Eigene Erfahrungen mit Literatur/Annahmen zur Lesesozialisation der Schülerinnen und Schüler

Im Dokument OPUS 4 | Wozu Literatur lesen? Der Beitrag des Literaturunterrichts zur literarischen Sozialisation von Hauptschülerinnen und Hauptschülern (Seite 144-154)

Praktiken des Lesens von Literatur in der Hauptschule in komparativer

2. Prozessorientierte Darstellung der Analyseergebnisse

2.3 U1: „Ich male mir den Winter“ ein „Malgedicht“

2.3.3 Analyse der Metonymie – Handlungswissen der Lehrerin

2.3.3.3 Eigene Erfahrungen mit Literatur/Annahmen zur Lesesozialisation der Schülerinnen und Schüler

Die Lehrerin beschreibt ihre eigene Schulerfahrung als durchaus handlungsleitend für die eigene Praxis im Unterricht: „ich denk aber, die sachen, an die man sich noch erinnert, die waren () so schlecht können die nicht gewesen sein und dann äh äh probier ich des auch oder greif dann auch darauf zurück“ (Transkript des Interviews mit Frau Rot, Teil II Zeile: 102-105). Die gegenwärtigen Leseinteressen der Lehrerin beziehen sich auf historische Themen. Sie möchte sich die vergangene Zeit so konkret als möglich vorstellen. Daneben hat sie eine wohl durchaus habitualisierte Leseweise erworben, die mit der abendlichen Erschöpfung und dem Zu-Bett-Gehen verbunden ist. Hier ein längerer Auszug aus dem Interview:

┌--- │I1[ mhmh

│L1[ so momentan re() lese ich recht wenig () ich () komm 633 └--- ┌---

│L1[ einfach nicht dazu, was ich sehr gerne lese sind eigentl 634 └--- ┌---

│L1[ ich aber dann eher so, ja () geschichts () ja solche bio 635 └--- ┌---

│L1[ graphien, zum beispiel lieselotte von der pfalz hab ich 636 └--- ┌---

│I1[ was ist das?

│L1[ dieses jahr gelesen () dann () das sind brief 637 └--- ┌---

│L1[ e () äh () von der lieselotte () weil ich war in in den 638 └--- ┌---

│L1[ sommerferien in versaille und dann hab ich mir das alles 639 └---

┌---

│I1[ mh │L1[ angeguckt und äh geschichte, das interessiert mich eh, 640 └--- ┌---

│I1[ mh mhm mhm

│L1[ also das das war eh auch mein () steckenpferd so im stud 641 └--- ┌---

│L1[ ium, und dann hab ich () äh () war ich da ganz glücklich 642 └--- ┌---

│L1[ , da mal dort sein zu können und hab mir dann auch noch d 643 └--- ┌---

│L1[ as buch von der lieselotte von der pfalz gekauft, da wir 644 └--- ┌---

│L1[ d innendrin beschrieben, wie das am hofe da zuging und 645 └--- ┌---

│I1[ mhmh │L1[ () diese ganzen äh verstrickungen und wirrungen und () a 646 └--- ┌---

│L1[ lso das ist toll () dann hab ich gele () ah was ich gele 647 └--- ┌---

│I1[ mhmh

│L1[ sen hab, war () christiane und goethe das hab ich gel 648 └--- ┌---

│L1[ esen, das hat mich auch s () hab ich empfohlen bekommen, 649 └--- ┌---

│L1[ war aber auch sehr schön und was ich ja auch hauptsächl 650 └--- ┌---

│L1[ ich so lese sind () bücher () so () literatur drittes re 651 └--- ┌---

│I1┌ mhm │ └ wie „aha“

│L1[ ich, rauch über birkenau () ähm () die falle mit dem grü 652 └--- ┌---

│L1┌ nen Zaun, was gibt's 'n noch so, mhm (5S) fluchtstücke ( │ └ flüsternd, eher zu sich selbst

653 └--- ┌---

│L1[ 3s) und () also da hab ich ne ganze Reihe, aber ich kann 654 └---

┌---

│L1[ jetzt nicht alles aber das ist eigentlich so eher DIE s 655 └--- ┌---

│I1[ mhmh

│L1[ chiene () die mich interessiert und () das lese ich dann 656 └--- ┌---

│I1[ mhmh

│L1[ auch ganz gern, und auch grad so hitler kult der toten 657 └--- ┌---

│L1[ helden und solche bücher () was ich AUCH lese, sind () ä 658 └--- ┌---

Schulgong │L1┌ hm () äh jetzt ältere werke () ähm () die () zum beispie ertönt │ └

