Forschungsfeld zu finden, eignen sich formalisierte Gespräche mit Spezialisten des Themen- und Forschungsfeldes. So führte ich zu Beginn der Forschungs- phase Expertengespräche mit Mitarbeitern einer Stadtplanungsorganisation und in Bathore ansässigen lokalen Vereinen. Obgleich diese als ´Expertengespräche` bezeichnet werden, glichen sie eher formlosen Unterhaltungen während einer Kaffeepause. Doch sie lieferten mir erste Einblicke in informelle Siedlungen, führten mich in die Entwicklung von Bathore ein und ebneten mir den Weg dorthin, da sie mir erste Kontakte vor Ort vermittelten. Besonders hilfreich waren der Geographieprofessor Dhimitër Doka der philosophischen Fakultät der Universität Tirana, zwei seiner ehemaligen Studenten, und Besnik Aliaj, Mitbegründer und ehemaliger Vorsitzender der Organisation Co-Plan (Instituti për Zhvillimin e Habitatit/Institute

for Habitat Development) sowie zwei seiner Mitarbeiter. Letztere gewährten mir Zugang zu

der Bibliothek der von Co-Plan gegründeten Privatuniversität für Stadtplanung und Architek- tur. Des Weiteren stand mir der damalige Direktor des Entwicklungsbereichs der Munizipali- tät Kamza, ein ehemaliger Mitarbeiter von Co-Plan, für ein Gespräch zu Verfügung und gab mir eine kurze Einführung in die Entstehung von Bathore sowie einen Überblick über die lo- kale zivilgesellschaftliche Landschaft. In dem staatlichen Statistikinstitut INSTAT (Instituti i

Statitikës) wurden mir Unterlagen zur Bevölkerung Albaniens (Populsia e Shqipërisë) zur

Verfügung gestellt. Weniger effektiv war dagegen der Besuch der für die Regulierung infor- meller Gebiete zuständigen Behörde ALUIZNI (Agjensia e Legalizimeve, Urbanizimit,

Integrimit të Zonave të Ndërtimit Informale), bei der ich keine Auskünfte erhielt.

Diese ersten Kontakte führten mich ab der dritten Forschungswoche im Frühjahr 2009 nach Bathore: Über den Leiter des Entwicklungssektors der Stadt Kamza kam ein Treffen mit ei- ner Mitarbeiterin des Rathauses in Bathore zustande, die mir Frauen der so genannten Stall- straßen-Nachbarschaft, eine der ärmsten in Bathore, vorstellte. Zudem machte mich eine albanische Geographin mit dem Anfang 2000 in Bathore gegründeten Kinder- und Jugend- zentrum (Qendra ´Eja`) der britischen Organisation Global Care bekannt. Dieses war damals in Bathore der einzige öffentliche Treffpunkt für Kinder, weibliche Jugendliche und Frauen. Von dort aus setzte der so genannte Schneeballeffekt ein. Durch regelmäßige Besuche und teilnehmende Beobachtung lernte ich Frauen, Jugendliche und Kinder aus der Nachbar-

39 schaft dieser Einrichtung näher kennen, die mich zu sich nach Hause einluden. Der Aus- schluss von Frauen aus dem öffentlichen Bereich entpuppte sich also gleichzeitig als eine Chance, die mir einen schnellen Zugang in private Bereiche ermöglichte. Männer aus Batho- re lernte ich meist nur über deren Ehefrauen kennen, nicht aber über soziale Einrichtungen. Nach wenigen Wochen wurde ich dort nicht mehr als förmlicher Gast angesehen, dem eine Sonderbehandlung zuteilwurde, sondern als selbstverständliche Begleiterin und Beteiligte, so dass meine Anwesenheit bald nur wenige Abweichungen in alltäglichen Lebenswelten bewirkte. Von mir aufgesuchte Personen gingen ihren alltäglichen Gesprächen, sozialen Praktiken, Interaktionen mit Familienmitgliedern, Verwandten, Nachbarn und Bekannten nach, die ich nicht mehr nur teilnehmend beobachtete, sondern ich begann, daran beobach- tend teilzunehmen. Auf diesen während der ersten Forschungsphase aufgebauten Bezie- hungen konnte ich in den darauf folgenden Phasen zurückgreifen. Meine Kontaktpersonen gewährten mir wieder Einlass in ihre Häuser und somit in ihren Alltag und integrierten mich in ihre Beziehungen. Eine Rückkehr nach einer längeren Pause erachteten sie sogar als einen Vertrauensbeweis. Insgesamt waren verheiratete Frauen zwischen 20 und 40 Jahren meine Hauptbezugspersonen, die mich in ihren Alltag einführten und Angehörigen, Verwandten und Nachbarn vorstellten. Shqipe und Zafira, benachbarte Freundinnen, spielten dabei eine be- sondere Rolle.

