2.3 Einflussfaktoren auf den Professionalisierungsprozess

2.3.1 Die Rolle von individuellen Eingangsvoraussetzungen

Mit dem Start in das Lehramtsstudium bringen die angehenden Lehrkräfte einige individuelle Eingangsvoraussetzungen mit, von denen angenommen wird, dass sie sich auf die Wahl und Nutzung von Lerngelegenheiten auswirken können (Kunter, Kleickmann et al., 2011; Rutsch, Vogel, Seidenfuß et al., 2018; Voss et al., 2015). Hieraus wird wiederum geschlussfolgert, „dass die kognitiven und psychosozialen Voraussetzungen einer Lehrkraft beeinflussen, wie leicht ihr der Erwerb von fach- lichem Wissen fällt“ (Klusmann, 2011b, S. 297). Vermittelt über den Einfluss von Lerngelegenheiten, wird damit auch den individuellen Lernvoraussetzungen ein moderierender Effekt auf den Aufbau professioneller Kompetenzaspekte zugespro- chen (Kunter, Kleickmann et al., 2011). Neben soziodemografischen Variablen (u. a. Krauss, Lindl, Schilcher, Fricke et al., 2017; Riese et al., 2015; Tachtsoglou & König, 2018) und Indikatoren kognitiver Leistungs- bzw. Studierfähigkeit (u. a. Blömeke, Buchholtz & Bremerich-Vos, 2013; Kaub et al., 2012; Kleickmann & Anders, 2011; Kunina-Habenicht et al., 2013; Riese & Reinhold, 2012) werden noch weitere persönliche und motivationale Merkmale (z. B. Big Five-Dimensio- nen, fachliches und pädagogisches Interesse, Selbstwirksamkeit, Selbstkonzept)

unter den individuellen Lernvoraussetzungen subsummiert und als mögliche Ein- flussfaktoren im Professionalisierungsprozess diskutiert. Aufgrund der Fülle an aufgeführten Variablen wird zur genaueren Erläuterung der Effekte auf das Profes- sionswissen eine Auswahl an Merkmalen getroffen, die im Kontext der vorliegen- den Studie von Bedeutung sind. Exemplarisch wird anhand dem Geschlecht, dem Alter und der Abiturdurchschnittsnote deren Einfluss speziell auf das fachdidakti- sche Wissen skizziert. Dabei wird eine Abgrenzung zum Einfluss jener Merkmale auf das Fachwissen vorgenommen.

Geschlecht

Das Geschlecht betreffend wird vor allem in den mathematisch-naturwissenschaft- lichen Fächern diskutiert, ob dieses im Zusammenhang mit der Aneignung von Wissen steht (Blömeke, Lehmann et al., 2008; Blömeke, Suhl & Kaiser, 2011; Dollny, 2011; Kirschner, 2013; Riese, 2009). Befunde im Falle des fachbezogenen Wissens liefern relativ klare Tendenzen: In den Fächern Physik (Kirschner, 2013; Riese, 2009; Schödl & Göhring, 2017) und Chemie (Dollny, 2011) schneiden männliche Lehrkräfte tendenziell besser in Fachwissenstests ab. Hingegen stellen sich für das fachdidaktische Wissen nur bei Kirschner (2013) und Schödl und Göh- ring (2017) Vorteile für das männliche Geschlecht heraus. Allerdings fallen diese Zusammenhänge geringer als zum Fachwissen aus. Bei Dollny (2011) und Riese (2009) bleiben geschlechtsspezifische Effekte für die fachdidaktische Wissensdo- mäne aus. Die Befunde zum Fachwissensvorsprung werden von Riese (2010) für angehende männliche Physiklehrkräfte diskutiert. Er erklärt sich den Vorsprung dadurch, dass es bereits bei der Schwerpunktsetzung von Leistungskursen in der Oberstufe Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt: Gegenüber den männli- chen Studienteilnehmern besuchten die Studienteilnehmerinnen weitaus seltener ei- nen Physik-Oberstufenkurs, was schließlich schon für ein geringeres physikalisches (Vor)wissen sprechen würde. Weiterhin versucht sich Riese (2009) die geschlechts- spezifischen Unterschiede durch einen verschieden stark ausgeprägten Fachenthu- siasmus zu erklären. Die Begeisterung sich mit Fachinhalten auseinanderzusetzen ist dabei bei den weiblichen Physiklehrkräften geringer ausgebildet. Riese vermu- tet, dass sich dieser Umstand negativ auf den Erwerb von Fachwissen auswirken kann. Vergleichbare Annahmen für das fachdidaktische Wissen von Chemielehr-

kräften wurden bislang noch nicht postuliert. Allerdings gibt Dollny (2011) zu be- denken, dass auch die bei Lehrerinnen häufiger zu findende Teilzeitbeschäftigung eine Bedeutung für die Entwicklung und Erweiterung des Professionswissens ha- ben könnte.