659 └--- ┌---

│L1[ l der werwolf, das buch STAMMT dann direkt aus () also i 660 └--- ┌---

│L1[ st noch ein Original () von von dieser zeit, einfach mal 661 └--- ┌---

│I1[ mhmh mhmh, auch aus dem dr │L1[ so, um zu sehen wie damals () was sie damals so 662 └--- ┌---

│I1[ itten reich, oder mhmh mh │L1[ gelesen haben ja, ja das ist ALLES () drittes reich 663 └--- ┌---

│I1[ mh

│L1[ (1s) also solche bücher () ja () dann noch das () ähm 664 └--- ┌---

│L1┌ (1s) wie heißt das () das heißt ist allerding schon län │ └ leise, eher zu sich selbst, nachdenklich

665 └--- ┌---

│I1[ │L1[ ger her, hat jetzt den nobelpreis bekommen

666 └--- Auslassung Zeile 667-669 (Suche nach dem Namen)

┌--- │I1[ mhmh

│L1┌ das hab ich, das ist ja auch so ein buch () das fand ic │ └ >leise< 670 └--- ┌---

│I1[ mhm

│L1[ h auch () toll das war auch gut. und dann, was ich ganz 671 └---

┌---

│L1[ gern lese, wenn ich jetzt () ähm jetzt so ab und zu also 672 └--- ┌---

│L1[ momentan lese ich äh () komm ich nicht so dazu, bin ich 673 └--- ┌---

│I1┌

│ └ lacht verständnisvoll

│L1┌ froh, wenn ich abends zu hause bin, wirklich, ähm sind │ └ lacht

674 └--- ┌---

│L1[ solche () kurzgeschichten, das bietet sich da an, hat mi 675 └--- ┌---

│L1[ r zum geburtstag ein freund ein buch geschenkt, wie heiß 676 └--- ┌---

│I1[ mhmh

│L1[ t das () schönhauser allee? schönhauser allee, das sind 677 └--- ┌---

│L1[ immer solche kurzgeschichten () also so ne beschreibung 678 └--- ┌---

│L1[ über () ähm () über leute, die eben in dieser straße woh 679 └--- ┌---

│L1[ nen und das ist ganz () nett und aufheiternd oder () was 680 └--- ┌---

│L1[ wie hieß das? ein winter und der hirsch wölfe () hirsche 681 └--- ┌---

│I1┌ das ist ein unterschied

│ └ lacht leicht

│L1┌ hirsch Das sind auch kurzge hirsche, hirsche, entsch │ └ immer leiser werdend leise lacht laut, bestimmt │I2┌

│ └ lacht laut

682 └--- ┌---

│L1[ uldigung. ja, das sind ähm () das sind auch solche kurzg 683 └--- ┌---

│L1[ eschichten, und das ist immer ganz schön, dann kann man 684 └--- ┌---

│L1[ dann abends, wenn man LUST hat, vor dem schlafengehen, g 685 └---

┌---

│I1[ mhmh () sie │L1┌ rad so zwei seiten und dann ist man bedient

│ └ lacht

686 └--- ┌---

│I1[ sagten eben, das bietet sich AN, also () wegen wegen des │L1[ ja, ja

687 └--- ┌---

│I1[ schlafengehens, aber nicht, weil das irg │L1┌ ja, genau, mhmh

│ └ >lacht<

688 └--- ┌---

│I1[ endwas mit ihrem unterricht noch zu tun hat, oder weil s │L1┌ ne, mhmh │ └ verneine 689 └--- ┌---

│I1[ ie das

│L1┌ (3S) und was ich auch () ähm () was ich auch ganz ger │ └ nd

690 └--- ┌---

│L1[ n gelesen HABE, also jetzt auch während des studiums und 691 └--- ┌---

│L1[ () das waren so so () farelli, dann solche abraham oder 692 └--- ┌---

│I1[ mhm

│L1[ david, also wirklich diese, da gibts ja auch solche ges 693 └--- ┌---

│I1[ mhmh │L1[ chichtsbände, da ist auch eher wieder geschichte ges 694 └--- ┌---