Während der insgesamt zehnmonatigen Forschung in Bathore hielt ich mich in vier Nachbar- schaften regelmäßig auf: Bewohner der Nachbarschaft 1 kommen mehrheitlich aus Dibër, der zweiten aus Dibër und Kukës, der dritten aus Kukës, Bewohner der vierten sind unter- schiedlicher Herkunft. Die Untersuchungseinheit waren einfache oder erweiterte Haushalte.

Karte 3: Bathore mit untersuchten Nachbarschaften 1 bis 4 (Haas in Anlehnung an Open Street Map 20.03.2011)

In der Nachbarschaft 1, in dem sich auch das Jungendzentrum ´Eja` befindet, hielt ich mich am häufigsten auf. Sie befindet sich nördlich der Hauptstraße von Bathore nahe der Haupt- kreuzung und besteht aus drei Straßen, von denen eine Lek Dukagjini heißt. Dort sind 23

40 Häuser mit Kern- oder erweiterten Haushalten, von denen nur zwei aus Kukës stammen. Ein erweiterter Haushalt dieser Nachbarschaft ist durch eine meiner Hauptinformantinnen (Zaf i- ra) mit der Nachbarschaft 2, in der Migranten aus Dibër und Kukës leben, verbunden. Zafira hat von dieser Nachbarschaft, die ihrer Eltern, in die Nachbarschaft 1, die ihres Ehemannes eingeheiratet.

Foto 5: Nachbarschaft 1 – Rruga Lek Dukagjini im unteren Bildabschnitt (Foto: Haas)

Wie die Nachbarschaft 1 liegt die Nachbarschaft 2 nördlich der Hauptstraße, aber östlicher in Richtung Zallherr. Dort sind mehrere erweiterte Haushalte ansässig, die drei Abstammungs- gruppen angehören. Diese sind über zwei Frauen, Zafiras Mutter und die Ehefrau von Zafi- ras Onkel (Mutterbruder), miteinander verbunden.

Südlich der Hauptstraße von Bathore etwa auf derselben Höhe wie die Nachbarschaft 1 liegt die Nachbarschaft 3, die mehrere Kern- wie erweiterte Haushalte aus Kukës umfasst. Dort teilen sich mehrere Brüder mit ihren Familien ein Grundstück und bilden geschlossene Un- ternachbarschaften. Ein Haushalt weist eine matrilokale Residenz auf, da ein Ehepaar mit ihren Kindern auf dem Grundstück der Eltern der Ehefrau lebt. In der Nähe davon leben die Brüder ihres Vaters mit ihren Familien.

Die gemischte Nachbarschaft 4, die aus drei so genannten Stallstraßen mit jeweils zwei Ab- schnitten besteht, ist die ärmste in Bathore. Dort erwarben Familien, die keine Mittel für den Bau eines Haus hatten, Ställe eines ehemaligen landwirtschaftlichen Kollektivs für wenig Geld (je nach Angaben 10.000 bis 30.000 Lek, also etwa 80 bis 230 Euro). In dem von mir aufgesuchten Abschnitt (siehe Foto 8) leben 13 Familien aus Pukë (Bezirk Shkodër), Kukës und Has (Bezirk Kukës), aus Dibër und eine Familie aus dem nahe gelegenen Dorf Valias bei Kamza. Die Bewohner dieser Nachbarschaft werden von anderen Bewohnern von Batho- re aufgrund ihrer Armut und Lebensverhältnisse stigmatisiert und ausgegrenzt.

41 Foto 6 und 7: Nachbarschaft 3 – patrilinear erweiterter Haushalt und matrilokale Residenz (Fotos: Haas)

Foto 8: Stallstraße der Nachbarschaft 4 (Foto: Haas)

Im Dokument An der Peripherie : Alltag und soziale Beziehungen im Kontext von Migration und Urbanisierung am Beispiel einer informell gegründeten Siedlung in Tirana, Albanien (Seite 47-52)