Alter

Oftmals wird bei der Frage nach der Auswirkung der Lehrerfahrung auf den Wis- senserwerb, das Alter stellvertretend für die Berufserfahrung herangezogen (Kirschner, 2013; Pietzner, 2016; vgl. auch 2.3.3). Im Hinblick auf das fachbezo- gene Professionswissen lassen sich keine signifikanten Zusammenhänge zum an- gegebenen Lebensalter der befragten Lehrkräfte beobachten (u. a. Kirschner, 2013). Wird das Alter der Probandinnen und Probanden im Zusammenhang zum fachdidaktischen Wissen betrachtet, schneiden oftmals jüngere Lehrkräfte besser ab (u. a. Kirschner, 2013). Auch bezüglich einzelner Wissensfacetten, wie dem Wissen über Schülervorstellungen, zeigen sich ähnliche Ergebnisse (Chemie: Pie- tzner, 2016; Physik: T. Wilhelm, 2008). Als Grund, warum jüngere Lehrkräfte bes- ser als ältere, auf Schülervorstellungen reagieren können, führt Pietzner (2016) an, dass sie „zunehmend offenere Lehr- und Lernformen in den Unterricht integrieren“ (Pietzner, 2016, S. 118).

Abiturdurchschnittsnote

Des Weiteren wird davon ausgegangen, dass bestimmte kognitive Fähigkeiten den Professionalisierungsprozess beeinflussen und demnach entscheidend dafür sind, wie Lern- und Entwicklungsprozesse bei angehenden Lehrkräften verlaufen (Kun- ter, Kleickmann et al., 2011). In Studien zur Professionsforschung von Lehrkräften wird als Indikator für den Bereich der kognitiven Fähigkeiten bzw. allgemeinen Studierfähigkeiten zumeist auf die durchschnittliche Abiturnote zurückgegriffen (Blömeke, Buchholtz et al., 2013; Kleickmann & Anders, 2011; Klusmann, 2011b; Kunina-Habenicht et al., 2013; Riese et al., 2015). Wird der Zusammenhang der Abiturnote zum Fachwissen von (angehenden) Lehrkräften untersucht, zeigen sich relativ durchgängig mittlere (negative) Zusammenhänge (z. B. Blömeke, Kaiser & Lehmann, 2008; Großschedl, Neubrand et al., 2015; Kleickmann & Anders, 2011; Krauss, Lindl, Schilcher & Tepner, 2017; Kröger, 2019; Riese, 2009; Riese & Rein- hold, 2012; Schödl & Göhring, 2017). Auch für das fachdidaktische Wissen lässt

sich beobachten, dass bessere Abiturnoten mit einem stärker ausgeprägten fachdi- daktischen Wissen einhergehen (u. a. Blömeke, Buchholtz et al., 2013; Großschedl, Neubrand et al., 2015; Krauss, Lindl, Schilcher & Tepner, 2017; Riese & Reinhold, 2012; Schödl & Göhring, 2017). Riese et al. (2015) überprüfen die Beziehung von kognitiven Grundfähigkeiten sogar in Bezug auf vier einzelne fachdidaktische Wis- sensfacetten (Schülervorstellungen, fachdidaktische Konzepte, Experimente und Instruktionsstrategien). Hierbei stellen sich signifikante Zusammenhänge zwischen der Abiturnote und dem Wissen angehender Physiklehrkräften im Bereich der Schülervorstellungen und Experimente heraus. Vergleichbare Zusammenhänge für das fachdidaktische Wissen von Chemielehrkräften sind bislang noch nicht be- kannt.

Im Dokument Entwicklung und Validierung eines Testinstruments zur Erfassung des chemiedidaktischen Wissens von angehenden Lehrkräften zu Schülervorstellungen (Seite 30-33)