│I1[ mhm mhm

│L1[ chichtsbände () und das ist TOLL, also das ist interessa 695 └--- ┌---

│I1[ mhmh (7s) damit ist die frage schon so ein bisschen be │L1[ nt

696 └--- ┌---

│I1[ antwortet, WARUM sie () lesen () also weil │L1[ interesse, also aus inte 697 └--- ┌---

│L1[ resse, weil mich bestimmte, ja weil () ja () weil mich b 698 └---

┌--- │I1[ mhmh │L1[ estimmte ähm (3s) zeiten einfach interessieren also Dr 699 └--- ┌---

│L1[ ittes Reich () hab ich auch mal angefangen, mein kampf z 700 └--- ┌---

│L1[ u lesen, aber das () äh () hab ich dann nicht durchgehal 701 └--- ┌---

│I1[ mhmh mhmh

│L1┌ ten () aber so was auch solche ähm wirklich die origi │ └ seufzendes Lachen

702 └--- ┌---

│L1[ nale sich mal anzugucken, dann nicht immer die ausschnit 703 └--- ┌---

│I1[ mhmh (3s) also int │L1[ te, das find ich auch ganz interessant

704 └--- ┌---

│I1[ eresse an der zeit, auch so dieses gefühl, wenn sie sage 705 └--- ┌---

│I1[ n originale, und dieses gefühl, wie sie das vorhin glau │L1[ ja

706 └--- ┌---

│I1[ be ich irgendwann sagten

│L1[ auch schon wenn man, wenn man in 707 └--- ┌---

│I1[ mhmh

│L1[ versaille steht, dann WILL man () oder wenn man so dies 708 └--- ┌---

│L1[ e originalschauplätze hat, dann will man da einfach was 709 └--- ┌---

│I1[ mhmh

│L1[ drüber wissen und ich bin da einfach interessiert und ic 710 └--- ┌---

│I1[ mhmh │L1[ h les das dann ganz, die verschling ich dann schon, wenn 711 └--- ┌---

│I1[ mhmh, () aber das ist

│L1[ ich genügend zeit hab oder auch ähm das d 712 └--- ┌---

│L1[ as da gibts ja auch dieses ELISAbeth äh äh von österreic 713 └---

┌--- │I1[ mhmh

│L1┌ h () das fand ich auch ganz toll () das hab ich auch gel │ └ >lacht<

714 └--- ┌---

│L1[ esen also solche sachen, das geht alles so in die richtu 715 └--- ┌---

│I1[ mhmh │L1[ ng, ich kann ihnen die bücher jetzt nicht alle () die fa 716 └--- ┌---

│I1[ mhmh () aber schon so was auch │L1[ llen mir jetzt nicht ein

717 └--- ┌---

│I1[ zum SCHWELgen, es ist nicht nur () bloßes interesse .. . │L1[ nein, da 718 └--- ┌---

│I1[ .. mhmh

│L1[ s sind auch () ja, ja () also manche bücher sind au 719 └--- ┌---

│L1[ ch wirklich aus () äh () intERESSE, zum beispiel, da gibt 720 └--- ┌---

│L1[ s son ne, wie hieß denn das () über HITler, das ist wirk 721 └--- ┌---

│I1[ mhmh

│L1[ lich ganz () sachlich und mit vielen zahlen und () ab 722 └--- ┌---

│L1[ er das ist einfach auch interessant, das interessiert mi 723 └--- ┌---

│L1[ ch auch, aber weil ich dann eben auch ein bisschen was ü 724 └--- ┌---

│I1[ mhmh │L1[ ber den MENSCH erfahren will

725 └--- (Transkript des Interviews mit Frau Rot, Teil II)

Das Interesse an historischen Themen und die evasorische Lektüre gehen offensichtlich Hand in Hand. Indem die Lehrerin durch das Aufsuchen der historischen Orte und die Lektüre der Originaltexte eine umfassende Vorstellung von der Zeit erhält, mit der sie sich beschäftigt, kann sie die historischen Romane vor dem Hintergrund eines vertieften Weltwissens verstehen. Die Lehrerin hat Geschichte studiert, das Leseinteresse korrespondiert also mit ihrer Fachwahl. Vermutlich ist die Lehrerin eine habitualisierte

Leserin, das bedeutet, sie kann sich eine Auseinandersetzung mit Welt kaum als eine nicht auch über Bücher vermittelte Auseinandersetzung vorstellen. Die Lebenswelt ihrer Schülerinnen und Schüler und deren problematisches Verhältnis zum Lesen und zur Literatur muss ihr unverständlich sein. Sie schildert ihre Hilflosigkeit mit den Leseproblemen ihrer Schülerinnen und Schüler eindrücklich: „das war ein bild, also das waren zwei bilder und da waren nur en GANZ () das drei zeilen also das war ganz das war ein buch () ähm ich bin manchmal verwundert, welche schwie also () über schwierigkeiten, wo ich nie denken würde, das ist ne schwierigkeit, also da bin ich oftmals ähm () stehe ich dann da und denk äh gott, wie erklär ich des jetzt, weils für mich überhaupt äh kein thema ist eigentlich, ne“ (Transkript des Interviews mit Frau Rot, Teil II, Zeile 335-342). Als junge Kollegin, die Deutsch nicht studiert hat, muss sie die Probleme der Schülerinnen und Schüler so wahrnehmen. In der Folge beschreibt sie die Schwierigkeiten der Kinder mit dem Fach Deutsch als Konzentrationsprobleme und (Recht-)Schreibprobleme. Sie kann differenziert angeben, welche Schüler nicht abschreiben können, welche Kinder ein Lese- und Rechtschreibproblem haben und welche etwas besser lesen können. Insgesamt erscheinen ihr die Probleme aber als Probleme fehlender häuslicher und familialer Unterstützung. Die Ursache für die schulischen Schwierigkeiten der Schülerinnen und Schüler liegt ihrer Meinung nach in der mangelnden häuslichen Unterstützung, deshalb besteht sie auch mehrmals darauf, dass sie die Probleme nicht lösen könne, obgleich ihr auch bewusst ist, dass sie als fachfremd unterrichtende Lehrkraft kaum die Lern- und Erwerbsprozesse kennt. Vor dem Hintergrund der Erfahrungen der jungen Kollegin mit den komplexen Problemen ihrer Schülerinnen und Schüler halte ich die Praxis, Kolleginnen und Kollegen in der Hauptschule ohne weitere Fortbildung fachfremd unterrichten zu lassen, für wenig sinnvoll.1

Die Lehrerin erklärt sich die Probleme, mit denen sie konfrontiert ist, so gut es geht mit ihren Alltagstheorien, dass diese aber zur Lösung der Probleme nicht beitragen, kann sie selbst kaum einschätzen.

2.3.4 Zusammenfassung

Das Handlungswissen lässt sich zusammengefasst aus der Analyse des Unterrichtstranskripts und des Interviews wie folgt beschreiben:

ppk:

fachliches Wissen: Wissen über Lerngegenstand und Lehr-Lernprozess

Die Lehrerin setzt das Gedicht als einen Text ein, in dem es um subjektive Gefühle, Wahrnehmungen geht. Diese Gefühle und Wahrnehmungen sind verallgemeinerbar und nicht bloß individuell. Dies ist deshalb so, weil literarische Texte (Gedicht) auf (objektive) alltägliche Lebenswelt referiert. Gedichte zeichnen sich durch Endreime aus (Reimschema). Die Konstruktion des Gegenstandes ist so gesehen fachspezifisch fundiert (wenn auch reduziert).

Das Muster des Lesens von Literatur besteht aus den vier Komponenten: subjektive Erfahrungen formulieren – Fragen und Probleme klären – laut (vor)lesen – beschreiben und analysieren der vorgebenen Textteile. Dies korrespondiert mit der Phaseneinteilung im Unterricht. Diese impliziert eine fachwissenschaftliche und didaktische Theorie des Lesens, deren Geltung im Unterricht nicht in Frage gestellt wird (das wäre auch nicht üblich): Im Lesen von Literatur werden meine eigenen Erfahrungen poetisch aufgegriffen.

In der Phase der Texterarbeitung versucht die Lehrerin das analytische Lesen zu üben, Textmerkmale sollen erkannt und damit Textgattungen identifiziert werden. Darüber hinaus initiiert sie aber auch noch eine andere Leseweise, nämlich das Vorlesen im Sinne der Rezitation, Lesen als ein Vortrags- Lesen. Damit die analytische Leseweise erfolgreich sein kann, müssen die Schülerinnen und Schüler eingestimmt werden auf einen Text: dazu dient die eigene Erfahrung, die aber stark zugeschnitten wird auf eine Textaussage.

(lese)pädagogische, weltanschauliche, ethische Überzeugungen

Ganz deutlich ist, dass die Lehrerin die auftretenden Lernschwierigkeiten und Leseschwierigkeiten sofort lösen möchte.

Da den SchülerInnen die familiale Leseanregung fehlt, kann man in der Schule auch nicht darauf aufbauen. Es muss deshalb in der Schule kleinschrittig vorgegangen werden und jeder Schritt muss durch Wiederholung überprüft werden. Insgesamt liegt der Schwerpunkt der Arbeit in der Klasse noch stark auf der Einübung von Sozialformen und Arbeitsmethoden.

eigene frühe (schulische) Sozialisationserfahrungen

Frau Rot erinnert sich gerne an ihre Schulzeit und übernimmt Ideen und Anregungen für ihre eigene Unterrichtspraxis. Über ihre frühe Lesesozialisation erzählt sie nichts. Die sozialisatorische Ausgangslage ihrer Schülerinnen und Schüler entsetzt die Lehrerin. Angesichts der komplexen Lernschwierigkeiten, mit denen Frau Rot konfrontiert ist, greift sie zur Abwehr von Ansprüchen an die unterrichtliche Förderung der Schülerinnen und Schüler.

Die Unterforderung in Bezug auf den Gegenstand scheint eine pädagogische Antwort der Lehrerin auf die Schwierigkeiten der Schülerinnen und Schüler, die diese in verschiedenen Lernbereichen zeigen. Anstatt aber gerade diese Schülerinnen und Schüler mit gegenstandsorientierten Problemen herauszufordern, mutet die Lehrerin ihnen kognitiv kaum etwas zu. Das Fehlen der prinzipiellen Unterstellung, das Kind erwürbe durch die Lernsituation die Kompetenz, die es zur selbstständigen Bewältigung einer Situation im Leben braucht, führt zu einer solchen Unterforderung. Gerade aber an dem „überschüssig strukturierten Erfahrungsmaterial“ (vgl. Oevermann 1976), also an dem komplexen literarischen Erfahrungsmaterial könnte sich der literarische Bildungsprozess des Kindes fortentwickeln.

Vor dem Hintergrund der Lesekonstruktionen, die Graf (2007) beschrieben hat, können die der Lehrerinnen präziser begrifflich gefasst werden (vgl. auch Teil I, Kapitel 1.4.1.5):

Frau Rot hat offenkundig ein starkes, inhaltlich orientiertes Konzept, das mit dem Lesen in Verbindung gebracht wird. Darüber hinaus erlebt sie aber diese Lektüre auch als spannend und lustvoll. Wahrscheinlich sind es nicht die psychischen Spannungen, von denen sie sich befreit beim Lesen, sondern es sind eher die Erfahrungen von Kohärenz und Wissenszuwachs, die sie lustvoll erlebt. Im Unterricht sind andere Konstruktionen als die von Graf genannten zu beobachten. Frau Rot initiiert zwar ein Lesen zum Zwecke literarischer Partizipation, aber diese Partizipation ist hier nur auf eine feierliche Situation beschränkt. Das analytische Lesen ist vermutlich als Vorläuferfähigkeit zum „Lesen als ästhetische Erfahrung“ gedacht. Ob diese Fähigkeit hier in einem sinnvollen Bezug steht zu der sozialen Funktion, die das Gedicht-Lesen im Rahmen der Weihnachtsfeier hat, kann Frau Rot als fachfremd unterrichtende Lehrerin kaum reflektieren. Die Konstruktionen von Graf müssen im weiteren Verlauf der Arbeit an die unterrichtlichen Konstruktionsleistungen angepasst werden: Lesen von Literatur in der Interaktion zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern übernimmt spezielle Funktionen und führt deshalb auch zu anderen oder zumindest zu unterrichtlich modifizierten Leseweisen.

Ich komme jetzt zu der Analyse des Unterrichts, den eine Lehrerin gehalten hat, die im Nebenfach Deutsch studierte.

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